Lisa Anusch, die Meisterin der Lesben-Erotik, bringt neues Buch heraus

Elisabeth Keller im Gespräch mit der Autorin Lisa Anusch und deren Ehefrau Gisela

EK Hallo, Frau Anusch! Schön, dass Sie gekommen sind.

LA Hallo, Frau Keller! Ich habe mir erlaubt, meine liebste Giselle mitzubringen.

EK Geselle?

LA Ich nenne meine liebste in „Wahre Liebe – ein Leben lang“ Gisela. In Wirklichkeit heißt sie Giselle.

EK Hallo, Gisela!

GA Sie können ruhig Giselle zu mir sagen. Jetzt, da wir nicht mehr in unserer Praxis tätig sind, ist das nicht mehr so gefährlich.

EK Ach, dann heißen Sie im richtigen Leben gar nicht Lisa und Gisela Anusch?

GA Nein, die Namen hat Lisa geändert, um eventuellen Scherereien aus dem Weg zu gehen. Frau weiß ja nie, auf welche Gedanken einige Leute so kommen.

EK Und Lisa, wie ist Ihr richtiger Name?

LA Ich will mal so sagen: er ist mit meinem Autorinnennamen verwandt, aber ich denke, es ist besser, wir bleiben bei unseren bekannten Namen.

EK Okay. Lassen wir es dabei.

LA Genau. Sicherheit geht vor.

EK Sie beide sind doch eigentlich mutige Frauen. Wovor fürchten Sie sich denn jetzt so sehr?

LA Wir haben viele positive Rückmeldungen aufgrund meiner Bücher bekommen, leider aber auch ein paar sehr negative.

EK Was wirft man Ihnen vor?

LA Wir würden die Moral verderben.

EK Wie das?

LA Sehen Sie uns doch an. Wenn Frauen in unserem Alter in Röcken herumlaufen, werden sie teilweise angestarrt. Wenn sie, wie wir, in Miniröcken herumlaufen, passieren noch ganz andere Dinge.

EK Welche denn zum Beispiel?

GA Das reicht von „tststs, in Ihrem Alter“ über „Sie sollten sich was schämen“ bis „Solche, wie euch, hat man früher vergast“.

EK Und das liegt nur an den Miniröcken?

LA Ich denke, das liegt an den Miniröcken und an der Art, wie wir zusammen auftreten. Wir kleiden uns nur so, wie es vor einigen Jahrzehnten alle Frauen getan haben. Allerdings scheinen heute viele Frauen aus unseren Jahrgängen unter Gedächtnisverlust zu leiden. Kaum eine kann oder will sich an diese Zeit erinnern. „Nein, Miniröcke haben wir nie getragen.“ Selbst wenn ich Fotos von damals hervorkrame und ihnen zeige, dass sie ganz selbstverständlich Miniröcke anhatten, wird das abgestritten oder klein geredet. „Ach, das meinst du. Das war mal zur Party aus Jux oder so.“

GA Der nächste Aspekt ist, denke ich, unsere Beziehung. Wir sind glücklich miteinander und einige haben uns im Laufe der Jahre rückgemeldet, dass wir dieses Glück nach außen ausstrahlen würden. Für uns ist nichts Bemerkenswertes daran. Vielleicht, weil wir es nicht anders kennen. Obendrein leben wir eine Frauenbeziehung. Und das setzt dem Ganzen die Krone auf. Zwei Frauen, die sich trauen, öffentlich zusammen aufzutreten, ihr Lesbischsein nicht verbergen und obendrein noch glücklich sind und dann auch noch in Miniröcken herumlaufen. Das geht dann gar nicht mehr.

EK Aber was ist denn schlimm daran?

LA Eigentlich nichts, aber die Neider und Neiderinnen lauern halt überall. Viele Frauen sind lesbisch. Wie ich gelesen habe, sollen über fünfzig Prozent homoerotische Neigungen haben. Allerdings begegnet frau selten offen lebenden Lesben. Natürlich ist es nicht immer einfach, aber nur wegen der Anfeindungen würde ich doch meine angeborene Neigung nicht verleugnen. Selbst wenn ich meine braunen Haare blond färbe, ändert sich nichts an meiner Grundfarbe.
Und diese Frauen sind es, die uns hin und wieder das Leben schwer machen, die uns von oben herab begegnen, die hinter unserem Rücken tuscheln, die unser Auto, natürlich ganz aus Versehen, zuparken, denen ein Joghurtbecher gerade vor unserer Praxis kaputtgeht, deren Vanilleeis gerade in unseren Briefkasten tropft, die ganz aus Versehen einen Nagel gegen unseren Hinterreifen stellen.

EK Wissen oder wussten denn Ihre Ex-Patientinnen von Ihren Büchern?

LA Nein, diese Dinge sind passiert, weil wir so sind, wie wir sind. Wenn ich mir vorstelle, was uns geblüht hätte, wenn unsere Patientinnen, Praxisnachbarn etc. davon gewusst hätten, hätten wir wegziehen können. Wir sind mit vielen gut klar gekommen. Wir haben einen großen Bekanntenkreis, aber mit denen hätten wir niemals über unsere sexuellen Vorlieben und Abenteuer sprechen können. Das ist bis heute so und wir werden das nicht ändern.

EK Sind denn die Dinge, die Sie in ihrem Buch beschreiben, wirklich so passiert?

LA Nicht nur die Dinge in „Wahre Liebe – ein Leben lang“ sind passiert. Auch das, was ich meinen anderen Büchern „Ein Jahrhundert Weiblichkeit“ und „Miederfrauen“ beschrieben habe, ist so oder so ähnlich vorgekommen. Ich bin keine Autorin, die sich Arztromane ausdenkt. Ich trete für die Weiblichkeit ein, ihre lange überfällige Anerkennung und Gleichstellung. Ich trete dafür ein, dass sich Lesben nicht verstecken müssen, dass sie ihre Liebe, ihren Sex tabulos ausleben können.
Ich finde es nach wie vor schlimm, dass Lesben ihre Neigungen unterdrücken, nur um nicht aufzufallen, um im Strom mit zu schwimmen. Und noch schlimmer finde ich, dass sie sich selbst so sehr verleugnen und einen Mann heiraten, um versorgt zu sein. Natürlich muss jede Frau selbst entscheiden, was sie tut oder lässt. Aber eine solche Beziehung ist für keinen der beiden Partner gut, auch nicht für den Mann. Ich habe nicht nur einen Mann erlebt, der sich sämtliche Beine für seine Frau ausreißen konnte und es trotzdem niemals schaffte, sie glücklich zu machen. Bei so viel Verlogenheit würde ich, als Mann, auch reißausnehmen.

EK Sie filetieren in Ihrem aktuellen Buch jede erotische Szene bis ins kleinste Detail.

LA Ja, das macht mir Spaß. Ich will Frauen, und natürlich gerade lesbischen, auf meine Weise erklären, was möglich ist, wie frau es anstellen kann, sexuell erfüllt zu leben. Mir hat zweimal im Monat noch nie gereicht.

EK Na ja, zweimal im Monat? Ich bitte Sie. Sie schreiben, dass Sie täglich mit Ihrer Frau oder anderen Frauen Geschlechtsverkehr haben.

LA Das stimmt und ich stehe dazu. Wir haben gern täglich bis zu zwölf Stunden für unsere Patientinnen gearbeitet. Es hat uns Spaß gemacht, diesen Personen wieder auf die Füße zu helfen. Wir haben aber niemals täglich zwölf Stunden miteinander intim verkehrt. Das eine ist in Ordnung und wird akzeptiert. Das andere soll unmoralisch sein? Wer gibt vor, wie viel frau von jedem tun soll? Die Kirche? Der Staat? Die lieben Mitmenschen? Wenn wir die eine Seite, also den Dienst an den Menschen, mehr als erfüllen, dann steht uns trotzdem kein sexueller Spaß zu? So ein Humbug.
Ich denke nicht, dass unser Berufsleben unter unseren Neigungen, in welcher Hinsicht auch immer, gelitten hat. Ich denke nicht, dass wir das eine über das andere gestellt haben. Beide Seiten einer Medaille ergeben das Ganze. Ein Geldstück, dessen eine Seite kleiner ausfällt, als die andere, wäre ziemlich krumm, nicht wahr? Und ich fand es noch nie erstrebenswert, krumm herumzulaufen.

EK Sie beschreiben, dass Sie Frauen schon vor Jahrzehnten dazu aufgefordert haben, lesbisch zu leben. Gehört dazu nicht wirklich viel Mut?

GA Ja, das stimmt. Wir waren mutig, aber auch manchmal etwas blauäugig. Wir haben uns in der Schule kennen gelernt und uns nie wieder getrennt. Wir haben viel erlebt und sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen. Dieses Einheitsgefühl hat uns einerseits stark gemacht und viele Anfeindungen sind an uns abgeprallt. Und selbst wenn keiner mehr etwas mit uns zu tun haben wollte, hatten wir immer noch uns.
Wir haben vorausgesetzt, dass jede Frau so etwas erleben will und auch kann, und sind mit unserer Einstellung immer wieder ins offene Messer gelaufen. Es gibt halt viele Menschen, die lieber unglücklich mit dem Strom schwimmen, als mutig ihre Träume wahrzumachen. Die Konsequenzen hat Lisa ja oben schon beschrieben.

LA Im Laufe der Jahre ist es für Lesben einfacher geworden. Es gibt inzwischen ein Gleichstellungsgesetz, das eine Kündigung des Arbeitsverhältnisses aufgrund der sexuellen Orientierung verbietet. Das ist gut so. Aber das Ende, also die Vollakzeptanz, haben wir noch lange nicht erreicht. Ich hoffe, dass die jungen Lesben weitermachen und nicht das gegen die Wand fahren, wofür wir uns jahrzehntelang krummgelegt haben. Wenn es eines Tages soweit kommt, dass wirklich alle gleich behandelt werden, hat sich für mich das ausgelacht werden gelohnt.

GA Wer Lisas Bücher als schnöde Lesbenpornos abtut, hat nicht verstanden, was wirklich drinsteht. Ich, jedenfalls, stehe voll dahinter. Und selbst mir, die ich das alles life und in Farbe selbst erlebt habe, wird noch manchmal heiß und kalt gleichzeitig, wenn ich nachlese, was wir so alles veranstaltet und ausgefressen haben. Wir waren frech und albern, haben aber niemals irgendwem geschadet. Schwerverbrechen sehen anders aus.

EK Das war ein gutes Schlusswort. Vielen Dank Ihnen beiden für die weite Anreise.

LA Kein Problem, als Rentnerin hat frau Zeit und in Köln waren wir lange nicht mehr.
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