Die gebrochene Verbindung

Um 17:02 Uhr fährt in Gießen auf Gleis 2 (links) die HLB aus Frankfurt ein, während auf Gleis 3 (rechts) die HLB nach Kassel wartet (14.12.2015).
 
Ein dreiteiliger HLB-FLIRT fährt nach Kassel. Zwei Reisende steigen vom Zug nach Marburg in den Zug nach Kassel um (14.12.2015).
 
Nach Marburg fährt ein fünfteiliger FLIRT. Dahinter hängt der längere Zugteil nach Siegen (14.12.2015).
 
Der kurze FLIRT aus Kassel bei der Rückfahrt nach Frankfurt in Stadtallendorf (14.12.2015).
 
Zugteil nach Marburg (HLB24468) in Frankfurt (18.12.2015)
Gießen: Bahnhof |

Seit dem Fahrplanwechsel am 13.12.2015 fährt die HLB alle zwei Stunden über die ganze Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt und Kassel. Dadurch ergeben sich schnelle Verbindungen zwischen Frankfurt, Marburg, Kirchhain, Stadtallendorf, Neustadt und Treysa nahezu im Stundentakt. Beim genauen Blick in den Fahrplan fällt jedoch auf: Da fehlt doch was!

Wer sich die Verbindungen von Frankfurt nach Kirchhain ausgeben lässt, findet dort tagsüber jeweils zur Minute 22 einen RegionalExpress oder HLB-Zug, welcher nach etwa 70 Minuten am Ziel ist. Beim genauen Hinsehen stellt man jedoch fest: Die für 16:22 Uhr aufgelistete HLB nach Kassel fährt nur am Wochenende. Das ist natürlich doof, da für viele Pendler gerade das eine gute Zeit für die Heimfahrt ist.

Die Bahnstrecke ist jedoch nicht so leer, wie die Reiseauskunft suggeriert: Um 16:22 fährt in Frankfurt ein HLB-Zug aus zwei fünfteiligen FLIRT-Triebwagen ab, der um 17:02 Uhr in Gießen ist. Der vordere Zugteil fährt um 17:09 Uhr weiter nach Marburg, wobei er an jeder Station hält. Am gleichen Bahnsteig steht jedoch ein dreiteiliger HLB-FLIRT nach Kassel, welcher schon um 17:06 Uhr abfährt und wie die anderen HLB-Züge keine Zwischenstopps bis Marburg einlegt. Wer also von Frankfurt nach Marburg Hautpbahnhof möchte, sollte nicht im Zug nach Marburg bleiben, sondern umsteigen. Reisende aus Kirchhain oder Stadtallendorf haben nicht die Wahl - mit dem Zugteil nach Marburg kommen sie nicht zum Ziel.

In der Fahrplanauskunft der DB wird die HLB-Umsteigeverbindung angezeigt. Prinzipiell kann aber schon bei fünf Minuten Verspätung der Anschluss nach Kassel geplatzt sein. Für Reisende, die über Marburg hinaus wollen, ist das bitter: Mit der nächsten Fahrtmöglichkeit verliert man 47 Minuten oder noch mehr Zeit. Den Rekord hält Schlierbach (eine Station hinter Treysa): Dort kommt man frühestens 113 Minuten später an.

Der RMV lässt Nutzer seiner Fahrplanauskunft lieber gleich auf den nächsten Zug warten. Wenn man etwa gegen 14:30 Uhr von Stuttgart nach Stadtallendorf fahren möchte, so bekommt man folgende Verbindung angezeigt: 14:51 Abfahrt mit ICE 596 nach Frankfurt mit Ankunft 16:08. Weiterfahrt um 16:31 mit dem langsamen Mittelhessen-Express RE 15022 und Ankunft 18:24 Uhr. Wer nicht weiß, dass man mit der vorher abfahrenden HLB wahrscheinlich schon 47 Minuten früher ans Ziel kommt, steigt stattdessen in einen Bummelzug, der ab Friedberg überall hält.

Der RMV wollte sich bei einer Anfrage bezüglich dieser Fahrplananomalie nicht äußern und antwortete lediglich:
"Im nachmittäglichen Berufsverkehr besteht eine Nachfrage auch in der Direktverbindung zu den Unterwegshalten zwischen Gießen und Marburg. Zum sicheren Erreichen des Anschlusszuges um 17:06 Uhr in Gießen besteht ab Frankfurt Hbf auch die Fahrtmöglichkeit um 16:01 Uhr."
Ersteres ist eine Trivialität - sonst wäre diese Verbindung nicht mehrere Jahre angeboten worden. Dass man für ein wenig mehr Umsteigezeit 21 Minuten früher in Frankfurt in einen Bummelzug steigen kann, ist ein schwacher Trost: Nach Stadtallendorf ist man dann sogar noch vier Minuten länger unterwegs als mit dem um 15:52 abfahrenden Mittelhessen-Express.

Möglicherweise sind politische Gründe für die merkwürdige Fahrplangestaltung verantwortlich - als bei den meisten HLB-Zügen die Halte zwischen Gießen und Marburg gestrichen wurden, sorgte dies bei den Anliegergemeinden für wenig Begeisterung. Vielleicht wollte man den Anliegergemeinden entgegenkommen, indem man ihnen die am stärksten genutzte HLB-Verbindung umsteigefrei erhält und hat dabei die deutlich überwiegenden Nachteile ignoriert.

Bericht mit mehr Details


Seit dem Fahrplanwechsel am 13.12.2015 fährt die HLB alle zwei Stunden über die ganze Main-Weser-Bahn zwischen Frankfurt und Kassel. Dadurch ergeben sich schnelle Verbindungen zwischen Frankfurt, Marburg, Kirchhain, Stadtallendorf, Neustadt und Treysa nahezu im Stundentakt. Allerdings stimmt das nicht immer: Zur Hauptverkehrzeit fehlt ein durchgehender Zug von Frankfurt nach Kassel.

Die HLB-Züge nach Kassel fahren in Frankfurt in geraden Stunden meist zur Minute 22 ab. Am Wochenende gilt das auch um 16:22 Uhr, wo der Zug HLB24470 nach dem für die meisten Züge der Linie RE98 üblichem Schema verkehrt: Er fährt zusammen mit einem Zugteil nach Siegen bis Gießen, wo er nach 40 Minuten (17:02 Uhr) auf Gleis 1 ankommt. Nach drei Minuten Aufenthalt (17:05 Uhr) fährt er weiter Richtung Kassel, wobei der Zugteil nach Siegen zurückgelassen wird. Vor Marburg erfolgt kein weiterer Halt.

Unter der Woche ist das anders: Nun verkehrt HLB24468 mit Fahrtziel Marburg. In Gießen fährt der Zug um 17:02 Uhr auf Gleis 2 ein. Die Weiterfahrt erfolgt erst um 17:09 Uhr mit Halt an allen Stationen bis zum Fahrtende in Marburg.
Im Normalfall steht in Gießen abser schon der hier beginnende Zug HLB24474 auf Gleis 3. Er fährt schon um 17:06 Uhr ab und erreicht Marburg 19 Minuten früher. Für Reisende zum Marburger Hauptbahnhof lohnt es sich daher, in den Zug nach Kassel zu steigen.


Fahrzeugeinsatz
Der in Frankfurt um 16:22 Uhr abfahrende HLB-Zug besteht aus zwei Zugteilen nach Siegen und dem Zugteil nach Marburg. Im Normalfall werden fünfteilige FLIRT-Triebwagen eingesetzt, so dass sich zwischen Frankfurt und Gießen ein ungewöhnlicher langer Zug ergibt.
Der in Gießen beginnende Zug nach Kassel besteht nur aus einem dreiteiligen FLIRT-Triebwagen. Normalerweise sind die dreiteiligen Triebwagen zwischen Gießen und Kassel nicht anzutreffen.


Anschluss in Gießen?
Die um eine Minute spätere Abfahrt des Zugs nach Kassel deutet darauf hin, dass die Nutzung als Umsteigeverbindung beabsichtigt ist. Bei einer Verbindungsabfrage Frankfurt - Marburg bekommt man von der Deutschen Bahn angezeigt, dass man in Gießen in den Zugteil nach Kassel umsteigen soll, wobei daneben auch die langsamere Verbindung ohne Umsteigen angezeigt wird. Die Umsteigemöglichkeit wurde aber erst wenige Tage nach Fahrplanwechsel im System vermerkt.
RMV und NVV hingegen geben keine Verbindungen mit Umstieg von HLB24468 auf HLB24474 aus. Wer HLB24474 erreichen möchte, soll in Frankfurt schon 21 Minuten früher mit RB 4174 (Ankunft 16:58 in Gießen) abfahren.

Bei den Durchsagen in der HLB wird der Zug nach Kassel teilweise als Anschlusszug genannt. Ein Hinweis darauf, dass man durch Umsteigen schneller nach Marburg kommt, ist wahrscheinlich eher selten. Immerhin gab es am ersten August eine entsprechende Durchsage.


Anschluss in der Praxis
Die Übergangszeit von vier Minuten ist sehr knapp. Verspätungen können sich leicht auf dem dicht belegten Streckenabschnitt Frankfurt - Friedberg ergeben. Es kann aber auch passieren, dass die HLB im Bereich Lang Göns oder Großen Linden durch einen vorausfahrenden Güterzug blockiert wird. Die vor der HLB fahrende RegionalBahn RB 4174 könnte ebenfalls zum Hindernis werden, sollte aber durch sehr großzügig bemessene Fahrtzeiten relativ pünktlich sein, sofern sie nicht kurz vor Gießen durch einen Güterzug behindert wird.

Wenn die HLB von Frankfurt mehr als vier Minuten Verspätung hat, ist der Anschluss Glücksache. In manchen Fällen wartet der Anschlusszug noch etwas, in anderen ist er weg.
Zur Häufigkeit von verpassten Anschlüssen meinte am 8. August ein Fahrgast, welcher die Verbindung häufig nutzt, dass es es etwa alle drei- oder viermal nicht klappe.

Leider lässt sich ohne häufige Nutzung des Zuges keine genaue Aussage darüber treffen, wie oft der Anschluss verpasst wird. Die Bahnhofstafeln im Internet lassen keine Aussage zu, da die angezeigten Daten zu ungenau sind (z.B. fährt laut der Abfahrtstafel der Zug nach Kassel immer pünktlich ab).

Einige Beispiele aus der Praxis:

14.01.2016: HLB24968 musste vor Gießen warten und war erst um 17:09 Uhr in Gießen. Gleis 3 war so leer wie die Anzeigetafel.
18.01.2016: HLB24968 ist pünktlich, aber auf Gleis 3 wird nichts angezeigt. Ein kleines Baufahrzeug fährt gerade durch. Am Bahnsteig kommt eine Durchsage, dass der Zug nach Kassel auf Gleis 1 steht. Er fährt zwei Minuten später ab als vorgesehen.
18.02.2016: HLB24968 ist in Friedberg schon vier Minuten zu spät und macht in Großen-Linden eine Vollbremsung. Um 17:07 Uhr ist Ankunft in Gießen. Der Zug nach Kassel ist noch da und fährt um 17:09 Uhr ab.

In Einzelfällen ist die Bahn nach Kassel auf Gleis 1 abgefahren, was die zum Umsteigen nötige Zeit erhöht, da die Fahrgäste erst duch die Unterführung oder über die Brücke müssen.


Anschluss bei Bauarbeiten
Vom 29.3. bis 8.4. 2016 verlängerte sich wegen Bauarbeiten die Fahrtzeit zahlreicher Züge zwischen Frankfurt und Friedberg. Bei der HLB war keine spätere Abfahrt nach Kassel eingeplant, aber der Zug aus Frankfurt sollte erst um 17:12 ankommen. Damit war kein Umsteigen möglich. Um die HLB nach Kassel zu erreichen, hätte man in Frankfurt bereits um 15:30 in den Zug nach Marburg steigen müssen (RB 4174 war erst um 17:07 in Gießen, RE 15020 ist bereits um 15:19 abgefahren).


Nutzung der Verbindung
Bei der ersten Fahrt am 14.12.2015 stiegen nur etwa drei Fahrgäste vom Zug aus Frankfurt in den Zug nach Kassel um, und die Bahn nach Kassel wurde insgesamt nur spärlich genutzt. Inzwischen wechseln zahlreiche Fahrgäste in den Zug nach Kassel, der bei der Abfahrt meist überfüllt ist (d.h. es stehen viele Fahrgäste im Gang).

Welcher von den beiden kurz nacheinander abfahrenden HLB-Zügen stärker genutzt wird, lässt sich nicht auf einen Blick erkennen, da der Zugteil nach Marburg ein fünfteiliger FLIRT ist, der nach Kassel nur ein dreiteiliger. Am 1. August 2016 war auch für den Zugteil nach Marburg ein kurzer Triebwagen auf der Strecke, was einen leichten Vergleich ermöglichte: Der Zug nach Marburg war zu weniger als 100% besetzt, d.h. es waren noch einzelne Sitzplätze frei. Der Zug nach Kassel hingegen war überfüllt.


Ungünstige Konstruktion
Für einen guten Anschluss nach Marburg und Kassel würde man normalerweise nicht einen solchen Fahrplan wählen, sondern ein Angebot wie zu anderen Uhrzeiten machen: Der Zug aus Frankfurt fährt weiter nach Kassel, und Reisende zu den Halten vor Marburg steigen um - wie es zwei Stunden vorher der Fall ist. Das ergibt drei Minuten mehr Reserve für die Umsteiger plus einer kleinen Mindestwartezeit - denn wenn die RegionalBahn kurz vor dem schnelleren RegionalExpress abfahren würde, müsste sie gleich an der nächsten Station zur Überholung an die Seite fahren.

Mit einem Blick auf die nächste Fahrtmöglichkeit lassen sich die Folgen eines verpassten Anschlusses bestimmen:
- Die Stationen zwischen Gießen und Marburg würde man etwa 30 Minuten später erreichen.
- Marburg wird etwa zwanzig Minuten später erreicht.
- Cölbe bis Treysa erreicht man etwa 45 Minuten später, wobei nach Treysa auch noch der InterCity (Ankunft nur 20 Minuten später) im Angebot ist.
- Die wenig genutzten Halte Schlierbach, Zimmersrode und Singlis werden nicht stündlich angefahren. Sie werden 89 bis 113 Minuten später erreicht, wenn der Reisende übers Ziel hinaus bis Wabern und von dort zurück fährt.

Durch den ungewöhnlichen Fahrplan wird also nicht nur die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Teil der Fahrgäste keinen Anschluss erreicht, sondern es hat auch größere Auswirkungen für die Betroffenen. Darüber hinaus ist auch der Fahrzeugeinsatz ungünstig, weil zwischen Gießen und Marburg ein kleinerer Triebwagen für den stärker genutzten Zug verwendet wird.

Historie
13.12.2010: Beginn des HLB-Verkehrs auf den Linien Frankfurt - Gießen - Siegen / Marburg. Die HLB hält zwischen Gießen und Marburg, wobei teilweise einzelne Stationen ausgelassen werden.
13.12.2014: Bei den meisten HLB-Verbindungen werden die Halte zwischen Gießen und Marburg gestrichen. Die HLB verkehr nun auch am Wochenende.
13.12.2015: Die HLB verkehrt bis nach Kassel statt Marburg. Das RegionalBahn-Angebot zwischen Gießen und Marburg wird verbessert: Sonntags stündlicher Verkehr, Mo-Fr nachmittags sogar halbstündlich.

Den HLB-Zug nach Marburg mit Abfahrt 16:22 Uhr in Frankfurt gibt es in nahezu unveränderter Form seit Dezember 2010.


Politische Gründe
Sachliche Gründe, warum ein durchgehender Zug nach Marburg wichtiger ist als einer nach Kassel, sind nicht erkennbar. Möglicherweise gibt es politische Gründe für diese Zugverbindung - als Ende 2014 bei den meisten HLB-Verbindungen die Zwischenhalte zwischen Gießen und Marburg gestrichen wurden, führte das zu nicht immer sachlichen Protesten von Vertretern der Anliegergemeinden. Vielleicht wollte man den Wunsch nach einer durchgehenden HLB-Verbindung für diese Orte nicht einem sinnvolleren Fahrplankonzept opfern.

Warum man sich beim RMV für diese ungünstige Lösung entschieden hat, lässt sich leider nicht erfahren. Eine Anfrage zu dieser Verbindung über das Service-Portal des RMV brachte nur die wenig aussagekräftige Antwort:
"Im nachmittäglichen Berufsverkehr besteht eine Nachfrage auch in der Direktverbindung zu den Unterwegshalten zwischen Gießen und Marburg. Zum sicheren Erreichen des Anschlusszuges um 17:06 Uhr in Gießen besteht ab Frankfurt Hbf auch die Fahrtmöglichkeit um 16:01 Uhr."

Wenn wenigstens sichergestellt würde, dass der Anschlusszug eine angemessene Zeit warten würde, könnte man damit leben. Im modernen Bahnbetrieb ist aber Warten auf Anschlussreisende nicht beliebt. Wer von Frankfurt nach Kirchhain oder Stadtallendorf möchte, wird wenig Freude daran haben, dass es endlich auch gegen 16 Uhr eine schnelle Verbindung gibt, wenn die Nutzung regelmäßig mit über 45 Minuten Verspätung endet.


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