Karate - Das Ende eines Couchpotatos

Oliver und Harald bei der Vorbereitung zur Grüngurt-Prüfung

Nein, dick war ich eigentlich noch nie. Und doch wollte mir mein Spiegelbild immer weniger gefallen. Alles irgendwie kraftlos - und das mit gerade einmal 42 Jahren. Ein typischer Couchpotato, wie es neudeutsch heißt!!

Wehmütig dachte ich an die längst vergangenen Tage, in der mich regelmäßiges Judo-Training fit hielt und mein Körper drahtig und spannungsgeladen war.
Ein Rückenleiden hatte mich einst vom Sport abgehalten, danach folgten Stress im Beruf, der Hausbau mit viel Eigenarbeit und nicht zuletzt zwei Kinder, die meine Frau und mich bis heute auf Trab halten. Alles bestens geeignete Ausreden, warum für Sport und Bewegung keine Zeit sei.

Dass meine Tochter Nadine auf meinen Rat Anfang 2010 im TSV Gersthofen mit dem Karatetraining begann, lag wohl in meiner nicht versiegten Begeisterung für fernöstliche Kampfsportarten begründet.
So manches Mal musste ich neidvoll zusehen, wie mein Mädel sich in der Jugendgruppe des Vereins integrierte, wie ihre Techniken zusehends kraftvoll und dynamisch wurden. Ganz zu schweigen von der Beweglichkeit und Selbstsicherheit, die ihr das Training einbrachte.
Natürlich blieben Sticheleien ihrerseits nicht aus, wusste sie doch von der in mir schlummernden Leidenschaft für diese Sportart. „Na, kämpfst du schon in der Rollator-Liga?“, fragte sie zunehmend öfter mit mitleidiger Mine. Sie hatte ja recht, doch das war zu viel!! „Was du kannst, bringe ich noch lange zuwege“, war meine kämpferische Antwort.

So blieb mir nichts anderes übrig, als den Kontakt zu den Trainern der Gersthofer Karate-Sparte zu suchen und wegen eines Einsteigerkurses anzufragen. Wie es der Zufall wollte, bot der Verein im September 2010 wirklich einen Kurs für interessierte Erwachsene an. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Bewaffnet mit meinem alten Judo-Anzug stand ich also zu Kursbeginn in der Turnhalle und verspürte den starken Drang, mich sogar vor jedem Gelbgurt, der mir begegnete, zu verneigen. Ehrfurchtsvoll betrachtete ich die ankommenden Karateka aller Graduierungen, von denen einige deutlich älter waren, als ich. So weit – so gut. Als die Erwachsenengruppe dann das Training begann, staunte ich nicht schlecht. Power wohin man sah, gepaart mit einer Beweglichkeit, die mir über die Jahre fast gänzlich abhanden gekommen war. Mir rutschte das Herz in die Hose. Perfekte Bedingungen, mich so richtig zu blamieren.

Wie froh war ich dann, als ein Gleichgesinnter die Halle betrat. Oliver Welter, ein Mittdreißiger mit einigen Karate-Vorkenntnissen aus einem bereits früher absolvierten Grundkurs. Das war´s dann auch schon. Eine erschreckend kleine Gruppe.
Die beiden extra für den Anfängerkurs freigestellten Trainer Peter Pöllmann und Peter Wörlein begannen sofort, an unseren Bewegungen zu feilen und uns unermüdlich mit perfektem Vorbild die Grundkenntnisse des Karate beizubringen. Über Wochen hin mühten wir uns redlich unter den Argusaugen der beiden Meister. Diese intensive Grundlagenschulung sollte nicht umsonst sein. Kurz vor Weihnachten eröffneten uns die Beiden, dass auf Grund unserer guten Leistungen eine gleichzeitige Prüfung zum Weiß- und Gelbgurt möglich wäre. Dies erlaubt das Regelwerk des Deutschen Karatebundes in Ausnahmefällen. Die Aussicht auf einen derartigen „Karrieresprung“ ließ uns noch motivierter trainieren.

Zeitgleich zu unserem Anfängerkurs wurden wir mit einer außergewöhnlichen Herzlichkeit in den Verein aufgenommen. Weihnachtsfeier, Sommerfest, Lehrgangsbesuche und nicht zuletzt das gemeinsame Beieinandersein nach dem Freitagstraining geben allen Neuen schnell das Gefühl der Zugehörigkeit.

Seit dieser Zeit sind jetzt eineinhalb Jahre vergangen und ich möchte das Karatetraining unter keinen Umständen mehr missen. Nur ganz selten verpasse ich einen Übungsabend. Oliver und ich sind seit Anbeginn ein tolles Gespann und bereiten uns gerade zusammen auf die Prüfung zum grünen Gürtel vor. Wenn auch unsere Techniken noch nicht so perfekt, der Spagat noch nicht so tief und das Kime (Energie während eines Tritts oder Schlags) noch nicht so stark ist, habe ich mich noch selten so fit gefühlt wie heute.

Die Sticheleien meiner Tochter haben übrigens bis heute nicht ganz aufgehört. Gewichen ist allerdings der mitleidige Unterton, der einer ehrlichen Achtung vor meiner erbrachten Leistung Platz machen musste. Wir fachsimpeln gerne und oft über den Karatesport und haben mittlerweile sogar meinen Sohn Andreas zum Eintritt in unseren Verein motivieren können. Insofern bewege ich mich wieder mit meinen Kindern auf Augenhöhe – und das soll auch so bleiben!

Mal sehen, ob der neue Anfängerkurs am 20. April um 19.00 Uhr in der kleinen Turnhalle der Pestalozzischule Gerstofen noch weitere Couchpotatoes von ihren Sitzmöbeln reißt. Einfach kommen und mitmachen! Ich jedenfalls, kann die „Kunst der leeren Hand“ nur wärmstens empfehlen.

Grüße, Harald

Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin gersthofer | Erschienen am 07.04.2012
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Tanja Fackelmann aus Augsburg am 15.02.2012 um 15:01 Uhr  
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