Eine Italienerin in Gersthofen

Gilda Guttoriello mit Sohn Giuseppe
 
Guttoriello näht gerne
Ist es Ihnen, liebe(r) Leser(in), nicht auch schon so ergangen; Sie treffen einen Menschen, vorher noch nie gesehen, und spüren, dass ihnen diese Person sehr sympathisch ist. Sie merken: die Chemie stimmt. So ähnlich erging es dem myheimat-Mann, als er Gilda Guttoriello in ihrem Wohnzimmer gegenüber saß.

Der Pressemann, immer auf der Suche nach interessanten Gersthofern, wurde auf Guttoriello aufmerksam gemacht. Das Besondere an ihr: Sie war eine der ersten Gastarbeiterrinnen gewesen, die nach Gersthofen gekommen sind. Gemeinsam mit ihrem Mann Pasquale folgte sie 1963 dem Ruf der deutschen Regierung als Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen. Es war kein leichter Entschluss von Neapel nach Deutschland zu ziehen. Während ihr Mann zunächst zwei Jahre in München wohnte um sich dort vom Bauarbeiter zum Straßenpflasterer auszubilden, kam seine Ehefrau mit zwei großen Koffern im Gepäck nach Gersthofen. Sie zog in ein Haus in der Ostendstraße; nicht weit entfernt von der Schuhfabrik Schrammel bei der sie zur Bedienerin einer Klebemaschine ausgebildet wurde.

„Wie war das, als sie Gersthofen zum ersten mal sah“, wollte der myheimat-Mann wissen. „Mir hat die damalige Gemeinde auf Anhieb gut gefallen“, versichert sie. Und es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, denn durch ihr freundliches und offenes Wesen fand sie schnell Zugang zu Kollegen und Nachbarn. In der Schuhfabrik arbeitete sie am Fließband. Sie bediente die Maschinen für das Kleben der Sohlen und Zusammenfügen der Schuhe. 900 Schuhe schaffte sie an einem Tag. Und gab es Probleme mit der deutschen Sprache? Nein, keine wirklich großen dank ihrer eigenen Methode. Sie schaute ihren Gesprächspartnern auf den Mund. Mundbewegung und die Gestik ihres Gegenübers ließen sie die Bedeutung des gesprochenen Wortes erkennen. Sie prägte sich, dies zusammen mit der jeweiligen Situation, ein und war bald imstande, das richtige Wort zur richtigen Zeit einzusetzen. Ob sie sich auch Schimpfwörter auf diese Art und Weise angeeignet hat? Der Pressemann verneint gleich selbst diese Frage. Diese Frau kommt ohne Schimpfwörter aus. Dass sie mit ihrer Umgebung ein gutes Auskommen hatte, zeigt folgendes Schlüsselerlebnis. Sie verlor 1967 ihren Schlüsselbund. Einschließlich mit dem Wohnungsschlüssel. Ein Horrorszenario. Die Schlüssel wurden am gleichen Tag gefunden und bei der Polizei abgegeben. Auf etlichen Umwegen wurde die Eigentümerin ermittelt, ihr guter Name kam ihr dabei zu Hilfe, und am gleichen Tag konnte sie ihre Schlüssel wieder in Empfang nehmen.

In dem Interview wird viel gelacht. Es ist eigentlich gar kein Interview; es ähnelt mehr einem Gespräch zwischen guten Bekannten. Sohn Giuseppe ruft seine Mutter zwischen rein zur „Ordnung“ wenn sie mit ihrem Redefluss in deutscher Sprache, gewürzt mit italienischen Sprachelementen, den myheimat-Mann überschüttet. Er benutzt dabei seine italienische Muttersprache. Gilda ist deshalb nicht beleidigt. Sie verlangsamt etwas ihre Erzählkunst, um wieder nach kurzer Zeit loszulegen.

Die italienische Gastarbeiterin ist nicht in der Schuhfabrik Schrammel „kleben“ geblieben. Sie wechselte zu einer italienischen Modefirma in Augsburg und arbeitete dort 8 Jahre als Näherin. Nähen gehört neben Kochen immer noch zu ihren Hobbys. Stolz zeigt sie ein selbst genähte Jacke mit farbigen Motiven. Sie interessiert sich mit ihren 85 Jahren für das Tagesgeschehen. Allerdings tut es ihr fast physisch weh, wenn sie im Fernsehen Berichte über Krieg, Hunger und Elend sieht. Sie würde gerne in einer mehr harmonischen Welt leben. In ihrem eigenen Leben ging's auch nicht immer harmonisch zu. Herzoperationen und Schlaganfälle – den letzten im Januar 2016 – machten ihr schwer zu schaffen. Man sieht ihr diese durchgemachten Lebensprüfungen nicht an. Vielleicht hat dazu ihre positive Lebenseinstellung mit beigetragen. Auf jeden Fall hat sie in ihren beiden Söhnen Giuseppe und Luigi eine große Stütze; sie kümmern sich um ihre Mutter, die noch alleine ihren Haushalt in einer Wohnung des betreuten Wohnens nahe dem Seniorenzentrum der Arbeiterwohlfahrt führt. „Wir telefonieren jeden Tag mindestens zwei mal mit unserer Mutter“, erklärt Giuseppe. Sie könne übrigens sich gut Telefonnummern und Geburtstage merken fügt er hinzu.

Zurück zu den Anfängen. Wie kam sie mit den deutschen Behörden zurecht. Beide antworten fest gleichzeitig: „Gut“. Das erfordert ein Nachfragen. „Wenn wir mit der Verwaltung zu tun hatten sind wir in Gersthofen mit dem gleichen Respekt behandelt worden, wie die deutschen Bürger“, versichert der Sohn. Außerdem seien Behördengänge in Gersthofen dank guter Information und klarer Verwaltungswege kein Problem. Mamma mia, wer hätte das gedacht?

Im Wohnzimmer fällt der Blick auf das Bild eines großen, gut aussehenden jungen Mannes, dessen „italienisches Blut“ nicht zu übersehen ist. „Es ist mein Mann Pasquale“, antwortete Gilda. Er hat als Pflasterer in einigen Städten bei Plätzen und Straßen seine „Handschrift“ hinterlassen erzählt sie. So z. B. im Botanischen Garten in Augsburg dessen Wege er mit gepflastert hat. Gilda geht sehr gerne dort hin, denn sie liebt die Natur. Das rührt noch von früher her, wo sie im eigenen Garten Gemüse und Obst anbauen konnte; dazu kamen noch 20 Hühner die für Frischeier sorgten. Die Arbeit mit Garten und Hühner liebte sie sehr; sie gaben ihr Entspannung zu der anstrengenden Arbeit in der Schuhfabrik. Sie ist rüstig genug, den Botanischen Garten zu besuchen und zu genießen.

Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Der myheimat-Mann rüstet sich zum Aufbruch. Zum Schluss die Gretchenfrage: Wo sieht sie ihre Heimat? Spontan die Antwort: „In Gersthofen. Ich liebe Gersthofen.“ Sie fährt zwar jährlich einmal nach Italien um Verwandte zu besuchen; freut sich aber immer wieder wenn sie nach Gersthofen zurückkehrt. Der Pressemann möchte es genau wissen. Und wenn Deutschland gegen Italien spielt? Da sind dann zwei Seelen in ihrer Brust, aber nur beim Fußball... Es werden noch einige Bilder gemacht, dann verabschiedet er sich von Mutter und Sohn. Er freut sich, dass er diese Frau kennen lernen durfte. Eine zierliche Person (ca. 1,50 Meter groß), aber mit einer großen positiven Ausstrahlung, die sie in der neuen Heimat schnell Fuß fassen ließ. Natürlich gehört eine aufnahmebereite Gesellschaft (Nachbarn, Kollegen, Verwaltung usw.) dazu. Dazu braucht es aber keine eigene „Willkommenskultur“. Es ist einfach ein gegenseitiges Geben und Nehmen...
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.gersthofer | Erschienen am 06.08.2016
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2 Kommentare
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Gabriele B. aus Gersthofen | 09.06.2016 | 10:04  
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Gerhard Fritsch aus Gersthofen | 16.06.2016 | 17:14  
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