Großes Theater im kleinen Format

Dr. Kaut betrachtet Spielfiguren aus dem Papiertheater
 
Größenvergleich zur Kaffeetasse
Erklärt ein Künstler, für ihn sei der Auftritt auf der Bühne das Spiel auf „Brettern, die die Welt bedeuten", so bekennt er seine Leidenschaft zum Theater. Die mehr oder weniger aufwendig gestaltete Bühne ist für ihn das wichtigste Theaterrequisit für das Spiel vor Publikum. Großes Theater muss aber nicht unbedingt "große" Bühne bedeuten. Mit einer kleinen Bühne kommt z. B. das "Historische Papiertheater" aus, das wir in diesem „gersthofer“ vorstellen wollen. Die Bühnengröße eines Papiertheaters entspricht etwa einem mittelgroßen TV-Gerät. Darsteller sind Papierfiguren, die bis zu 15 cm groß sind und mittels Stäben oder Lenkdrähten vor dem Hintergrund einer farbenfrohen Kulisse bewegt werden. Kleine Bühne, kleine Figuren, alles aus Papier gefertigt: kann das überhaupt als Theater bezeichnet werden?

Und ob. Kleine Exkursion in die Geschichte des Papiertheaters. Die im 19. Jahrhundert entstandene Idee, aus Pappe oder Sperrholz Bühne und Figuren auszuschneiden um zeitgenössische Stücke wie z. B. "Die Zauberflöte", "Der Freischütz" oder Dramen von Goethe nachspielen zu können, wurde von der bürgerlichen Gesellschaft mit Begeisterung für sich in Anspruch genommen. War es doch nun möglich, Gedankengut aus den Freiheitsbestrebungen zu übernehmen, einem breiten Publikum zugänglich zu machen und dabei gleichzeitig Unterhaltung mit Bildungsangebot zu bieten. Mit dem Aufkommen von Radio und Fernsehen begann die Talfahrt dieser Theaterform. Sie hielt sich noch in England und Dänemark und kam von dort aus vor etwa 40 Jahren wieder zurück. Heute gibt es einen wachsenden Kreis von Liebhabern, welche Papiertheater mit großer Leidenschaft betreiben.

Es war u. a. Barbara Kaut, welche das historische Papiertheater wieder zu Ehren brachte und mit anderen Kunstfreunden das „Theatrum Augustinum“ aus der Taufe hob. Anlass waren im Nachlass ihres Großvaters gefundene Figuren samt Kulissen aus dem 19. Jahrhundert. Nach anfänglichem Zögern fand auch Ehemann Dr. Rasso Kaut Gefallen an den Theaterutensilien. „Eine vom Schreiner gefertigte Bühne gefiel mir so gut, dass mich das Papiertheater zu interessieren begann“, erklärte der Arzt. Er war lange Jahre Gynäkologe in Gersthofen der auch regelmäßig -zusammen mit seiner Frau- humanitäre Einsätze in Papua-Neuguinea leistete. Inzwischen hat der 71-jährige Ruheständler mit dem Theatrum Augustinum seit etwa vier Jahren Aufführungen wie „Der Freischütz“ oder „Die Zauberflöte“ in Augsburg, München und Markt Indersdorf (seinem Heimatort) mit großem Erfolg durchgeführt. Bemerkenswert: Zu den Mitgliedern des Theaters gehören drei Ärzte und zwei Apotheker, darunter seine Frau. „Wir erhalten bei den Vorstellungen viel Beifall von den begeisterten Besuchern“ erzählt Kaut. Und weiter: „Vielleicht könnte manchmal der Theaterbesuch, verbunden mit Lachen und Frohsinn, eine wirkungsvollere Therapie als Tablettenschlucken sein“, überlegt der Mediziner laut....

Und welche Bedeutung hat das Figurenspiel für den Akteur Kaut selbst? "Zunächst ist es die Teamarbeit in der Spielergruppe. Für eine Aufführung sind bis zu acht Mitwirkende erforderlich. Sie müssen ein "gutes Händchen" beim Bewegungsablauf ihrer Figuren haben und dabei auf Synchronisation zu Sprechen, und Singen achten. Die Figuren sind spiegelgleich, d. h. sie können von links und rechts betrachtet werden. Der Originaltext darf modifiziert werden. Die „dichterische Freiheit“ darf aber nicht die Authentizität des Originals beeinträchtigen“, erklärt Kaut.

Wie im richtigen Theaterbetrieb gibt es außer Protagonisten, Dramaturg, Intendant, Sprecher, Bühnenbildner und Licht-und Tontechniker. Alle arbeiten zusammen, um aus einem Original wie z. B. "Der Freischütz" eine spielgerechte Form für Papiertheater zu erstellen. Für ein Stück, das etwa 60 bis 75 Minuten dauert, wird mit 1 Jahr harter Arbeit gerechnet. Diskussionen über Darstellung, Textmodifikationen, Musikeinsatz und vieles mehr sind üblich. Wenn alles unter Dach und Fach ist kommt bei allen Beteiligten ein gutes Gefühl der Befriedigung auf, die Herausforderungen des neuen Stücks gemeistert zu haben. „Und das gerade schätzen wir“, erklärt Kaut.

Muss der Spieler eine besondere Ausbildung haben? Nein, aber ein gutes Sprechvermögen, Disziplin, Phantasie und Improvisationstalent. Das Lernen von Texten erfordert eine gewisse Merkfähigkeit. Technikverständnis für Ton, Beleuchtung und Vorhang wäre ebenfalls wünschenswert. Und vor allen Dingen: Viel Begeisterung. Begeisterung, die am Ende einer Theatervorstellung durch Beifall honoriert wird.

Gibt es auch ein Leben ohne Papiertheater? Das Ehepaar Kaut lacht: "Bei 10 Enkelkindern gibt es genügend Theaterbetrieb ohne Papiertheater. Über was würde sich Kaut besonders freuen? Er muss nicht lange überlegen. "Wenn sich in Gersthofen das Papiertheater etablieren könnte. Vom Ballonmuseum der Stadt Gersthofen gab es schon eine Anregung hierfür.“ Ein geeigneter Raum wäre vorhanden". Wobei die maximale Anzahl der Besucher auf 50 bis 60 Personen begrenzt ist. Bei großem Besucherinteresse würden Wiederholungen angeboten werden. Mit einem Papiertheater würde die Kleinkunstszene in Gersthofen bereichert werden. Und Gersthofen hätte an Anziehungskraft im kulturellen Wettstreit mit anderen Kommunen gewonnen. Nicht weit von hier wird bereits Papiertheater angeboten. "Der Kalif von Bagdad" erwartet am 9. Mai und 10. Mai im Schloß Hammel in Neusäß seine "Untertanen". Audienz ab 19:00 Uhr. Am 11. Mai wird um 11:00 Uhr eine Sonderaudienz gewährt. Eintrittskarten sind bei der Buchhandlung am Obstmarkt 11 in Augsburg erhältlich. Viel Spaß....
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin gersthofer | Erschienen am 03.05.2014
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