Ein Weg aus den Favelas

Die drei brasilianischen Musiker Rodrigo Rodrigues, Renato Reis Miranda und Gabriel Dellatorre (vorne von links) im Kreis ihrer Gastgeber von den Gersthofer Blasharmonikern, darunter der 1. Vorsitzende Andreas Landau (links) und Dirigent Ulrich Fischer (rechts)

Drei Musiker aus Brasilien besuchen die Gersthofer Blasharmoniker und holen sich Inspiration für die Arbeit mit Kindern aus Rios Armenvierteln

Das Leid, die Angst, den Schmutz in den Favelas von Niteroi, einer Nachbarstadt von Rio de Janeiro, kennt Renato Reis Miranda. Er wuchs am Rande einer solchen Armensiedlung auf. Heute studiert er Klarinette an einer Universität in Rio, unterrichtet Musik und ist derzeit zu Besuch bei den Gersthofer Blasharmonikern. Er hat das, was damals für ihn und seine Eltern undenkbar war, geschafft und über die Musik einen Weg aus der Favela gefunden. Neun Jahre war er alt, als Musiklehrer des damals von der Stadt Niteroi neu ins Leben gerufenen Projekts Aprendiz seine öffentliche Grundschule besuchten und ihm eine Blockflöte in die Hand drückten. „Musik ist in Brasilien etwas für Reiche. Und die gehen nicht auf öffentliche Schulen. Musikunterricht gibt es an solchen Schulen auch erst seit zwei Jahren“, erzählt Renato. Nun arbeitet er selbst im Projekt Aprendiz, gemeinsam mit Gabriel Dellatorre, der auch zu Besuch beim Gersthofer Orchester ist. Die deutschen und brasilianischen Musiker lernten sich während der Benefiz-Konzertreise der Blasharmoniker im vergangenen Jahr kennen. Damals musizierten die beiden Orchester in Niteroi gemeinsam, nun unterstützen die Brasilianer die Deutschen bei der Vorbereitung zu deren Serenade im Nogent-Park in Gersthofen.

Musik eröffnet Kindern Perspektiven

Gabriel Dellatorre ist in Brasilien der Dirigent des Aprendiz-Jugendorchesters und will mit seiner Arbeit mittellosen Kindern eine Chance bieten, Perspektiven im Leben eröffnen und sie runter von der Straße holen. „Kinder lernen, in Gruppen kreativ zusammenzuarbeiten. Wir leisten damit einen Beitrag zur Integration und wollen verhindern, dass sie in die Jugendkriminalität abrutschen“, sagt er. Über 3000 Kinder werden im gesamten Projekt kostenlos betreut – von gerade einmal 50 Lehrern. Die Instrumente spendet die Stadt.
Auch Rodrigo Rodrigues ist nach Deutschland gekommen, er ist Student, spielt im Aprendiz-Jugendorchester und will sich wie die beiden anderen musikalisch weiterentwickeln. Alle Drei wollen das Projekt aber auch mit ihren Erfahrungen aus Deutschland bereichern und neue Ideen einbringen. Deswegen begleiteten sie das Jugendorchester Gersthofen auf dessen musisch-kulturelle Werkwoche nach Hohenberg. „Wir haben gelernt, dass neben der musikalischen Ausbildung auch der soziale Aspekt wichtig ist. Dass die Kinder befreundet sind und auch außerhalb der Musikproben viel Zeit miteinander verbringen, fördert die Kreativität“, sagt Gabriel Dellatorre. Das möchte er nun auch in Brasilien umsetzen. Außerdem wollen sie den Kindern in Brasilien von ihrer Reise und den vielen Erfahrungen berichten, Vorurteile abbauen, Interesse für fremde Kulturen wecken und den Horizont der Kinder erweitern. Das sei zuweilen auch nötig, sagt Renato und lacht: „Einige haben uns gefragt, ob wir mit dem Bus nach Deutschland fahren.“
„Wir wollen mit Deutschland in Kontakt bleiben“, sagt Gabriel. Er könne sich vorstellen, die Zusammenarbeit der Orchester zu intensivieren.
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Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin gersthofer | Erschienen am 07.06.2014
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