Vor 67 Jahren - Kriegsende
Vor 67 Jahren ereignete sich mitten in Gersthofen ein tragischer Verkehrsunfall, von dem fast niemand etwas mitbekommen hat. Durch die Kriegswirren ist dieser Unfall vielleicht auch nie aktenkundig geworden.
Meine Mutter (Anna Rosenwirth, geborene Kraus, geb. 1.8.1925, wohnhaft damals Augsburger Str. 3) erzählte mir schon vor einiger Zeit, dass sie ein oder zwei Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner in Gersthofen, Augenzeuge eines tragischen Unfalls wurde:
Hier Foto einfügen: Anna Rosenwirth, geborene Kraus
Der russische Kriegsgefangene Petro (Nachname nicht bekannt), der dem Bauernhof Josef und Kreszenz Kraus (Augsburger Str. 3) zur Arbeit „zugestellt“ war, überquerte vom Anwesen Hintermayr (Augsburger Str. 4) kommend die Straße und wurde dabei von einem amerikanischen Militärlastwagen erfasst und zu Boden geworfen. Die Besatzung des Militärfahrzeugs stieg kurz aus, hievte den Verletzten auf die Ladefläche und fuhr weiter (Petro ging sehr oft zum gegenüberliegenden Anwesen Hintermayr, weil diesem Anwesen eine „Magd/Zwangsarbeiterin“ aus der Ukraine „zugestellt“ war, mit der er befreundet war).
Einige Zeit nach dem Unfall erfuhr man von einem anderen russischen Kriegsgefangenen, der dem Bauernhof Dichtl „zugestellt“ war, dass der 24- jährige Petro im Krankenhaus Ulm oder auf dem Transport dorthin gestorben ist.
Hier Foto einfügen: Anwesen Kraus, Augsburger Str. 3, um 1962
Nachdem mir meine Mutter dieses Erlebnis erzählte, ist mir eingefallen, dass ich ja noch das Steno- Tagebuch von meiner Tante Mathilde aus jenen Tagen hatte und ich ließ das Tagebuch sofort von einem Übersetzungsbüro in Reinschrift übertragen, in der Hoffnung, jetzt weitere Einzelheiten zu dem Unfall zu erfahren.
Hier Fotoeinfügen: Steno- Tagebuch von Mathilde Jung
"Auszug aus dem Steno- Tagebuch von Mathilde Jung, geborene Kraus, geboren 10.11.1920, gestorben 10.10.2003
1946
19.1.46
Über ein Jahr liegt seit der letzten Eintragung. Der Krieg ist vorüber. Am 27. 4. 45 abends gegen 8 Uhr zogen in unserem Ort als Sieger in dieses fürchterlichen Krieges die Amerikaner ein. Wenige Stunden vorher, gegen 3 Uhr Nachmittag, ging ein ½ stündliches Trommelfeuer auf unsere Gemeinde nieder. Über 30 Gehöfte sind abgebrannt. Wir haben großes Glück. Strassers Stadel hinter unserem Haus und Hintermayr Stadl und Ställe sind abgebrannt. Dass wir heil geblieben sind, haben wir nur dem günstigen Wind zu verdank-en. Einmal vorher hatten wir schon einen Angriff miterlebt. Am 27. 2. 46 (Schreibfehler: muss 45 heißen!) um 2 Uhr nachmittags sind ungefähr 7 Maschinen von den nach Augsburg fliegenden Verbände abgeschwenkt und haben über Gersthofen ihre Bombenlast abgeworfen. Auch da hatten wir großes Glück. Kirners Kaufhaus an der Straßennähe wurde vollständig weggerissen. Dichtels Stadl hinter Menzingers Haus wurde ebenfalls zerstört. Wir in der Mitte kamen ausser kaputten Fensterscheiben und einem abgedeckten Dach heil davon. Einen Augenblick habe ich schon Angst gehabt, als es den Kracher tat, ob nun wohl noch etwas nachkommt. Aber es war das eine Gute, dass es nur eine Stelle war, die zu ziemlich gleicher Zeit ihre Bomben auslöste. Als ich hernach aus dem Keller kam, (nur Mama, Frau (?Afler) und ich waren zu Hause), glaubte zuerst es brennt und machte meinen Rundgang durch Haus und Stall. 5 Tote hatten wir an diesem Nachmittag zu beklagen. Am 27. April ging es ohne Todesopfer ab.
1947
21.Febr.47"
Der Tagebucheintrag brachte keine neuen Erkenntnisse zu dem Verkehrsunfall, doch die vielen Kriegsgefangenen und die Bombardierung von Gersthofen machten mich sehr nachdenklich:
Da werden die deutschen Männer in den Krieg geschickt, um Land zu erobern und hinterlassen Tod und Zerstörung. Dort in der Ferne machen sie Gefangene, die dann in ihrer Heimat eingesetzt werden, um ihre Arbeit zu verrichten. Um diesen ganzen Wahnsinn ein Ende zu bereiten, müssen Soldaten von einem anderen Erdteil kommen. Auch diese Soldaten erreichen ihr Ziel(Eroberung/Befreiung) nur durch Tod und Zerstörung.
Wer täglich die Nachrichten verfolgt, stellt schnell fest, irgendwo auf dieser Erde findet gerade wieder dieser Wahnsinn statt. 67 Jahre dürfen wir jetzt schon ohne diesen Wahnsinn leben; doch man ist versucht die Frage zu stellen: wann sind wir wieder dran? Ich denke, dass sich mit einem objektiven Geschichtsbewusstsein, dazu gehört besonders auch das „Nichtvergessen“, zumindest der Abstand zwischen Wahnsinn 1 und Wahnsinn 2 vergrößern lässt.




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