Unterwegs: mit der Linie 4

Haltestelle Augsburg Nord
Der öffentliche Nahverkehr ist eine wichtige Komponente für eine gut florierende Volkswirtschaft. Verschiedene Verkehrsmittel werden für einen leistungsfähigen Nahverkehr dazu eingesetzt. Die Straßenbahnen sind eines davon. Wenn eigene Trasse vorhanden, sind sie dem Autoverkehr überlegen und dazu noch umweltfreundlicher. Mit der Straßenbahn zu fahren spart Nerven im täglichen Berufsverkehr. Und, das sollte nicht unterschätzen werden, Straßenbahnen bieten eine gute Möglichkeit seine Mitmenschen zu beobachten und -da eine volle Bahn ein wichtiger Nachrichtenumschlagplatz ist- Neuigkeiten zu „er“fahren.

Der myheimat-Mann ist selbst ein leidenschaftlicher Straßenbahnfahrer und möchte für die „Strab“ eine Lanze brechen. Er lädt die Leser(innen) des „Gersthofer“ zu einer Fahrt mit der Linie 4 ein. Startpunkt ist die Haltestelle „Augsburg Nord“; Endpunkt ist der Hauptbahnhof Augsburg der nach ca. 5,3 km Fahrstrecke in etwa 19 Minuten erreicht wird (oder werden soll).

Es ist etwa 7:30 Uhr und die Morgensonne wärmt die Fahrgäste (vorwiegend Pendler) , welche auf die 4er warten. Noch einige Minuten und die Straßenbahn (Typ Cityflex) fährt in die lang gezogene Haltestellenkurve ein. Der erste Eindruck ist mehr akustischer Natur: Ein lautes Quietschen macht auch den letzten dösigen Wartenden munter. Das Quietschen entsteht durch die Reibung zwischen Spurkranz in der Schiene und dem Bahnrad, das über die Schiene gedrückt wird. Wer bis jetzt noch nicht wach war: jetzt ist er voll da. Nach Auskunft der Stadtwerke wird an dem Problem gearbeitet.

Das Quietschgeräusch hat auch einen guten Zweck. Der 4er-Benutzer wird so auf „Zack“ gebracht. Denn eine gewisse Fitness ist beim Entern der Bahn schon erforderlich. Zuerst sollten eigentlich die ankommenden Fahrgäste aus dem Wagen steigen; werden aber oft durch die Einsteigenden behindert. Ein fröhlich stimmender Wortwechsel leitet so den Beginn der Fahrt Richtung Augsburg ein. Nach dem Erlangen eines Einzelsitzplatzes -der normale Gersthofer „fremdelt“ ein wenig- steht einer unterhaltsamen Fahrt ins Stadtinnere nichts mehr im Wege. Die Tram fährt flott auf eigener Trasse an dem Stau auf der Donauwörther Straße vorbei.

Die Haltestelle „Augusta“ ist erreicht. Zu dem gut bürgerlich angezogenem Fahrgastkollektiv kommen einige Farbtupfer hinzu. Zwei junge Frauen, dunkler Hautfarbe, bunt gewandet mit einer Art Sari, darüber ein wallendes Tuch. Ihre Heimat könnte in Somalia oder Äthiopien liegen. Sie unterhalten sich in ihrer Landessprache. Lebhaft und zu laut, was ihnen missbilligende Blicke von älteren Fahrgästen und telefonierenden Handyleuten einbringt. Die viel zitierte deutsche Leitkultur scheint gefährdet zu sein. Der Pressemann kommt ins Sinnieren. Wie schaut deutsche Leitkultur in der Linie 4 aus? Lesen Bild-Zeitung, Gebrauch von Smartphone, Belegen Nebenplatz, um eine ganze Sitzbank für sich alleine zu haben? Die Statistik meldet, dass die meisten Migranten in Oberhausen-Nord wohnen. Was ist ein Migrationshintergrund? Einwohner mit ausländischen Wurzeln? Angenommen Verkehrsminister Dobrindt wird als bayerische Leihgabe für 10 Jahre nach Berlin zur Fertigstellung des Flughafens abgeordnet. Ist er dann für die Berliner ein Migrant? Ein Migrant mit bayerischen Hintergrund? Oder gar ein Migrant aus bayerischen Untergrund? Halt! Der myheimat-Mann ruft sich selbst zur Ordnung. Ist nicht sein Bier.

An der Haltestelle "Bärenwirt" warten schon viele Fahrgäste auf die Bahn. Schüler, Rentner, Hausfrauen, Jugendliche, Kinder, Berufstätige, Migranten und Deutsche. Alle drängen rein, nachdem sie ein „Ladung“ Fahrgäste ausgespuckt hat. Ein Querschnitt der Bevölkerung von Oberhausen.

Es ist Samstag Abend und die „Rockfabrik“ ruft . Teens, Kids und sonstige Jugendliche vereinnahmen die Haltestelle und bringen sich in Stimmung; teils mit Getränken oder mittels Musik. Ganze Kopfhörergeschwader marschieren in Richtung Rockfabrik. Früher dachte der Pressemann, hier wäre vielleicht ein Werksverkauf von Textilien. Weit gefehlt. Die „Rockfabrik“, 1986 aus einer alten Fabrikhalle entstanden, ist eine weit über Augsburg hinaus bekannte Discothek mit wöchentlich wechselndem Programm. Sie ist aus Oberhausen nicht mehr wegzudenken.. Ein bisschen wird wohl die 4er durch die Beförderung des Partyvolks zur „Location“ auch beigetragen haben. Eben eine Strab für alle Fälle...

Der Verkehr wird immer dichter. Die Wertachbrücke scheint Verkehrsteilnehmer mit jeglichem Migrantenhintergrund, dazwischen einige Deutsche, zumeist im Rentenalter, anzuziehen. Man stelle sich nun folgende Situation vor: Die 2er und die 4er treffen zur gleichen Zeit auf der Wertachbrücke ein. Etliche Fahrgäste aus beiden Trams haben stets das Bedürfnis die Bahn zu wechseln. Das heißt einige wollen aus der 2er in die 4er und umgekehrt. Nun hasten die Wechselfahrgäste den langen Straßenbahnwagen entlang (beim Typ Cityflex ca. 40 Meter) um auf's andere Gleis zu kommen und sehen dann, fast schon den Zustieg erreicht, wie sich der Wagen langsam aber sicher entfernt. Nun schallen Schimpfwörter in verschiedenen Sprachen hinter her. Man sollte hier das Beste daraus machen: „Einmal um den Cityflex herum, hält Herz und Kreislauf voll in Schwung“. Vielleicht wurde so der „Citylauf“ entdeckt... Positiv zu vermerken ist, dass alle Zurückgebliebenen sich in ihrem Ärger einig sind. Auch so kann Integration aussehen. Andere Variante: die „Türsteher“ -das sind die Fahrgäste die felsartig neben der Türe stehen- sehen den verhinderten Fahrgast und öffnen diesem reaktionsschnell die Türe mittels Drücken des Öffnungsknopfes. Manchmal klappt es; mit letzter Kraft schwingt er sich rein oder wird reingezogen. Eine kleine Geste nach dem Motto: in der 4er sind all gleich – wir halten zusammen.

Was sich noch alles auf der 4er tut, ist in der nächsten Ausgabe des „gersthofer“ zu lesen.
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.gersthofer | Erschienen am 04.06.2016
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