Fortsetzung der Fahrt mit der Linie 4

Straßenbahn Linie 4 fährt bei Augsburg-Nord ein
Die 4er hat wieder Fahrt aufgenommen und ist inzwischen an der Haltestelle „Zollernstraße“ angelangt. Es ist Mittagszeit, die Schulen haben aus und die Schüler besetzen die Haltestelle. Sehenswert die Szenen beim Zustieg in die Tram. Wer das einmal erlebt hat, kann sich den Sturm auf die Bastille gut vorstellen. Folgende Situation: die Bahn ist proppenvoll - alle 85 Sitzplätze (im Cityflex) sind vergeben, sogar einige Schüler müssen stehen. Dummerweise stehen sie im Eingangsbereich bei den Türen. Der Fahrer bitte sie per Durchsage, den Bereich frei zu machen. Keine Reaktion. Der Fahrer bittet nochmals, diesmal mit etwas schon schriller Stimme. Keine Reaktion. „Jetzt wird’s interessant“ dachte der myHeimat-Mann der zufällig in der Bahn saß. Die nächste „Bitte“ kam unmissverständlich: „Jetzt seid endlich so gut und schiebt's eure Ärsche aus der Tür.“ Sekundenlang Stille. Das war sogar für die abgebrühten 4er-Fahrgäste starker Tobak. Rauh aber herzlich; es hat geholfen. Straßenbahnfahrer sind eben auch nur Menschen.

Laut geht’s auch bei einer anderen „Location“ zu. Sobald sich die Jahreszeiten Frühling oder Herbst ankündigen, beginnen die Aufbauarbeiten für das Augsburger Volksfest; den „Plärrer“. Bierzelte, Autoskooter, Schießbuden und sonstige Vergnügungseinrichtungen schießen förmlich aus dem Boden und warten auf Besucher. Ein Riesenrad dominiert den Platz. Der Plärrer lockt alt und jung, Migranten und Nichtmigranten zu einem Bummel ein. Sie kommen mit der 4er, deren Trasse an dem Plärrergelände vorbei führt. Die Plärrerleute sind von den übrigen Fahrgästen durch die „Tracht“ leicht zu unterscheiden. Es “trachtelt“ gewaltig in den Wagen der Linie 4; der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hauptsache man kann zeigen was man hat, obwohl weniger oft mehr wäre. Wadelstrümpfe, Haferlschuhe und nagelneue Krachlederne mit Hirschmotiv am Steg und grell kariertes Hemd; zum Abschluss noch ein pfiffiges Halstuch. Das zeichnet den männlichen Trachtenträger aus. Die Trachtlerin zeigt offen was sie hat oder was ihr fehlt... Findige Köpfe aus der Mode- und Gastronomiebranche haben sich die „Trachtnacht“ einfallen lassen. Zu Spitzenzeiten fallen in der 4er die Fahrgäste auf, die nicht „trächtig“ sind - bitte nicht mit dem Zustand verwechseln. Die Trachtnacht erlaubt so manches wie z. B. gegenseitige Sturzprophylaxe, d. h. Man(n) hält sich fest an Partnerin, auch wenn die Bahn nicht fährt; keine Streifenkarte passt mehr dazwischen. Bei dieser Gelegenheit ein Tipp an die Stadtwerke: Fahrscheinprüfer sollten sich zu Plärrer's Zeiten mit einer Tracht tarnen. Das Prüfgerät ließe sich unauffällig an den Hosenträgern befestigen... Mit oder ohne Fahrscheinprüfer: Die Stimmung der vielen feschen „Buam“ und „Madl“ in der 4er ist ausgelassen. Der neutrale Beobachter – meist Rentner – genießt dagegen stillschweigend Anblicke, Einblicke oder Durchblicke. So können kleine Alltagsfreuden in der 4er aussehen. Ein Lob dem Erfinder der „Trachtnacht“.

Die 4er nähert sich dem Zentrum. Königsplatz. Der neu gestaltete „Kö“, dazu noch einige Wagen vom Typ Cityflex; ein fast großstädtisches Image ist gegeben. Greater Munich läßt grüssen. Die Bahn entlässt ihre Fahrgäste in die Innenstadt. Der Hauptbahnhof, Endhaltestelle der 4er, ist nicht mehr weit. Neue Mitfahrer steigen ein. Den meisten sieht man an, dass sie von der Arbeit kommen. Sie schnallen sich Kopfhörer um und klopfen mit letzter Kraft in die Tastaturen von Handy, Smartphone oder Tablet-PC. Es ist Feierabend...

Und dabei wollen wir sie nicht stören, lieber Leser. Es gäbe noch viel zu erzählen, z. B. wie die 4er entstanden ist, was eine „gebrochene“ Linie ist usw. Aber das sind andere Geschichten. Geschichten um Geld, politische Zwänge und verpassten Chancen. Die 4er, anfangs ungeliebtes Kind für die Pendler aus Gersthofen, hat sich inzwischen als wichtige Verbindung nach Augsburg etabliert. Nebenbei bemerkt: der dazugehörige Park and Ride-Platz sollte besser „Search and Find-Platz heißen. Nach 8:00 Uhr gibt’s keinen freien Platz mehr. Die Linienführung verbindet nicht nur zwei Städte, sie verbindet auch -ob gewollt oder ungewollt- Menschen aus unterschiedlichen Kulkturkreisen. Auch wenn es manchmal Berührungsängste gibt. Man sollte nicht vergessen, dass die meisten Flüchtlinge schwierige Zeiten hinter sich haben. Trotz aller Widrigkeiten durch übervolle Bahnen oder Sprachschwierigkeiten bietet das Fahren mit der 4er einen Ansatz zur Integration (ein viel strapaziertes Wort). Warum auch nicht …?
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.gersthofer | Erschienen am 02.07.2016
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