Von der Gersthofer Sozialstation ins Waisenhaus nach Sambia - Jeanette Phiri leitet seit 2009 mit ihrem Mann Agrippa das Kwathu Waisenhaus in Livingstone/ Sambia

  

In einigen Gersthofer Haushalten ist sie noch als Schwester Jeanette bekannt. Sie arbeitete drei Jahre lang mit beispielhafter Hingabe und erfülltem Herzen für die Ökumenische Sozialstation Gersthofen. Ich erinnere mich, wie sie damals sagte: „Ich bin einfach nur glücklich so tolle Menschen kennengelernt zu haben und weiter kennenzulernen, denn egal wo unsere Wege sich treffen, es sind die Herzensbegegnungen die bleiben, egal wo man lebt.“ Sie war eine der charismatischsten Personen, die mir jemals begegnet sind. Sie besaß schon damals eine große Leidenschaft für Afrika und berichtete immer wieder von ihren schockierenden Erfahrungen in den Townships von Südafrika, in denen sie in den Jahren zuvor für Hilfsorganisationen im Einsatz gewesen war. Jeanette sagte mir einmal „Du kannst räumlich jeden Tag mit Menschen zusammen sein, doch ihnen nie wirklich begegnen.“ Ihr ist man jeden Tag begegnet.
Ihr Traum war es für andere da zu sein. Menschen, denen es schlechter ging als ihr. Ich habe sie nie anders erlebt. Ende 2008 lernte sie ihren jetzigen Ehemann Agrippa Phiri kennen und heiratete diesen 2009 in Gersthofen. Für viele unverständlich, brach sie damals alle Zelte in Deutschland ab, verzichtete auf den gewohnten Luxus einer Badewanne, einer Tageszeitung, den gelegentlichen Besuch in einer Imbissbude, oder einer Krankenversicherung. Stattdessen zog sie zu ihrem afrikanischen Mann nach Sambia, einem Entwicklungsland im südlichen Afrika zwischen der demokratischen Republik Kongo, Tansania, Malawi und Mosambik gelegen. Auf dem Human Development Index, einem weltweiten Wohlstandsindex, lag Sambia 2010 auf Platz 150 von 169, und nur knapp vor Ländern wie Afghanistan (155), Äthiopien (157) oder dem Niger (167). Sie ging in eine Gegend Sambias, in der sie oft die erste Weiße ist, der die Menschen dort begegnen. Eine Gegend, in der die Strassen bessere Feldwege sind. Eine Gegend, die überall von Armut geprägt ist. Westliche Luxusgüter wie eine Dose Cola sind im Supermarkt eine Stunden Fußmarsch entfernt zu erhalten – für 1,50 Euro das Stück. Einen Luxus den sie sich nicht mehr leisten kann. Auch ein seltener Deutschlandbesuch ist nur noch durch Unterstützung von Freunden und Familie möglich. Krankheiten sind bei schlechten Hygienebedingungen leider an der Tagesordnung, während die Ärzte im örtlichen Hospital nicht einmal über ausreichend Stethoskope verfügen. Von Medikamenten und medizinischen Geräten ganz zu schweigen.
Es waren ihr starker Glaube und ihr unsäglich großer Wille Gutes zu tun, die sie all dies vergessen ließen. Mit ihrem Mann Agrippa leitet sie nun in Livingstone das Kwathu-Childrens-Home, ein Waisenhaus für Straßenkinder. Kwathu bedeutet so viel wie „mein sicherer Platz/ meine Heimat“ und genau das will Kwathu sein. Alle Kinder dort haben ein schweres Schicksal hinter sich. Sie wurden geschlagen, misshandelt, lebten auf der Strasse ohne Kleidung oder etwas zu Essen, ernährten sich zum Teil von Laub und Rinden, oder von weggeworfenem Müll. Bisher konnten neun Kinder, zwischen 4 und 10 Jahren, von Agrippa und Jeanette aufgenommen werden. Im Kwathu Waisenhaus erhalten sie nun drei Mahlzeiten am Tag, werden medizinisch versorgt und wachsen in einer fürsorglichen Umgebung auf, in der sie angenommen und geliebt werden und sich auch individuell entfalten können.
Verlässt man das Grundstück jedoch, ist die Realität für noch viele Kinder in Sambia eine andere. Nicht einmal einen Kilometer entfernt befindet sich Nujenwa, eines der vielen Armenvierteln in Livingstone. Nahezu die Hälfte aller dort lebenden Menschen sind Kinder. In diesem Viertel befindet sich hinter einem 5-Sterne-Hotel ein riesiger Müllberg, ein Ort an dem viele der Kinder täglich nach weggeworfenen Essensresten suchen: Fleisch, Gemüse, und sonstige Küchenabfälle. Diese werden aufgesammelt und im nahe gelegenen Teich kurz gesäubert, um den eigenen Hunger (und den der Familien) zu stillen. Jeanette erzählt: „Es ist erschreckend, wieviele Kinder man dort antrift. Vier Kinder, die aus dieser Gegend stammen, konnten von uns aufgenommen werden. Auch sie waren gezwungen, sich ihr Überleben mit den Essensresten des Müllberges zu sichern, nachdem ihre Eltern nicht mehr für sie sorgen konnten.“
Ihnen geht es inzwischen gut. Sie leiden keinen Hunger mehr, und haben dank Kwathu einen sicheren Platz zum Schlafen gefunden. Damit geht es ihnen schon besser als den meisten ihrer früheren Freunde in Nujenwa. Einige von ihnen werden 2011 nicht überleben...
Aktuell ist das Waisenhaus noch auf Geld- und Sachspenden angewiesen. In den nächsten Jahren soll es sich jedoch schon selbst tragen. Obst und Gemüse aus einem eigenen Garten sollen auf dem nahegelegenen Markt verkauft werden. Ebenso sind einige Gästezimmer geplant, schließlich sind die berühmten Victoriafälle, die größten Wasserfälle auf dem afrikanischen Kontinent, in unmittelbarer Nähe.

In einigen Gersthofer Haushalten hängt in diesem Jahr sicher der Bilder-Kalender des Kwathu-Kinderheims, dessen Erlös das Waisenhaus unterstützen soll. Einen Beitrag hierzu leistete auch die Ökumenischen Sozialstation Gersthofen, die den Kalender als Weihnachtsgeschenk unter ihren Patienten verteilte.
Die Not in Livingstone ist sehr groß, aber Jeanette hatte nicht nur den Wunsch zu helfen, sondern auch den Mut zu handeln.
Viele Menschen vertreten noch die Meinung, dass eine Hilfe dieser Art wie „ein Tropfen auf den heißen Stein“ sei. Doch es gibt Gegenden in unserer Welt, in denen jeder einzelne Tropfen sehr kostbar ist. Und um es mit Jeanettes eigenen Worten zu sagen: „Veränderung bedeutet Aktion.“

Wer sich über das Kwathu-Projekt näher informieren möchte, kann dies unter www.kwathuhome.wordpress.com, oder www.tandeka.org. Dort sind auch viele Bilder zu sehen, mit denen man sich einen Eindruck vom täglichen Leben in Sambia verschaffen kann. Einen Eindruck, wie „unsere“ Jeanette Phiri in Sambia auf ihre Weise eine Welt verändert…

Tandeka e.V hat ein Spendenkonto eingerichtet (Kto 36673 BLZ 72050000 Verwendungszweck "Kwathu"), und kann als gemeinnütziger Verein auch Quittungen hierfür ausstellen. Alle Spenden gehen zu 100 Prozent an Kwathu. Jeanette und Agrippa freuen sich über jede Unterstützung, sei sie finanzieller Art, Sachspenden, dem Einschluss ins Abendgebet oder einfach nur Ihrem Interesse am Kwathu-Projekt.
„Veränderung bedeutet Aktion…“

Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin gersthofer | Erschienen am 04.02.2011
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2 Kommentare zum Beitrag
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Tanja Fackelmann aus Augsburg am 17.01.2011 um 09:39 Uhr  
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Rainer Michel aus Gersthofen am 17.01.2011 um 10:08 Uhr  
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