6. Dan Aikido für Stephan Otto

Stephan Otto 6. Dan (Foto: Otto)
      Germering: Kirchenschule |

Stephan Otto, seit 30 Jahren Mitglied der Abt. Aikido in Germering, hat den 6. Dan erreicht und steht damit neben dem Deutschlandbeauftragten Hiromichi Nagano (8 Dan) in der Stilrichtung Yoshinkan, im Aikido an oberster Stelle. Stephan erreichte diese Auszeichnung im Rahmen einer Vorführung in Japan, vor den außerordentlich kritischen Augen von Inoue Sensei. Ich hatte Gelegenheit Stephan ein paar Fragen zu seiner Geschichte zu stellen.

Sag uns vielleicht ein paar Worte zu Deiner Person?

Ich wurde 1967 in München geboren. Als ich 5 war, ist meine Familie nach Germering gezogen. Ich bin hier aufgewachsen und habe hier gelebt, bis ich 1992 nach Japan ging. Nach meiner Rückkehr aus Tokio, Ende 1994 habe ich mit 28 Jahren bei einem großen Autohaus in München eine Lehre zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel angefangen und gerade noch 2 Monate vor meinem 30. Geburtstag abgeschlossen. Im Anschluss an die Lehre habe ich noch im Abendstudium BWL studiert und fast gleichzeitig bei einem amerikanischen Konzern im Vertrieb von elektronischen Bauelementen begonnen. Für diese Firma war ich dann 14 Jahre lang und die letzten 8 Jahre europaweit tätig. In dieser Zeit habe ich auch ein paar Jahre in England gelebt. Zwischen 2009 und 2011 habe ich noch im Fernstudium den Master absolviert und seit November 2012 bin ich Geschäftsführer bei einem privaten Bildungsträger in der beruflichen Weiterbildung.


Wie bist Du zum Aikido gekommen?

Im Sommer 1986 lag ein Flugblatt zu einer Aikidovorführung im Briefkasten der elterlichen Wohnung in Germering. Da ich damals schon einige Jahre Karate machte und mich für Kampfsport interessierte, bin ich hingegangen. Es war eine Vorführung von Hiromichi Nagano, veranstaltet vom damaligen 1. Judo Club Germering als Auftakt zum Start der neuen Aikidogruppe. Was ich sah, habe ich nicht ganz verstanden, fand es aber interessant. Ich dachte mir, ich kann das Gesehene nur verstehen, wenn ich es selbst ausprobiere. Also bin ich in das erste Training gegangen, das damals angeboten wurde. Wir waren vielleicht 10-15 Leute auf der Matte und mit dabei war Alfred Zacher, der derzeitige Abteilungsleiter der Abteilung Aikido beim SCUG.
Ich habe dann noch einige Jahre parallel Aikido und Karate gemacht, aber als ich 1990 zur Bundeswehr kam, musste ich mich aus Zeitgründen schweren Herzens für eines der beiden entscheiden. Meine Wahl viel auf Aikido, weil ich mir durch die Japannähe von Nagano Sensei bessere Möglichkeiten und Fortschritte ausmalte, was sich später als richtig herausstellte.


Seid wann bist Du Mitglied im SC UG

Ich war zum ersten Mal im Alter von 8 oder 9 Jahren für ein gutes Jahr Mitglied in der Judoabteilung des SCUG, damals noch unter Hans Strobl, dann seit Anfang 1984, als ich mit dem Karate begann.


Welche Sportarten hast Du gemacht?

Bewegung und Sport waren und sind immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Ein Tag, an dem ich mich nicht körperlich verausgaben kann, ist für mich kein wirklich gelebter Tag.
Ich war im Kindergarten im Kinderturnen und dann, wie schon erwähnt, habe ich als Grundschüler ein Jahr Judo trainiert. Mit 10 Jahren habe ich mit dem Gewichtheben begonnen, wo ich in den Folgejahren drei Mal Bayerischer Meister war. Seit ich 4 war, ging es im Winter jedes Wochenende, an dem kein Gewichtheberwettkampf war, zum Skifahren. Mit 16 bin ich dann noch zum Karate. Ich habe damals schon praktisch jeden Tag trainiert. Zwei Mal pro Woche Gewichtheben und zwei bis drei Mal Karate, dazu Joggen, Schwimmen, Schulsport, nach der Schule mit meinen Freunden Basketball und Rugby gespielt und im Winter Skifahren gegangen.
Karate hatte mich schon Jahre zuvor fasziniert und so habe ich mich auch ziemlich reingehängt. Es hat geholfen, dass damals alle meine Freunde im Karate oder Taekwondo waren. So war das Training in der Clique eine Selbstverständlichkeit und wir haben auch oft privat noch zusammen trainiert, uns angestachelt und ausgetauscht. Aber es war nicht nur das Karate, und es war vor allem auch nie wirklich der wettkampforientierte Kampfsport, um den es mir ging, sondern eher um die traditionellen Kampfkünste. Ich habe alle damals in deutscher Sprache verfügbaren Bücher über Kampfsport und Kampfkunst verschlungen, nur es gab in den 80er Jahren in der Münchner Umgebung kein Angebot, um diese Dinge zu lernen.
Da kam das Aikido gerade recht. Es erfüllte den Anspruch, nach dem ich mich sehnte, und es eröffnete mir den Weg nach Japan, der mir auch schon lange im Kopf umging. Damit hat für mich die Suche aber nicht aufgehört. Als ich nach Japan ging, um intensiv Aikido zu trainieren und dort eine Trainerausbildung zu machen, habe ich trotz der 14 Trainingseinheiten pro Woche im Aikido zusätzlich noch drei Mal pro Woche Jodo und drei Mal pro Woche Kendo trainiert. Und als ich 2006-2008 in England war, habe ich natürlich wieder versucht, jeden Tag zu trainieren und auch wieder etwas Neues auszuprobieren, und so bin ich regelmäßig ins Boxen, Judo und Brazilian JuJutsu gegangen. Hierbei handelte es sich allerdings um Kampfsport und nicht um Kampfkunst. Der sportliche Aspekt stand an erster Stelle. Trotzdem habe ich von all diesen Trainings sehr viele Dinge gelernt, die ich auch mit ins Aikido nehme.
Ich habe mich auch sehr früh schon für Trainingslehre und die Seite des Trainers interessiert und mit 18 den Fachübungsleiter für Kraft- und Fitnesstraining gemacht. Im Laufe der Jahre habe ich darauf noch den B-Trainer und den Gesundheitstrainer (A-Trainer für Kraft- und Fitnesstraining) draufgesetzt. Nach meiner Danprüfung im September 1990 habe ich bis zu meiner Abreise nach Japan im Februar 1992 das Training der Aikidogruppe Germering übernommen.


Wie war die Ausbildung in Japan?

Die Ausbildung in Japan war unglaublich intensiv und hart. Ich hatte nie gedacht, dass man so hart trainieren konnte, vor allem nicht im Aikido. Der Trainerkurs lief über 11 Monate, in den ersten 9 Monaten wurde der gesamte Stoff vom Anfänger bis zum 1. Dan durchgenommen, in den letzten beiden Monaten ging es um höheres Verständnis und Unterrichten. Die ersten 9 Monate liefen parallel zu einem Kurs von 10 Auserwählten der japanischen Bereitschaftspolizei. Wir trainierten Dienstag bis Samstag, drei Mal pro Tag und einmal davon zusammen mit den Polizisten. Es ging los wie beim Militär. In der ersten Trainingseinheit wurde das „schnelle auf die Plätze Rennen“ und das „zurück in die Linie Rennen“ geübt, damit im Laufe des Trainings ja keine Sekunde für Herumgeplänkel vergeudet würde. Während des Trainings war es absolut untersagt zu sprechen. Den Anzug gerade zu rücken oder den Schweiß abzuwischen, der in Strömen floss, war auch nur nach Anweisung der Trainer gestattet. Das waren keine Schikanen, sondern Maßnahmen, um den Geist komplett auf den Trainingsinhalt zu fokussieren und jede auch noch so kleine Ablenkung auszublenden. Schon nach dem ersten Tag hatte ich Muskelkater am ganzen Körper und der ging für gute 6 Monate nicht weg. Ich hatte phasenweise Probleme, Treppen hinunter zu gehen und musste mir jeden Morgen überlegen, wie ich aus dem Bett kam. Ich dachte, so muss sich ein 85-jähriger fühlen. Der Körper gewöhnte sich nie an die Belastung, aber man lernte geistige Stärke, die es erlaubte, das alles zu überwinden und trotzdem weiter zu trainieren. Im Aikido gibt es Techniken, die im Knien ausgeführt werden. Als wir in eine Trainingsphase kamen, in der die knienden Techniken trainiert wurden, dauerte es nicht lange und an beiden Knien erschienen hautfreie Kreise von ca. 5 cm Durchmesser. Es tat höllisch weh, aber Gesicht verziehen war natürlich auch verboten, jammern auch, also lernte man damit umzugehen. Man musste nur aufpassen, dass sich die Wunden in der schwülen Hitze des japanischen Sommers nicht entzündeten und nach jedem Training fleißig desinfizieren. Blut floss in Strömen und für ungefähr vier Wochen trugen wir die Japanische Flagge, roter Kreis auf weißen Grund, an den Hosenbeinen, dann heilten diese Schürfstellen verblüffender Weise komplett zu, während sie jeden Tag im Training aufgerieben und für mehre Stunden belastet wurden. Die Haut, die sich dabei bildete, war optisch nicht von der vorigen zu unterscheiden, aber egal wie viel Knietechniken wir auch machten, sie ging nie wieder auf.
Zum Training kam die Konfrontation mit einer komplett anderen Kultur. Ich lernte viele Dinge zu akzeptieren, auch wenn ich sie nicht verstand. Meine Jahre in Japan waren eine sehr gute und lehrreiche Erfahrung, die mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Ich möchte sie um nichts in der Welt missen.
Und wie bist du auf die Idee gekommen, nach Japan zu gehen?
Ich hatte mich schon zu meiner Karatezeit für das Land interessiert. 1988 gab es in München einen großen Lehrgang mit Gozo Shioda, dem Gründer des Yoshinkan Aikido. Es kamen viele Aikidoka aus allen Ecken Europas. Mit dabei waren vier bis fünf Leute, die in Japan als sogenannte Uchi Deshi (in der Schule lebende Schüler) trainiert hatten. Obwohl ich noch Anfänger war, ist mir aufgefallen, dass diese Leute viel besser waren als der Rest und ich wusste, das will ich auch machen. im Sommer 1990 bin dann mit Hiromichi Nagano für 6 Wochen nach Japan geflogen und habe dort die Schule (das Dojo) und auch einige Menschen kennengelernt, die meine Entscheidung unterstützten, für den Trainerkurs nach Japan zu kommen. Es kam dann noch die Bundeswehr dazwischen, aber im Februar 1992 bin ich dann los, hab den Trainerkurs absolviert und war dann noch bei den beiden folgenden Kursen zunächst als Assistent und dann als Trainer dabei.


Welche Bedeutung hat der 6. Dan im Aikido vor allem in Deutschland?

Der 6. Dan gilt im japanischen Budo (den Kampfkünsten) als der Meistergrad. In Deutschland wird oft beim 1. Dan vom Meistergrad gesprochen, das ist aber nicht richtig. Der 1. Dan heißt auf Japanisch „shodan“. Das chinesische Zeichen (Kanshi) für „sho“, das hier verwendet wird, bedeutet Anfang, Dan bedeutet Stufe – der 1. Dan, Shodan bedeutet also Anfangsstufe. Der Träger dieses Grades hat praktisch alle Techniken und Formen der Kampfkunst erlernt und kann nun mit dem richtigen Trainieren und Lernen beginnen. Der 4. Dan gilt als Trainergrad und der 6. Dan, der oft den Titel Shihan mit sich führt, ist der Meistergrad. Ab diesem Grad darf sich der Schüler von seinem Meister lösen und ein eigenes Dojo eröffnen.
In Deutschland wird das natürlich nicht so eng gesehen und ich gehe schon seit Jahren mehr oder weniger meinen eigenen Weg im Aikido. Trotzdem fühle ich mich durch diese Auszeichnung bestärkt, noch mehr zu üben. Denn im Budo gilt wie im Zen, wer den Anfängergeist verliert, der wird zwangsläufig stagnieren und sogar Rückschritte machen. Ich bin der erste Deutsche, der im Yoshinkan Aikido den 6. Dan erhalten hat. In anderen Aikidostilen gib es in Deutschland schon Leute mit 6. Dan und auch darüber, aber viele sind es nicht. Auch wenn es ab dem 6. Dan im Aikido keine Prüfung mehr gibt, so hat mich Inoue Sensei, das Oberhaupt unserer Stilrichtung, beim Unterrichten und bei einer Vorführung evaluiert und mir den Grad nicht einfach geschenkt.


Was bedeutet Aikido für Dein Leben?

Das ist eine schwere Frage. Gozo Shioda, der Begründer des Yoshinkan Aikido, hat einen Spruch geprägt „Aiki soku seikatsu“ – „Aikido ist das alltägliche Leben“. Da ich jetzt schon fast 30 Jahre und damit mein gesamtes Erwachsenen- Leben Aikido praktiziere und einige Jahre komplett darauf verwendet habe, ist Aikido so ein integraler Teil meines Lebens und Denkens, so dass ich gar nicht sagen kann, welche meiner Ansichten und Eigenschaften vom Aikido kommen und welche nicht. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich ohne Aikido nicht der wäre, der ich heute bin. Wichtige Lehren aus dem Aikido sind für mich das Mitgehen mit dem Fluss der Kraft, ohne das eigene Zentrum zu verlieren, und das „Auge des Taifun Prinzip“ – im Auge des Sturmes ist es ganz still, weiter außen laut und unwirtlich. Und das Prinzip von Mitte und Gleichgewicht – wir können nur agieren, wenn wir zentriert im Leben stehen und im Gleichgewicht sind. Allerdings ist es falsch, verkrampft danach zu suchen oder dran festzuhalten. Man muss locker sein, dann stellt es sich wie von selbst ein. Morihei Ueshiba, der Begründer des Aikido, wurde mal von einem Schüler gefragt: „Meister, wie schaffen Sie es nur, dass Sie nie Ihr Gleichgewicht verlieren?“, worauf Ueshiba antwortete: „Oh, ich verliere ständig mein Gleichgewicht, aber zum Glück finde ich es immer sofort wieder.“ Das ist wie beim Bergablaufen im Schrofengelände der Alpen, die Füße rutschen bei jedem Schritt ein bisschen aus. Wenn man dabei akzeptiert, dass man ständig ein bisschen aus dem Gleichgewicht ist, aber durch die Bewegung immer wieder ins Gleichgewicht hineinrutscht, kommt man sehr schnell und kraftsparend den Berg hinunter, wenn man hingegen versucht wie jedem Schritt fest zu stehen, kann man leicht stürzen und braucht viel Kraft und Zeit für den Abstieg.

Stephan, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg auf Deinem weiteren Weg


Nähere Informationen unter:
www.aikido-germering.de
www.moderne-schwertkunst.de/
www.sc-ug.de
info@aikido-germering.de
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