Bitte haben Sie etwas Geduld!

Asylbewerberheim in Germering. Bild: Mara Feßmann, Q11 am CSG
Etwa 70 Menschen warten im Germeringer Asylbewerberheim auf eine Aufenthaltserlaubnis

Ich radel zum Schwimmen ins Freibad, wenn die Algen der Badeseen intensiver riechen als das Chlor. Auf dem Weg liegen die GolfRange (zum Golfen), der Tennisplatz (zum Tennisspielen) und das Asylbewerberheim (äh, also, für irgendwas mit Flüchtlingen).

Drei Flachbauten in Germering, Starnberger Weg. Ich komme auf meinem roten Rad zufälligerweise vorbei, weil ich Abkühlung suche. Aber wie und wieso kommen Menschen aus Ländern, die wir in den Nachrichten sehen hierher?
„Asyl” kommt aus dem Griechischen und bedeutet „sicher”. In vielen Ländern dieser Erde ist man leider nicht sicher, vor allem, wenn man einer politischen, religiösen oder ethnischen Minderheit angehört.

Rechtsgrundlagen

Daher beantragen viele Verfolgte Asyl in Deutschland, was ihnen nach Artikel 16a des Grundgesetzes auch zusteht, und zwar dann, wenn sie politisch verfolgt sind. Wie immer gibt es hier Einschränkungen:
Man darf zum Beispiel kein EU- Bürger sein oder aus einem anderen sogenannten „sicheren Herkunftsstaat”, wie Ghana oder dem Senegal kommen, da diese Länder offiziell als sicher gelten.

Als „Sichere Drittstaaten“ gelten die Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie die Schweiz und Norwegen: In diesen Staaten wird die Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Menschenrechtskonvention garantiert. Deutschland ist also von Staaten umgeben von Staaten, die für Verfolgte als sicher gelten.

Deshalb kann man auch aufgrund von europäischen Zuständigkeitsvereinbarungen gar nicht erst bis nach Deutschland durchreisen.

Nur 2 Prozent

Und das Wichtigste: Es wird überprüft, ob man wirklich Asyl, also Schutz durch Umsiedlung in ein anderes Land, benötigt. Da man schließlich nicht mit irgendeinem magischen Gerät die Gefahr, in der eine Person schwebt messen kann, beschränken sich deutsche Behörden auf Wahrscheinlichkeiten und Vergleiche: Es ist wahrscheinlicher, dass im Irak ein Jeside (kleine religiöse Minderheit) bedroht wird als in Russland ein Mitglied der Partei „Einiges Russland”.

Seit 2002 werden in Deutschland daher nur etwa 2 Prozent aller Anträge auf politisches Asyl durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) anerkannt. In diesem Falle bekommt man zunächst eine sogenannte „Aufenthaltsgestattung”: Wer es also irgendwie nach Deutschland geschafft hat und hier einen Antrag auf Asyl stellte, der darf in Deutschland bleiben und einen Antrag auf Asyl stellen. Klingt schwierig? Ist es auch.

Weniger gehoben und charmant klingt das Wort: „Duldung”. „Duldung“ erhalten Personen, die eigentlich abgeschoben werden müssten, bei denen aber die Abschiebung momentan nicht möglich ist. Das könnte z.B. dann der Fall sein, wenn unklar ist aus welchem Land der Betroffene stammt oder wenn der „Geduldete“ keinen Pass besitzt.

Die Duldung ist nicht zu verwechseln mit einer „Aufenthaltsgenehmigung”; das ist das, worauf die Bewohner des Asylbewerberheims Germering warten, manchmal bis zu zwölf Jahre lang, durchschnittlich drei: Man darf dauerhaft hier wohnen, arbeiten, zur Schule gehen und so weiter (aber nicht wählen, das geht nur mit der Staatsbürgerschaft).

Dass man in Deutschland gut und lange warten kann, erfahren auch wir regelmäßig zur Zeit des Schienenersatzverkehrs.
Hier aber wartet man immer, nachdem man vom BAMF „geduldet” wurde. Die geduldeten Menschen werden einer der 22 Außenstellen des BAMF in Deutschland (etwa eine pro Bundesland) zugeteilt. Die verteilen dann an die Landkreise, die dann wiederum an die Asylbewerberheime weiterleiten. Die Anzahl der Asylbewerber hängt mit der Anzahl der Bewohner eines Bundeslandes / einer Stadt zusammen. 1994 wurde das Germeringer Asylbewerberheim von der Regierung Oberbayerns aufgrund der steigenden Anwohnerzahl der Stadt gegründet.

Lebensbedingungen

Das Leben hier mag sicherer sein als im Irak oder in Uganda, aber mit „Schmarotzen und Faulenzen” ist gar nichts:
Zwar darf man im ersten Jahr der Duldung nicht arbeiten, ist vollkommen auf die Hilfe des Staates und von Spenden angewiesen, erst danach kann man eine Arbeitsgenehmigung beantragen.
Aber von Beginn an muss Deutsch gelernt werden, jeden Monat die Duldung neu in Fürstenfeldbruck beantragt werden.
Ein Asylbewerber befürchtet, aufgrund eines falsch ausgefüllten Formulars, eines bürokratischen Missverständnisses, einer Veränderung der Verhältnisse im Heimatland oder eines Gesetzesbruchs durch eines seiner Kinder wieder ausgewiesen zu werden.

Außerdem lebt man jahrelang wie im Schullandheim, nur ohne Nachtwanderung und Mama, die einem nach der Rückkehr das Lieblingsessen kocht:
Mit der Familie in einem kleinen Zimmer wohnen, sich mit Fremden, deren Sprache man vielleicht kaum versteht, Bad und Küche und Waschmaschine teilen, Heimweh und Angst um Daheimgebliebene haben.
Mir wird von manch einem Bewohner erzählt, der aufmerksam Tagesschau guckt, um zu sehen, wie der Stand zu Hause ist. Der rege erzählt und diskutieren möchte.

Spannungen und Konflikte im Alltag

Andere machen zu, scheinen sich, zumindest nach außen hin, keine Gedanken mehr um die Heimat zu machen, sich nicht länger den Missständen aussetzen zu wollen.
Dazu kommen der Kulturschock und das Gefühl, dass die Deutschen einen oft als seltsam und faul empfinden.
Die Angst keinen Job zu finden, oder aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse als eigentlich gut ausgebildete Fachkraft nur schlecht bezahlte Stellen zu bekommen, keinen Platz in Deutschland zu haben, diese Angst drückt auf das Selbstbewusstsein der Bewohner.

Oft gibt es im Alltag Streit. Um Platz, um Nachtruhe, um Meinung, um gar nichts.
„Stecken Sie mal 20 Bayern und 20 Nordlichter zusammen, das reicht schon”, berichtet mir ein Mitarbeiter des Arbeitskreises Asyl.
Religion, Ansichten und Gewohnheiten sind sehr unterschiedlich und müssen unter einem kleinen Flachdach koexistieren. Allein die zehn Kinder, die zurzeit hier wohnen, zoffen und zanken sich untereinander wie Geschwister das eben tun.

Wenn man sich all diese Strapazen vor Augen hält, fällt man langsam von der Vorstellung der „geldsaugenden Eindringlinge” ab:
Wer keine Todesangst um sich und seine Familie hat, nimmt solche Lebensumstände und -umstellungen nicht auf sich, da können Bier und Brezen noch so lecker sein.

Nach der Aufenthaltsgenehmigung kann man frei und sicher arbeiten, wohnen, leben, aber das „Ankommen” und die Frage: „War es richtig hierher zu gehen?” sind wohl lebenslange Begleiter.

Perspektiven

Was machen wir nachdenklich Nichtsmachenden mit herzensguten Absichten also jetzt?

Zunächst einmal ist es wichtig, sich Leistung und Ausdauer der Asylbewerber vor Augen zu führen, einfach nur für sich und wenn es mal wieder zu einer Debatte beim Abendessen kommt: Diese Leute sind stark und verdienen Respekt dafür, dass sie zu ihren Überzeugungen gestanden sind und den Schritt gewagt haben, ein neues Leben anzufangen. Häufig an die Zukunft ihrer Kinder denkend. Genau wie der Arbeitskreis und alle dazugehörigen Ehrenamtlichen Großes durch Kleines bewirkend. Vielleicht hierher spenden, statt sich ein neues Motorboot zu kaufen?

Und durch Wahlen und Bürgerbegehren und neue Ideen und unser Handeln im Alltag müssen wir dazu beitragen, dass die Leute, die aufgenommen werden, eine Chance auf Integration bekommen, das bedeutet:
Schule, Job, Geld für Wohnung und Hobbys, alles.

Integration bedeutet nicht, dass man andere Sprachen und Kulturen verbietet, sondern die Deutsche zugänglich macht. Dass ausländische Kinder nicht von deutschen Kindern weggehalten werden, sondern sie zusammen im Hort und in der Grundschule und darüber hinaus in weiterführenden Schulen und in der Freizeit sind. Dass man genauso auf ihre individuellen Fähigkeiten setzt und nicht nur auf die Tatsache, dass sie Hände haben und Geld brauchen:
Wenn ein asiatischer Ingenieur mit anderer politischer Einstellung als die seiner Regierung nach Deutschland kommt, warum soll er dann bitte Klos putzen?
Integration bekommt man nicht verliehen, aufgezwängt oder von heute auf morgen.

Man bekommt eine Tür aufgehalten und geht selber rein.
Und muss dabei beim langen Warten einen kühlen Kopf bewahren. Wenigstens ist es nicht allzu weit zum Freibad…


Der Text stammt von Julia Kicherer, Q11. Er ist in der Schülerzeitung SPITZ des Carl-Spitzweg-Gymnasiums im Druck erschienen. Weitere Informationen:

Schülerzeitung des Carl-Spitzweg-Gymnasiums
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1 Kommentar
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Jürgen Bruns aus Lehrte | 25.12.2014 | 09:13  
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