Nachhaltigkeit – das Thema geht uns alle an!

Dr. Alexandra Hildebrandt

Nachhaltigkeitsexpertin Dr. Alexandra Hildebrandt über Heimat, Orientierung und wichtige Lebensinhalte

In Hannover und der Region geht die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Was passiert dann mit der Nachhaltigkeit? Ist sie ein „Luxusgut“?

Nachhaltigkeit ist Leben – indem es existiert, macht es die Welt fruchtbarer und bringt Fülle hervor, aber sie ist kein „Luxus“. Die Vorstellung, dass Nachhaltigkeit etwas von uns Getrenntes ist, das nur dann im Fokus steht, wenn es uns gut geht, bringt einige Menschen leider häufig dazu, das Thema als etwas von der Natur und Gesellschaft Abgetrenntes zu betrachten. Ein Verfall der Umwelt geht dann mit moralischem Verfall Hand in Hand. Nachhaltigkeit hat also zunächst mit einer inneren Einstellung zu tun und der Erkenntnis, dass wir mit der Möglichkeit gesegnet sind, von den Zinsen leben zu können, die das „Kapital der Natur“ abwirft. Die Schere ergibt sich dann, wenn einige mehr wollen, als zur Verfügung steht und Werte mit Füßen getreten werden. Es ist wichtig zu vermitteln, dass das Thema alle angeht, dass wir das Big Picture nicht aus den Augen verlieren dürfen, aber im Kleinen handeln müssen, um aktuellen Herausforderungen gewachsen zu sein. Es ist entscheidend, an etwas zu arbeiten, das die Buddhisten „rechte Lebensweise“ nennen: Dabei geht es um die Art, das eigene Leben und Verhalten so auszurichten, dass man glücklich ist. Und das ist immer auch eine Frage der Einstellung und nicht des Geldes. Voraussetzung dafür ist es, eine Sache zur eigenen zu „machen“ - ein Appell an die Selbstverantwortung, seinen eigenen Weg zu gehen und tiefgreifende Wahlentscheidungen zu treffen, die das eigene Leben nachhaltig prägen. Damit verbunden ist eine Philosophie des Handelns, die in der Lage ist, dem Leben einen Sinn zu geben. Viele erfolgreiche Unternehmen werden von ihr geleitet.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Dazu gehört zum Beispiel die memo AG aus Greußenheim. Der klimaneutral agierende Versandhandel hat das Motto: Möglichst viele Produkte verkaufen – aber nicht um jeden Preis. Denn Ökonomie, Ökologie und Soziales stehen in der Unternehmensphilosophie und Organisation gleichberechtigt nebeneinander. Dabei setzt das Unternehmen auf Beharrlichkeit und langsame Weiterentwicklung. Nachhaltigkeit ist für memo ein Querschnittsthema, das alle Unternehmensebenen und Abteilungen betrifft. Es wird auf strategischer Ebene verstanden und (vor)gelebt. Im memo-Nachhaltigkeitsbericht, aber auch in verschiedenen Interviews. (http://www.love-green.de/specials/guteansichten/wa... http://www.burgthanner-dialoge.de/index.php/memo-a...) mit der Leiterin Unternehmenskommunikation (Claudia Silber) und dem Leiter Gesamtmarketing (Uwe Johänntgen) wird das Thema vertiefend vermittelt – etwa, wenn es darum geht, wie Geschäftsstrategie und Kerngeschäft miteinander verbunden sind und auch künftig sinnvolle strategische Ziele abgeleitet werden.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen diesem nachhaltigen Unternehmensansatz und „Heimat"?

Nähe, Verbundenheit und Vertrautheit, aber auch das Unverwechselbare. Denn viele Unternehmen haben durch Größe und Austauschbarkeit ihrer Waren und Dienstleistungen ihr Gesicht verloren. Am Beispiel von memo zeigt sich beispielhaft, dass Produkte eine Seele besitzen können, wenn sie etwas erzählen. Das jedoch können sie nur, wenn sie nicht von Personen, sondern von Persönlichkeiten geprägt werden, wenn die Verantwortlichen das Thema Nachhaltigkeit auch leben ohne Trennung zwischen Berufs- und Privatsphäre. Josef Zotter (Zotter Schokoladen) oder Johannes Gutmann (Sonnentor) aus Österreich sind hier Brüder im Unternehmensgeist, denn es ging und geht ihnen immer um gelebte Nachhaltigkeit: „Den kann man nicht kopieren. Den kann man nur kapieren“, sagte Gutmann einmal über sich selbst. Er definiert sich als inwendig (selbstdenkend), nicht „auswendig“ (angeeignet) und plädiert dafür, keine Systemhalter ins Unternehmen zu holen, sondern Querdenker und Gestalter, die über den eigenen Tellerrand hinaussehen. An allen Beispielen zeigt sich auch, dass eine nachhaltige Lebensgestaltung nicht mehr kosten muss. Die Grundfrage ist immer: Was will ich und was brauche ich. Für Studenten bietet zudem die Sharing Economy zahlreiche Möglichkeiten, nachhaltig zu handeln, ohne dass der Geldbeutel zusätzlich strapaziert werden muss. Wer im Kleinen beginnt und das tut, was im Rahmen der eigenen Möglichkeiten umsetzbar ist, handelt nachhaltig, ohne dass das Wort ständig bemüht werden muss.

Was kann eine Einzelperson von einem Unternehmen wie memo lernen? Welche Tipps lassen sich daraus ableiten?

Jeder kann beim Kauf von Produkten auf Aspekte wie ressourceneffiziente Herstellung achten, auf sparsame, recyclingfähige Verpackungen, auf sozialverträgliche Arbeitsbedingungen in der Produktion und fairen Handel. Nur wer die hohen Umwelt- und Sozialkriterien einhält, kommt bei memo als Geschäftspartner in Frage. Warum ein solches Prinzip nicht auch in den eigenen Lebensalltag übertragen? Schon die richtige Auswahl von Büromaterial ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit.
Viele denken bei dem Thema Nachhaltigkeit schnell an Verzicht: Kein Fleisch, kein Auto, keine Flugreise…
Im Gegenteil! Nachhaltigkeit hat nichts mit Verzicht und Jutesack zu tun, sondern mit Verschwendung, Genuss und Schönheit, wie wir sie auch in der Natur und in der Kunst vorfinden. Nichts wirklich Schönes ist für den Wissenschaftler Prof. Michael Braungart effizient. Der üppig blühende Kirschbaum mit seinem Überfluss an Schönheit und schneller Vergänglichkeit steht zugleich für das, was er ist und tut. Ein Baum produziert ununterbrochen Emissionen. Positive, wie Braungart nachweist: Da er wachsen will, gibt er nicht nur Sauerstoff ab, er will auch größer werden und mehr CO2 verbrauchen und mehr Sauerstoff abgeben. Das CRADLE TO CRADLE-Prinzip - ein Modell für industrielle Prozesse, in dem alle Materialien in geschlossenen biologischen oder technischen Kreisläufen fließen - ist dabei eine gute Orientierungsmöglichkeit.

Ist Nachhaltigkeit in der Heimat möglich?

Heimat hat mit Ursprung, Wurzeln und Zugehörigkeit zu tun, beide Begriffe sind also miteinander verwoben. Sie sind mit einem Gefühl von Sicherheit verbunden und stellen ein Sinnangebot zur Verfügung, das die Sehnsüchte nach einer besseren Welt stillen kann. Die Begriffe stehen für Aufgehobensein und Stetigkeit. So bezeichnet Nachhaltigkeit, was uns trägt und uns hilft, gegen Zusammenbrüche aller Art gefeit zu sein. Besonders berührend ist eine Definition, die sich im 1807 von Joachim Heinrich Campe herausgegebenen Wörterbuch der deutschen Sprache findet: „Nachhalt“ ist das, „woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält“. Der tröstliche Satz hat nicht nur etwas Heimatbezogenes, sondern auch etwas zu allen Zeiten Gültiges. Und er verweist darauf, dass Nachhaltigkeit vor allem ein Krisenbegriff ist, der immer auch Aufbruch und die Entstehung eines neuen Bewusstseins markiert.

Warum brauchen wir Heimatbezüge für unsere Identität?

Ohne Bewusstsein gibt es keine Identität. Das Tempo, aber auch der Überdruss an den Auswirkungen der Globalisierung lässt das Lokale und Regionale wieder attraktiv werden. Heimat bedeutet Aufgehobensein in Zeiten eines tiefgreifenden Wandels, in denen Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit immer wichtiger werden. Wir brauchen eine Einbettung in Strukturen, die Orientierung geben können und definierbare Beziehungen zu vertrauten Orten.
Kann Nachhaltigkeit eine Verbindung zwischen Arbeit und Leben schaffen?
Im digitalen Zeitalter gibt es keinen Unterschied mehr zwischen dem, was privat und beruflich ist, vielmehr ist es heute selbstverständlich, dass Arbeit und Persönlichkeit ineinander übergehen. Viele Beispiele zeigen, dass Engagement, Sinn und Selbstverwirklichung für viele Menschen nicht zu trennen sind.

Wollen Sie den Lesern noch etwas sagen?

Die Maxime „Think global, act local“ hat trotz ihrer inflationären Verwendung wie der Begriff Nachhaltigkeit nichts an Aktualität verloren, denn nur wer global denkt und handelt sowie lokal handelt und denkt, kann die Chancen der Globalisierung für die Gestaltung der eigenen Zukunft wirklich nutzen. Das Zitat von Dietrich Grönemeyer bringt das sehr schön zum Ausdruck: „Liebe und kultiviere Deine Heimat und sei Weltbürger.“
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