Mit dem Fahrrad von Königsberg nach Tilsit - Ein Reisebericht -
Im Juni 2009 haben mein Vater Heinz (73 Jahre) und ich (Andreas, 47 Jahre) das nördliche ehemalige Ostpreußen, heutige Kaliningrader Gebiet, mit dem Rad erkundet.
Am Dienstag, dem 9 Juni ging es vom Flughafen Langenhagen zunächst nonstop nach Königsberg (Kaliningrad). Bereits der Abflug gestaltete sich als Abenteuer. Das Flugzeug startete mit fast zweistündiger Verspätung, so dass wir nach ca. 75 Minuten Flugzeit erst gegen 22 Uhr unseren Zielflughafen erreichten. Die Einreise- und Zollformalitäten absolvierten wir mühelos, so dass wir, nachdem uns unserer Taxifahrer Dimitri im strömenden Regen nach Königsberg gebracht hatte, das Hotel Skipper am alten Pregel gegen Mitternacht erreichten.
Unser Frühstück am Mittwoch nahmen wir in einem Leuchtturm-Cafe. Bei dem Leuchtturm handelt es sich nicht um ein historisches Gebäude, sondern um einen Gebäudekomplex namens „Fischdorf“, welcher erst vor kurzem fertig gestellt worden ist. Um 9:30 Uhr holten uns Dimitri und unsere Stadtführerin Ludmilla ab. Ludmilla führte uns zunächst auf die Kneipp-hofinsel mit dem Dom und dem Grabmal des Philosophen Immanuel Kant, der in Kaliningrad und ganz Russland sehr verehrt wird. Im Dom, der heute nicht mehr als Gotteshaus sondern für Konzerte genutzt wird, hatten wir die Möglichkeit den Innenraum zu besichtigten. Mitglieder eines Kaliningrader Chores stimmten auf unseren Wunsch einige russische und deutsche Weihnachtslieder an. Anschließend ging es mit dem Taxi an Königstor und Dohnaturm vorbei durch Amalienau Richtung Hafen. Unterwegs hörten wir nicht nur Interessantes, Historisches und Bekanntes über das heutige Kaliningrad und das frühere Königsberg, sondern hatten auch die Möglichkeit „Kwass“ zu probieren. „Kwass“ ist ein russisches Erfrischungsgetränk, das in großen gelben Tanks (die unseren Güllewagen ähneln) verkauft wird. Nach Aussage von Ludmilla wird „Kwass“ aus Wasser, Rosinen, Schwarzbrot und anderen Zutaten hergestellt und ist in Russland sehr beliebt und vor allem sehr günstig. 0,2 l „Kwass“ kosten ca. 0,18 €. Es wird sicherlich nicht mein Lieblingsgetränk, lässt sich aber gut trinken und ist sehr erfrischend.
Am Nachmittag verabschiedeten wir uns von Ludmilla. Dimitri brachte uns nach Jantarny, dem früheren Palmnicken, wo wir unsere Fahrräder übernahmen, unsere Koffer umpackten, die die nächsten Tage im Reisebüro in Königsberg aufbewahrt wurden, und unsere Zimmer im Hotel Anna bezogen. Anschließend erkundeten wir Palmnicken, das Zentrum des russischen Bernsteinabbaus, zu Fuß. Der Bernstein wird hier im Tagebau abgebaut. Neben Bernsteinmanufakturen, einem Heimatmuseum, einer historischen (jetzt russisch-orthodoxen) Kirche gibt es in Palmnicken eine wunderschöne Steilküste mit breitem Sandstrand, der an diesem Nachmittag fast menschenleer war.
Am Donnerstag begann dann unsere eigentliche Radtour. Unterwegs versorgten wir uns mit mitgebrachten Müsliriegeln und mit Wasser, das wir in kleinen Krämerläden kauften. Zuerst hielten wir uns dabei an einheimische Produkte; aus Geschmacksgründen sind wir dann jedoch auf das Produkt eines amerikanischen Lizenzgebers umgestiegen.
Wir fuhren entlang der Samlandküste von Palmnicken nach Rauschen (Swetlogorsk). Zunächst auf Sandwegen, zeitweise mit Blick auf die Ostsee über Groß Dirschkeim (Donskoje) nach Kleinkuhren (Filino). Ab dort ging es auf an der Hauptstraße entlang weiter, über Großkuhren (Primorje) nach Rauschen. Die Bauernhäuser wurden oft von nicht angeleinten Hunden bewacht, vor denen wir Reißaus nehmen mussten, so dass wir schneller nach Rauschen kamen als geplant. Wir hatten den ganzen Tag schönstes Sonnenwetter bei milden Temperaturen, so dass wir den Nachmittag an der Strandpromenade und im Biergarten verbrachten. Unser Quartier hatten wir im Hotel Rauschen. Aufgrund der Sprachschwierigkeiten bekamen wir zum Abendessen nicht - wie gewünscht - ein warmes Gericht, sondern nur eine kalte Fisch- und Fleischaufschnittplatte mit Brot.
Der Freitag war bewölkt, aber mild, also ideales Radfahrerwetter. Den mäßigen Südwestwind hatten wir im Rücken, so dass wir noch zusätzlichen Schub bekamen. Unsere heutige Etappe sollte uns nach Cranz (Selenogradsk), dem ehemals mondänsten Seebad an der Samlandküste führen. Das Finden des Einstiegs in diese Strecke erwies sich dabei als das größte Problem. Da es in der Nacht geregnet hatte, befanden sich auf den Sandwegen große Pfützen. Mehrere Male mussten wir in einer Sackgasse umkehren, nachdem wir uns schon kilometerweit durch den Matsch gekämpft hatten. Unsere Karte, unserer Orientierungssinn und manchmal die freundliche Hilfe von Anwohnern hat uns geholfen, schließlich doch in Neukuhren (Pionerskij) anzukommen. Der bis dahin einzige Ort an der Samlandküste mit einem Hafen wird dominiert von Fischkuttern und einer Fischfabrik. Auch in Neukuhren ist es an der Küste noch sehr hügelig, so dass wir einige Male kräftig in die Pedale treten mussten. In Rantau (Saostrowje) haben wir nach einiger Mühe die „Rantauer Spitze“, ein in die Ostsee ragendes Kap, das uns einen wundervollen Ausblick auf die Ostsee, die Kurische Nehrung und Cranz bescherte, gefunden. Im weiteren Verlauf der Strecke verließen wir die hügelige Samlandküste und fuhren, durch den Rückenwind begünstigt und bergab, an den im Stau stehenden Autos vorbei und kamen bereits am frühen Nachmittag in Cranz an. Dort logierten wir, direkt an der Strandpromenade im Hotel Sambia. Den Nachmittag nutzen wir, um uns den Ort anzusehen. Die Exklusivität, für die Cranz vor dem 2. Weltkrieg berühmt war, lässt sich noch an den alten Villen ablesen. Leider sind diese häufig verfallen, werden abgerissen und dann durch „seelenlose“ Neubauten ersetzt.
Unsere Etappe am Samstag führte uns weg von der Samlandküste, nach Labiau (Polessk). Wenige Kilometer hinter Cranz befindet sich in Wisikauten ein Wikingerfriedhof, den wir uns anschauen wollten. Aus diesem Grunde haben wir unsere Strecke verlassen und sind einige Kilometer gefahren, ohne den Friedhof zu finden. Unsere desorientierten Blicke, sind dann wohl auch einem Autofahrer aufgefallen, der uns auf Deutsch ansprach und fragte, wohin wir wollten. Nach kurzer Zeit hatten wir mit seiner den Friedhof gefunden, was uns jedoch nichts nützte, weil die Ausgrabungsstätte geschlossen war. Ansonsten führte uns die Etappe an ei-nem sehr schönen, ehemaligen Gutshof in Bledau, einer Ordensburg- und Kirchenruine in Schaaken und an einigen Straßenhändlern, die ihre Gartenerzeugnisse verkaufen wollten, vorbei. Zwischendurch konnten wir die am nahen Flughafen in Powunden (Chrabrowo) startenden und landenden Flugzeuge beobachten. Die letzten Kilometer legten wir wieder an einer Hauptstraße zurück. Unsere Ankunft in Labiau bereitete uns noch eine weitere Überraschung - wir fanden unser Hotel nicht. Ich habe daraufhin mit einer Mitarbeiterin des Kaliningrader Reisebüros, in dem unsere Reise geplant wurde, telefoniert. Diese versuchte uns den Weg zu beschreiben. Nachdem auch dieser Versuch gescheitert war, rief die Mitarbeiterin des Reisebüros in dem Hotel an und bat, einen Mitarbeiter loszuschicken und sich mit uns an der Basilika in Labiau zu treffen. Die Hotelmitarbeiterin stellte sich als Lisa vor. Ohne die Mitarbeiterin des Reisebüros und Lisa hätten wir das Quartier wahrscheinlich niemals gefunden. Die Unterkunft war einfach, aber ausreichend. Lediglich mit der Dusche, die uns während eines Duschvorgangs nur für wenige Sekunden heißes Wasser bescherte, hatten wir unsere Probleme.
Am Nachmittag schauten wir uns Labiau an, das sehr schön an der Deime, kurz vor der Mündung ins Kurische Haff gelegen ist. Am Abend bereitete uns Lisa ein sehr schmackhaftes Abendessen (Zander auf russische Art) zu.
Unsere längste (70 km) Etappe am Sonntag nach Georgenburg, nahe Insterburg (Tschernjachowsk), begann bei strömenden Regen. Auf der landschaftlich sehr reizvollen Strecke durch das Pregeltal fuhren wir auch an diesem Tag durch dichte Baumalleen, vorbei an Ordensburgen, Kirchenruinen und kuriosen Brücken. Leider verhinderte der Dauerregen, dass wir die Landschaft ausreichend würdigen und die Radtour genießen konnten. Unsere Absicht, die Buswartehäuschen auf der Strecke für Pausen und das Kartenstudium zu nutzen, wurde dadurch vereitelt, dass diese oftmals bereits von Schafen oder Kühen besetzt waren. Völlig durchnässt erreichten wir das Hotel Georgenburg, das unmittelbar an ein Trakehnergestüt angrenzt. An diesem Nachmittag fand dort ein Springreitturnier statt, das wir kurz beobachteten. Da am Nachmittag der Regen nachließ und die Sonne herauskam, sind wir noch die vier Kilometer nach Insterburg gefahren. Insterburg ist sehr idyllisch an Inster, Pissa und Angerapp gelegen. Auch hier gibt es eine noch sehr gut erhaltene Ordensburg und noch für geistliche Zwecke genutzte Kirchen. Insterburg hat noch viel historische Bausubstanz, die oftmals schon sehr liebevoll restauriert wurde.
Unsere letzte Etappe am Montag nach Tilsit (Sowjetsk) kann durchaus als Storchenetappe bezeichnet werden. Wir haben auf der ca. 55 km langen Strecke sicherlich weit über hundert Störche und ebenso viele Storchennester gesehen. Petrus meinte es an diesem Tag besser mit uns und wir konnten die Strecke bei bewölktem Himmel, leichtem Westwind und ohne Regen absolvieren. Zunächst ging es auf Nebenstrecken entlang der Inster, bevor wir in hügeligeres Gelände Richtung Schillen (Schilino) und Ragnit (Neman) abbogen. In Ragnit befindet sich ebenfalls eine Ordensburg oberhalb der Memel (Neman), die sich allerdings hinter der „sozialistischen“ Wohnbebauung versteckte. Die letzten 12 km nach Tilsit mussten wir entlang einer viel befahrenen Hauptstraße mit Gegenwind bewältigen. In Tilsit erreichten wir in der Stadt-mitte die Luisenbrücke. Auf der gegenüberliegenden Seite der Memel befindet sich Litauen, so dass an dieser Außengrenze Russlands umfangreiche Grenzkontrollen zu erledigen sind. Aus diesem Grund sind provisorische Grenzanlagen in Containern geschaffen worden, die mit den in großer Zahl wartenden Lkw den Blick auf die Luisenbrücke verstellen. Durch die Haupteinkaufstraße ging es zu unserem Hotel Rossija im Herzen der Stadt, vor dem sich nicht nur das unvermeidliche Lenin-Denkmal sondern auch der nunmehr an seinen angestammten Platz zurück gekehrte „Tilsiter Elch“ befindet. Auch die Innenstadt ist noch in weiten Teilen mit ihrer historischen Bausubstanz vorhanden. Das Hotel Rossija war erst kürzlich renoviert worden und hatte einen besonderen „sozialistischen Charme“.
Dienstag morgen wurden wir und unsere Fahrräder von Dimitri abgeholt. Noch in Tilsit konnten wir unsere Fahrradtaschen umpacken. Nach ca. 2 Stunden kamen wir am Kaliningra-der Flughafen an. Nach einem reibungslosen und entspannten Flug sind wir um halb drei in Hannover gelandet.





Mit dem Aktivieren des Buttons erlauben Sie einen begrenzten Datenaustausch mit Facebook. Mehr dazu rechts unter .