Gustav-Adolf-Kirche in Hannover-Leinhausen wird Synagoge

Gustav-Adolf-Kirche in Hannover-Leinhausen (mit Kreuz). (Foto: Aus HAZ, 2007.)
 
Die "Sprungschanze" von der Stadtbahn aus.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Leinhausen – durch die Werkssiedlung des Ausbesserungswerkes – zu einem Stadtteil der Eisenbahner. Von 1959 bis 1965 entstand eine Mustersiedlung mit etwa 1000 Wohnungen und daraus eine eigene Kirchengemeinde. Im Jahr 1971 wurde das von Fritz Eggeling entworfene Gemeindezentrum mit Kirche eingeweiht; die Gemeinde umfasste damals 3400 Mitglieder. Der Kirchenraum mit seinem markanten Schrägdach lag im ersten Stock, darunter befanden sich Gemeidesaal und Taufkapelle. Im Innenraum dominierten zwei Kunstglasfenster, die „das siegende Licht des Evangeliums über das Dunkel der Erde“ symbolisieren sollten. An der Altarwand befanden sich Stoffbilder aus Chile mit den "sechs Taten der Barmherzigkeit". Der Volksmund nannte den ungewöhnlichen Bau „Sprungschanze Gottes“ oder „Seelenabschussrampe“.
Mit Beginn des Jahres 2009 wird das Gebäude eine Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannovers sein, am 25. Januar findet die Einweihung statt. In dem Viertel leben heute so viele Ausländer, die nicht evangelisch-lutherischer Konfession sind, dass die Gemeinde auf 1300 Personen geschrumpft ist. Man folgte Luthers Maxime: "Denn keine andere Ursache gibt es, Kirchen zu bauen, als dass die Christen mögen zusammenkommen. Und wo diese Ursache aufhört, soll man dieselben Kirchen abbrechen, wie man es mit anderen Häusern tut, wenn sie nicht mehr nützlich sind." Statt sie abzubrechen, hat man die Kirche für 350000 Euro verkauft. Alle christlichen Symbole wie Bibel, Taufschale, Abendmahlskelche und Kerzen wurden unter Gebeten aus der Kirche getragen und an ihren neuen Bestimmungsort gebracht. Das große Kreuz, das erst vor ein paar Jahren an der Außenfassade angebracht worden war, hat die katholische Nachbargemeinde in ihren Hof gestellt, die Stühle wollte eine andere Gemeinde haben; die Glocken konnte man mitnehmen.
In liberalen jüdischen Gemeinden ist vor allem die Rolle der Frau anders definiert als in den traditionellen oder gar orthodoxen: man praktiziert die Gleichberechtigung der Geschlechter und handhabt allgemein bestimmte religiöse Gebote weniger streng. Die Konservativen betrachten das liberale Reformjudentum mit seiner Hinwendung zum europäischen Geist der Aufklärung und der Öffnung für protestantisch geprägte Formen des Gottesdienstes mit Misstrauen; sie gilt als Abfall vom rechten Glauben und vom Gehorsam gegenüber dem Gott des Alten Bundes. Die Übergabe einer lutherischen Kirche an die größte liberale Gemeinde in Deutschland lässt sich als eine Geste verstehen, die von der Erinnerung an ein Stück gemeinsamen Weges diktiert sein mag (Klaus Harpprecht).
Die ersten Reformsynagogen, in denen deutsch gebetet, deutsch gepredigt und zum Klang einer Orgel auch deutsch gesungen wurde (ein Greuel in den Ohren der Orthodoxen) wurden in Norddeutschland, und zwar im Harz (Seesen) und in Hamburg etabliert. Am 17. Juli 1810 wurde die neugebaute Synagoge in Seesen eingeweiht. Sie wurde Tempel genannt, weil sie sich von den herkömmlichen Synagogen nicht nur in der Bauweise unterschied: sie besaß eine Orgel, eine Glocke, einen Chor, der deutsch sang; der Rabbiner trug eine Tracht, die einem evangelischen Geistlichen nachempfunden war. Nach dem Seesener Vorbild wurden auch in Wolfenbüttel, Dessau und Frankfurt am Main Schulgottesdienste eingeführt, und damit wurde der Seesener Tempel zum Ausgangspunkt des Reformjudentums. In der deutschen "Haskala" – jener Bewegung der Aufklärung, die Moses Mendelssohn, der Freund Lessings, geprägt hat, mag man eine Zwillingsschwester des "Kulturprotestantismus" erkennen, dessen leuchtendster Geist Friedrich Schleiermacher war, der Freund der Henriette Hertz, einer jener brillanten Damen jüdischer Herkunft, die in Berlin eine Elite des Geistes in ihren Salons willkommen hießen.

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