Mein Abenteuer in den Canyons von Utah (USA)

Moab (Vereinigte Staaten): Canyonlands | Liebe Leser,

seit 1989 reise ich regelmäßig in die USA und Kanada. Dabei interessiert mich vornehmlich der Westen der Länder, da die Landschaften Sehenswürdigkeiten bieten, die es in Europa nicht zu sehen gibt.

Sehr beeindruckt hat mich die Geschichte der ersten Einwanderer, der Erlebnisse der Menschen während des ersten großen Goldrausches um 1898 und welche Auswirkungen sich auf die Ureinwohner (Indianer oder Natives) dadurch ergaben. Dazu gibt es vielfältige Literatur, von Abenteuerromanen und Reiseberichten bis zu historischen Erzählungen, die sehr spannend sind, manchmal auch sehr nachdenklich machen.

So sehr ich auch gesucht habe, es gibt nur ein Werk, welches in der felsigen Landschaft der Canyons handelt. Das ist die wahre Geschichte von Aron Ralston, der seine Klettertour in den Slot-Canyons mit seinem Arm bezahlen musste (127 Hours - Im Canyon).

Da ich mich während meiner Reisen auch sehr gerne in den Felsen und Schluchten aufhalte und dort schon einiges Spannendes erlebte, möchte ich an dieser Stelle die Literatur um meine Abenteuer ergänzen, die ich vor einigen Jahren zum und im Canyonlands National Park in Utah erlebt hatte.

Außerdem regen mich die vielen unterschiedlichen Steingebilde zum Nachdenken und Träumen an und sorgen bei mir für eine innerliche Ruhe und Entspannung, die ich bisher nicht an sehr vielen Orten finden konnte. Auch davon habe ich in meinem Schilderungen ein Kapitel gewidmet, das sich im Arche National Park ereignet hatte.

Alles Geschilderte habe ich tatsächlich erlebt, nichts ist erfunden. Ich wünsche allen Lesern nun viel Spaß und Spannung beim Lesen. Für diejenigen, die mehr Fotos aus Nord-West-Amerika sehen möchten, empfehle ich meine webseite www.kanusa.org .

Klaus

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Mein Abenteuer in den Canyons



Es ist 13:30 Uhr und der Lufthansa-Pilot hat bereits den Sinkflug eingeleitet. Zielflughafen ist Denver/Colorado. Nach über 10 Stunden Flug bin ich froh, mich wieder frei bewegen zu können.



Der Bildschirm vor mir gibt Informationen zum Flugverlauf, insbesondere zu den zurückgelegten und noch zu fliegenden Kilometern, der Flughöhe und –geschwindigkeit sowie zur voraussichtlichen Ankunftszeit. Die Flughöhe beträgt noch 2.000 m und ich konzentriere mich auf die Angaben des Bildschirms. Wegen der mich blendenden Sonne habe ich das Fenster verdunkelt und stelle die Sitzposition auf Anweisung der Stewardess senkrecht.

Ein kräftiger Ruck geht durchs Flugzeug, die Triebwerke verändern ihre Geräusche und ich werde in die Sicherheitsgurte gedrückt. Jetzt stürzen wir ab, geht mir durch den Kopf. Irgend- etwas hat uns gerammt, Angst kommt auf. Bis ich wahrnehme, dass wir soeben gelandet sind, vergehen gefühlte Minuten. Das kann doch nicht sein, wir waren eben noch auf 2.000 m Höhe. Ich schiebe das Rollo nach oben uns sehe, dass wir tatsächlich auf der Erde ausrollen. Wie kann das sein?

Na klar gibt es dafür eine logische Erklärung. Auf meinen bisherigen Flugreisen landete ich stets auf Meeresniveau, also auf wenigen Höhenmetern. Denver liegt allerdings ca. 1.000 m hoch und daher setzten wir entsprechend eher auf. Damit hatte ich nur nicht gerechnet.

Denver liegt am Fuß der Rocky Mountains und ist idealer Ausgangsort für Autorundreisen in die verschiedensten Nationalparks. Nördlich befinden sich z. B. der Yellowstone Nationalpark (NP), der Custer State Park (SP), der Mt. Rushmore, der Devils Tower, die Badlands sowie das Custer Battlefield Museum.

Südlich Denvers erreicht man das „Garden oft the gods“ Nature Center bei Colorado Springs, den sehenswerten Ort „Cripple Creek“, das White Sands National Monument, das Cruise Missile Museum und den Big Bend NP.

Natürlich sind die Reiseziele nach deutschen Verhältnissen sehr weit voneinander entfernt und man muss sich auf eine längere, gut geplante Reise einstellen.

Mich zieht es nun aber ganz woanders hin, nämlich nach Westen den Hwy 70 entlang bis kurz hinter Crescent Junction und dann die landschaftlich sehr abwechslungsreiche „128“ entlang des Colorado Rivers bis nach Moab. Auch in Richtung Westen gibt es sehr viele Sehenswürdigkeiten, die mich aber momentan nicht weiter interessieren.

Moab befindet sich in Utah, hat ca. 5.000 Einwohner und liegt idyllisch zwischen hohen Felsformationen ganz in der Nähe des Arches NP und dem Canyonlands NP. Beide Nationalparks werden durch den Colorado River verbunden, der nur wenige hundert Meter an Moab vorbeifließt.

Die Einreise gestaltet sich unkompliziert und schon eine Stunde nach der Landung habe ich mein Gepäck und suche mir einen Shuttle-Bus, der mich zu meinem Mietwagen von Alamo bringt. Mit Alamo oder auch National habe ich bisher immer gute Erfahrungen gemacht und so steige ich in den von Alamo gestellten Bus. Die Fahrt dauert nur etwa 10 Minuten, die Sonne scheint am wolkenlosen Himmel und die Autoanmietung ist auch nach kurzer Zeit erledigt.

Wie immer, miete ich mir stets einen großen Van, der mir genügend Platz zum schlafen und meinem Gepäck bietet, möglichst den Chrysler Town and Country. So bin ich witterungsunabhängig, sehr flexibel, benötige keine Aufbauzeit für ein evtl. Zelt und kann recht kostengünstig weite Strecken bequem fahren.

Da steht er, ein schwarzer Chrysler Town and Country. Vollgetankt, wie immer. Sämtliche Rücksitze versenke ich in den doppelten Fußboden und habe damit eine riesige Liegefläche.

Mein erster Weg führt mich zu einer der vielen Shopping-Malls, um Getränke, Verpflegung, ein Kühlbox sowie einen Campingtisch und –stuhl einzukaufen. Jetzt bin ich absolut unabhängig und starte den Hwy 90 in Richtung Westen.

Langsam macht sich die lange Reisedauer bemerkbar, aber ich werde noch ein bis zwei Stunden fahren, um dann einen Campground anzufahren. Mit 60 Milen/Std. rausche ich mit eingeschaltetem Tempomat gemütlich über den Highway und kann dabei die waldreiche Umgebung genießen. Der Highway ist nahezu leer und die Straße windet sich langsam bergan. An manchen Stellen geben die Bäume den Blick auf die noch verschneiten Gipfel der Rocky Mountains frei und je höher ich fahre, desto kühler wird es. In Denver waren es noch 25 Grad C, hier sind es jetzt noch 12 Grad C.

Es ist jetzt 20:00 Uhr und ich halte bereits seit einer halben Stunde Ausschau nach einem Campingplatz (Campground), aber es kommt keiner. Ich bin ziemlich müde und nehme die nächste Ausfahrt, um irgendwo einen Stellplatz zum übernachten zu suchen. Es wird bereits dunkel und vor mir scheint eine kleine Siedlung zu sein. Ein schmaler Feldweg kommt wie gerufen und ich biege ab und finde Platz an einer scheinbar großen Freifläche. Endlich Feierabend. Es reicht jetzt auch.

Nun muss ich erst einmal alles Gepäck ordnen, mir meinen Schlafplatz im Fonds einrichten und zu Abend essen. Ich habe alles Notwendige dabei und lege mich müde und satt gegen 21:30 Uhr in meinen Schlafsack. Ich bin noch nicht eingeschlafen, da höre ich ein quietschendes Geräusch, schrecke auf und schaue nach vorne. Ich erschaudere von dem was ich sehe und höre. Im beleuchteten Eingang eines ca. 50 m entfernten Hauses steht eine Frau mit im Anschlag gehaltenem Gewehr und ruft in meine Richtung „What will you do there?“. Nur mit der Unterhose bekleidet hechte ich auf den Fahrersitz und starte den Wagen, um sofort den Rückwärtsgang einzulegen und in Richtung Hauptstraße zurückzubrausen.

Nach einigen Kilometern Fahrt stoppe ich den Wagen. Hatte ich vorhin versehentlich auf irgend einem Grundstück geparkt? Der Schreck sitzt mir immer noch in den Gliedmaßen, aber jetzt muss ich mich erst einmal wieder anziehen. Ich mag nicht mehr weit fahren und entscheide, den nächsten Parkplatz am Highway anzusteuern. Vor mir ist die Ausfahrt und ich suche eine leere Parkbucht. Ich krabbele wieder nach hinten, schalte die Innenbeleuchtung aus und mache es mir im Schlafsack bequem. Hier ist es zwar lauter als vorhin, aber das ist mir vollkommen egal. Ich bin müde und schlafe schnell ein.

Der Schlaf dauert nicht lange, als mich ein lautes Motorengeräusch weckt. Ich traue meinen Augen nicht. Neben meinem Wagen steht ein riesiger Truck mit laufendem Motor, auch vor und mir parken Autos. Die haben mich doch glatt zugeparkt! Die Kabine des Trucks ist dunkel und draußen ist kein Mensch mehr zu sehen. Es ist inzwischen auch schon 1:00 Uhr. Der Fahrer wird wohl in seiner Schlafkabine verschwunden sein und der laufende Motor sorgt für die nötige Heizungswärme. Na toll! Mir bleibt nichts weiter übrig, als ein Tempotaschentuch in Stücke zu reißen und die Teile als Ohrstöbsel zu verwenden. So lässt es sich wenigstens aushalten. Die Nacht ist entsprechend unruhig, da ich immer wieder aufwache. Gegen 05:00 Uhr ist der Spuk endlich vorbei. Der Truck fährt weiter und es kehrt endlich Ruhe ein.

Es ist 8:00 Uhr als ich aufwache und es ist immer noch verdächtig still. Zwar höre ich einige Autos auf dem Highway fahren, aber die stören mich nicht. Ich fühle mich fit, freue mich auf die mir bevorstehende Tour und habe die gestrigen Erlebnisse fast schon wieder vergessen. Nur die Frau mit dem Gewehr wird mir in Erinnerung bleiben. Das war krass.

Wie sieht denn nun der Plan für heute aus? Erst einmal mache ich mir etwas zu essen, ich habe ja alles dabei. Aber warum soll ich jetzt schon meine Vorräte aufessen? Nur 100 m von mir entfernt gibt es „Coffee and Breakfast“. Also ziehe ich mich an und betrete kurz danach das kleine Restaurant. Kaffee als Flatrate – einmal zahlen und soviel trinken wie möglich. Das ist fair. Die heißen und fettigen Würstchen drehen sich auf dem Bratrost und der Speck brutzelt in der Pfanne. Das ist nichts für mich, ich ziehe Käse und Marmelade zum Frühstück vor. Zwar gibt es nur Weißbrot – wie fast überall in den USA, aber das wird schon reichen.

Im Raum herrscht Geschäftigkeit. Viele Trucker kommen, halten mitunter ein kurzes oberflächliches Gespräch und verschwinden dann schnell wieder. Irgendwie bin ich hier fehl am Platz. Das ist mir aber egal und ich genieße das erste Frühstück. Es ist allemal interessant, die fremden Menschen zu beobachten, die meisten ziemlich dick, einige spindeldürr, groß und klein, aber alles nur Männer – außer der Bedienung.

Mein Auto wartet brav auf mich. Bis zur Abfahrt bei Cisco ist noch etwa eine Stunde zu fahren. Aber zunächst muss ich mir meine Unterwegs-Verpflegung griffbereit zurechtlegen. Die Ablage zwischen dem Fahrer- und Beifahrersitz ist so großzügig bemessen, dass ich dort bequem eine Tagesration von Keksen, Salzstangen und Nüssen neben zwei großen Getränkeflaschen unterbringen kann. Um nach hinten zu gelangen, brauche ich nur die am Sitz befestigte Armlehne hochzuklappen und einen großen Schritt über die Ablage zu machen. Ich starte den Sechszylinder-Automatik-Wagen und brumme langsam vom Parkplatz.

Links und rechts des Highways sind viele Skilifte zu erkennen, die jetzt mangels Schnee nicht mehr in Betrieb sind. Im Winter ist hier überall ein weitläufiges Skigebiet, das über die nationalen Grenzen hinaus bekannt ist. Ein Truck will mich überholen, fahre selbst aber bereits 65 Miles/h, das entspricht etwa 105 km/h. Ein Riesenteil, sicher über 30 m lang. Ich lasse ihn ziehen und spiele nebenbei mit den verschiedensten Knöpfen am Armaturenbrett. Nur so lerne ich die ganzen Funktionen kennen.

Die Stunde vergeht schnell und schon kommt die Ausfahrt auf die „128“. Seit der Abfahrt ist hier die erste Tank- und Raststelle, also nach mehr als 100 km. Ansonsten ist hier nichts, weites trockenes und flaches Land. Und wo ist der Ort Cisco? 10 km nach der Abfahrt erreiche ich ihn. Naja, wenn man das Ort nennen kann? Es ist eine Geisterstadt, mit vielleicht 10 – 15 mehr oder weniger verfallenen Hütten. Menschen kann ich keine sehen. Was sollte man hier auch machen. Hier gibt es nichts, rein gar nichts. Der Wind treibt trockene Grasbüschel über die Straße, so wie wir es auch Westernfilmen kennen.

Den Colorado erreiche ich nach weiteren 22 km, der ab hier mein ständiger Begleiter bis nach Moab sein wird. Die Gegend verändert sich zunehmend, die Straße führt zwischen etwa 100 m hohen Felswänden im Flusstal entlang und gibt an manchen Stellen den Blick auf riesige Felsformationen (Monuments) frei. Ich halte an, steige aus und genieße diese Aussicht bei herrlicher Stille. Autos fahren nur selten an mir vorbei und das zirpen der Grillen passt zum Gesamteindruck. Die braunen Felsen setzen sich von dem zarten Grün der anderen Umgebung deutlich ab und nach einigen Hundert Metern ist die gewundene Straße inmitten dieser Landschaft nicht mehr zu erkennen. Eine innere Zufriedenheit und Ruhe weicht mehr und mehr dem ansonsten recht hektischen Alltag. Niemand erwartet hier etwas von mir oder gibt mir irgendwelche Aufgaben. Inzwischen ist es schon sehr warm geworden am wieder wolkenlosen Himmel. Noch habe ich aber etwa 50 km vor mir.

Links der Straße enden die hohen Felsen und der Blick wird frei auf weites, leicht welliges trockenes Land mit hohen einzelnen Felsformationen, deren braune Farbe sich beeindruckend vom tiefblauen Himmel abhebt. Die Erosion hat dafür gesorgt, dass nur die harten Gesteine stehengeblieben sind und die anderen Bereiche abgetragen wurden. So sieht der Boden mit seiner ebenfalls braunen Farbe wie die Reste von klein gemahlenem Felsgestein aus. An manchen Stellen trotzen niedrige Sträucher dem dauernden Wind und geben der Landschaft einige Farbtupfer.

Rechts der Straße verläuft der Colorado und gleich dahinter ist die Grenze des Arches-Nationalparks. Jetzt sind es nur noch wenige Kilometer bis zur Hauptstraße (191), von wo aus es nur noch wenige Kilometer bis nach Moab sind. Die ersten überdimensionalen Werbeschilder tauchen an den Straßenrändern auf und weisen auf Campingplätze und Hotels hin, auch sind hier wieder mehr Autos unterwegs. Die Berge öffnen sich und geben den Blick in das breite Tal frei, in dem Moab liegt.

Ich fühle mich fast wie zuhause, auch wenn das richtige Zuhause mehr als 12.000 km entfernt liegt und es hier total anders aussieht. Ich bin hier bereits das 4. Mal und kenne die Wege schon recht genau. Mein Ziel ist der KOA Campingplatz am südlichen Ortsende. In der kleinen Stadt herrscht sommerliches Treiben: Sportler queren die Straße mit ihren Mountain Bikes, die Restaurants sind mit Gästen gut gefüllt und überall werden Waren mit Souvenirs angeboten. Ich fahre die Hauptstraße langsam entlang und genieße dieses Flair.

Eigentlich könnte ich mir auch in der Nähe der Stadtmitte einen Campingplatz suchen, aber mit dem etwas außerhalb gelegenen KOA Campground verbinden mich Erinnerungen an meine erste Tour mit meinem Freund Udo 1998. Seitdem gehört dieser Platz für mich zu einem unbedingten Muss. Neben einem Pool – den ich noch nie genutzt habe -, besteht die Möglichkeit, auch Cabins zu mieten oder nur einen einfachen Stellplatz für mein Auto und/oder ein Zelt. Die Sanitäranlagen sind sauber und ein kleiner Souvenir- und Lebensmittelladen ergänzt das Angebot. Je nach Stellplatz, kann ich einen herrlich weiten Blick auf die Berglandschaft genießen.

1998 war Moab einer von vielen Campingplätzen auf unserer Rundreise, die wir von San Francisco aus für drei Wochen unternahmen. Hier ganz in der Nähe besuchten wir Bill, der mit uns einen Ausritt in die nähere Umgebung unternahm. Da weder Udo noch ich Reiterfahrung hatten, konnten wir nur eine kleine Strecke im Schritt auf dem Pferderücken aushalten. Aber es war ein tolles Erlebnis, während dem uns Bill ständig über Ortsneuigkeiten informierte. Letztlich waren wir aber froh, diese Tour unternommen zu haben, auch wenn unser Allerwertester ganz schön gelitten hatte. Die Reise von über 7.000 km forderte unser Aufnahmevermögen derart, dass wir die Reise um 4 Tage auf 2 ½ Wochen verkürzten. Seit dem bin ich regelmäßig in den USA und Kanada.

Vor mir taucht das Schild „KOA Campground on the left side" auf. Es gibt ihn also noch. Langsam rolle ich den staubigen Weg bis zur Anmeldung. Es hat sich scheinbar nichts verändert. Sogar das ältere Ehepaar steht immer noch hinter dem Tresen und nimmt die Reservierung vor. Sie erinnern sich zwar nicht mehr an mich, aber begrüßen mich freundlich und weisen mir einen Platz weiter hinten im Gelände zu. Ich weiß schon, wo das ist. Los geht’s.

Ich fahre an den Sanitäranlagen vorbei, danach kommen die Stellplätze für die gigantischen Wohnmobile. Zwei davon stehen hier, der eine hat sein Slide-Out ausgefahren, mit dem er sein Wohnzimmer um einige Quadratmeter vergrößert. Hinter dem Wohnmobil ist ein VW Passat an das Wohnmobil mit einer eisernen Vorrichtung gekoppelt. Zusammen dürfte das ganze Gefährt über 15 m lang sein. Manch ein Amerikaner hat für diesen Luxus alles Hab und Gut verkauft und erkundet, gerade im Rentenalter, damit die USA und Kanada.

So, da vorne ist mein Stellplatz. Er liegt sehr schattig unter einem großen Baum und genug Platz für mein 2-Personen-Zelt. Mein Auto darf ich gleich daneben parken, absolut praktisch.

Ich habe mich entschieden, auf dem Campingplatz in meinem Zelt zu schlafen, um die Nähe zur Natur zu spüren und nachts beim Toilettengang nicht die Nachbarn zu stören. Denn jedes Mal beim Öffnen oder Schließen der Autotür ertönt ein deutlich hörbares Huuuuup. Zu meinem Platz gehört auch eine eiserne und in den Boden eingelassene Feuerstelle mit Grillaufsatz. Es ist durchaus üblich, sich abends ein Feuer anzumachen. Das Feuerholz dafür kann ich mir entweder im kleinen Laden kaufen oder in der näheren Umgebung selbst einsammeln. Jetzt aber baue ich erst einmal mein Zelt auf. 20 Minuten später bin ich damit fertig und hole meine 10 cm dicke Iso-Matte sowie den Schlafsack aus dem Wagen. Sämtliche Plätze im direkten Umfeld sind leer, nur einige Wohnmobile parken in etwa 50 m Entfernung. Scheinbar ist noch keine Ferienzeit, so dass ich hier meine Ruhe habe.

Wie sieht denn meine weitere Planung aus? Natürlich bin ich nicht nur einfach so nach Moab gekommen. Mich faszinieren jedes Mal wieder die riesigen Felsen, tiefen Schluchten und sonderbaren Felsformationen, die von hier aus entweder in den Canyonlands oder dem Arches Nationalpark schnell mit dem Auto erreichbar sind. Ich möchte aber mehr sehen, als mit dem PKW möglich und dabei ungestört bleiben. Daher habe ich mich entschieden, mir in Moab ein Mountain Bike zu leihen und die Canyonlands damit zu erkunden. Aus dem Internet habe ich mir zuhause bereits eine aktuelle Park Map in Farbe ausgedruckt. Die gleiche Landkarte bekomme ich auch bei der Ranger Station am Parkeingang. Die Internetauftritte der Nationalparkverwaltungen sind sehr gut und bieten sämtliche notwendige Informationen über den jeweiligen Nationalpark, so auch diese Karte.

Jetzt aber habe ich erst einmal Hunger. Das Feuer ist schnell in Gang gebracht und ich hole mir eine der vielen Fertiggerichte aus dem Auto. Heute gibt es feurigen Gulascheintopf. Ich öffne die Dose und stelle sie in das offene Feuer. 10 Minuten später ist der Inhalt heiß. Dazu gibt es Weißbrot und eine Flasche alkoholfreies Bier.

Es ist noch früh am Nachmittag. Eigentlich könnte ich mir jetzt noch ein Fahrrad mieten, dann kann ich morgen gleich losfahren. Gedacht, getan. Ich steige wieder ins Auto und fahre nach Moab. Irgendwo wird sich schon ein Fahrradverleiher finden. Ich muss gar nicht lange suchen, da stehe ich schon vor der „Rim Cyclery“ in der W 100 N, einer kleinen Nebenstraße der Main Street. Geöffnet ist auch und so trete ich ein. Der Laden hat eine große Auswahl an Fahrrädern, Mountain Bikes und Rennrädern. Der nette Verkäufer zeigt mir einige Modelle und schnell entscheide ich mich für ein 26“ Mountain Bike. Ich miete es erst einmal für 2 Tage für insgesamt 60,- USD und lade es in den riesigen Kofferraum meines VANS.

Brauche ich noch Lebensmittel und Getränke? Ich fahre den nächsten Lebensmittelmarkt an und versorge mich erst einmal für die nächsten Tage. Da es hier auch richtig warm ist, so um die 25 Grad C, brauche ich auch mindestens einmal am Tag eine Packung Eis, die ich zur Kühlung in meine Cooler-Box zu den verderblichen Lebensmitteln packe. Eispakete gibt es stets an jeder Tankstelle oder im Supermarkt. Da mein Auto am Campingplatz weitgehend im Schatten steht, wird dieser Eisklotz auch 2 Tage halten, bis es getaut ist. Dann erst schwimmen die Lebensmittel im Wasser. Aber ich benötige noch eine Flasche Wein und einige Dosen Bier. Die gibt es nur im Liquor Shop, denn nur hier dürfen hochprozentige alkoholische Getränke verkauft werden. Bier und Wein gibt es zwar auch im Supermarkt, aber der Alkoholgehalt darf dort nicht mehr als 0,5 % betragen.

Ich brauche gar nicht weit fahren, denn der State Liquor Store befindet sich auch ganz in der Nähe der Main Street in Richtung Campingplatz. Mit meiner „Beute“ fahre ich wieder zum Campingplatz. Zu jedem Stellplatz gehört auch ein großer Holztisch mit zwei Bänken, so dass ich meine großen Landkarten problemlos ausbreiten kann. Welche Tour will ich denn fahren?

Kurz hinter dem Arches Nationalpark biegt die „313“ ab, die sich bald auch „Island in the sky Rd“ oder „Grand View Point Rd“ nennt. Sie führt auf dem Rücken einer riesigen Felsformation entlang und endet am Grand View Point. Von hier aus kann man einen herrlichen Ausblick auf das weite Land und den Colorado sowie Green River, die hier zusammenfließen. Allerdings verstecken sich die beiden Flüsse oftmals in den tief von ihnen ausgeschnittenen Canyons.
Der Felsen fällt bis zur nächsten Ebene etwa 500 m tief ab, die Flüsse haben sich in diese zweite Ebene noch einmal etwa 100 m tief eingeschnitten. Soweit ich auf der Karte erkennen kann, verläuft auf dieser zweiten Ebene eine staubige Straße, die als „Shafer Trail“ beginnt und später „White Rim Rd.“ den gesamten Felsen umrundet. Das schaue ich mir morgen einmal näher an und nehme mein Fahrrad gleich mit. Wenn mir die Tour nicht gefällt, kann ich mich immer noch für eine Strecke entscheiden. Inzwischen ist es dunkel geworden und ich werde müde. Ich habe heute viel erlebt und sehne mich nun nach meinem Schlafsack.

Helles Licht erleuchtet mein Zelt. Scheinbar habe ich tief geschlafen und aufgewacht bin ich in der Nacht auch nicht. Reißverschluss auf und schon stehe ich draußen und die Sonne steht schon recht hoch am Himmel. Nur vereinzelte kleine Wolken sind zu sehen. Das ist wunderbar. Zum Frühstück gibt es Weißbrot mit Butter, Käse und Marmelade, dazu einen heißen Tee, denn ich mir auf meinem Gaskocher zubereite.

Jetzt muss ich genau überlegen, was ich alles auf die Radtour mitnehmen muss. Heute Abend will ich wieder hier sein, so dass der kleine Rucksack für meinen Proviant ausreichen müsste. 5 Liter Wasser, Kekse, Müsli-Riegel, Weißbrot, Wurst und Käse. Das muss reichen. Außerdem packe ich noch ein großes Messer und eine Alu-Notfalldecke und Verbandzeug ein, man weiß ja nie. Ein Reparaturset für das Fahrrad habe ich auch dabei, genauso wie den Helm.

Mein Fahrrad liegt noch im Auto und so starte ich gegen 09:00 Uhr. Ich biege nach Norden auf die US 191 und habe bis Abbiegung auf die 313 ca. 25 km zu fahren. Es herrscht kaum Verkehr, auch in Moab ist es noch ruhig. Bald überquere ich den Colorado und fahre am Arches Nationalpark vorbei. Vor einigen Jahren wurde ein von der Straße getrennter Fahrradweg, der Canyon Pathway, eröffnet. Er beginnt kurz hinter Moab und endet an der Abzweigung zum Canyonlands-Nationalpark, das sind gut 13 km. Vor mir liegt bereits die Einfahrt und es dürften noch etwa 34 km bis zum Beginn des Shafer Trails zu fahren sein. Die Straße steigt stetig an bis ich auf einer baumlosen Hochebene fahre. Grandiose Blicke sind von manchen Stellen möglich.

Die „313“ führt direkt in den Dead Horse Point State Park und endet dort. Vom Aussichtpunkt blickt man tief in den Colorado hinab, der hier eine 180 Grad Kurve macht. Die übrige Landschaft ist derart überwältigend schön, dass es sich in jedem Fall lohnt, hier etwas länger zu verweilen.

Ich aber will weiter und fahre ein kurzes Stück zurück. Dann kommt die Abzweigung auf die „Grand View Point Rd“. Bald bin ich da. Nach einigen Kilometern erreiche ich die Rangerstation, an der ich den Eintritt in den Park bezahle. Je PKW incl. Fahrer fallen 10,- USD an und für das Fahrrad muss ich 5,- USD entrichten, insgesamt also 15,- USD. Noch sind es ca. 2 km bis zum Shafer Trail. Verschiedene große Infotafeln stehen am Straßenrand, die u. a. Verhaltensregeln innerhalb des Parks beinhalten. Da ich mich immer auf den Wegen halte, weder wild campen, noch die Natur beschädigen will, dürften diese Hinweise für mich nicht so interessant sein. Dort steht auch, dass ich ab bestimmten Punkten ein Permit (Erlaubnis) benötige. Da ich die Hinweistafeln nicht durchlese, entgeht mir diese Info, was mir noch Schwierigkeiten bereiten wird. Aber davon später.

Vor mir zweigt eine staubige Straße ab. Hier beginnt der Shafer Trail. Ich biege ab und suche mir am Straßenrand einen geeigneten Platz zum parken. Auch hier stehen wieder Infoschilder, die ich ignoriere. Ich lade mein Fahrrad aus, schultere den Rucksack, setze den Fahrradhelm auf und verschließe den Van. Den Autoschlüssel deponiere ich sicher in der umgeschnallten Reisetasche. Jetzt geht es endlich los.

Die Straßenoberfläche ist festgefahren, so dass ich mit dem Mountain Bike gut vorankomme. Zunächst geht es leicht bergab, rechts eine Felswand und nur wenige Meter auf der linken Seite der tiefe Abgrund. Andere Besucher sind nicht zu sehen und so radele ich auf der vielleicht 5 m breiten Straße immer weiter in die Canyonlandschaft. Die steilen Felswände reflektieren die Wärme, so dass die gefühlte Temperatur um 11:00 Uhr bereits gefühlte 25 Grad C beträgt. Ein warmer Luftzug versucht mich etwas zu kühlen und die Straße führt in einem großen Bogen um eine dieser tiefen Schluchten herum. Könnte ich fliegen, wären es nur einige hundert Meter bis auf die andere Seite. Dahinter folgt eine Rechtskurve um den nächsten Felsen und so geht es abwechselnd mal links und mal rechts herum. Tief unten erkenne ich eine Straße. Ob ich dort wohl auch fahren werde?

Dann stehe ich plötzlich vor der sich in steilen Serpentinen nach unten führenden Straße. Da soll ich jetzt herunter? Das ist doch lebensgefährlich!

Ich wage es. Das Vorderrad senkt sich bedrohlich und ich muss mich mit beiden Händen gegen die Regeln der Schwerkraft stemmen, um nicht über den Lenker zu fallen. Ein Bremsversuch zeigt, dass ich mich möglichst weit nach hinten setzen muss, damit sich das Hinterrad nicht nach oben bewegt und ich einen Überschlag mache. Vor allem ist ganz langsames fahren angesagt, damit das Vorderrad in einer Kurve nicht wegrutscht.

Tief unten erkenne ich ein Auto, das eine breite Staubfahne hinter sich herzieht und mir sicherlich gleich entgegen kommt. Es dauert fast 10 Minuten, bis ich Motorengeräusch höre und mich der Wagen erreicht. Inzwischen bin ich auch schon auf halber Höhe angekommen und die beiden Insassen lächeln mich freundlich an. Schon sind sie vorbei und Stille kehrt wieder ein.

Im Tal zieht sich die Straße über mehrere Kilometer geradeaus und verschwindet weit am Horizont hinter einer Bergkuppe. Von hier oben habe ich einen guten Überblick. Immer wieder erfordern Querrillen höchste Aufmerksamkeit, denn sie können mich schnell zum stürzen bringen, wenn ich diese nicht im 90 Grad Winkel überfahre. Sie entstehen bei heftigen Regenfällen durch das ablaufende Wasser.

Vor mir liegt die letzte Kurve, dann bin ich unten auf der zweiten Ebene und ab jetzt gibt es nur noch schwache Steigungen oder Gefälle. Dafür eine vor mir endlos erscheinende Strecke ohne irgendwelche Abwechslung. Hinter mir die etwa 500 m steil aufragenden Felsen, vor mir eine weite Steinwüste mit wenigen hartnäckigen Grasbüscheln. Ich habe gute Laune und erfreue mich dieses schönen Tages. Vor mir geht es leicht bergan und ich bin schon gespannt, was ich dahinter sehen werde. Hier in der Senke ist der Untergrund ziemlich sandig, aber dank der breiten Reifen komme ich mit etwas mehr Kraftanstrengung gut hindurch.

Ich erreiche die Hügelkuppe und die Straße macht eine Rechtskurve. Direkt vor mir muss aber der Colorado fließen, erkennen kann ich ihn wegen der tiefen Schlucht jedoch nicht. Ich stoppe, stelle das Fahrrad an einen trockenen Busch und wandere durch das niedrige Gestrüpp in Richtung des vermuteten Flusses. 200 m weiter stehe ich am Rand des senkrecht abfallenden Felsen, tief unten der Colorado. Was für eine Aussicht! Weit im Hintergrund einige noch schneebedeckte hohe Berge, darüber der blaue Himmel und vor mir die von Wind und Wetter gestaltete Felsen- und Schluchtenlandschaft. Einige Meter von mir entfernt liegt ein riesiger Felsblock am Canyonrand. Wie ist der wohl dahin gekommen? Das ist für mich ein idealer Rastplatz, denn meine Essens- und Trinkvorräte habe ich im Rucksack auf meinem Rücken. Ich klettere auf den Felsklotz und mache es mir gemütlich. Natürlich habe ich auch meinen Fotoapparat und den dazu gehörenden Fernauslöser mit, so dass ich gleich noch einige Selbstportraits von mir machen kann. Zuhause glaubt mir sonst niemand, was ich hier zu sehen bekomme.

Irgendwo auf der anderen Canyonseite, hoch oben auf den Felsen, ist der Aussichtspunkt des Dead Horse Parks. Eigentlich sollte ich einige Touristen erkennen, aber es ist so hoch oben, dass mir das scheinbar nicht möglich ist. Diese Weite und vielen verschiedenen Felsformationen lassen meine Gedanken abschweifen. Vor der nächsten Flusskurve stehen drei riesige Felsnadeln. Das ist bestimmt eine Familie mit Vater, Mutter und Kind. Sie haben sogar Gesichter und schauen sich an. Sicherlich unterhalten Sie sich gerade darüber, wann mal wieder ein Kanufahrer auf dem Fluss entlangkommt. Etwas weiter links erkenne ich eine mehrere Kilometer lange Felswand, deren oberer Rand so modelliert wurde, als wären es ganz viele Köpfe. Sie sind braun wie der Felsen, die darunter liegende Schicht ist fast weiß, so als hätten sie Hemdkragen an. Das Ganze sieht aus wie ein ganzes Orchester, fehlt nur noch die Musik. Aber auch die ist da. Bei genauem hinhören singt der Wind abwechselnd in hellen und tiefen Tönen. Und der Colorado ist gar kein Fluss, es ist eine mächtige Schlange, die sich zwischen den Felsen entlangwindet und ein Opfer sucht.

Ein knacken in meiner Nähe reißt mich aus meinen Träumen. Was war das? Hinter dem nächsten Busch raschelt es. Dann huscht ein kleiner Hase hinter dem Strauch hervor und flüchtet in Richtung meines Fahrrades, das immer noch geduldig auf mich wartet.

Ein Blick auf die Uhr mahnt mich zur Weiterfahrt, denn ich will ja heute Abend wieder bei meinem Auto ankommen. Ich habe mir gedacht, den Shafer Trail und später die White Rim Road bis unterhalb der Stelle zu fahren, wo die Hauptstraße am Aussichtpunkt endet. Lt. Parkmap ist hier ein schmaler Weg, der mich wieder bergauf zur Hauptstraße führt. Von dort kann ich dann bequem auf dem Asphalt in ca. 1 Stunde zu meinem Auto zurückfahren. Zumindest ist so der Plan. Also schwinge ich mich wieder auf meinen „Rappen“ und fahre weiter.

Die Straße verläuft mal dicht ab Abgrund, dann wieder unterhalb steiler Felsen und ansonsten auch öfter über breite Felsplateaus. Ständig ein leichtes auf und ab. Wieder kommt mir ein Auto entgegen und hinter der nächsten Biegung sehe ich sogar mehrere Wagen am Felsrand stehen. Die Touristen haben Tische und Stühle mitgebracht bereiten scheinbar gerade ihr Mittagessen vor. Einige Kinder spielen gefährlich nahe am Abgrund. Naja, das wäre mir zu gefährlich, aber die sind es wohl gewohnt. Einen anderen Fahrradfahrer habe ich aber bisher nicht gesichtet. Die wird es in den USA wohl auch kaum geben, denn hier werden die kürzesten Entfernungen immer mit dem Auto zurückgelegt. Obwohl, in der Nähe der „Sportlerstadt“ Moab hätte ich vielleicht doch einige Fahrradfahrer erwartet.

Ich fahre an der Gruppe vorbei, grüße mit erhobener Hand und verschwinde dann wieder in dem Gewirr von Felsen. Der Weg macht eine scharfe Rechtskurve, ich stoppe. Vor mir geht es einige Meter steil bergab bei sehr unebener Strecke und gleich wieder hoch. Das Ganze auch noch sehr dicht am Felsrand entlang. Für Autofahrer ein nahezu unüberwindbares Hindernis. Für mich machbar, aber nur zu Fuß. Ich steige ab und schiebe mein Rad um die weitläufige Biegung. Angekommen. Wer weiß, welche Überraschung noch auf mich wartet.

Ich fahre weiter und müsste bald an der Stelle ankommen, wo der Weg nach oben auf den Berg führt. Es ist inzwischen 15:30 Uhr und ich erkenne, dass die Straße weiter vorne immer dichter an das Plateau führt. Bis dahin erkenne ich aber noch zwei Canyonspalten, die es zu umfahren gilt. Am Straßenrand erkenne ich ein Schild. Das ist das erste Schild seit ich das Auto verlassen hatte. Ich komme näher und freue mich, denn dort steht: „Way to the Top“. Aber darauf ist noch mehr zu erkennen. Ein rot durchgestrichener Fahrradfahrer mit dem Hinweis „No bicycles“.

Und nun? Gut, das erste Stück ist so sandig, dass ich das Rad ohnehin nur schieben kann. Das dürfte auch die Erklärung für das Verbot sein. Ich verlasse die Hauptstraße und schiebe mein Mountain Bike. Vor mir türmt sich die hohe Felswand auf. „Der Weg muss ja ordentliche Serpentinen haben“, denke ich. Nach etwa 100 Metern stehe ich vor meinem ersten Hindernis. Ich muss auf einen 1 m hohen Felsabsatz klettern. Ich steige hinaus, ziehe mein Fahrrad hinterher und setze meinen Weg auf dem inzwischen sehr schmalen Pfad fort. Wieder ein Blick nach oben. Wie soll das wohl gehen. Des Rätsels-Lösung zeigt sich hinter der nächsten Biegung. Wieder steht ein Felsklotz vor mir, noch etwas höher als der erste. Ich klettere hinauf, nur mit großer Mühe ziehe ich das Rad hinterher. Nur ein paar Meter weiter das Gleiche.

Das schaffe ich nie! Dieser Weg scheint nur ein Wanderweg für gut trainierte Leute zu sein. Daher also das Fahrradverbotsschild.

Ich gehe den Weg zurück bis zur Hauptstraße, hole mir meine Park-Map hervor und überlege, ob ich jetzt zurückfahren soll oder mir einen neuen Weg suche. Noch ist Zeit genug. Die ganze Strecke von ca. 50 km zurückfahren und dann den Berg hinaufgehen? Der Gedanke liegt mir fern. Auf der Landkarte erkenne ich, dass in etwa 30 km Entfernung ein wesentlich längerer Weg auf das Plateau eingezeichnet ist. Das wird dann wohl ein langsam ansteigender Weg sein, wo ich mein Fahrrad auch schieben kann. Für 30 km brauche ich etwa noch 2 – 3 Stunden und für die „Bergbesteigung“ 1 Stunde, so dass ich noch vor Einbruch der Dunkelheit oben sein werde. Ich entscheide mich für diese Lösung, denn zurückfahren will ich wirklich nicht.

Es ist immer noch sehr warm und meine Trinkvorräte schwinden so dahin. Hier gibt es nirgends Wasser! War die Entscheidung richtig? Langsam kommen mir Zweifel, aber ich kann jetzt nicht mehr zurück, denn ich bin bereits wieder 1,5 Stunden gefahren. Weiter geht es.

Die Strecke wird steiniger und holprig. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich der Untergrund spürbar auf meinen Körper bemerkbar macht. Ich schaue auf mein Hinterrad und stelle fest, dass der Reifen nur noch sehr wenig Luft hat. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich halte an und untersuche den Reifen. Es ist nichts Verdächtiges zu sehen. Ich pumpe das Rad wieder auf und werde sehen, was passiert. Dann geht es weiter. Inzwischen konzentriere ich mich so sehr auf meine weitere Strecke, dass ich die schöne Gegend gar nicht mehr genießen kann. Hoffentlich geht der Weg nach oben!

Ich habe jetzt das Ende des Plateaus umrundet. Tief unten im Canyon fließt der von der anderen Seite kommende Green River in den Colorado. Aber dafür interessiere ich mich jetzt nicht. Gleich muss die Stelle mit dem Weg nach oben kommen. Da vorne muss es sein. Wieder steht ein Schild am Straßenrand – mit den gleichen Hinweisen wie vorhin. Ich begutachte den Pfad zu Fuß und stelle fest, dass ich auch hier nicht mit meinem Fahrrad hochkomme. Soll ich das Fahrrad hier lassen? Nein, keinesfalls.

Ratlos stehe ich vor dem Pfad. Ich schaue mich um und sehe in einigen Metern Entfernung ein großes Schild. Ich gehe näher und bin total erstaunt. Dort steht: Campground. Hier, in der gottverlassenen Gegend ist ein Campingplatz. Ich schiebe mein Rad dorthin und hoffe, vielleicht einen anderen Camper zu entdecken. Fehlanzeige. Hier ist niemand. Aber was steht dort? Ich gehe näher heran. Es ist ein Plumpsklo aus Beton. Ich setze mich auf den nächsten Stein und überlege, was ich jetzt wohl noch machen könnte. Ich habe noch ausreichend zu essen dabei, aber nur noch etwa 1 Liter Wasser. Das ist zu wenig. Zum Fluss komme ich auch nicht hinunter, da es viel zu steil ist. Zurückfahren? Weiterfahren? In jedem Fall sind das mindestens 5 Stunden Fahrt plus Bergbesteigung. Heute sowieso nicht mehr, denn in einer Stunde wird es dunkel.

Das war’s dann wohl! Hier kommt sowieso niemand vorbei und bis jemand kommt, bin ich verdurstet. Die Sonne senkt sich langsam hinter den Horizont und es wird spürbar kühler. Und ich habe nur mein kurzärmeliges T-Shirt und eine kurze Hose an. Mehr an Kleidung habe ich nicht mitgebracht. Warum auch, denn ich war mir sicher, jetzt schon wieder beim Auto zu sein.

Meine aussichtslose Lage wird mir jetzt erst so richtig bewusst. Ich werde erfrieren und verdursten. Das sind keine guten Aussichten. Mir fällt ein, dass ich noch die Notfalldecke habe. Die müsste zum warm halten ausreichen und in der Nacht brauche ich sowieso kein Wasser. Und morgen muss ich mir die Flüssigkeit gut einteilen. Vielleicht kommt mir ja doch noch jemand entgegen und kann mir helfen?!.

Ich schiebe mein Fahrrad zum Toilettenhaus und platziere es rechts neben dem Klo. Das ist schon eine ganz schön dumme Situation. Wie konnte mir das passieren, zumal ich alles immer gut plane? Ich bin hier halt nicht in Deutschland, wo die Besiedlung viel dichter ist und in kurzer Zeit immer Hilfe erreichbar ist. Am Himmel sind überall Sterne zu erkennen, die Sonne ist inzwischen untergegangen und es ist nur noch ein leichter Lichtschimmer vorhanden. Ob mich von dort oben wohl jemand sieht, meine Not erkennt und mir Hilfe schickt?

Plötzlich höre ich Stimmen. Das kann nicht sein. Hier ist niemand. Wieder höre ich Stimmen. Sie kommen aus der Richtung des weiteren Straßenverlaufs. Ich gehe in dorthin und bleibe abrupt stehen. Das glaube ich jetzt nicht. Dort stehen vier Motorräder, vier Zelte und ein Mann, der auch gerade in sein Zelt gehen will. Das ist doch jetzt ein Traum, oder?

Der Mann entdeckt mich und schaut mich genauso ungläubig an, wie ich ihn anstarre. „What do you do here“, sagt er zu mir. Was ich hier mache? Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre von ihm, dass sie zu viert eine Biker-Tour auf dem White Rim Trail unternehmen, also in genau entgegengesetzte Richtung wie ich. Ich schildere ihm meine Situation und er bietet mir eine dünne Decke für die Nacht an. Da sie auch nur das Nötigste mithaben, kann er mir nicht mehr geben. Morgen Früh um 07:00 Uhr dürfte ich aber gerne wiederkommen, dann bekomme ich heißen Tee, etwas zu essen und auch ausreichend Wasser.

Mir stehen fast die Tränen in den Augen. Da hat mich doch tatsächlich ein Engel im Himmel entdeckt und mir Hilfe geschickt. Dankbar nehme ich die Decke, wünsche eine gute Nacht und verschwinde in meiner Toilette. Denn mein Nachtlager habe ich auf der anderen Seite des Klos vorbereitet. Das Toilettenhaus hat zum Glück eine Tür und so bin ich vor der Kälte etwas geschützt, auch wenn ich mich auf den Betonfussboden legen muss. Inzwischen ist es stockfinster, aber total erschöpft lege ich mich auf die Decke, klappe den Rest der Decke um mich herum und lege die Aludecke obenauf. So wird es gehen.

Ich wache auf, es ist total dunkel. Wie lange schlafe ich jetzt schon? Ich kann die Uhrzeit nicht ablesen und friere. Es ist eiskalt, meine Füße sind wie Eisklötze. Ich stehe auf, taste mich an der Wand entlang und stoße gegen das Fahrrad. Rumms, fällt es mit einem lauten Krachen um. Ich öffne die Tür und mir kommt eisige Luft entgegen. Mit Mühe lese ich die Uhrzeit ab, denn auch hier draußen ist es total dunkel. Es ist erst 23:00 Uhr. Schnell gehe ich wieder in das Klohaus. Übrigens stinkt es hier nicht, wahrscheinlich weil es fast nie benutzt wird. Ich lege mich wieder in „mein Bett“ und rolle mich so gut es geht in die Decken ein und bewege meine Zehen hin und her. Alle zwei Stunden bin ich wach und ab 04:00 Uhr kann ich gar nicht mehr einschlafen. Die Zeit vergeht gar nicht und ich ersehne mir 07:00 Uhr herbei. Wie wäre es mir nur ohne die zweite Decke ergangen?

Endlich. Es ist 07:00 Uhr. Ich hänge mir die Decke um schaue nach den Bikern. Alle vier sind schon wach und das Teewasser kocht auch gerade. In einer Pfanne brutzelt irgendwelche Wurst. Wir unterhalten uns ausgiebig und ich erfahre, dass ich keinesfalls die Strecke weiterfahren soll. Dort wo sie herkommen, ist es aufgrund des sandigen Untergrundes nicht möglich, mit dem Fahrrad zu fahren. Ich müsste schieben. Das ist wieder ein wichtiger Hinweis. Auch erfahre ich von ihnen, dass ich für diese Gegend ein Permit brauche. Das lässt sich nun nicht mehr nachholen. Nach einer Stunde sind wir alle satt und ich kann dem Tag wieder positiv entgegensehen. Ich hole noch meine Trinkflaschen und die Biker füllen mir diese wieder voll. Jetzt habe ich fast 5 Liter für den Rückweg. Das reicht.

Die Biker haben jetzt die gleiche Fahrtrichtung wie ich. Sie sind aber noch nicht soweit. Ich bin froh, wieder meine ausgekühlten Gliedmaßen bewegen zu können, packe schnell alles ein und will losfahren. Ein letzter Blick auf mein Hinterrad zeigt, dass scheinbar doch eine undichte Stelle im Schlauch ist, denn es fehlt wieder eine Menge an Luft. Ich pumpe den Reifen wieder auf und werde sehen, wie lange ausreichend Luft im Reifen bleibt. Wie auch gestern, scheint die Sonne und es verspricht, ein schöner Tag zu werden. Fröhlich schwinge ich mich aufs Rad und los geht’s. Leicht bergan, dann wieder bergab. Den Weg bin ich bereits gefahren und kann mich an manche Besonderheit auf der Strecke erinnern, so auch an den ersten Weg auf das Hochplateau, den ich nicht fahren konnte.

Die Zeit vergeht wie im Fluge, so wie das auf Rückfahrten meistens gefühlsmäßig ist. Immer wieder drehe ich mich um, ob die Biker sich nicht langsam nähern. Sie wollten aber erst um 09.00 Uhr losfahren, so dass ich etwa 2 Stunden Vorsprung habe. Gerade habe ich darüber nachgedacht, höre ich hinter mir auch schon ein Brummen, was sich langsam nähert. Es sind die Biker. Vor mir liegt die verengte Fahrbahn, die von Autos kaum zu durchfahren ist. Schaffe ich es noch bis dahin, bevor sie mich einholen? Ich trete ordentlich in die Pedalen, noch 500 m, aber die Motorradfahrer sind nur noch einige Hundert Meter hinter mir. Eine kleine Wettfahrt fördert die Motivation. Ich will es einfach schaffen. Jetzt noch die leichte Kurve und ich muss absteigen und schieben. Aber ich habe es geschafft. Kurz hinter mir haben auch die Biker diese Stelle erreicht und schieben ihre Motorräder herüber. Sie wundern sich, wie weit ich schon gekommen bin und erkläre, dass ich durch jahrelanges Lautraining gut in Form bin. Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute und die „Engel“ werden am Horizont immer kleiner, bis ich keinen von ihnen mehr erkennen kann. Jetzt bin ich wieder alleine auf mich gestellt.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, der Rückweg ist nur halb so lang. Mir fällt ein, dass ich das Fahrrad nur bis heute Nachmittag, 18:00 Uhr, gemietet habe. Wenn alles gut geht, schaffe ich es sogar, das Rad pünktlich abzugeben, ansonsten müsste ich es für einen Zusatztag mieten.

Vor mir taucht die letzte große Kurve auf und schon sehe ich die kilometerlange Straße, die am Ende serpentinenartig nach oben führt. Aber da ist noch etwas. Ein Rangerfahrzeug (Dodge RAM 2.500) steht am Wegesrand und der Ranger ist dabei, irgendetwas am Straßenrand zu arbeiten.

Ich schaue wieder auf den Anstieg, fühle gleichzeitig, wie geschafft ich bin. Vielleicht fährt der Ranger ohnehin gleich nach oben und kann mich mitnehmen. Soll ich ihn fragen? Hätte ich es lieber gelassen, denn jetzt wird es ungemütlich. Ich halte neben dem Dodge, gehe zum vielleicht 30jährigen Ranger und frage ihn, ob er mich mitnehmen kann. Ohne auf die Frage zu antworten, kommen gleich Gegenfragen. Wo kommen Sie her? Wie weit sind sie draußen gewesen? Wie lange waren sie unterwegs? Haben sie ein Permit? Oh je. So ehrlich wie ich bin, erzähle ich dem Ranger alles offen und ehrlich. Auch erwähne ich meinen Versuch, mit dem Rad den Trail hinaufzufahren. Wieder prasseln Gegenfragen auf mich ein. Sind sie gefahren? Wie weit sind sie gefahren? Weshalb haben sie das Verbotsschild ignoriert?

Der Ranger holt einen Schreibblock mit einem Formular. Meine Antworten notiert er haargenau, auch dass ich kein Permit habe. Dabei verzieht er keine Miene und sieht aus, als wollte er mich gleich ins Gefängnis stecken. Es dreht sich auch immer um die Frage, weshalb ich den Trail trotz Verbotes gefahren bin. Zum wiederholten Male erwidere ich, dass ich das Fahrrad geschoben habe und nicht gefahren bin. Das ging wegen des sandigen Weges ohnehin nicht. Er könne doch hinfahren und sich die Spuren ansehen um dann festzustellen, dass ich wirklich neben meinem Fahrrad hergegangen bin.

Endlich haben wir die Angelegenheit geklärt. Ich lade mein Fahrrad auf die große Ladefläche des VAN, steige im Fond ein und lasse noch eine Belehrung über mich ergehen, dass ich hier nichts anfassen darf, insbesondere das an der Decke hängende Gewehr und die Funkanlage. Das habe ich auch gar nicht vor! Der Ranger startet den Wagen und holpert gemütlich in Richtung Anstieg. Vor uns parkt ein PKW. Der Ranger stoppt sein Auto und geht zum Fahrer. Dann kommt er zurück und spricht ins Funkgerät, dass hier ein PKW sei, das keinen Allrad-Antrieb hat. Später erzählt er mir, dass das nicht erlaubt ist und der Fahrzeugfahrer eine entsprechende Strafe zu zahlen hat. Die Fahrt geht weiter und nach 20 Minuten erreichen wir mein Fahrrad. Da ist es ja wieder.

Gerade ausgestiegen, verwickelt mich der Ranger wieder in ein Gespräch, erzählt mir, was ich zukünftig alles zu beachten habe und bittet mich um Unterschrift auf dem ausgefüllten Formular. Mir bleibt wohl nichts Anderes übrig und so unterschreibe ich. Der Ranger gibt mir einen Durchschlag, das Original behält er. Plötzlich spricht er mich auf Deutsch an, sagt, er hätte viele Jahre in Deutschland gelebt und nimmt das ausgefüllte Formular und zerreißt es. Verwundert sehe ich ihn an. Jetzt kann er plötzlich lächeln, wünscht mir eine gute Weiterfahrt und einen erlebnisreichen Aufenthalt in den USA. Es gibt wohl Dinge, die ich nicht verstehe und das war eines davon. Der Förster steigt in seinen Dodge und fährt davon. Hauptsache ich bin wieder bei meinem Auto. Fix lade ich das Fahrrad ein und fahre in Richtung Moab, wo ich 20 Minuten vor 18:00 Uhr ankomme. Geschafft. Ich gebe das Mountain Bike ab und weise den Angestellten auf die abgehende Luft im Hinterreifen hin. Nachzahlen muss ich nichts mehr und so kann ich gleich zu meinem Campingplatz weiterfahren.

Nach nur 200 m komme ich an Pizza-Hut vorbei, stoppe und fahre auf den Parkplatz. Eine Pizza Hawaii ist jetzt genau das Richtige für mich, dazu ein großes Glas Coke. So richtig gesund?! Aber das ist mir egal. Ich habe Bärenhunger und setze mich in eine der gemütlichen Ecken des Restaurants. Klar spreche und verstehe ich Englisch. Bei der Bestellung zeige ich mit dem Finger auf die gewünschte Pizza und schaue dabei wohl nicht so genau auf die Stelle.

Es dauert nicht lange, da kommt meine Coke, die ich übrigens für den Pauschalpreis so oft nachfüllen darf, wie ich will. Bis dahin ist noch alles gut. Aber dann kommt die Pizza. Ich traue meinen Augen nicht. Ein riesiger Teller voll mit Pizza Hawaii ausgefüllt, so etwa 50 cm Durchmesser. Wie soll ich das nur schaffen? Wenigstens ist sie sehr heiß und Zeit habe ich auch. Ich vertilge etwa die Hälfte, dann geht nichts mehr. Den Rest lasse ich mir für meinen Hund (den ich gar nicht dabei habe) einpacken.

Vollkommen satt fahre ich zum Campingplatz, spüre erst jetzt die Erschöpfung. Auch wenn es noch nicht dunkel ist, ich gehe jetzt schon in mein Zelt und krabbele in den Schlafsack. Meine Gedanken lasse ich nur noch kurz Revue passieren, dann bin ich schon eingeschlafen.

Die Hitze im aufgewärmten Zelt lässt mich aufwachen. Die Sonne scheint schon wieder und ich habe wie ein Murmeltier geschlafen. Mich beschäftigen noch einmal die Erlebnisse der letzten zwei Tage, insbesondere die ernste Situation und die Begegnung mit den Bikern. So etwas kann kein Zufall sein. Wo ich den ganzen Tag fast keinen Menschen begegnet bin – hier waren dann welche. Da hat doch wirklich jemand auf mich aufgepasst. Dieses Erlebnis wird mir in Erinnerung bleiben.

Wie sieht denn mein Plan für heute aus? Ein Ruhetag auf dem Campingplatz? Nein, das ist mir zu langweilig. Ich werde mir die Delicate Arch im Arches National Park ansehen. Heute ist Wochentag und somit werden nicht so viele Touristen dort sein. Am Wochenende würde ich auf einen Besuch verzichten. Die Fahrt dauert nicht lange und nachdem ich meine Eintrittsgebühr bezahlt habe, fahre ich auf der Delicate Arch Road bis zum Delicate Arch Trail. Hier lasse ich den Wagen stehen und begebe mich auf die rund 21 km lange Wanderung. Überall erheben sich hohe Steinfelsen aus der Landschaft, alle sind unterschiedlich geformt. Ich habe das Gefühl, mich auf einem anderen Himmelsstern zu bewegen. Tatsächlich sind nur wenige Besucher hier, die sich in der Weitläufigkeit des Parks verlaufen.

Ständig komme ich an Informationstafeln vorbei, was ich gerade sehe und wie das entstanden ist. Es ist wieder sehr warm und ich habe mich vorsichtshalber gut mit Getränken „bewaffnet“. Auch ist dieses Mal meine große Fototasche mit den drei Kamera mitgekommen, die eine zusätzliche Last bedeuten. Im Hintergrund sind immer wieder schneebedeckte Berge zu erkennen, deren weiße Spitzen sich eindrucksvoll von dem rotbraunen Gestein der sonstigen Felsen abheben. Der Arches National Park hat besonders viele Steinbrücken zu bieten, wie u. a. auch die Tunnel Arch, die Navajo Arch und die Broken Arch. Die Steinbögen, wegen derer das Gebiet unter Schutz gestellt wurde und die die Hauptattraktion des Nationalparks darstellen, sind Öffnungen in Felsrippen, die durch Erosion ohne Beteiligung von fließendem Wasser entstehen. Irgendwann stürzen auch diese Gebilde in sich zusammen, so wie z. B. die Broken Arch.

Um die Mittagszeit erkenne ich die Delicate Arch, die einerseits das Wahrzeichen von Utah ist und sich auch auf den KFZ-Kennzeichen von Utah befindet. Diese Steinbrücke ist etwa 20 Meter hoch und ist wohl der bekannteste Torbogen. Auf Fotos habe ich immer wieder Menschen unterhalb des Bogens stehen sehen, aber wo ich jetzt selbst einen Blick darauf werfe, frage ich mich, wie die dorthin gekommen sind. Dazu müsste ich mich direkt am Rande eines hohen Felsens auf einem schmalen und stark abfallenden Pfad entlangtasten. Die Neigung des Weges beträgt 30 – 40 Grad. Nur mit gut haftenden Schuhen ist eine Wanderung unter die Arch zu empfehlen. Ein ausrutschen würde einen Absturz in etwa 15 Metern Tiefe bedeuten. Ich habe Laufschuhe mit guter Haftung an und ich will unbedingt unter die Arch. Andere haben es ja auch schon geschafft. Etwas flau ist es mir im Magen, aber nach 10 Minuten erreiche ich die Arch und bin total stolz auf mich. Durch den Torbogen ergibt sich ein weiter Blick in die Umgebung und als Mensch fühle ich mich hier wie eine Ameise, so klein und unbedeutend.

Der Rückweg bereitet mir auch keine Schwierigkeiten und ich entschließe mich, den Rückweg abseits des üblichen Wanderweges zu gehen. Das ist nicht verboten! Die Schönheit dieses Parks lässt sich mit Worten kaum beschreiben, auch die Fotos geben nicht den Eindruck wieder, der sich tief in meine Erinnerung eingräbt. Hier ist es einfach wunderbar. Vor mir liegt ein auch für mich ersteigbarer großer Felsen, sicherlich 50 Meter über der restlichen Umgebung. Ich klettere hoch, finde einen tollen Sitzplatz und sogar mit Rückenlehne mit Blick über den Park. Genau richtig für eine Pause. Hunger habe ich jetzt auch. Gut, dass ich meine Schirmmütze dabei habe, so dass ich keinen Sonnenstich bekomme.

Ich blicke in die Ferne, endlos weit. Es ist ganz ruhig, nur manchmal durchbricht der Ruf eines Vogels die Stille. Kaum ein Luftzug ist zu spüren. Wer das hier alles wohl geschaffen hat? Ist das Leben ein Geschenk für uns Menschen und wollte uns jemand mit dem Leben und der Natur eine Freude machen? Wie gehen wir mit diesem Geschenk um? Ich denke an die vielen Kriege und die vielen Konflikte, die uns ständig begleiten, die Not vieler Menschen und den selbst geschaffenen Naturkatastrophen. Es geht dabei meistens nur um Macht und Geld oder Glaubensansichten. Ich werde hier und heute keine Lösung meiner Fragen finden, wahrscheinlich niemals. Für mich steht fest, dass ich dankbar für jedes Geschenk bin und damit sorgsam umgehe. Nur in meinem kleinen Umfeld habe ich begrenzt die Möglichkeit, in diesem Sinne zu handeln.

Ich betrachte einen der vielen Steinbögen, der in der Nachmittagssonne einen langen Schatten wirft. Die Indianer haben lt. verschiedener Beschreibungen Felsen oftmals als heilige Stätte mit magischen Kräften angesehen. Ist das wirklich so? Zumindest haben sie daran geglaubt und auch danach gelebt. Auch die Natur war ihnen so wichtig, dass sie nur das genommen haben, was sie unbedingt zum leben brauchten. Und was machen wir? Wir nutzen alles was uns als verwertbar erscheint, ohne auf die Begrenztheit zu achten. Irgendwann gibt es kein Öl mehr, das Gas wird alle sein und Bäume sind vielleicht nur noch in manchen Naturmuseen zu finden. Wie wird die Welt wohl in 200 Jahren aussehen? Darüber will ich nicht weiter nachdenken, ich kann die Entwicklung ohnehin nicht allein verändern.

Meine Gedanken kreisen wieder um die Geschichte der Indianer, denen ihr Lebensraum genommen und die Lebensweise des Weißen aufgezwungen wurde. Die Welt ist so groß. Da hätte doch die Möglichkeit bestanden, ihnen einen Teil der Natur zu belassen. Heute leben viele der Indianer in Reservaten, sind dem Alkohol verfallen und so arm, dass sie nicht einmal die finanziellen Mittel für die Heizenergie in den kalten Wintern aufbringen können. Auch heute noch. Ich wische mir eine Träne aus den Augen. Solche Gedanken bringen mich nicht weiter, aber beschäftigen mich immer wieder.

Vor mir schwingt sich ein großer Vogel, sicherlich ein Adler, von einem der Felsen in die Tiefe. Geschickt dreht er einige Runden vor der Felswand, als sucht er einen Eingang. Dann schwebt er zur großen Arch, um sie herum und kommt auf meinen Standort zugeflogen. Wenige hundert Meter entfernt zieht er enge Kreise, schätzungsweise in 100 m Höhe. Ich erkenne seinen Kopf mit den schwarzen Federn, den er scheinbar beobachtend hin und her schwenkt. Ohne Vorwarnung faltet er seine Flügel zusammen und stürzt im Steilflug auf die Erde hinab. Kurz vor dem Aufschlag breitet er seine Flügel wieder aus, schnellen seine Füße nach vorne und greifen nach etwas. Von hier aus kann ich nicht erkennen, was er gefangen hat, aber es zappelt noch. Er hält seine Beute fest in den Krallen, schlägt kräftig mit den Flügeln und gewinnt langsam wieder an Höhe. Das gefangene Tier muss sehr schwer sein. Es dauert lange, bis er wieder die Höhe des Felsens erreicht hat, von wo aus er gestartet ist. Jetzt kehrt er dorthin zurück und verschwindet aus meinem Blickfeld.

Weit oben am Horizont zieht ein Flugzeug seine Kondensstreifen und taucht in eine der wenigen Wolken ein. Ich warte auf den Schall der Maschine, aber davon ist nichts zu hören.

Weit im Hintergrund ist eine Felswand, unterbrochen von einer Lücke. So, als hätte dort jemand hineingebissen. An der linken Seite dieser Stelle ist ein Stück brauner Felsen übriggeblieben, der sich wie ein Finger in die Höhe erhebt. Auf der Fingerspitze ist ein absolut sicherer Lagerplatz für Vögel, von unten absolut uneinnehmbar. Vielleicht hat dort bereits ein Vogel sein Nest.

Weiter rechts erkenne ich einen Felsen, der mit seiner Spitze unten auf der Erde steht und dessen oberer Teil dick wie eine Birne ist. Eigentlich müsste er gleich umfallen. Wer weiß, wie lange er schon so dasteht! Davor ist ein riesiges Loch im Boden, kreisrund und mit Wasser gefüllt. Wann hat es hier denn geregnet?

Jede Kleinigkeit in der Umgebung weckt mein Interesse und lässt meine Gedanken abschweifen. Ich fühle mich unheimlich wohl, entspannt und zufrieden. Träumen ist schön, besonders an so einem Ort. Nur kreisen mir immer noch so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich noch längere Zeit hier verweilen müsste, um eine angenehme Leere zu verspüren. Aber ich muss langsam wieder los, sonst wird es dunkel und ich habe noch etwa 4 Stunden Wanderung bis zum Auto vor mir. Ich komme mit Sicherheit wieder oder finde eine andere Stelle in den Canyons, um hier einen Sonnenuntergang zu erleben. Das muss genial sein.

Nun erhebe ich mich und klettere den Felsen hinab. Bis zum Wanderweg sind einige Felshügel zu überwinden. Touristen sehe ich keine mehr, es ist bereits 19:00 Uhr. Ich habe doch ganz schön lange auf dem Felsen gesessen. Der Rückweg führt stets leicht bergab und ich erreiche mein Auto bereits nach 2 ½ Stunden zügiger Wanderung. Für ein Lagerfeuer ist es zwar noch nicht zu spät, aber ich möchte mir keine große Arbeit mehr mit dem Abendessen machen. Direkt an der Main Street in Moab entdecke ich das etwas zurückgesetzte Restaurant „Szechuan“ und fahre auf den Parkplatz vor dem Gebäude. Auf Chinesisch habe ich jetzt Appetit. Es ist für die Nacht gut verdaulich und schmeckt mir sehr gut.

Um 23:30 Uhr komme ich bei meinem Zelt an. Wieder ist ein Tag vorüber, ein wunderbarer Tag. Morgen werde ich weiterfahren. Ich hatte für dieses Mal nur einen Kurzurlaub von einer Woche geplant und werde von hier aus über Durango, South Fork, Canon City und Colorado Springs zurück nach Denver fahren. Die Zeit reicht für eine gemütliche Weiterreise und unterwegs gibt es noch genug Interessantes zu sehen, insbesondere die größte Hängebrücke der Welt in der Nähe von Canon City. Davon berichte ich aber in einem anderen Geschichte.

Klaus
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