Im Interview: Das Landratsamt sucht Pflegefamilien

  Warum und in welchen Situationen werden Pflegefamilien für Kinder und Jugendliche benötigt?
Eltern können in Situationen geraten, in denen sie eine dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen entsprechende Erziehung und Versorgung nicht mehr gewährleisten können. Vielfältige Situationen können dazu führen, dass Eltern die Erziehung und Versorgung ihres Kindes vorübergehend oder längerfristig nicht alleine gewährleisten können. So können z.B. Schicksalsschläge, Schei-dung/Trennung, Krankheit oder Tod, Suchtmittelabhängigkeit, psychische Erkrankungen, Gewalt, sexuelle Übergriffe, Inhaftierung, finanzielle Schwierigkeiten, häufig in Verbindung mit fehlender Unterstützung des sozialen Umfeldes, dazu führen, dass eine Überforderungssituation ausweglos zu werden scheint.
Wenn die ambulanten Unterstützungsangebote der Jugendhilfe nicht ausreichen, um die Familie zu unterstützen, oder wenn diese scheitern, kann ein Pflegeverhältnis für die betreuten Kinder die geeignete Form der Hilfe zur Erziehung darstellen.

Ist vorher abzusehen für welchen Zeitraum die Kinder in der Pflegefamilie bleiben werden?
Manchmal ist es notwendig, ein Kind sofort und nur für wenige Wochen unterzubringen. Dies ist z. B. bei einer akuten Krise in der Familie nötig. Wenn diese mit Hilfe familientherapeutischer oder anderer Maßnahmen bewältigt werden kann, ist eine Rückkehr relativ schnell möglich. In einigen Fällen sind die Eltern für einen absehbaren Zeitraum nicht in der Lage, ihre Kinder zu versorgen z. B. bei Krankheit, Kuraufenthalten und Inhaftierung. Ist eine Familie extrem belastet und es sind mehrere Problembereiche vorhanden, z. B. Sucht und Gewalt, oder Vernachlässigung und Überschuldung, ist absehbar, dass die Unterbringung länger dauert oder sogar langfristig sein wird.

Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf die neue Lebenssituation?
Für Kinder und Jugendliche, die aufgrund ausgeprägter Schwierigkeiten in ihrer Familie in eine Pflegefamilie vermittelt werden, stellt die Trennung zunächst eine besondere psychische Ausnahmesituation dar. Die erste Zeit in der neuen Familie ist häufig durch Anpassung gekennzeichnet. Wenn diese Anpassung nicht mehr nötig ist, weil sie sich in der Familie angenommen fühlen, bringen die Kinder ihre Schwierigkeiten durch unterschiedliche Auffälligkeiten zum Ausdruck. Hier kann z. B. aggressives Verhalten, Einnässen, Auffälligkeiten beim Essen, innere Unruhe, Lügen , Distanzlosigkeit oder Rückzugsverhalten vorkommen. Viele Kinder haben bereits Beziehungsabbrüche erlebt und aufgrund dieser Erfahrungen Auffälligkeiten im Bindungsverhalten. Die manchmal zunächst befremdlich erscheinenden Verhaltensmuster werden bei genauerem Kennenlernen der Biografie und der Lebensumstände der Kinder nachvollziehbar.

Welche Erwartungen werden an Pflegeeltern gestellt ?
Am wichtigsten sind die innere Bereitschaft, sich mit "Herz und Verstand" auf ein Pflegekind einzulassen, Freude am Umgang mit Kindern, emotionale Wärme und Offenheit. Wenn bereits Kinder in der Familie leben, so müssen deren Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt werden.
Neben ausreichend Wohnraum, einer finanziell gesicherten Situation und ausreichend Zeit für ein Pflegekind sind vor allem persönliche Fähigkeiten erforderlich. Wesentlich ist die Toleranz gegenüber anderen Lebensformen und -einstellungen, denn im Interesse des Kindes ist ein wertschätzender Umgang mit den leiblichen Eltern förderlich. Für ein gutes Gelingen braucht es außerdem Einfühlungsvermögen, Flexibilität und eine gute Belastbarkeit der Pflegefamilie, um dem Kind Sicherheit zu geben. Unabdingbar ist die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den Fachkräften des Pflegekinderdienstes.

Wie werden die Pflegeeltern vom Pflegekinderdienst unterstützt?
Der Pflegekinderdienst steht den Pflegeeltern während des gesamten Pflegeverhältnisses beratend und unterstützend, beispielsweise in Fragen zur Erziehung und Entwicklung des Kindes, zur Seite. Es finden regelmäßige Hilfeplangespräche mit allen Beteiligten statt. Im Laufe des Jahres finden verschiedene Veranstaltungen für Pflegeeltern und ihre Familien wie z.B. ein Sommerfest, Fortbildungen etc. statt.
Pflegefamilien erhalten ein monatliches Pflegegeld, gestaffelt nach dem Alter und gegebenenfalls nach dem besonderen Bedarf des Kindes. Bei längeren Pflegeverhältnissen wird ein Zuschuss zur Rentenversicherung für die Pflegeperson bezahlt.

An wenn können sich interessierte Familien wenden?
An das Amt für Jugend und Familie in Fürstenfeldbruck. Die Zuständigkeiten der sozialpädagogischen Fachkräfte des Pflegekinderdienstes ist nach Bezirken aufgeteilt. Interessenten können ihre Ansprechpartnerin unter der Tel.08141/ 519-288 oder unter www.lra-ffb.de erfahren.

Weiterveröffentlichungen:

myheimat-Stadtmagazin fürstenfeldbrucker | Erschienen am 07.06.2010
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