Das offene Konzept in Kindergärten- der tägliche burnout

der tägliche burnout
 
zu wenig Erzieherinnen- die Löwinnen kämpfen gegen schlechte Rahmenbedinungen
 
Kleine Gruppen und viel Natur ist förderlich

In vielen Einrichtungen wird das sogenannte „offene Konzept“ praktiziert. Und es herrscht Erzieher/innen-Mangel. Die Umsetzung des offenen Konzeptes erschwert den ErzieherInnen zusätzlich die tägliche Arbeit.

Von Tanja Tanzbein

Gleich in der großen Eingangshalle wird man von einer Wand mit bunten Fotos begrüßt. Kinder beim Malen, Kinder beim „Schmetterlingsprojekt“, Kinder beim Zahlenland. Aus der großen Küche ist Töpfeklappern zu hören und mitten in der Eingangshalle stehen Tische umrankt von Raumtrennern. Eine große Malstafflei steht da, viel Papier und Stifte. Jeder Tisch ist mit Kindern besetzt, die malen und basteln. Manche mehr, manche weniger eifrig. Andere laufen in der Halle im Kreis herum, und machen Flugzeuggeräusche. Führung durch eine Kindertagesstätte mit zwei Kindergartengruppen und zwei Krippengruppen, die das sogenannte „offene Konzept“ umsetzt. Ich werde weiter geführt zur Literacy- Ecke, eine ansprechende Leseecke mit Sofa und mit vielen Büchern, die aber alle nicht in Kinderhöhe stehen. Kein einziges Kind ist hier. Hier dürfen die Kinder die Bücher nur mit einer Erzieherin ansehen. Jetzt hat gerade niemand Zeit, darum ist die Ecke geschlossen. Ich werde weiter geführt zu einer geschlossenen Türe. „Das hier ist die Bühne und der Rollenspielbereich. Heute ist die Fachfrau hierfür nicht da, darum ist der Raum geschlossen.“ Ebenso geschlossen ist der Kreativ- Raum und die „Bewegungsbaustelle“- die Turnhalle. Heute dürfen die Kinder, weil zu viele Fachfrauen fehlen, nur im „Konstruktionsraum“ und im „Atelier“ spielen. Die Fachfrauen sind dort und andernfalls geht der Überblick über die Kinder verloren. Von selbstbestimmten Spielen nach eigenen Interessen und der Erzieherin als Lernbegleiterin ist hier nicht viel übrig geblieben. „Ja, das ist nicht optimal, aber wir sind permanent unterbesetzt.“ Erklärt die Erzieherin.
Im offenen Konzept spielen die Kinder nicht in einem Gruppenraum mit Bauecke, Puppenecke, Maltisch, sondern in unterschiedlichen Funktionsräumen. Ganze Zimmer dienen für eine Art des Spieles, z.B. nur zum Bauen. Die Erzieherinnen sind sogenannte „Fachfrauen“ für einen Raum, die Kinder können entscheiden, in welchem Funktionsraum sie spielen.

Schlechte Rahmenbedingungen- schlechte Arbeit


Der Ansturm auf die Fachakademien in den letzten Jahren war zwar nicht groß, aber dennoch sind die Schulplätze voll. Nicht zuletzt, weil durch den Rechtsanspruch auf Krippenplätze auch ein sicherer Arbeitsplatz winkt, könnte man meinen. Doch tatsächlich haben wir einen Erzieherinnenmangel. Wo sind all die vielen Erzieherinnen hin, die in den vergangenen zehn Jahren die Ausbildung beendet haben? Bedingt durch die schlechten Arbeitsbedingungen wie Bezahlung, Belastung durch große Gruppen und immer mehr werdende Vorschriften bis hin zum „Lehrplan“ BEP, bleiben sie nicht lange im Beruf. Laut NUBBEK- Studie von 2012 ist die Qualität der Kinderbetreuung überwiegend mittelmäßig. „Jeweils 80% der außerfamliliären Betreuungsformen liegt hinsichtlich der pädagogischen Pozessqualität (..) in der Zone mittlerer Qualität. (Werte zwischen 3 und 5). Gute pädagogische Prozessqualität kommt dabei in jedem der Betreuungssettings in weniger als 10 Prozent der Fälle vor; unzureichende Qualität dagegen - mit Ausnahme der Tagespflege- in zum Teil mehr deutlich mehr als 10% der Fälle.“.
Wenn rund 80% der Kindertagesstätten mittelmäßig arbeiten, so ist das zunächst einmal erfreulich. In Anbetracht der Rahmenbedingungen, die in Kindertagesstätten herrschen, ist es anerkennenswert, dass die pädagogischen Fachkräfte mittelmäßig und nicht schlecht arbeiten. Denn eigentlich ist eine gute Betreuungsqualität nicht möglich, wenn die Einrichtungen unterbesetzt sind, die Leidtragenden sind die Kinder.

Statistisches Bundesamt verbreitet falschen Optimismus

Geht es nach dem Statistischen Bundesamt, so haben wir eigentlich kein Problem, was den Betreuungsschlüssel angeht. Es hat , 2010 einen bundesweit durchschnittlichen Betreuungsschlüssel errechnet: „ Der Betreuungsschlüssel von Kindern im nicht schulpflichtigen Alter erfolgt überwiegend in Gruppen mit Kindern im Alter von 2 bis unter 8 Jahren. In dieser Gruppenart wurde bundesweit ein durchschnittlicher Personalschlüssel von 1:8,4 ermittelt (Stichtag 1. März2010). Dies bedeutet, auf eine pädagogisch vollzeittätige Person kommen rechnerisch 8,4 ganztags betreute Kinder. Im Vergleich dazu lag im März 2007 der Personalschlüssel in dieser Gruppenform noch bei 1:9,1“ (https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisc... Seite 8)

Die Betreuungsschlüssel- Lüge

Das statistische Bundesamt stellt in seinem Fazit am Ende der Rechnerei fest:
„Der Personalschlüssel hat sich in den Jahren 2007 bis 2010 in allen dargestellten Gruppenformen verbessert.“ Aber eben nur rein rechnerisch.
Rein rechnerisch klingt auch der Schlüssel von 1:8 zunächst gar nicht mal so schlecht. Doch muss man bedenken, dass nicht alle Erzieherinnen vollzeittätig sind, und die Öffnungszeiten mit bis zu 10 Stunden täglich über die Arbeitszeit von 39 Stunden pro Woche hinausgehen. Allein damit kommen zeitweise auf eine pädagogische Fachkraft schon mehr als acht Kinder, denn bei zehn Stunden Öffnungszeit pro Tag, aber einer Arbeitszeit von 8 Stunden pro Fachkraft, können schon mal nicht alle pädagogischen Fachkräfte gleichzeitig da sein. Auch in Kindertagesstätten wird bereits „Schicht“ gearbeitet.

Massenkindhaltung

Tatsächlich jedoch herrscht in den Einrichtungen eklatanter Mangel an pädagogischem Personal- Träger suchen Erzieherinnen, Stellen bleiben unbesetzt, der Ausbau der Kindertagesstätten geht durch den Rechtsanspruch auf Krippenplätze weiter, Erzieherinnen fehlen. Die Presse ist voll mit Artikeln zum Erziehermangel. So hat die Stadt München z.B. im März 2014 21 freie Stellen in Kindertagsstätten zu besetzen, andere Träger schließen wegen Personalmangel Kindergartengruppen, wie z.B: in Augsburg, die Kindertagesstätte St. Elisabeth. Erzieherinnen berichten mir, dass sie tatsächlich durch Fehlzeiten von Kolleginnen manchmal bis zu 20 Kinder über längere Zeit alleine betreuen müssen.

Bindung nicht möglich

Doch einerlei, wie die dramatische Lage schön gerechnet wird, selbst wenn die Fachkräfte gemäß dem Betreuungsschlüssel immer da wären, immer gesund, nie im Urlaub, nie auf Fortbildung- wäre der Betreuungsschlüssel für eine gute pädagogische Arbeit zu hoch.
„Hinsichtlich der institutionellen Rahmenbedingungen hängt die Qualität der Betreuung von einem möglichst geringen Schlüssel ab, der nach internationalen Maßstäben zwei bis drei Kleinkinder pro Erzieherin nicht überschreiten soll. Auch Kindergartenerzieherinnen gelten als sekundäre Bindungsfiguren. Voraussetzung für den Bindungsaufbau ist auch hier eine gelingende Eingewöhnung sowie eine konstante emotionale Verfügbarkeit und Feinfühligkeit. Strukturell wird dies durch einen Betreuungsschlüssel von maximal sechs bis acht Kindern pro Erzieherin gestützt.“ ( E. Drieschner , Bindung in familialer und öffentlicher Erziehung.nZum Zusammenhang von psychischer Sicherheit, Explorationssicherheit und früher Bildung im geteilten Betreuungsfeld; S 117)

Es geht ums Geld

Der Erzieherinnenmangel in Kindergärten ist nichts Neues. Dass der ErzieherInnenberuf zu schlecht bezahlt ist, weiß man schon seit zwanzig Jahren. Auch hier hört sich das Bruttoeinkommen einer Berufsanfängerin zunächst nicht schlecht an: Bei Entgeltgruppe S 6, Stufe 1 erhält eine Erzieherin . 2221,21 brutto. Doch das Gehalt geht von einer Vollzeitstelle aus. Bei den Erzieherinnen liegt der Anteil der nicht Vollzeit beschäftigten bei 60 Prozent. Zum Vergleich: Berufseinsteiger erzielen bei Banken und Sparkassen nach wie vor ein überdurchschnittlich hohes Einstiegsgehalt. So steigen sie durchschnittlich mit rund 46.914 Euro Jahresgehalt ein, das sind knapp 4000.- brutto monatlich. Menschen, denen man sein Geld anvertraut wird mehr bezahlt, als welchen, denen man seine Kinder anvertraut.
Erzieherinnen bekommen nur noch befristete Verträge, weil ihre wöchentliche Arbeitszeit von den Buchungszeiten der Kinder abhängen. Damit kann sich jährlich die Stundenzahl verändern und zwangsläufig auch das Einkommen, oder eine Stelle fällt mangels Anmeldungen einfach weg. Zur schlechten Bezahlung kommt damit auch noch die Unsicherheit um den Arbeitsplatz. Würden Erzieherinnen mehr Geld verdienen, gäbe es mehr davon, das ist ja logisch. Wenig Bezahlung bedeutet wenig Erzieherinnen, doch wenn von den wenigen auch noch welche ausfallen, sitzt die Betreuung unserer Kinder auf einer Zeitbombe.

Erzieherinnen extrem belastet

Professor Johannes Jungbauer von der Katholischen Hochschule Aachen hat eine umfangreiche Studie zu den Berufsbelastungen von Erziehrinnen durchgeführt. Viele Erzieherinnen und Erzieher sind burn- out gefährdet. Der größte Stressor ist der Personalmangel. Viele Einrichtungen sind permanent unterbesetzt, die gesunden Fachkräfte kompensieren die kranken Kolleginnen. Als weitere Belastungen wurden der Lärmpegel und die Dokumentationspflicht angegeben, bei der die Erzieherinnen
Beobachtungsbögen ausfüllen müssen, die Kinder aus vorwiegend defizitorientierter Sicht betrachten und große Zeiträuber sind. Nach einigen Jahren sind viele Erzieherinnen resigniert, sie schulen um, studieren weiter oder bekommen eigene Kinder. Die guten Absolventinnen der Fachakademien beginnen oft in direktem Anschluss ein Hochschulstudium. Mit schlechten Rahmenbedingungen gute Arbeit zu leisten ist schier unmöglich! Es beißt sich die Katze in den Schwanz- die Erzieherinnen werden krank durch die schlechten Arbeitsbedingungen und die Arbeitsbedingungen werden noch schlechter, je mehr Erzieherinnen fehlen.
Dabei gibt es bei den Arbeitsbedingungen außer der Bezahlung noch ein anderes Rädchen, an dem geschraubt werden könnte, um die Situation zu verbessern.

Unglückliche Erzieherinnen im „offenen Konzept“

Viele Erzieherinnen sind unglücklich, wenn sie in sogenannten „offenen Konzepten“ arbeiten. Das „offene Arbeiten“ sei nun sogar durch die neuen Bildungsleitlinen verordnet worden, behaupten manche Träger. Zwar steht in den Bayerischen Bildungsleitlinien immer wieder etwas von „Öffnung“, ist damit aber die Inklusion und Öffnung Richtung Gemeinwesenarbeit gemeint. Obwohl explizit in den Bildungsleitlinien nicht zu finden ist, dass die Kindertagesstätten nach dem sog. „offnen Konzept“ arbeiten müssen, wird es dennoch von einigen Trägern so interpretiert und als Verpflichtung angesehen.
Die Erzieherin arbeitet im „offenen Konzept“ nicht in einer Gruppe, sondern ist für einen „Funktionsraum“ zuständig, beispielsweise für das „Atelier“ oder das „Rollenspielzimmer“. Im „offenen Konzept“ wird gruppenübergreifend gearbeitet, manchmal bei Einrichtungen mit über 100 Kindern. Und wie wir bereits wissen, wenn eine „Fachfrau“ fehlt, wird der Raum geschlossen und die vielen Kinder werden auf wenige Räume aufgeteilt.
Die Kinder werden gemäß dem Konzept als Partner gesehen, die selbst entscheiden und selbständig werden sollen, und der Kindergarten mutiert zu einer Erwachsenenwelt für kleine Menschen. Schon die Namen der Funktionsräume sind aus der Erwachsenenwelt, statt „Puppenstübchen“ und „Kuschelecke“ sind die Kinder nun im „Rollenspielzimmer“ und im „Meditationsraum“. Statt „Brotzeittisch“ und „Turnraum“ hat man ein „Bistro“, und eine „Bewegungsbaustelle“. Alle Kinder entscheiden selbst in welchem Raum sie spielen. Bis zu einer bestimmten Uhrzeit befinden sie sich in ihrer Strammgruppe, in der dann auch der Morgenkreis stattfindet. Danach sind die Räume geöffnet. Die Stammgruppe befindet sich in einem Funktionsraum. Ganz praktisch sieht das dann so aus, dass die 25 Kinder einer Stammgruppe alle beispielsweise solange im Konstruktionsraum spielen, bis die Räume geöffnet werden. Aber im Konstruktionsmaterial vorhanden - egal ob nun welche mit Puppen spielen oder malen wollen. Das freie Spiel und auch die „Partizipation“ nehmen einen hohen Stellenwert ein. Ebenso die Eigenverantwortung der Kinder, der sie nicht immer gewachsen sind. In Abstimmungen in der „Kinderkonferenz“ entscheiden Kinder über „Projekte“ die sie gerade interessieren, doch deren Konsequenzen und Dauer sie aber nicht einschätzen können.
Der Geräuschpegel ist in offenen Konzepten enorm hoch, der Stress für Erzieherinnen und Kinder zu groß. Einer der stärksten Stressoren für Erzieherinnen gemäß der Studie von Dr. Jungbauer, ist der Lärmpegel. Doch der könnte wahrlich durch das Arbeiten in Gruppen mit weniger Kindern und durch mehr Spielen im Freien gesteuert werden. Das „offene Konzept“ stellt demnach allein durch seine räumliche Struktur einen hohen Stressfaktor für alle Beteiligten dar.

Nachbessern bei Defiziten

Pädagoginnen aus Schulvorbereitenden Einrichtungen berichten, dass viele ihrer Kinder im Jahr vor der Einschulung aus „offenen Konzepten“ zu ihnen kommen, um gewisse Basiskompetenzen für die Schulfähigkeit nachzuholen, weil sie im „offenen Konzept“ freiwillig kein Interesse daran hatten im „Atelier“ mit Stiften zu malen. Die Erzieherinnen in Einrichtungen mit mehr als zwei Gruppen klagen, dass sie weder Beziehungen zu den Kindern herstellen können, noch einen Überblick haben. Sie wissen nicht welches Kind welche Förderung braucht, sollen aber durch „Projekte“ die Kinder bilden, die wiederum „Konstrukteur“ ihrer Bildung sind, und jegliche Teilnahme an Projekten selbst entscheiden. Man erwartet von ihnen zwar die Kinder zu fördern und auf die Schule vor zu bereiten, aber nur auf freiwilliger Basis. Die Erzieherinnen wissen nicht, ob das Kind, das nun aus dem „Atelier“ geht, wirklich im „Forscherzimmer“ ankommt, oder ob es zwischendrin im „Bistro“ hängen geblieben ist. Es ist auch schon mehrmals vorgekommen, dass Kinder den ganzen Tag in der Gardarobe saßen, weil sie damit überfordert waren zu entscheiden wo sie spielen sollten und durch die fehlenden Gruppen auch keinen Anschluss an andere Kinder haben. Mir wurde schon berichtet, dass Erzieherinnen sich per I-Phone verständigen, welches Kind gerade der Raum verlassen hat und auf dem Weg zum nächsten Funktionsraum ist. Das offene Konzept will die Kinder zu autarken Persönlichkeiten erziehen. Manchmal sind die Kinder sogar so autark, dass sie beschließen nach Hause zu gehen. Eine Erzieherin berichtet folgendes: „Als ich im offenen Konzept gearbeitet habe, kam eines Abends eine Mutter und fragte: haben Sie wenigstens bemerkt, dass mein Kind einfach alleine nach Hause gegangen ist? Ich bin zu Tode erschrocken, natürlich habe ich das nicht bemerkt. Da war für mich klar, dass ich so nicht weiter arbeiten will.“ Auf der anderen Seite wird nachgebessert, wenn Kinder sich nicht erwartungsgemäß entwickeln. Die Teilnahme an „Vorschulprojekten“ die dann manchesmal mit Alphabet und Rechnen bereits recht schulisch werden, ist für die Fünfjährigen verpflichtend.

Postive Anstätze im „offenen Konzept“

Der Denkansatz des offenen Konzeptes hat viele positive Aspekte und zweifelsohne gute Absichten. So soll es die Demokratie stabilisieren, und deshalb werden Kinder als Partner gesehen. Das Konzept sieht zum Beispiel vor, zu respektieren, dass sich Kinder in ihrem eigenen Tempo entwickeln und deshalb unterschiedliche Angebote brauchen. Ebenso ein Mitspracherecht über eigene Interessen und Belange. Kein Kind muss etwas machen. Man geht davon aus, dass die Voraussetzung etwas zu erlernen das Interesse daran ist, das Interesse muss von alleine kommen. Das Kind bildet sich selbst, und ist Konstrukteur der eigenen Entwicklung.

Kinder sind überfordert

Doch bis heute habe ich nur wenige Einrichtungen gesehen, denen die Umsetzung optimal gelungen sind, selbst nicht in den „teiloffenen“ Konzepten, in denen teilweise in der Gruppe und teilweise gruppenübergreifend gearbeitet wird. Sogar bei nur zwei Gruppen mit offenem Konzept ist die Umsetzung nicht immer optimal, weil die Räumlichkeiten zu begrenzt sind, oder aber die Funktionsräume geschlossen werden, wenn Personal fehlt. Dann haben die Kinder sogar weniger Entscheidungsfreiheit als in einem Gruppenraum mit mehreren Spielecken. Das Konezept gelingt dann gut, wenn es maximal zwei Gruppen sind, die Kinder einen Gruppenraum mit allen Ecken und zusätzliche Funktionsräume haben. Hierfür muss die Einrichtung aber auch baulich konzipiert sein. Trotz fachlicher Begleitung bei der „Umstellung“ zum offenen Konzept gibt es Einrichtungen, die wieder zum gruppenbezogenen Kindergartenalltag zurückkehren. „Wir haben im Frühling umgestellt auf das offene Konzept. Aber wir haben gesehen, dass viele Kinder überfordert waren durch die fehlende Struktur, manche saßen trotzdem nur in einem Raum, andere sind nur umhergerannt. Es gab einige, die damit gut zurecht kamen, die schüchternen und jungen Kinder waren überfordert. Einige Kinder wollten nicht mehr kommen und neue Eltern wollten ihre Kinder lieber woanders anmelden.“ Berichtet eine Erzieherin eines Kindergartens im Raum Augsburg.
Das Ergebnis der leidigen Bildungsdebatte sind auf der einen Seite Kindergärten mit „offenem Konzept“ und auf der anderen Seite die Verschulung der Kindergärten- auch in offenen Konzepten. In beiden Fällen ist es eine Verzerrung der kindlichen Welt. Damit haben wir fünfjährige Kindergartenkinder, die wissen, dass sie EU- Kinderrechte haben, die das Alphabet und den 10er überschreiten können, aber nicht in der Lage sind, sich selbst nach der Toilette ab zu wischen und die Schuhe zu binden. Generell wird im „offenen Konzept“ der Ansatz vernachlässigt, dass Kinder durch Vorbilder und Interaktion lernen. Wenn Erzieherinnen damit beschäftigt sind, die Handlungen der Kinder permanent per Fotos und Beobachtungsbögen zu dokumentieren, und als „Begleiterin“ aufgreifen, was Kinder interessiert, sind sie am Reagieren, nicht aber Vorbild.

Kinder wollen Impulse und eine Bezugsperson

Jörg Maklowski hat 2010 festgestellt, dass Kinder in offenen Konzepten mehr Interesse hätten mit den Erzieherinnen zu spielen, mehr Impulse und Anregungen wollten, die Erzieherinnen aber nicht immer Zeit zum Spielen haben, und nicht bemerken wenn Kinder Hilfe benötigen. Bezüglich des selbstbestimmten Lernens im offenen Konzept hat die Studie ergeben, dass Kinder mit Migrationshintergrund dort benachteiligt sind und die Selbstbestimmung der Kinder dann endet, wenn Kinder sich nicht erwartungsgemäß entwickeln. (Jörg Makalowski; Eine empirische Überprüfung des Handlungskonzeptes der
offenen Kindergartenarbeit in der Praxis. 2010; S. 53-54 u. S.83-86)
Die Beziehung zum Kind, die die Grundvoraussetzung für Lernen ist, ist im offenen Konzept über drei Gruppen nicht gegeben und damit werden die Lernpotentiale nicht ausgeschöpft. Er sieht in diesem Ansatz zwar Chancen, aber die Umsetzung ist stark nach zu bessern. Und hier haben wir das nächste Dilemma- das wofür Erzieherinnen ihren Beruf erlernen und was Eltern von ihnen erwarten, können sie im offenen Konzept nicht leisten- nämlich sich um die Kinder liebevoll zu kümmern, sie zu fördern und ihnen eine konstante Bezugsperson zu sein.
Auch die Erzieherinnen kennen die Schwachstellen des „offenen Konzeptes“. Viele Erzieherinnen flüchten deshalb in Krippen oder in Einrichtungen, die nach dem gruppenbezogenen Konzept arbeiten. Aus Gesprächen mit Erzieherinnen im Augsburger Raum habe ich erfahren, dass viele unmotiviert im „offenen Konzept“ arbeiten. Sie sehen ihr Fähigkeitspotential nicht genügend ausgeschöpft und stehen dem Konzept kritisch gegenüber. „Wenn ich ein halbes Jahr lang lediglich als Fachfrau im Bistro die Kinder beim Brotzeitmachen beaufsichtige, frage ich mich, wozu ich fünf Jahre Ausbildung gemacht habe. Aber wenn der Träger das vorgibt, was bleibt uns anderes als entweder so zu arbeiten, oder eine andere Stelle zu suchen.“
PraktikantInnen, die im offenen Konzept ihr Praktikum absolvieren berichten größtenteils von „Chaos“ und dass sie häufig ohne Anleitung im Alltag zurecht kommen müssen. Viele sind abgeschreckt und wollen niemals in einem offenen Konzept arbeiten. Einige beginnen nach einem Schnuppertag ihr Praktikum gar nicht erst im „offenen Konzept“. Wen würde es also wundern, wenn in "offenen Konzepten" noch mehr Erzieherinnen fehlten, als in Krippen oder anderen Einrichtungen?

Seit 15 Jahren nichts verbessert

Nun probiert man das „offene Konzept“ seit den 90-ger Jahren an Erzieherinnen und Kindern aus, seit zwanzig Jahren wird lamentiert, dass die Erzieherinnen zu wenig Geld verdienen, PISA schockiert ganz Deutschland- und unsere Kinder müssen schlauer werden. Frühkindliche Bildung heißt das Zauberwort, die Länder beschließen Bildungspläne für Kinder ab 0 Jahren! Doch die NUBBEK- Studie bringt es auf den Punkt: In den letzten fünfzehn Jahren hat sich in den Kindergärten die Qualität nicht verbessert- trotz BEP und offenem Konzept.
Wir haben Wissenschaftler, die ständig herausfinden wie schlecht es um die Kindertagesstätten bestellt ist.
Für die simple Lösung jedoch braucht man eigentlich keine Studie, da reicht gesunder Menschenverstand. Es ist längst an der Zeit die Rahmenbedingungen zu ändern!


Kleine Gruppen und Matsch

Der goldene Königsweg wäre die herkömmliche Elementarpädagogik in kleinen Gruppen mit viel Freispiel, Spielen in der Natur und kurzen, gezielten Bildungsangeboten, gemäß den Bedürfnissen der Kinder. Genügend Wissenschaftler plädieren für eine Kindheit mit kindlichen Erfahrungen in einer spielerischen Umgebung als Grundvoraussetzung für intellektuelle Denkleistungen.
Die Träger, die ihre Kindertagesstätten verpflichten nach dem „offenen Konzept“ zu arbeiten, sollten ihren pädagogischen Fachkräften freistellen auch gruppenbezogen zu arbeiten. In den Kindertagesstätten müssten lärmmindernde Umbaumaßnahmen vorgenommen werden. Und letztendlich sollte das Geld das man für Rüstung, Atomindustrie, und Diätenerhöhungen ausgibt einfach nehmen und davon die pädagogischen Fachkräfte besser bezahlen.
Es ist nun endgültig an der Zeit damit aufzuhören Erzieherinnen zu verheizen und an Kindern für bessere PISA - Ergebnisse Konzepte
auszuprobieren. Vernünftige Bezahlung für vernünftige Betreuung mit vernünftigen Konzepten.

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1 Kommentar
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 26.03.2014 | 22:58  
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