ABC und Rechenkönig - Bildungswahn im Kindergarten

 

Der Trend zur Verschulung und das Risiko die Kindheit aufs Spiel zu setzen- Erzieherinnen im Spannungsfeld der Bildungsdebatte

„Opa, heute habe ich das große S, wie Schlange gelernt. Da schau mal, wie schön. Und beim Rechenkönig hatte ich 4 Aufgaben richtig. Hörst du Opa? 4 Stück!“ Der 5- jährige Jan streckt seinem Opa freudig ein Blatt mit einem großen bunten „S“ und vielen kleineren „S“ drum herum in unterschiedlichen Farben „gemalt“ entgegen. Der Opa nimmt das Blatt und betrachtet aufmerksam die künstlerisch verzierten S- Schlangen, während Jan sich seine Hausschuhe auszieht und in die Straßenschuhe schlüpft. Er setzt sich auf die Garderobenbank, streckt dem Opa dann das Bein mit Schuh und dem offenen Schnürsenkel entgegen und sagt: „Da, mach mir zu!“. Der Opa zieht die Augenbrauen hoch und meint. „Na wenn du jetzt schon rechnen und schreiben lernst, dann hat die Lehrerin in der Schule ja Zeit dir das Schuhe- Binden bei zu bringen!“

Schwarzer Peter seit dem PISA- Schock

Seit dem PISA- Schock schiebt man gerne den Erzieherinnen den „schwarzen Peter“ zu, im Kindergarten fände nicht genügend Bildung statt. Bildungspläne sind die Antwort darauf, und Erzieherinnen, die neben dem „Würzburger Trainingsprogramm“ auch Mathematik- Kurse, Lesen- und Schreibenlernen und Computer- und Englisch- Kurse anbieten- um ihre Kinder mit solider Vorbildung in die erste Schulklasse zu entlassen. Fragt sich, was die Kinder in der Schule noch lernen sollen.

Kinder lernen durch Spiel

Dabei sind sich Schulräte wie Wissenschaftler einig: Was in der Schule gelernt wird, ist Aufgabe der Schule. Und: Sinnvolle Vorschulerziehung, welche die Kinder gut auf die Anforderungen in der Schule vorbereitet, ist nicht vorgezogenes Buchstabieren und Rechnen. Kindertagesstätten haben spielerische Ressourcen, die sie dazu nutzen sollten, viel freies Spiel und spielerische gezielte Angebote zur Förderung bereiten Kinder gut auf die Anforderungen der Schule vor. Kinder lernen durch Spiel, durch Wiederholung, durch Eigenaktivität, durch das Vorbild und die Interaktion mit anderen. Jährlich besuche ich mehr als 40 Praktikanten in den Kindertagesstätten und sehe dort wie in Kindergärten „Bildung“ umgesetzt wird.
Tatsächlich in wird in Kindergärten an den Kindern herumexperimentiert. Mit vorgezogener Schule werden die Kinder ungeachtet der wissenschaftlichen Erkenntnisse, mit allen möglichen Konzeptideen ihrer Kindheit beraubt.

Missverstandener Bildungsbegriff

Mit den besten Absichten beugen sich die Erzieherinnen mal wieder den Ansprüchen, die man an sie stellt, doch verrutscht so manches Mal der Schwerpunkt der Elementarpädagogik. Statt das Sprungbrett zwischen Elternhaus und Schule zu sein, wird zu Gunsten schulischer Inhalte Spielzeit geopfert. Unter „Bildung“ wird plötzlich nicht mehr verstanden, dass Kinder Sozialverhalten, die deutsche Sprache beherrschen können und kreative Spielideen haben sollten. Erfahrungen mit Matsch und Natur zu machen, oder sich selbst anziehen zu können ist zweitranging geworden. „Bildung“ im Elementarbereich hat vor allem eine starke intellektuelle Komponente bekommen.

Erzieherinnen im Spannungsfeld

Dabei würden viele Erzieherinnen gerne „einfach ganz normal“ arbeiten, doch stehen sie in einem Spannungsfeld zwischen ihrer Auffassung von pädagogischer Arbeit, Erwartung der Eltern und der politischen Diskussionen. Mit dem was sie in ihrer fünfjährigen Ausbildung gelernt haben, ist scheinbar kein Kind mehr schulfähig zu bekommen. Der traditionelle Kindergarten ist überholt, dass Kinder durch Spiel lernen ist keine Garantie für kluge Kinder mehr. Hinzu kommt der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan (BEP) und die neuen Bildungsleitlinien, die nun seit 2013 den BEP für alle Institutionen in denen Kinder Erziehung und Bildung erfahren, verbindlich machen. Aus missverstandenem Bildungsbegriff und Ehrgeiz werden schulische Inhalte vorgezogen, obwohl der BEP das so nicht vorsieht. Statt im Stuhlkreis Lieder zu singen und Spiele zu spielen wird nun das Wetter dokumentiert, gerechnet, Buchstaben an Filzwände gepinnt und demokratisch über den weiteren Tagesverlauf abgestimmt.

Hat man in den 70iger- Jahren, angelehnt an Jürgen Zimmer`s Idee des Situativen Ansatzes, dafür plädiert, den Kindern ihre Kindheit zu lassen, das Augenmerk auf das Bedürfnis nach Spielen und Interaktion gelegt und Rahmen- und Jahrespläne als „funktional“ verpönt, so erleben wir nun einen Trend zur „funktionalen“ Bildung in den Kindertagesstätten. Schwupps, machen die Kinder fleißig Vorschulblätter, und das Kuchenbacken wird zur Rechenstunde, in der so ein knapp sechs- jähriger schon mal im Kopf ausrechnen soll, wie viele Male die benötigten 600 Gramm Butter in 200 Gramm aufgeteilt werden müssen.

„Schulung der phonologischen Bewusstheit“

Die Eltern erwarten „sichtbare“ Bildung von den KiTAs, weiß man doch, dass Bildung die Chance auf ein zufriedenes Leben ist. Die Lehrer wollen Kinder, die alle auf dem gleichen Niveau sind was intellektuelle Leistungen angeht. Insbesondere was die „phonologische Bewusstheit“ betrifft, die seit der Jahrtausendwende eifrig geschult wird, in der irrtümlichen Annahme, die Kinder hätten dadurch ein besseres phonologisches Verständnis und deshalb auch einen besseren Zugang zum Schriftspracherwerb. Lese- und Rechtschreibschwächen soll mit dem „Würzbuger Trainingsprogramm“ oder dem ähnlichen „Wuppi“, vorgebeugt werden.

Buchstaben im Kindergarten


In Fortbildungen bei „Sprachberaterinnen“ bekommen Erzieherinnen ebenso empfohlen, bereits den Kindergartenkindern „spielerisch“ Buchstaben bei zu bringen. Kinder werden als „kleine Genies“ betrachtet und Erzieherinnen verstehen sich zunehmend als Lehrer dieser Genies. Das Buchstabenlernen, Schreiben und Lesen ist zwar für gehörlose Kinder bereits im Kindergartenalter wichtig. Doch für gesunde Kinder sollte auch ein gesundes Maß an Förderung gelten, indem Lesen und Schreiben eindeutig zum Schulstoff und nicht in den Kindergarten gehören.


Alles alltäglich und üblich -und alles überflüssig

So sind das tägliche „Schulen der phonologischen Bewusstheit“ und das Buchstabenlernen mittler Weile in Kindergärten alltäglich. Jedoch ist der Sinn derartiger Inhalte mehr als fragwürdig, weil es sich als vertane Zeit heraussgestellt hat. Zwar schadet es den Kindern nicht, aber er bringt auch nicht die gewünschten Ergebnisse:
Aline Lenel und Monika Knopf haben in ihrer Studie 2004 heraus gefunden, dass derartige Programme überbewertet werden. Zwar wird die „phonologische Bewusstheit“ geschult, diese hat jedoch für den Schriftspracherwerb nur umschriebene Bedeutung. So können die Kinder zwar gut reimen und Silbentrennen, jedoch deshalb nicht besser lesen und schreiben als andere Kinder.

Kein vorgezogenes Lesen und Schreiben in Kindergärten

Auch das Vorziehen des Schriftspracherwerbes in den Kindergarten sei nicht sinnvoll. Diese wissenschaftliche Erkenntnis ist sogar in den neuen Bildungsleitlinien des Bayerischen Kultusministeriums berücksichtigt. Hier steht: „Die Literacy- Entwicklung basiert auf einem starken Fundament in der mündlichen Sprachentwicklung. Literacy ist nicht gleichbedeutend mit vorgezogenem Schriftspracherwerb.“ Trotzdem werden in vielen Kindergärten den Kindern Buchstaben beigebracht, was zweifelsohne der erste Schritt für den vorgezogenen Schriftspracherwerb ist.

Tägliches Vorlesen und Zugang zur verschriftlichten Welt

Vielmehr müsste den Kindern durch Geschichten zur Schrift und Papier ein Zugang zur verschriftlichten Welt gegeben werden. Die Möglichkeiten Schreibgeräte zu nutzen, ohne damit richtig zu schreiben ist motivierend. Vor allem das tägliche Vorlesen ist ein wichtiger Grundstein für die Motivation Lesen und Schreiben gerne zu lernen. Wird die Geschichte der Schrift erlebbar gemacht und der Zugang zur verschriftlichten Welt durch Bilderbücher und „Bücherecken“ angeregt, werden die grundlegenden Vorläuferfähigkeiten für Lesen und Schreiben sinnvoll gelegt.

Buchungszeiten- Kindergärten stehen in Konkurrenz

Kindergärten sind untereinander in Konkurrenz, seit die Bezuschussung der Plätze und damit ist jeder Arbeitsplatz des pädagogischen Personals, von den Buchungszeiten der Kinder abhängig. Obwohl derzeit Erzieherinnen im Schnelldurchlauf ausgebildet werden sollen, weil es zu wenige gibt um dem gesetzlichen Anspruch auf einen Krippenplatz gerecht zu werden, ist das Stundenkontingent eben nicht immer sicher. Mit befristeten Verträgen bekommen die Erzieherinnen manchmal jährlich andere Stundenzahlen, und damit mal mehr und mal weniger Geld. Melden sich weniger Kinder an, fällt auch mal eine Erzieherinnenstelle weg. Mit zusätzlichen intellektuellen Kursangeboten am Nachmittag versuchen viele Einrichtungen die Buchungszeiten zu erhöhen und damit die Arbeitsplätze und Stundenzahl des pädagogischen Personals zu sichern. Erzieherinnen sind kaum mehr in der Lage den Eltern zu vermitteln, dass Spielen Lernen ist, und beugen sich elterlichen Ansprüchen nach zusätzlicher Förderung. Bevor die Kinder in der anderen KITA angemeldet werden, macht man eben ein „Würzburger Trainingsprogramm“ und Englisch nach „Helen Doron“.

Sprachkurse im Kindergarten

Obwohl Hennig Wode wissenschaftlich belegt hat, dass Sprach- Kurse einmal pro Woche vertane Zeit sind, wird Kindergartenkindern munter Englisch, Russisch ja sogar Chinesisch ein Mal pro Woche im Kindergarten beigebracht. Tatsächlich sind bereits kleine Kinder in der Lage mehrere Sprachen gleichzeitig zur Muttersprache zu lernen. Doch das muss geschehen, wie das Erlernen der Muttersprache selbst. Eine Bezugsperson spricht immer diese Sprache mit dem Kind, die Fremdsprache ist dauerhaft Verkehrs- und Alltagssprache, dann lernen die Kinder mühelos andere Sprachen. Voraussetzung hierfür ist, dass eine MuttersprachlerIn in der Gruppe arbeitet. Problematisch wird es dann, wenn es zwar ein/e MuttersprachlerIn ist, diese aber kaum pädagogischen Kenntnisse hat. So habe ich bereits russische „pädagogische Mitarbeiterinnen“ erlebt, die in Russland Lehrerin waren, und hier im Schnellkurs „pädagogische Assistentin“ geworden sind. In osteuropäischer Manier bestrafen sie die Kinder mit Raussetzen, wenn sie nicht ordentlich aufessen, natürlich auf Russisch. In den, zu Kindergärten umgebauten, Reihenhäusern lehren sie den Kindern auf Russisch, Englisch und Deutsch zu zählen und zu schreiben, haben aber keinen Turnraum für ausreichend Bewegung. Bewegung sei es genug, wenn die Kinder zur Toilette gehen, so die Leiterin. Die (immerhin nur 12) Kinder warten dort im Flur, bis sie dran sind, weil es nur eine einzige Toilette gibt, die weder ein Fenster noch eine Türe hat. Die Türe wurde ausgehängt, weil sie nach außen aufgeht. Die kleinen mehrsprachigen Genies rufen mit fünf bis sechs Jahren noch nach der Erzieherin, damit ihnen der Po geputzt wird. Je nach dem, wer sie abwischen soll, auf russisch, deutsch oder englisch!

Trend zur Verschulung der Kindergärten

Der Trend den Kindergarten zu verschulen ist in den bayerischen Kindergärten deutlich. Kaum mehr gibt es Kindergärten, die darauf vertrauen, dass sie das nötige Handwerkszeug haben, Kinder auch ohne Zahlenland, Würzburger Trainingsprogramm und Vorschulblätter gut auf die Schule vor zubereiten. Für das tägliche Spielen und Matschen im Garten bleibt kaum mehr Zeit, die Notwendigkeit bei jedem Wetter täglich raus zu gehen, wird in den wenigsten Einrichtungen gesehen. Gematscht werden darf höchstens in den „Matschräumen“, die vorwiegend in den Krippen zu finden, und genau genommen Toiletten, sind. Da stehen dann die kleinen zweijährigen mit Gummistiefeln und Malkitteln, beschmieren die Fliesenwände mit Farbe, duschen sie wieder ab, pritscheln mit Wasser und matschen mit echtem Sand. Wozu sollte da noch nach draußen gegangen werden? Während dessen sitzt ein anderes Kind auf dem Klo und bekommt für seine Kackwurst einen Smilie in den Verstärkerplan. Bei zehn Smilies darf es sich etwas zu Spielen aussuchen. Man könnte meinen, dass heut zu Tage ohne Smilies kein Kind mehr sauber wird.

Ausbildung zum „Tausendsassa“

Dabei haben Erzieherinnen eigentlich eine Ausbildung zum Tausendsassa und müssten es besser wissen. Sie lernen neben pädagogischen und psychologischen Theorien zur Sauberkeit, Trotz, Bindung, auch ganz praktisch wie sie mit Kindern Sport und Rhythmik durchführen, weil Bewegung durch die Synapsenbildung Grundvoraussetzung für Intelligenz ist. Sie lernen wie sie mit Spielen außer dem Sozialverhalten auch das räumliche und logische Denken fördern. Sie lernen Singen und Musizieren, weil dies für die kognitive Entwicklung und die Sprachförderung wichtig ist. Fünf Jahre lang erleben Erzieherinnen, dass kreatives Werken und Basteln höhere Anforderungen als nur Schablonen ausschneiden ist. Wenn Erzieherinnen das anwenden dürften und würden, was sie gelernt haben, wären Bildungsleitlinien und Programme überflüssig. Unsere Kinder dürften wieder Kindheit erleben und wären nicht trotzdem, sondern deshalb klug. Sie dürften spielen und matschen, eine Beziehung zur Natur, zu Tieren und anderen Menschen aufbauen. Die Kinder müssten nicht Entscheidungen treffen, die sie überfordern, sondern dürften sich auf Erzieherinnen und Eltern verlassen, die wohlwollend und liebevoll Zeit zum Spielen, Zeit zur Entwicklung geben und würden auch von ganz alleine sauber werden.

Kinder in Ruhe lassen

„Lasst eure Kinder in Ruhe“ fordert der Pädagoge Wolfgang Bergmann in seinem Buch, und plädiert dafür, Kinder wieder Kinder sein zu lassen, statt sie mit Bildung zu vermurksen und ihnen wertvolle Zeit zum Spielen zu stehlen. Prof. Spitzer ist der Ansicht, dass Kinder durch sinnliche Erfahrungen, Bewegung und Eigenaktivität lernen. „Kinder unterscheiden nicht zwischen Spielen und Lernen, Kinder lernen durch Spiel“, sagt er und beweist das anhand der Synapsenbildung im Hirn, die durch Bewegung gelegt werden und Voraussetzung für Intellekt sind. Unaufhörlich warnt er davor, dass Kinder nicht vor Bildschirmmedien sollen, weil sie davon dick, dumm und aggressiv werden, und lieber spielen sollen. Der Philosoph und Biologe Andreas Weber ist der Auffassung, nur durch Spielen und Erfahrungen in der Natur und mit anderen Geschöpfen ist es Kindern überhaupt erst möglich Mensch zu sein und intellektuelle Bildung zu erfassen. „Mehr Matsch“ fordert er.
Warum hört eigentlich keiner auf die Wissenschaftler?
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11 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 11.09.2014 | 15:56  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 12.09.2014 | 00:58  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 12.09.2014 | 01:24  
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Barbara Steffens aus Ebsdorfergrund | 12.09.2014 | 11:21  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 12.09.2014 | 14:34  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 13.09.2014 | 01:33  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 13.09.2014 | 01:55  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 13.09.2014 | 14:26  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 13.09.2014 | 17:16  
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Hans-Joachim Zeller aus Marburg | 13.09.2014 | 20:56  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 14.09.2014 | 01:56  
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