Erlebnisreise Skandinavien und Nordkap: Die Trollzunge in Norwegen

Endlich erreicht: die Trollzunge (Trolltunga)
 
Leider hatten wir keine Möglichkeit, mit der Bahn nach oben zu fahren
Wir befanden uns in Odda, einer Kommune in der Provinz Hordaland, südöstlich von Bergen am Ende des Sørfjords gelegen. Heute wollten wir zur "Trollzunge" wandern.Die Vorfreude war groß, das Wetter gut.
Nach Odda, gleich nach zwei langen Tunnels erreichten wir das Dorf Tyssedal am Sørfjord. Hier führte die Straße stetig nach oben. Ein Hinweisschild warnte vor dem Befahren der nun folgenden Strecke mit dem Hinweis „auf eigene Gefahr“. Die sehr kurvige Straße, die jetzt nur noch einspurig und ab und zu mit Ausweichstellen versehen war, führte an einer Schlucht entlang steil bergauf. Nach etwa 20 Minuten erreichten wir den Parkplatz und Ausgangspunkt für unsere Wanderung. Im Reiseführer war beschrieben, dass es eine Bahn gibt, die man benutzen kann, um das erste und steilste Stück der Strecke zu überwinden. Bei der Bahn handelt es sich eher über einen Aufzug. Ein Wagen wird auf Schienen mit einem Stahlseil den steilen Berg hinaufgezogen. Die Steigung beträgt zeitweise fast 100 %!
Von unten sah die Strecke ganz schön abenteuerlich aus, vor allem, wenn man die welligen Schienen betrachtete. Macht aber nichts – wenn wir uns dadurch den steilen Aufstieg über einen Bergweg oder – als Alternative - 2500 Stufen entlang des Gleises sparen…
Ein Hinweisschild machte uns darauf aufmerksam, dass es sich um eine Privatbahn handelt und nicht für die Öffentlichkeit fährt. Na toll! Weit und breit war kein Mensch zu sehen, im Haus neben der Bahnstrecke öffnete niemand auf mein Läuten. Wir mussten also in den sauren Apfel beißen und die 430 Höhenmeter der ersten Etappe per Pedes zurücklegen. Wir hofften, dass das Wetter hält. Immer wieder zogen dunkle Wolken auf, dann äugte wieder mal die Sonne zwischen den Wolken hervor. Die Beschreibung der Wanderung, die 6 Stunden dauern sollte, begann schließlich ab der Bergstation der Bahn. Für uns kam jetzt noch bestimmt 1 Stunde Aufstieg, und zum Schluss 1 Stunde Abstieg dazu!
Wir entschieden uns, den Bergweg, statt den Stufen zu nehmen. Er führte zwar fast wie die Stufen beinahe senkrecht nach oben, war aber nicht so langweilig. Völlig durchschwitzt kamen wir oben an. Einige Wochenendhäuschen lagen weitläufig verstreut vor uns. Dafür war also die Bahn vorgesehen! Nun begann unsere eigentliche Wanderung. Stetig einen steinigen Pfad bergauf, teilweise über riesige, aber griffige Felsplatten wie am Kjerag-Bolten, nur nicht so steil, erreichten wir die Schneegrenze. Durch ein kleines Tal mit See und Bergbach hindurch, immer seitlich an einem Berg entlang und hinauf, waren wir auf dessen Rückseite angelangt. Wir hatten eine imposante Aussicht auf das Lyssetal, tiefe Schluchten und die umliegenden Berge mit ihren Gletschern, die scheinbar auf unserer Augenhöhe waren.
Wir durchquerten Bergbäche, indem wir über Steine balancierten, die darin verstreut lagen, kamen an kleineren Wasserfällen vorbei und überwanden wieder diese großen Steinplatten. Der Weg führte auf und ab (mehr „auf“ als „ab“). Wir benötigten, obwohl wir zügig unterwegs waren, tatsächlich die 3 Stunden ab der Bergstation, bis wir endlich die Trollzunge erreicht hatten. Wow – cooler Anblick! Außer uns war noch ein Paar dort, das gerade Fotos machte, aber bald wieder zum Rückweg aufbrach. Auf Eisenbügeln konnte man zur Trollzunge hinabsteigen. Sie ragt etwa 10 Meter hervor und verjüngt sich an der Spitze. Die Aussicht über den See und die Berge war natürlich wieder phänomenal. Wir fotografierten uns gegenseitig und brachen dann nach längerer Rast zum Rückweg auf. Der Himmel war jetzt mit dunklen Regenwolken verhangen. Wir befürchteten bald nass zu werden und beschleunigten unser Lauftempo.
Außer kurzzeitigem leichtem Nieseln blieben wir gottseidank vom Regen verschont; die Sonne war plötzlich wieder da und wärmte uns mit ihren Strahlen (zur Erinnerung: wir befanden uns an der Schneegrenze, was zum Wandern von der Temperatur her angenehm ist; nur der Wind war zeitweise kalt).
Als wir nach 2 ½ - stündigem Marsch an die Bergstation der Bahn zurückgekehrt waren, blinkte dort ein oranges Licht und einige Männer standen am Geländer. Ich ging sofort zu ihnen, sah, dass der Bahnwagen gerade angekommen war und fragte, ob wir mit hinab fahren dürfen. Der freundliche Herr antwortete, sie bleiben zwar oben, wir dürfen aber mit der Bahn mitfahren. „Wo kann ich bezahlen?“, erkundigte ich mich, und bekam zu Antwort: „Die Fahrt ist umsonst“ Genial (zumal ich unser Geld im Auto vergessen hatte)! Eine einmalige Gelegenheit!
Wagemutig stiegen wir zusammen mit 4 anderen Wanderern, die noch dazugekommen waren, in den Wagen. Es gab weiter keine Sicherung als einen Haltegriff vor der Sitzbank. Kein Bügel oder ähnliches. Der Wagen war lediglich an einem Stahlseil befestigt. Eine Bremse existierte nicht! Entgegen meinen Erwartungen gab es auch keinen Fahrer (wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich nicht in die 2., sondern in die vorderste Bank gesetzt ) Ich freute mich, (im Gegensatz zu der ängstlichen jungen Frau hinter mir) total auf die Abfahrt! Die Strecke führte teilweise senkrecht bergab, was von oben betrachtet ganz schön abenteuerlich aussah. Ich schoss zwar einige Fotos, weiß aber nicht, ob das steile Gefälle darauf realitätsgetreu zu erkennen ist.
Langsam ging es bergab. Wir genossen die gesamte, einzigartige Fahrt. Wir überlebten sie unbeschadet ;-) . Es war jetzt 18:00 Uhr und wir suchten in Odda den dortigen Campingplatz zum übernachten, und vor allem zum duschen auf. Wieder einmal hatten wir einen anstrengenden, aber aufregenden und erlebnisreichen Tag erlebt. Die lange Fahrt hat sich auf jeden Fall gelohnt.
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Giuliano Micheli aus Garbsen am 15.06.2012 um 23:32 Uhr  
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