Nichts Schlaues an "Schlaumäusen"

Kinder sitzen im Kindergarten am Computer. Mit dem Programm "Schlaumäuse" sollen sie Sprachkompetenzen per Computer erlernen und machen den "Computerführerschein". Grundlegende pädagogische Prinzipien und wissenschaftliche Erkenntnisse über das kindliche Lernen werden dabei allerdings vergessen. Und für die Erzieherinnen droht ein Image-Schaden.


Betritt man den Kindergarten sieht man gleich am Eingang das Schild "Schlaumäusekindergarten". Geht man weiter zum "Forscherzimmer" sieht man wie zwei Kinder am Computer sitzen und in virtuelle Bilder versunken spielen. "Sie arbeiten am Computer. Dort dürfen nur die Vorschulkinder mit Computerführerschein spielen. Das Schlaumäuseprogramm fördert die Sprache." erklärt die Erzieherin. Wieder einmal erliegt ein Kindergarten mit geschultem Fachpersonal dem weitläufigen Irrtum, dass es für die Kinder wichtig wäre, schon im Kindergarten mit dem Computer umgehen zu müssen, und fluggs wird das „Schlaumäuseprogramm“ installiert.

Mäuse sind nicht lebendig


Die Kinder wissen dann zwar wie man eine Maus bedient, haben aber vermutlich in ihrem Leben noch keine lebendige Maus gesehen. Wer aber glaubt, für Kinder sei die Schlaumäuse- Software von Mircosoft (wieso sollte das Schlaumäuseprogramm besser als Win8 sein?) oder irgendein anderes „Lernprogramm“ gut und wichtig, erweist den Kindern einen Bärendienst. Vielleicht sieht auch deshalb die Plüsch- Schlaumaus, die den Kindern als Belohnung im Anschluss an ihren Computerführerschein geschenkt wurde, eher aus wie ein Bär, weniger wie eine Maus. Es ist mit mehreren Studien erwiesen: Bildschirmmedien machen Kinder dick, dumm und aggressiv. (siehe Prof. Spitzer, Dr. Hüther, Rossi.u.w.) Nach der Computernutzung lesen Kinder nachweislich schlechter, aber das ist ja nicht weiter schlimm, im Kindergarten können sie sowieso noch nicht lesen.

Kinder brauchen Vorerfahrungen und Sozialkompetenz

Um einen Computer sinnvoll zu nutzen brauchen Kinder grundlegende Vorerfahrungen. Die lernen sie aber nicht durch einen Computerführerschein und „Lernprogramme“, sondern am Leben. Kinder lernen durch sinnliche Wahrnehmung und nicht durch zweidimensionale Bildschirme. Kinder lernen Sprache, und alles andere auch, durch das Vorbild, durch Eigenaktivität und durch Interaktion mit anderen, lebendigen Menschen, nicht durch virtuelle Medien (es geht ja nicht um computergestützte Kommunikation für Schwerstbehinderte). Erzieherinnen haben eigentlich in ihrer Ausbildung gelernt, wie man optimal die Sprache fördert, dazu bräuchten sie keine Schlaumäuse. Und Kinder im Kindergarten brauchen keine „Computerkompetenz“, sondern Sozialkompetenz und gute Erzieherinnen!

Ruhe vor den Kindern

Erzieherinnen klagen, früher hätten die Kinder am Spielzeugtag Puppen und Bagger mitgebracht - heute bringen die Kinder I-Pads und I-Phones mit. Kinder wüssten nicht wie man Schuhe bindet, weil ihnen die Eltern „nichts mehr beibringen“, Kinder wären schlecht ernährt, Eltern hätten zu wenig Zeit. Von Erzieherinnen hört man oft, Eltern würden ihre Kinder zu oft vor den Fernseher oder den Computer setzen und zu wenig mit ihnen spielen. Häufig auch mit der Unterstellung, „damit sie ihre Ruhe vor den Kindern haben“. Und nun machen die Erzieherinnen das Selbe? Statt mit den Kindern das Schleifebinden zu probieren und zu spielen, machen sie den Computerführerschein. Auch wenn es „bewusst“ und „zeitlich begrenzt“ ist, ist es im Kindergarten schlicht fehl am Platz. "Wenn ich mein Kind in den Kindergarten gebe, will ich, dass es mit anderen Kindern spielt, nicht mit dem Computer." schimpft eine Mutter. Vermutlich sollen die Kinder auch wegen diesem Argument zu zweit die Schlaumäuse spielen. "Es ist egal ob alleine, oder zu zweit, ich finde die Zeit zu schade, die Kinder vor dem Computer sitzen. Da kann ich mein Kind auch zuhause am Computer spielen lassen und spare mir Geld für den Kindergarten". Sie ist eine der wenigen Eltern, die die "Schlaumäuse" kritisch sehen.

Wertvolle Zeit am Computer verplämpern

Eine „Übungseinheit“ zur „Förderung der Sprachentwicklung“ dauert 20 Minuten. 20 Minuten täglich, in denen Kinder sich bewegen, sinnvolle Erfahrungen mit anderen Kindern, Matsch, Farben, Bauklötzen, Musikinstrumenten machen könnten, werden am Computer verplämpert. Das übliche Argument für die Computernutzung im Kindergarten lautet: „Kinder müssen den bewussten Umgang mit den Medien früh genug lernen, schließlich ist der Computer Alltag. Der richtige und bewusste Umgang ist eine wichtige Prophylaxe zur Computersucht.“ Warum lassen wir die Kinder dann nicht gleich noch eine halbe Bier dazu trinken? Alkohol ist schließlich auch alltäglich und eine Suchtgefahr. Erst setzt man die Kinder vor den Computer und danach auf Ritalin, denn mehrere Studien haben nachgewiesen, dass der Konsum von Bildschirmmedien die Symptome von ADHS verstärkt. Microsoft macht nichts anderes, als Kinder anzufixen.

Erzieherinnen als Multiplikatorinnen für Computerspiele

Das einzige Interesse der Schlaumäuse- Programme ist, dass Microsoft seinen Markt erweitert und Kinder als Zielgruppe erreicht, und dadurch mehr Software verkauft. Und die Erzieherinnen fallen darauf rein, und lassen sich als Multiplikatorinnen für Microsoft benutzen. Denn Erzieherinnen wissen schließlich was gut ist - denken die Eltern und kaufen die Software auch. Wenn sogar Erzieherinnen die Kinder vor den Computer setzen, ist es entweder pädagogisch gut und richtig- und die Kinder sitzen zuhause ebenfalls am Computer, nach dem Motto „viel hilft viel“. Oder Erzieherinnen wissen es nicht besser als Eltern und machen das Selbe: Sie setzen die Kinder vor den Computer um ihre Ruhe zu haben, schließlich gehören sie einer Berufsgruppe an, die ein hohes burnout- Risiko hat. Erzieherinnen werden sowieso schon stark kritisiert, die NUBBEK- Studie hat ergeben, dass nur wenige Kindergärten in Deutschland gut arbeiten (übrigens können die das auch ohne Schlaumäuse.) Damit wird das gängige Image der unqualifizierten, kaffeetrinkenden Erzieherin noch verschärft. Jetzt wird sie nicht mal mehr für´s Spielen bezahlt, sondern nur noch für das zur Verfügungstellen von Computerspielen.

Babysitter von Microsoft

Wofür wollen Erzieherinnen mehr Geld und wofür sollen sie eine fünfjährige Ausbildung machen? Da ist es doch einfacher, wir buchen ein paar nette Jungs von Microsoft, da haben wir mehr Männer in Kitas, die außerdem mehr Ahnung vom Computer haben.
Aber die wären wahrscheinlich als Babysitter zu teuer! Vielleicht wissen es die Eltern auch besser als die Erzieherinnen, und sagen zu ihrem Kind „Ach heute hast du schon genug im Kindergarten am Computer gesessen, jetzt spielen wir mal was Schlaues zusammen!“
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
7 Kommentare
78
Tanja Tanzbein aus Friedberg | 02.05.2014 | 12:35  
78
Tanja Tanzbein aus Friedberg | 02.05.2014 | 12:58  
54.352
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 02.05.2014 | 15:47  
6
Silke Goedereis aus Berlin | 02.05.2014 | 17:32  
78
Tanja Tanzbein aus Friedberg | 02.05.2014 | 23:27  
54.352
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 02.05.2014 | 23:32  
54.352
Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 03.05.2014 | 15:57  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.