Als Flamencotänzerin nach Andalusien


Wer als Flamenco- Tänzerin aufritt wird häufig gefragt: „Woher können Sie Flamenco, sind Sie Spanierin?“ Wenn ich ehrlich bin, sage ich dann „Nein ich bin keine Spanierin, ich musste dafür üben.“ Oft kommt dann: „Oh, dafür war das aber wirklich gut. Wissen Sie, ich habe schon einmal eine echte Flamencotänzerin in Spanien gesehen- Sie haben das genauso gut gemacht wie die.“ Früher wusste ich dann nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen sollte, weil die Person ja schließlich eine „echte“ von einer „unechten“ Flamencotänzerin unterscheiden kann, obwohl ich, und vermutlich sie selbst, die Kriterien dafür nicht kenne.


"Echte Flamencotänzerin"


Anfangs war ich immer recht pikiert, denn man kann auch Flamenco können, ohne dass man Spanierin ist und ohne damit geboren zu sein. Das ist, wie wenn man sagt- „Oh, Sie fahren Auto, sind Sie in einer Autowerkstatt geboren?“
Das meiste ist nicht Talent, sondern Ausdauer und Training wie beim Autofahren auch. Natürlich ist Flamenco Lernen viel schwieriger als Auto fahren, darum gibt es auch mehr Autofahrer als Flamencotänzerinnen.
Die nächste Frage ist dann, wo ich Flamenco gelernt habe. Wenn ich wieder ganz ehrlich bin, sage ich „Hier. In Deutschland.“ Und um ganz schnell die Flamencoehre zu retten sage ich. „Wir haben in Deutschland sehr gute Flamencokünstler, auch einige Spanier, in Berlin, in München. Jährlich kommen auch die spanischen Tänzerinnen nach Deutschland.“
Will man aber als „echte“ Flamencotänzerin ernst genommen werden, muss man schon wenigstens einmal einen Flamenco- Kurs in Spanien absolviert haben. Und natürlich färbt das Flair des Ursprungs schon auch auf einen ab, wenn man mal selbst dort war und nicht nur aus Büchern weiß, wie Spanien so tickt.

Ohne Spanisch kein Flamenco


Bevor ich Flamenco tanzen gelernt habe, habe ich Spanisch gelernt. Damit ich verstehe, was gesungen wird.
Auf einem Video von Carlos Saura singt der Sänger eine Bulería und die Tänzerin tanzt dazu wild, und fröhlich. Ich weiß nicht, ob diese Sängerin versteht was gesungen wird, oder ob einfach der Untertitel falsch übesetzt ist, jedenfalls hätte die Tänzerin allen Grund dazu ein anderes Gesicht zu machen: „Aaayyy, sie nervt mich, die Alte, soll doch ihr Mann sie lieben, der ist schließlich verpflichtet dazu!“ Damit mir sowas nicht passiert, (also dass ich zu so ´nem Text tanze) wollte ich verstehen, was die Sänger singen. Darum habe ich bevor ich den allerersten Flamencokurs gemacht habe, erst mal Spanisch gelernt. Im Flamencokurs habe ich trotzdem kein Wort verstanden was gesungen wurde. „Jetzt habe ich fünf Spanisch- Kurse gemacht, aber ich verstehe kein Wort“ sagte ich zu meiner Flamenco Lehrerin. „Kein Wunder, die singen auch nicht Spanisch, sondern Caló, das ist die Sprache der Roma.“ Lachte meine Flamencolehrerin. Das war 1995. Mittler Weile wird das Meiste auf Spanisch gesungen, man versteht es trotzdem schlecht.

"Eis mit Sahne" auf Spanisch

Als wir beschlossen haben nach Andalusien zu fahren, habe ich ein dickes Spanisch- Wörterbuch gekauft und zwei kleine für die Handtasche. Zudem einen Audio- Sprachkurs für meinen Mann. Den habe ich online bestellt. Er hat ihn immer im Auto gehört und fleißig mitgelernt. Leider habe ich deshalb nicht gewusst, dass das ein österreichischer Sprachkurs ist. Bis mein Mann zuhause beim Spanisch- Üben mir erzählen wollte: „Un helada con nada“ wäre ein Eis mit Sahne. Ich sagte, das würde „Ein Eis mit nichts“ heißen, und dass die Spanier ihm sicherlich einfach ein Eis geben und sich wundern, weshalb er es mit „nichts“ will. „Das heißt helada con crema!“ behaupte ich. „Der nette Herr vom Audiokurs sagt aber helado con nada heißt Eis mit Sahne“ beharrt mein Mann. Er findet, ich sei rechthaberisch, ich finde er hört schlecht. Er holt die CD aus dem Auto und ich höre einen Österreicher mit breitem „Wiener Schmäh“ : „ un eladdo con naaada, poafavoa.“ Ich fühle mich bestätigt. Dieser Trottel sagt nicht Eis mit Sahne, sondern Eis mit nichts! Er übersetzt: „Eein Eis mit Schlog, biddschön!“ Mit „Schlog“! Allen Ernstes. Der sagt nicht mal Sahne, er sagt „Schlog“ Das ist ein Spanisch- Kurs für Österreicher! Ich breche fast zusammen vor Lachen! Wir blättern in meinem dicken Wörterbuch und finden da „nata“ heißt auch Sahne. Aber eben nicht naada, sondern nata, das klingt doch ganz anders! Ich sage meinem Mann, dass er dem Österreicher nichts mehr glauben darf, denn er spricht einfach österreichisches Spanisch, da kann er gleich Deutsch mit den Spaniern reden.

Sevillanas in Sevilla

Wir machen uns also einen „spanischen Abend“ mit Rioja, Tapas und dem Laptop um unseren Urlaub für August zu buchen. Mein Mann würde gerne nach Sevilla fahren. Schon alleine, um dort in den Bars Sevillanas zu tanzen. Als wir vor einigen Jahren in Granada waren, haben wir zwar viel Flamenco gesehen, aber wir konnten nicht ein einziges Mal Sevillanas tanzen. Sevillanas sind ein Volkstanz aus Sevilla. Es handelt sich um vier Strophen, die in der Struktur und dem Ablauf eine Choreographie haben, aber die Ausführung ist doch recht unterschiedlich. Meinen Kursteilnehmerinnen sage ich immer, Hauptsache sie wechseln zur richtigen Zeit den Platz und stehen rechtzeitig am Schluss wieder in Pose. Sevillanas zählen als Volkstanz eigentlich nicht zum Flamenco, aber jede Flamencotänzerin muss sie können. Also sind sie doch Flamenco. Eine Spanierin erzählte mir, dass sogar in den Discotheken ab Mitternacht Sevillanas gespielt werden und die dort wirklich jeder tanzt. Irgendwie. Bloß eben in Granada nicht. Ich vermute, dass Sevillanas eben typisch für Sevilla sind und in den anderen Gegenden eben nicht. Ich habe mir damals in Granada eine grenadische Tracht für knapp 1000 Euro gekauft, in der man zwar keinen Schritt tanzen kann, aber gut aussieht. Wahrscheinlich tanzt man deshalb dort keine Sevillanas, die Trajes sind dazu viel zu eng. Außerdem hängen mir Sevillanas zum Hals heraus, ich will „echten“ Flamenco.

"Echter Flamenco"

Wer nun denkt, die Hits der Gipsy Kings seien Flamenco, der irrt auch. Die Gipsy Kings sind Südfranzosen, „Volare“ ist ein italienischer Text und Rumba ist ein Latainamerikanischer Rhyhthmus. Also auch kein wirklich „echter“ Flamenco, obwohl auch die Rumbas bei Flamenco- Shows oft mit dabei sind, der Rhythmus ist allerdings flamencisiert und nicht der Rumba- Rhythmus den man aus der Tanzschule kennt. Ich sage meinem Mann, dass ich erst den passenden Flamencokurs finden muss, und danach richtet sich unser Reiseziel. Außerdem ist es in Sevilla brüllend heiß im August. Kein normaler Mensch ist dort, nicht mal die Einheimischen sind zuhause, denn die machen Urlaub am Meer. Unsere Bekannte Karin heiratet im August Alfonso. Der kommt aus Sevilla und Karin hat auch gesagt, ihr graut schon vor ihrer Hochzeit, die sie in Sevilla feiern. Wegen der Hitze.

Spanische Nacht am Internet


Über Facebook habe ich eine „Freundin“ die in Andalusien seit einigen Jahren lebt. Ich schicke ihr eine Nachricht. Sie rät auch von Sevilla ab und empfiehlt Cadiz. Nach der zweiten Flasche Rioja und zig Youtube Videos nickt mein Mann langsam ein, aber ich habe endlich einen passenden Flamenco Kurs gefunden und auch gleich gebucht. In Jerez. Jerez sei die Wiege des Flamenco, da ist es sicherlich der richtige Ort um Flamenco zu lernen. Es gibt das Niveau Anfänger, Mittelstufe und Profis. Ich weiß, dass bei Profis, das Niveau der spanischen Profis der Maßstab ist. Das ist nicht vergleichbar mit uns, denn die gehen statt 8 Stunden in die Arbeit, 8 Stunden trainieren. Sie trainieren immer, sogar beim Zähneputzen und haben rasend schnelle Füße. Nivel Medio dürfte für mich das Richtige sein. Ich liebe das Internet! Während ich glückselig Schritte aus den you tube Videos vor mich hintrapple sucht mein Mann geduldig Flug und Hotel zusammen. Ich stelle ihm um drei Uhr morgens ein etwas verfrühtes Frühstück hin, damit er bei Laune bleibt. Ich trinke den Rioja leer und hopse neben ihm Flamenco und klatsche dazu. Aus dem Laptop brüllt ein Flamencosänger als ob er Bauchweh hätte. Ich frage meinen Mann ob es jetzt nicht langsam genug wäre, mit dem Geheule, mir geht das jetzt auf die Nerven. Wir könnten die Musik doch abschalten. Er sagt bloß: „Wieso? Ich liebe diese Musik. Du hast Dir schließlich einen Südländer als Mann ausgesucht, und ich muss doch Flamenco üben- wenigstens im Anhören.“ Ich meine ein paar Lieder seien ja o.k. „Aber um diese Uhrzeit wäre vielleicht andere Musik weniger nervig.“ „Nö, für diese Uhrzeit ist das genau die richtige Musik, damit ich wach bleibe“. Ich finde für diese Uhrzeit sei Hahnenkrähen genau richtig. Das klänge noch besser.

Kalte Nächte mit Klimaanlage


„Schau nach so was wie in Granada!“ sage ich zu ihm. In Granada waren wir in einer ehemaligen Basilika untergebracht. Mit Klimaanlage. So was hätte ich gerne wieder. Wir haben jede Nacht gefroren, weil wir erst am letzten Tag herausgefunden haben, wie man die Temperatur einstellen kann. Darum hat mein Mann dann die Klimaanlage wieder ausgeschalten, ich habe sie immer wieder heimlich eingeschalten. Als unterkühlte Nordgermanin waren mir 12 Grad Zimmertemperatur gerade recht, ich habe einfach meine und seine Decken genommen um nicht zu frieren. Mein Mann sagte, das sei ja wie zuhause in unserem kalten Haus, und schlief dann auf dem Balkon bei 35 Grad um sich wieder aufzuwärmen.

Spanische Fliesen an den Wänden


Besonders hübsch fand ich in der Basilika die Flure. Das untere Drittel der Wände war mit andalusischen Fliesen gefliest, der Rest vanillegelb und die Decken himmelblau gestrichen. Als wir nach Hause kamen wollte ich unseren Eingangsbereich auch wie eine Basilika haben. Als wir allerdings die Holzpanelen wegmachten, haben wir gesehen, dass die Wände so feucht waren, dass erst Mal ein Gutachter heraus finden musste, woher das kam. Die Wände sahen aus wie in einem Abrisshaus. Alte Tapeten, mindestens vier Schichten aus den letzten 80 Jahren und Putz rieselte jedes Mal, wenn eine Türe geschlossen wurde, herab. Die Wände und der Keller mussten erst trockengelegt und bearbeitet werden. Nachdem der Baugutachter dann selbst im Keller ein riesen Loch für den Lüfter bohrte, danach aber der Lüfter nicht in das Loch passte, passierte erst Mal nichts. Dafür war der Keller schön kalt und im Winter zog die Kälte auch ins Haus. Der Maler allerdings weißelte dann munter den Keller, obwohl noch gar nichts trocken war. Der Keller ist seit dem feuchter denn je (es blühten danach Schimmelblumen an den Wänden im Keller, der Gutachter überprüfte diese mit Mundschutz, sagte aber das sei „normal“) Die Wände im Eingangsbereich bröselten weiter und sahen schrecklich heruntergekommen aus. Wir machten schöne Schilder daneben auf denen stand „ Blankes Entsetzen“ und „Der Schrei“ und sagten allen die zu Besuch kamen, das sei ein Kunstwerk. Es dauerte über ein Jahr, bis der Gutachter es mit den Handwerkern auf die Reihe bekam (er hatte einige Termine verschlafen!) und die Wand dann endlich renoviert wurde. Wir mussten eine Woche Urlaub nehmen und mit Presslufthammer und Staubwänden wurde gebohrt und gerüttelt. Nachdem diese Behandlung alle paar Jahre wiederholt werden muss, wurde es nichts aus den andalusischen Fliesen.


Urlaub und Flamenco in Jerez


Mein Mann findet ein bezahlbares Hotel mitten in Jerez, einen Flug, und auch einen Mietwagen. Leider geht der Flug erst einen Tag später, als der Flamencokurs beginnt. Ich meine, die eine Stunde werde ich schon versäumen können.
Der Urlaub ist gebucht, damit lebt es sich gleich täglich viel fröhlicher und wir gehen bei Sonnenaufgang ins Bett.
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2 Kommentare
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Karin Franzisky aus Bad Arolsen | 04.08.2015 | 11:04  
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Korona Flamenco- und Bauchtänzerin aus Friedberg | 04.08.2015 | 11:13  
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