Frauen und die Abseitsregel
Damit meine Gattin während der kommenden Fußball-Saison kompetent mitreden kann, wenn es um Abseitsstellungen geht, habe ich sie vor kurzem zum Besuch eines vhs-Seminars zum Thema "Abseits" animieren können und ihr die Kursgebühren auch gerne bezahlt. Was sie dabei erlebt hat, habe ich für sie aufgeschrieben, weil sie keine PC-Kenntnisse hat. Deswegen auch die Ich-Form der nachfolgenden Zeilen:
"Am Montag kam ich kurz vor Beginn der Veranstaltung beim vhs-Gebäude an und stieg die schon etwas schief getretene Treppe hinauf zum Hörsaal 104. Aus den Augenwinkeln konnte ich zwei weitere Seminarteilnehmerinnen wahrnehmen, die sich auch von Herrn Norbert Schwab, einem amtlichen FIFA Schiedsrichter-Assistenten (Linienrichter), in Sachen Abseits-Regeln belehren lassen wollten. Nachdem sich die Zahl der Zuhörerschaft auf acht Personen erhöht hatte, betrat auch der Seminarleiter den Raum. HS (Herr Schwab), ein smarter Mann in besten Jahren und salopp gekleidet, stand also für die nächsten eineinhalb Stunden im Mittelpunkt unseres Interesses.
Mit Hilfe von Leinwand, Beamer und Notebook kam HS dann auch gleich zur Sache. Abseits wäre so einfach wie Kartoffelschälen, sprach uns eine Computerstimme anfangs gleich Mut zu. HS stieß auch gleich in dasselbe Horn und ermunterte uns, Zwischenfragen zu stellen, wann immer wie Verständnisprobleme bekommen sollten.
Lange musste HS nicht auf eine Unterbrechung warten. Nachdem wir erfahren hatten, was eine Abseitsstellung wäre, fragte eine etwa 35jährige Seminarteilnehmerin mutig, was es denn ausmachen würde, wenn ein Spieler abseits stünde. HS war etwas irritiert, weil er wohl befürchtete, nun in eine Grundsatzdebatte hineingezogen zu werden. Die Fragestellerin schien das zu merken und hakte deshalb gleich nach. Diesmal wollte sie präzise wissen, was denn eigentlich der Sinn von Abseits wäre. HS wollte zunächst etwas ausweichen mit dem Hinweis, sich nicht zu sehr zu verzetteln, doch dann ging er doch näher auf die Frage ein. Ohne Abseits, so HS, wäre keine Geschwindigkeit im Spiel. Die Abseitsregel bewirkte nämlich, dass sich die Spieler bewegen müssten. Da keine weitere Stimme sich erhob, schien diese Frage vom Tisch zu sein.
Dann ging es mit den Erklärungen auch gleich weiter. Was allerdings am Anfang noch ganz einfach klang, wurde nun doch komplizierter. Es ging nämlich um "Spezialfälle", scheinbare Abseits-Verstöße. Video-Mitschnitte von echten Fußballspielen sollten uns nachhelfen, das verzwickte Regelwerk besser zu verstehen. Doch allmählich kam ich nicht mehr mit und war froh, eine Reporterin zu entdecken, die eifrig mitschrieb für ihren Zeitungsbericht. Den konnte ich ja dann in aller Ruhe zu Hause noch einmal lesen, um besser hinter die Geheimnisse von Abseits zu kommen.
Gänzlich schwindlig wurde mir dann bei der Besprechung der "Super-Spezialfälle". Das Video zeigte, soweit ich es verfolgen konnte, einen abseits stehenden Stürmer und einen auf ihn zurollenden Ball. Allerdings, und das war halt das ganz Spezielle, bewegte sich der Tormann auf den Ball zu, oder war es umgekehrt gewesen? Eine kecke Teilnehmerin ließ sich gleich zu dem Ausruf verleiten, dass es kein Abseits wäre. Sofort kam auch schon das dicke Lob aus berufenem Munde. Sie wäre auf dem besten Weg zu einer geeigneten Schiedsrichterin, meinte HS anerkennend.
Am Ende der Veranstaltung schwirrte mir der Kopf. Für mich stand fest, dass Fußball eben mehr ist als nur "Das Runde muss ins Eckige" und dass das Abseits nur dazu dient, Fußballspielen unnötig zu komplizieren. Warum einfach, wenn es auch schwer geht?"
Soweit meine Gattin. Ich bin sicher, dass wir uns das eine oder andere Fußballspiel demnächst vor dem Fernseher gemeinsam anschauen werden. Wir werden uns auch gemeinsam über schöne Tore und Ergebnisse freuen, nur diskutieren werden wir wenig. Am wenigsten über Abseitsstellungen ...



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