Ein bitterer Nachgeschmack
Heute steht in den SN (Salzburger Nachrichten) ein Artikel, der den bitteren Beigeschmack begründet, den ich während unserer Busreise ins Westböhmische Bäderdreieck Mitte April mehrmals empfunden habe.
Unsere Reisebegleiterin Anna, eine charmante Tschechin um die 50 Jahre, kam immer mal wieder auf die Geschichte ihres Landes zu sprechen und auf das, was den Deutsch-Böhmen (Sudeten-Deutschen) auf dem Territorium der 1918 gegründeten Tschechoslowakei nach 1945 passierte, als sie ihre Heimat auf der Basis der "Benes-Dekrete" verlassen mussten.
Anna verwendete immer wieder den Ausdruck "Aussiedlung", um das glimpflich zu umschreiben, was den Sudetendeutschen in Wirklichkeit passiert ist: Sie wurden enteignet und brutal vertrieben, zum Teil auch massenweise hingerichtet. Noch heute kann man Dokumentarfilme sehen, die die Grausamkeiten zeigen, die die deutsche Minderheit von aufgebrachten Tschechen erdulden mussten.
Mit großem Interesse las ich heute diesen nachfolgenden Artikel in den SN unter der Überschrift "1945: Der Krieg nach dem Krieg":
Mit der Dokumentation "Töten auf Tschechisch" hat das Staatsfernsehen in Tschechien eine Diskussion über Gräueltaten gegen die deutsche Minderheit im Jahr 1945 ausgelöst. Am Donnerstagabend bekamen die Zuschauer von CT2 bisher unveröffentlichte Amateuraufnahmen präsentiert, die zeigen, wie im Prager Bezirk Borislavka mehr als 40 deutsche Zivilisten erschossen wurden – am 10. Mai 1945, kurz nach Ende des II. Weltkriegs.
Als "Krieg nach dem Krieg" beschreibt Regisseur David Vondracek die Ereignisse. Er rekonstruiert auch den Massenmord an deutschsprachigen Bürgern im nordböhmischen Postoloprty (Postelberg). Dort waren im Juni 1945 mindestens 736 Männer umgebracht worden. Insgesamt fielen während der Vertreibung der mehr als zwei Mill. Sudeten- und Karpatendeutschen nach dem Krieg, so schätzen Historiker, 20.000 bis 30.000 Menschen den Übergriffen zum Opfer. (SN vom 07.05.10, S. 6)
Damit ich nicht in die falsche Ecke gerückt werde, möchte ich klarstellen, dass ich mit diesem Beitrag nicht die zahllosen Gräueltaten verharmlosen will, die Tschechen in der Nazizeit von Deutschen zugefügt wurden. Das waren allesamt Kriegsverbrechen, die mit Recht nach Kriegsende gnadenlos bestraft wurden. Mich stören nur vehement die ungleichen Maßstäbe, die bei der Aufarbeitung deutsch-teschechischer Geschichte verwendet werden. Auf der einen Seite Mord und Totschlag, auf der anderen Seite bloße Aussiedlung?
So macht dieser Zeitungsartikel aus einem bitteren Beigeschmack nun doch noch einen nicht minder bitteren Nachgeschmack ...



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