Vom Du zum Sie
Als Lehrer erlebt man ja so allerhand an der Schule, Lustiges und weniger Lustiges. Hier mal etwas Amüsantes ...
Ich hatte mal wieder eine 5. Klasse übernommen. Aufgeregt saßen die Knirpse vor mir und warteten gespannt darauf, was demnächst passieren würde. Mir war es wichtig, ihnen gleich ein wenig die Angst vor dem Neuen zu nehmen. Kaum hatte ich meinen Namen an die Tafel geschrieben, waren gleich die Vorlauten zur Stelle: "Kaffee Haag, hahaha"! OK, damit konnte ich mittlerweile gut umgehen, da ich ja ein alter Hase war im Umgang mit Neuankömmlingen.
Doch dann schnitt ich gleich ein leidiges Thema an: das Duzen. Grundschüler waren es gewohnt, ihre Lehrerinnen - Lehrer sind dort ja ein Ausnahme - mit Vornamen anzusprechen. Sie hatten es ja im Kindergarten schon mit ihren Erzieherinnen so gehandhabt. So wollten sie es dann auch in der 5. Klasse fortsetzen. Doch damit sollte jetzt Schluss sein, verkündigte ich ihnen mit ernster Stimme. Ab jetzt bitte "Sie" in der Anrede!
Mir war klar, dass die neue Anredeform nicht gleich auf Anhieb funktionieren würde. Immer wieder verhaspelten sich die Kinder und brachten solche Ungereimtheiten zustande wie: "Sie, Herr Haack, bist du verheiratet?" oder "Kennen Sie meinen Vater? Den hast du doch auch einmal unterrichtet?" OK, je mehr wir übten, desto besser ging es dann auch.
Und dann am Stundenende die Ernüchterung! Beim Abschied, als ich mir vor aller Augen meine Jacke anzog, sagte doch ein Knirps aus der 2. Reihe zu mir: "Ei, Herr Haack, ist dir nicht zu warm?" Sogleich macht ich ihn auf seinen Fehler aufmerksam. Er hätte mich ja wieder geduzt. "Hab' ich doch gar nicht!", kam es etwas entrüstet zurück. "Ich habe doch "dir" gesagt!"
Weiter kamen wir mit unserem Meinungsaustausch nicht. Der aufmüpfige Schüler war schon weg in Richtung Pausenhof. Klar, er wollte lieber herumtollen als gleich zu Schuljahresbeginn wieder belehrt zu werden ...
Irgendwann hat er im Unterricht beim Ich, Du, Dir, Dich und Mich geschlafen;:)))
Ja, beim "Du, Deiner, Dir, Dich" muss er passiert sein ...
*** lach.... dennoch niedlich der KLEINE ...... ich kenne aus meiner Schulzeit nur SIE
LG Karola
Siezen ist bei uns ab der 1. Klasse verlangt, soviel ich von meinen Enkeln weiß.
Nur die Kleinen die ich bis zum Kindergartenalter betreue und dann im Kindergarten wird das Du angewandt.
Das passt so in die kategorie: "Herr Blume, kannst du mir mal die schnürbänder zubinden ?"
( Ebenfalls 5. jahrgang... )
Herr Haack, da hast Du einen lustigen Beitrag abgeliefert.
ach ist das ein herrlicher Bericht -ich liebe solche Erzählungen über Kinder. Es gibt nichts schöneres.
übrigens -der lieblingsspruch eines früheren arbeitskollegen: mann frau -wat bist du ein kind.
Ein schöner Bericht direkt aus dem Kindermund.
Von einigen Veranstaltungen an der Uni kenne ich auch die Benutzung des Vornamens und das anschließende "Sie". Axel, das haben Sie schön geschrieben. ;-))
VG Birgit
hab mich amüsiert, Kindersprache ist doch toll
Wenn Kinder wieder lernen sollen Respekt zu zeigen sollte man bei den Umgangsformen damit anfangen....
Das mit dem Respekt ist heute so eine Sache, Edgar. Früher war man als Lehrer automatisch ein Respektsperson. Heute muss man sich den Respekt aber erst verdienen. Und das ist gut so ...
"Heute muss man sich den Respekt aber erst verdienen. "
Ich sehe es eigentlich nicht so daß ich einem Kind gegenüber beweisen muß erwachsen zu sein - im Gegenteil. Wir sollten wieder dahin zurückkommen daß Respekt - und auch Autorität - eine normale Erscheinung sind die ich von meinem Gegenüber erwarten können muß.
Den Inhalt des Buches "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen.
Ich halte es für einfach nicht angemessen den Kindern quasi abzuverlangen zu entscheiden ob ein Lehrer Respekt verdient oder nicht. Das können selbst manche Erwachsene nicht...
Sicherlich - von der Amts- über die Fach- zur persönlichen Autorität zu werden - auch dies ist nicht einfach und wird leider von manchem nicht geleistet.
Respekt hängt von der Kompetenz ab, die ein Lehrer zeigt. Die eine ist die fachliche Kompetenz und die andere die soziale. Wenn es hier Defizite gibt, hat es ein Lehrer schwer, als Respektsperson anerkannt zu werden ...
Axel, Du hast ja Recht - entscheidend ist aber doch die Richtung:
Muß ein Kind erst einmal davon ausgehen daß Du kompetent bist (sonst ständest Du ja wohl kaum vor der Klasse) ? Ich denke ja!
Mußt Du einem Kind erst Deine Kenntnisse und Erfahrungen beweisen - wobei es dann so reif sein muß daß es dies überhaupt erkennen kann? Ich denke nein.
Wird ein Kind Inkompetenz und inkonsequentes Handeln für die Begründung eigener Fehler und Unlust ausnutzen? Ganz sicher!
Ich habe gerade mit einigen jungen Leuten zu tun die ihre eigene Kompetenz und ihr Mitspracherecht im beruflichen Leben weit überschätzen, Probleme mit der Akzeptanz von Autorität und dem Befolgen von Weisungen haben, andererseits weder die Reichweite ihrer Versäumnisse und Verantwortung einschätzen können und wollen.
Der Mangel an Respekt und Einsicht wird spätestens im Berufsleben zu einem ernsten Problem...
Aufgrund leidvoller Erfahrungen in der deutschen Geschichte haben wir unseren Kindern/Schülern beigebracht, kritisch zu sein und Autoritäten zu hinterfragen. Das ist nicht immer leicht, wenn man auch als Lehrer in der Kritik steht ...
"Aufgrund leidvoller Erfahrungen in der deutschen Geschichte haben wir unseren Kindern/Schülern beigebracht, kritisch zu sein und Autoritäten zu hinterfragen."
... und sie damit hemmungslos überfordert!
Das Kind wurde mit dem Badeausgeschüttet - und vom kaiserlich-Königlichen Untertanen über Nacht wurde ihm der Weg zum Totalverweigerer aufgezeigt - ohne ihm die damit verbundene Verantwortung aufzuerlegen - was eben garnicht möglich ist.
Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen:
Ist ein Erst- oder Drittklässler von seiner Reife her in der Lage Deine Lehrmethode, Deinen Lehrstoff und den Grad Deiner Kompetenz zu erfassen, zu beurteilen und kritisch hinterfragen zu können?
Wenn nicht ein Drittklässler, so doch seine Eltern ...
Na, und welche Erfahrungen hast Du da so gemacht?
Wenn überhaupt - anders als bei Elternabenden wirst Du die (und die dich) kaum zu Gesicht bekommen - es sei denn es gibt ernsthafte Probleme, oder?
Und wenn ich mir dann so meine "Jungens" (die altersgemäß durch die berühmte Bank meine Söhne, aber problemlos schon Eltern sein könnten)betrachte - ich hätte da so meine Zweifel.
Eingangs war es aber doch der Punkt ob die Kinder(!) Dich anerkennen (können sollten) - und die damit verbundenen Umgangsformen.
"Du A...." fällt eben leichter als "Sie A..." - und das hat sogar meine Frau als Tagesmutter schon zu hören bekommen - und geht dagegen sehr resolut und erfolgreich vor - spätestens dann ist der Respekt wieder da.
Du klingst wie ein Berufsschullehrer, Edgar ...
Nein, das bin ich nicht.
Ich arbeite seit über zwanzig Jahren in der Luftfahrzeugtechnik, die erste Zeit davon als Ausbilder für Hubschraubermechaniker bei der Bundeswehr - eine Aufgabe bei der Du mit Befehl und Gehorsam nichts erreichst, sondern nur mit Motivation und Vorbild.
Im Moment bin ich als Teamleiter für den Aufbau einer neuen Gruppe von Flugzeugmechanikern und -elektronikern zuständig - mit Masse jüngere Menschen die ihrem meist kurzen Berufsleben mit so altmodischen Begriffen wie "Führung" kaum konfrontiert wurden - ohne die es aber in dieser Gruppe nicht geht, denn ich muß mich einfach darauf verlassen können daß Aufträge prompt, gewissenhaft und verantwortungsbewußt erledigt werden - es hängen nämlich Menschenleben und hohe Sachwerte daran. Jeder von ihnen hat einen eigenen Arbeitsbereich mit eigenen Zuständigkeiten mit reiner Ergebnisorientierung, und hier trennt sich Spreu von Weizen.
Ich schätze mitdenkende und kreative Mitarbeiter - die Alles-Hinterfrager allerdings sind dabei absolut kontraproduktiv und vermiesen darüberhinaus die Stimmung im Team.....
Gehorsam ist schon wichtig im Leben, aber er erübrigt nicht das kritische Mitdenken und Hinterfragen ...
Deswegen nenne ich es auch nicht so, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang.
"Gib den Kindern erst Wurzeln, dann Flügel..." heißt für mich daß Kinder feste Regeln brauchen um sich orientieren zu können, die ihnen aber auch die Sicherheit geben um die ersten, eigenen Schritte tun zu können. Dazu gehört aber eben auch daß Regeln durchgesetzt werden, was wiederum Respekt und Autorität bedingt.
Übrigens - auch als Soldat habe ich zwar eine Pflicht zum Gehorsam - aber auch das Recht, ja sogar die Pflicht(!) zur Gegenvorstellung - insbesondere wenn es darum geht daß durch den Vorgesetzten Regeln verletzt werden oder eine potentielle Gefahrensituation entsteht - bestimmte Befehle braucht - oder sogar darf ein Soldat nicht befolgen.
Und in der jetzigen Situation erwarte ich sogar berechtigte(!) Einwände meiner Mitarbeiter - aber dann ebenso die Akzeptanz meiner Entscheidungen.
Zu Deinem vorherigen Einwand:
Hast Du den Eindruck in der jetzigen gesellschaftlichen Lage daß dieser alles hinterfragende Erziehungsstil uns weitergebracht hat?
Mit einer gehörigen Portion an Schmunzeln erinnere ich mich zurück: Meine Kindergärtnerin war die "Tante Hilde" und das "Du" war einfach selbstverständlich. Als meine erste Lehrerin Ihren Namen "Erna Kuschnirov" an die Tafel schrieb und uns in Kenntnis setzte, dass wir Schüler sie künftig mit ihrem Familiennamen als "Frau Kuschnirov" angesprochen werden sollten, kam es bei der Befolgung der Anweisung oft zu phonetischen Ausrutschern. Es ist dann bei "Frau Lehrerin" und beim "Siezen" geblieben.
Besser einen erziehungsstil hinterfragen als duckmäuserisch anweisungen von oben erfüllen.
"Besser einen erziehungsstil hinterfragen als duckmäuserisch anweisungen von oben erfüllen. "
Ach - Anweisungen zu befolgen ist also "duckmäuserisch"?
Na, dann will ich glaub ich garnicht wissen wie hier manche durch´s Leben gehen -wenn sie sich schon aus Prinzip weigern sich an Regeln zu halten, denn nichts anderes propagierst Du gerade.
Kommt es vielleicht daher daß wir zunehmend in einer Gesellschaft von Egomanen leben die sich vom Solidaritätsprinzip und den einfachsten Formen von Hilfsbereitschaft verabschiedet haben, die achtlos vorbeigehen wenn Gewalt geschieht - weil sie erst einmal hinterfragen "Muß ich ja jetzt was tun?"
Das AllesHinterfragen erzieht Kinder eben dazu eigene Fehler und NichtWollen auf andere zu schieben: "Irgendjemand ist sicherlich Schuld wenn ich hier nichts lerne!"
Ja, es ist ganz toll einfach zu "hinterfragen".... und diejenigen, die sich aus Einsicht in den Gemeinsinn an die Regeln des Miteinander halten als angepasste Duckmäuser zu bezeichnen - Echt Cool, das!
Ich glaube, Edgar, wenn wir dieses Thema noch weiter vertiefen würden, würden wir merken, dass wir gar nicht so weit auseinander liegen. Hier geht es weiter oben lediglich um die Umgewöhnung von Schülern nach der Grundschule vom Du auf das Sie ...
Hallo Axel, d'accord!
Die Diskussion aber zeigt mir schon dass das Grundproblem im Verstaendnis nicht bei den Kindern liegt, oder?
@Franz, auch ich hatte im Kindergarten die Tante Hilde. Es ist jetzt immer komisch, wenn sie mich mit Frau Fischer anspricht, wenn wir uns treffen.
vor kurzem kam meine Tochter zu mir und erzählte mir von einem Schulerlebnis und wie die Lehrerin damit umgegangen ist! Hart aber gerecht, war ihre eigene Aussage dazu. Das zeigt mir, Kinder wollen ernst genommen werden! Wir brauchen Kindern nicht zu lernen alles zu hinterfragen, das kommt von allein, wenn es notwendig ist, wenn sie Hintergründe herausfinden wollen. Warum? Dann ist die richtige Antwort gefragt. Respektvoll anderen, der Umwelt gegenüber zu sein ist eine Eigenschaft, die meiner Meinung nach Erwachsenen wie KIndern gut steht! So haben wir eine gute Grundlage für unsere Gesellschaft, auch der von Morgen!
Wo ich mir Gedanken mache, bei deiner Geschichte ist die Aussage, dass alle Lehrer in dieser Grundschule gedutzt werden, das habe ich so noch nicht mitbekommen! Ich finde deine Geschichte aber auch nett, es ist nicht immer so einfach mit dem Du und dem Sie.
@Christl: Dann haben wir uns bestimmt im Kindergarten kennen gelernt, gell :)))
Muss mal ein Bild aus dem Kindergarten einstellen. Vielleicht entdeckst Du Dich darauf und ich weiß dann, wer mich immer geärgert hat ;-))
Köstliche Geschichte, Axel!
Lebend in einem Land, dessen Sprache das 'Siezen' nur als Import aus 'Sachsen' (Deutschland heißt 'Saksa' in Suomi) kennt, löst die dadurch ausgelöste tiefschürfende, an den Wurzeln der Gesellschaft nagende, ja nahezu faustische Diskussion Staunen aus.
Aber warum nur dabei stehen bleiben? In der deutschen Sprache gab es doch früher eine Abstufung der Höflichkeitsformen, die bis zur 3. Person Plural reichte. Auch der Honorativ der 2. Person Plural, in manchen Gegenden noch aktiv, und die unter dem 'Du' rangierende 3. Person Singular sollte wieder aktiviert werden. Etwa so wie Goethe es Götz in den Mund legte: "Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken!“.
Ein Problem in der Abstufung wird aber dadurch aufgeworfen, dass das 'Du' in der emotionalen Rangordnung weit über dem distanzierten 'Sie' angesiedelt ist. 'Sie Rindviech' kommt in der Standardanwendung weit beleidigender rüber, als 'Du Ochs'; "Ihro durchlauchtigster Hornochse" will ich gar nicht erst ins Rennen schicken.
Hat respektvoller Umgang nicht andere Wurzeln?
Der Gebrauch von Höflichkeitsformen kann ein Ausdruck dafür sein, so dies noch im Sprachgebrauch verankert ist (nicht nur im Duden). Wachsen und genährt wird er nur aus tieferen Schichten.
Wau, jetzt werd ich auch noch faustisch. Man kann's einfach nicht abschütteln.
Im Café Demel (Wien) ist es heute noch üblich, dass beim Anreden der Gäste Anredepronomina ganz vermieden werden. So lautet dort die Frage, ob man/frau noch etwas möchte: "Haben die Dame/der Herr noch einen Wunsch?"
Eine nette Anekdote, habe köstlich geschmunzelt.
Ich bin ja noch nicht so lang aus der Schule und wir haben zwar auch schon immer gesiezt, aber es gab immer wieder mal Vorfälle da wurde dann aus Sie du, und aus der Anrede Herr / Frau XY wurde dann auch mal Papa / Mama.


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