Der gute Deutsche
Wer ist ein guter Deutscher? Seit der gestrigen Talkshow "hart-aber-fair" wissen wir, dass es nur jemand sein kann, der Goethes Gedicht "Wandrers Nachtlied" ohne Weiteres aufsagen kann.
Da ich zu den Zuschauern gehörte, die wenigsten die ersten 2 Zeilen kannten und die beiden letzten, habe ich mich heute Vormittag daran gemacht, das ganze Gedicht im Internet aufzuspüren, um diese Bildungslücke zu schließen. Hier ist das Ergebnis meiner Recherche:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Wandrers_Nachtlied)
Blamiert waren alle Teilnehmer der Diskussionsrunde gestern Abend, denn sie versagten kläglich. Nur Sarrazin hatte anscheinend seine Hausaufgaben gemacht und wusste Bescheid. Noch beschämender war, dass selbst Lehrer, allen voran Deutschlehrer eines Goethe-Gymnasiums, bei dieser Aufgabe passen mussten. Unbegreiflich!
Vielleicht könnten wir Deutsche besser abschneiden, jetzt oder später, wenn wir Joachim Ringelnatz als Maßstab für einen guten Deutschen nehmen würden. Seine Parodie ist sicherlich viel einprägsamer:
Drüben am Walde
Kängt ein Guruh – –
Warte nur balde
Kängurst auch du.
(s. o.)
Ach, dieses Gedicht kennen Sie auch nicht? Dann geht es Ihnen wie mir. Ich bin sicher, Sarrazin wäre einer von uns und wir wären alle blamiert ...
Weißt Du, das erinnert mich an eine meiner eigenen Erkenntnisse:
"Second-hand Wissen auswendig lernen und zum richtigen Zeitpunkt von sich zu geben, hat weder etwas mit Intelligenz noch mit Reife zu tun."
Bildung ist, wenn man weiß, wo was steht. Woher habe ich diese Weisheit nur?
Genau, Axel, man muss nicht alles wissen ... ;-))
Ich habe mal an anderer Stelle dieses Wissen als "Briefträgerwissen" bezeichnet und damit etwas engeeckt ...
Kängurst auch du! Warte nur balde... was habe ich gelacht! ;-))
Wir hatten seinerzeit im Deutschunterricht von Goethe den "Osterspaziergang" (vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings, holden, belebenden Blick.... und am Schluß hieß es: zufrieden jauchzet Groß und Klein, hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.)
Na also, wir dürfen sein, wenn wir uns an der Natur erfreuen! So dichtete Goethe, mir ist nicht bekannt, daß er mal schrieb, wir dürfen sein, wenn wir alles auswendig können.
In der siebten Klasse lernten wir übrigens noch ein ziemlich langes Gedicht auswendig: "Die Kraniche des Ibikus" von Friederich von Schiller. Das hat 23 Strophen, aber ich erinnere mich nicht mehr an alle.
Goethe?!? ;)))
Bildung ist, wenn man sich eine Meinung bildet ;)
Gisela, kennst du auch noch die Ballade "Die Füße im Feuer" von Conrad Ferdinand Meyer? Auch eine Pflichtlektüre meiner Schulzeit ...
Andreas, jetzt fehlt nur noch der Spruch "BILD dir eine Meinung"!
Axel, der ging mir auch durch den Sinn ;)
Für Friedmann hätte man das Gedicht von Goethe abkürzen können: "Ruhe sanft", das wäre zwar "hart, aber fair"! ;))
Gisela, die Kraniche waren wirklich elendiglich lang! Ich musste den "Eppelein von Gailingen" auswendig lernen, für was das gut war frag ich mich manchmal auch, lesen hätte schon genügt .... sowas lernt heute kein Mensch mehr auswendig!
Die Schwalbe fliegt über den Erie-See ...
Die gebildesten Leute sitzen doch bei Pillava, Allgemeinbildung, oder?
John Maynard!
"Wer ist John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann,
aushielt er, bis er das Ufer gewann,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron',
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard."
(Theodor Fontane)
@ Wilhelm: Jörg Pillava sehe ich selten. Deswegen hinkt meine Allgemeinbildung auch etwas ;))
> "Deswegen hinkt meine Allgemeinbildung auch etwas"
Stell dich nicht neben deine Scheffelunterseitenbeleuchtung ;)
Irgendwas weiß doch jeder...
ja, bei einer roten Ampel muß ich stehen bleiben. Farbenblinde bleiben stehen, wenn das obere Licht leuchtet.
Fällt mir doch glatt Platon ein: Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß ...
Axel, in Deinem Fall der absoluten Bescheidenheit, kann ich nur Konfuzius zitieren:
"Einzugestehen, das man nichts weiß, ist Wissen".
An Axel: zur Frage von vorvorvorher: Die Ballade Füße im Feuer kenne ich nicht.
das mit dem John Maynard stieß bei mir noch eine andere Erinnerung an ein Gedicht aus der Schulzeit an, irgendwas mit einem grauen Strand am grauen Meer und seitab liegt die Stadt.
Als mein drittjüngster Bruder Zweitklässler war, sollte er "Will sehen, was ich weiß, vom Büblein auf dem Eis" auswendig lernen. Ich malte ihm kleine Bildchen zu den Strophen, damit er sich leichter erinnern konnte. Zu guter Letzt konnten alle Geschwister das Gedicht, weil wir unsern Bruder so oft abfragten.
Die Stadt
Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei
Am Strande weht das Gras.
Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.
(Theodor Storm)
Hast Du das alles im Kopf oder ist dein Büro voll mit Lyrik?
Selbst das muß ja schnell griffbereit sein.
Glücklich,
wem von allen Gaben
klaren Sinn die Götter gaben.
Sophokles
Wie ich weiter oben schon gesagt habe: Bildung ist, wenn man weiß, wo was steht! Mein lyrisches Wissen ist oft "gegoogelt", so auch die Gedichte hier ...
gebildet ist der, der nicht mit seiner Bildung prahlt und die richtigen Bücher/Links kennt.........
und was nützt mir ein guter Deutscher, wenn ich mit einem ehemaligen Österreicher verheiratet bin?
Ist er nun ein guter Deutscher oder ein guter ehemaliger Österreicher - und was unterscheidet beide?
Dein Franz, Elisabeth, ist sicherlich Österreicher geblieben, auch wenn er in Deutschland lebt und mit dir eine glückliche Ehe führt. Herzen machen keinen Unterschied ...
das steht auch in seinen Papieren, er hat angeblich beide Staatsangehörigkeiten obwohl er seine österreichische damals abgeben musste....
( aber wir fragen da nicht weiter nach, was würden wir sonst für ein Verfahren heraufbeschwören? ;-) )
Soviel Bildung besitze ich nicht, um hier mit diskutieren zu können.
> "Soviel Bildung besitze ich nicht, um hier mit diskutieren zu können"
Die fehlt es allenfalls an Wissen über irgendwelche Dichter - aber allein deine Artikel zeigen doch einen Riesensack an Bildung!
Oh Danke. das ist jetzt sehr nett geschrieben und macht mich verlegen
Dein Kräuterwissen und dein Wissen über Hildegard von Bingen stutzt uns alle wieder auf Normalmaß, Christl ...
Plural von Bil dung? Dünger
Na ´gut, der war nich so doll
Wandelst du auf Karl Valentins Spuren, Tine? Das war auch solch ein "Wortzerklauberer" ...
Karl Valentin war ein toller Wortkünstler.
Leider bin ich das nicht. Aber ich kann gut denken. ;))
Manchmal schon. Das kostet viel Zeit, weil ich nacheinander denke. :-)
Nacheinander denken, Tine? Eine Frau kann viele Dinge gleichzeitig ...
Lach, ja das stimmt, wohl mehr als Männer.
Aber eine Frau ist eben auch nur ein Mensch. Und kein Mensch kann zwei Gedanken gleichzeitig haben. Wenn man bedenkt, dass Gedanken nur Bruchteile von Sekunden dauern, kann man vielleicht auch ermessen, welche enorme Leistung von Frauen erbracht wird, die sieben Sachen gleichzeitig machen. :)
Und wenn sie den Kleiderschrank aufmachen nichts anzuziehen für die sieben Tage der Woche.





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