Das Haselblatt
Es war einmal ein Haselblatt. Das war schon gelb und hing mit seinem letzten Faden ganz unten im Geäst des Haselnuss-strauches. Der Novembersturm hatte im Blattwerk des Strauches schon arg gewütet und die meisten welken Blätter mit sich gerissen. Viel Widerstand hatten sie ihm nicht mehr leisten können, denn die kurzen Tage und die kalten Nächte hatten schon zu stark an ihnen gezehrt.
Das Blatt sah sich verängstigt um. Vielleicht gab es ja noch das Nachbarblatt einen Ast unter ihm, mit dem es sich die letzten Tage so gut verstanden hatte. Gegenseitig hatten sie sich getröstet, wenn wieder mal ein Blatt aus ihrer Mitte gerissen wurde. Meist war es der böige Wind, der sie fort riss und an entfernter Stelle liegen ließ. Oft war es auch ein Vogel, der das kahle Geäst des Strauches erschütterte, wenn er einen Rastplatz suchte. Das Eichhörnchen kam schon lange nicht mehr, denn die restlichen Haselnüsse waren alle schon zu Boden gefallen.
Ein Seufzer entfuhr dem schmalen Mund des Haselblattes, als es den Platz unter sich leer fand. "Jetzt bin ich dran! Doch so leicht werde ich nicht aufgeben", sprach sich das Blatt Mut zu und sammelte seine letzte
Kraft. Der kleine Ast, auf dem es saß, schien diesen Willen zu spüren und verdoppelte seine Anstrengungen, dem letzten Blatt den entsprechenden Halt zu geben. Trotzig blickten beide in Richtung der dunklen Wolke, die drohend auf sie zu kam, um sich über ihnen zu entladen.
Der folgende eisige Wind konnte ihnen tatsächlich nicht viel anhaben. Mit vereinten Kräften stemmten sich Blatt und Ast dem wilden Gesellen entgegen und jubelten, wenn sie wieder einmal einen Ansturm überlebt
hatten. Doch dann legte sich der Wind und die Wolke öffnete ihre Schleusen. "Wenn es nur wieder Regentropfen sind, die mir da drohen, dann werde ich auch diesen Angriff überstehen", frohlockte das Haselblatt schon.
Der Niederschlag kam auch, aber diesmal nicht als gewöhnlicher Regen, sondern als Schnee, der leise vom Himmel rieselte und ganz sachte alles mit einer weißen Decke zu überziehen begann. Das Blatt konnte sich drehen und wenden, wie es wollte, doch die Flocken erfassten es auch und gaben ihm einen Überzug. "Toll solch ein wärmendes Mäntelchen!", schwärmte das Blatt schließlich und vergaß all seine Sorgen.
Der kleine Ast unter dem Blatt aber hatte das Unheil schon kommen sehen. Es war wie im November des letzten Jahres. Was der Wind und die Kälte nicht geschafft hatten, besorgte der erste Schnee. Er wähnte das letzte Blattwerk in Sicherheit und riss es mit seinem Gewicht zu Boden, wo das Leben dann zu Ende ging. So geschah es auch mit diesem Blatt. Es machte leise Knacks! und das letzte Blatt taumelte mitsamt der weißen Fracht zu Boden.
Die Landung war zwar weich, aber nicht so sanft, dass das Haselblatt weiter geschlummert hätte bis an sein sicheres Ende. Es schlug die matten Äuglein auf und die begannen auch gleich zu strahlen, als es direkt neben sich das Nachbarblatt wieder erkannte, das solange neben ihm ausgehalten hatte. Die beiden Blätter drängten sich sogleich noch näher zusammen und bildeten einen kleinen Hohlraum unter sich, der sie nun auch gegen die seitliche Kälte schützte.
Die beiden Blattfreunde waren nun sicher, dass ihnen so noch ein weiteres Stückchen Leben geschenkt worden war. Der Laubsauger des Hausmeisters war schon längst verstummt und mit dem Rechen würde er auch nicht mehr ausrücken um diese Jahreszeit! Bald gewöhnten sich die Augen der beiden an die Dunkelheit und sie konnten sehen, welches Getier an ihnen vorbei huschte oder kroch.
Da war die Maus, die zittrig umher schnüffelte auf der Suche nach etwas Fressbarem. Meist kehrte sie auch heim mit einem vollen Mäulchen, doch das war sicherlich nicht genug für den Tagesbedarf einer ganzen Mäusefamilie. Unzählige Käfer krabbelten vorbei, ebenfalls emsig auf Nahrungssuche unter dem schützenden Laub. Ob sie alle wieder heim kamen oder Opfer anderer hungriger Mäuler wurden, konnten die beiden Haselblätter nicht ausmachen, denn unter ihrer dunklen Kuppe war nicht alles klar zu erkennen. Jedenfalls ging hier unten auf dem Boden das Leben weiter, während weiter oben die geschlossene Schneedecke alles Leben zu ersticken schien.
Immer öfter kam es vor, dass den beiden Haselblättern die Augen schwer wurden und sie viel Zeit in einem Dämmerschlaf verbrachten. So sparten sie auch noch ein wenig Energie, die sich immer mehr ihrem Ende zuneigte. Ab und zu, wenn sie gerade beide mal wieder gleichzeitig aus den Blattaugen blinzelten, betasteten sie mit ihren blättrigen Händchen vorsichtig ihre Blattoberfläche, um ihre Festigkeit zu überprüfen. Dünn war sie geworden, sehr dünn und an den Rändern zeigten sich immer mehr Trockenrisse. Sie sprachen sich gegenseitig Mut zu und verabredeten, noch mindestens bis zum Ende des Winters durchzuhalten, um die ersten warmen Sonnenstrahlen noch einmal zu erleben.
Zur Weihnachtszeit wurde es dann noch einmal kritisch. Tauwetter hatte wieder eingesetzt und ließ den Schnee zurück weichen, bis schließlich nur noch kleine Reste in Bodennischen kauerten. Auch unter dem Haselnussstrauch kam der Boden wieder zum Vorschein und die Blätter standen entblößt da. Alle bunten Farbtöne des Herbstlaubs waren gewichen, sodass die Menschen achtlos an ihnen vorbei eilten. Hin und wieder konnten man auch ein leise Fluchen hören, weil ein nasses Blatt einen eiligen Schuh ins Rutschen gebracht und den Träger in Not versetzt hatte.
"Wenn es doch wieder schneien würde!", flehten die Haselblätter leise und blickten mit matten Augen zum Winterhimmel empor. Dieser schien ihr Flehen wohl vernommen zu haben, denn schon im Januar kam der Schnee zurück und mit ihm strenger Frost. Gott sei Dank war diesmal die Schneedecke etwas dicker als zuvor, sodass der neue Mantel noch besser gegen die grimmige Kälte schützte.
Immer mehr fühlten die beiden Haselblätter ihre letzten Kräfte schwinden. Hätten sie sich nicht gegenseitig das Versprechen gegeben, die Frühlingssonne noch abzuwarten, wären sie schon längst vollends in sich zusammen gesunken und im Erdreich verschwunden. So aber hatten sie noch ein Ziel und die leise Hoffnung, dass es die Natur gut mit ihnen meinte.
Und die Natur enttäuschte sie nicht. Kaum hatte die Sonne Ende Februar die ersten warmen Strahlen zur Erde geschickt, da regte sich schon unter dem Laub das neue Leben. Ein leises Lächeln huschte über das fahle Gesicht der beiden Haselblätter, als sie spürten, wie auch unter ihren Füßen der Boden sich leicht hob und die ersten Schneeglöckchen ihre weißen Köpfe aus dem Boden streckten. "Da schau!", raunte das Haselblatt seinem Nachbarblatt zu. Doch das blieb diesmal stumm. Es war nicht mehr und sah jetzt der Erde ähnlicher als einem Haselblatt. "So warte doch!", rief das Haselblatt. Dann schloss es auch die Augen für immer und machte sich auf den Weg, den alle Blätter gehen, wenn ihre Zeit vorbei ist.




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