Tomas, der Fiaker
SALZBURG. Menschen wie Mister Wolfgang am Salzachufer oder, wie jetzt, Tomas [Tomasch], der Fiaker auf dem Residenzplatz, interessieren mich. Ich nehme an, sie haben eine Art zu leben, die mir völlig fremd ist. Es muss also meine Neugier sein, die mich dazu trieb, auch diesen Mann einmal näher kennen zu lernen. So verabredeten wir ein Treffen nach "Dienstschluss" auf dem Hof der Fiakerei, für die er tätig ist. In meinem Gepäck: ein Flascherl Obstler für Tomas und ein paar Stück Zucker für die Pferde.
Vorbereitete Fragen hatte ich keine, was Tomas etwas überraschte. Ich erklärte ihm, dass ich mich mit ihm ja unterhalten wollte. So erfuhr ich, dass er mit vollem Namen Tomas Skala heißt und aus dem böhmischen Nachod an der Grenze zu Polen stammt. 1965 wurde er dort geboren. Er hat zwei jüngere Stiefbrüder. Mit 15 Jahren lernte er Metzger, doch dieses Handwerk übte er nur 3 Jahre aus. Dann zog es ihn in die Ferne. Zunächst nach Prag, wo er ein halbes Jahr lang in einem Filmstudio diverse Jobs verrichtete. So wirkte er auch in dem Streifen "Amadeus" mit, einem historischen Mozartfilm des namhaften Regisseurs Milos Forman.
Danach trieb es ihn für zwei Jahre auf eine Ranch in Südböhmen. Dort verdiente er sein Geld als Pferdepfleger und als Zureiter. Doch auch das war noch nicht die Endstation für Tomas. 1990, also nach der "Wende" in seinem Heimatland, zog es ihn über die offene Grenze nach Wien, ausgestattet mit 2 Büchsen Frühstücksfleisch und ein paar Kronen in der Tasche. Nach eine abenteuerlichen Woche in Venedig landete er als Schwarzfahrer in Innsbruck, wo eine nette Wirtin ihn mit "Tiroler Speckknödeln" erst wieder etwas aufpäppelte und danach als Tellerwäscher einstellte.
Nach einer Zwischenstation als Hausmeister auf dem "Sonnenhof" in Kühtai (Tirol) führte ihn sein Weg wieder zurück nach Innsbruck und dann 1992 weiter nach Seefeld. Dort fand er eine längerfristige Anstellung bei einer Kutscherei, später sogar bei der Müllabfuhr, die ihm endlich eine unbefristete Arbeitsbewilligung einbrachte. 1997 erlitt er einen Bandscheibenvorfall, der zwar operiert wurde, ihm aber heute noch zu schaffen macht.
In den Jahren 2001/2002 war er Saisonarbeiter. Im Winter kutschierte für gutes Geld viel Prominenz in Lech am Arlberg und im Sommer zahllose Touristen in Salzburg. Seit 2004 ist er nun bei dieser Salzburger Firma fest angestellt. Reich könnte er allerdings nicht werden, meint Tomas, aber er käme ganz gut über die Runden. An eine Familie wäre bei seinem Einkommen nicht zu denken. Die Rücklagen wären für die Wintersaison reserviert, wo er allenfalls auf 3 Kutschfahrten pro Tag käme.
Wie er sich denn selbst so einschätzen würde, war mein letzte Frage. Nach kurzem Nachdenken kommt Tomas' Antwort: als Abenteurer und als Einzelgänger. Mit Frauen habe er nicht viel am Hut, obwohl er auf dem Gebiet auch so seine Erfahrungen gemacht habe. Schließlich habe er ja Augen wie Omar Sharif, wie er sagt – oder wie ihm eine Frau wohl einmal gesagt haben mag in einer schwachen Stunde.
Mein Eindruck? Ein interessanter Mann, der es verdient hat, einmal in den Mittelpunkt gerückt zu werden. Ein Mensch, so ganz anders als ich. Ich werde sicherlich noch einmal bei ihm abends aufkreuzen und ihn in ein nahes Gasthaus einladen, denn nur von Kaffee und einer Schachtel Marlboro am Tag kann man ja auf Dauer nicht leben!




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