Die schwankende Leiter
Als Albrecht Dürer an dem großem Wandgemälde im Rathaus arbeitete , trat Kaiser Maximilian mit seinem Gefolge in den Saal. Doch Albrecht Dürer war so sehr in seine Arbeit vertieft , das er den hohen Gast nicht kommen hörte. Maximilian stand in mitten des weiten Raumes und sah voll Verwunderung, wie das Werk unter der kunstfertigen Hand des Meisters allmählich Gestalt und Leben erhielt. Immer aber, wenn Albrecht Dürer sich vorbeugte, um Lichttupfen auf die Figuren zu setzen, schwankte die Leiter, die ihn trug. Darum fürchtete der Kaiser , sie könnte stürzen und flüsterte einem Edelherren , der neben ihm stand , heimlich ins Ohr, er solle doch die Leiter halten, damit der Meister Dürer nicht falle.. Der Junker aber hob stolz das Haupt und sagte :,,Niemals wird ein Edelmann einem Maler die Leiter halten!”
Betroffen schwieg da der Kaiser. Dann blickte er sich fragend um , ob nicht einer der anderen vornehmen Herren bereit wäre , dem Albrecht Dürer die schwankende Leiter zu halten. Aber die Herrlein , die Grafen und Barone , wichen seinem Blick aus und schauten zu Boden oder auf die Decke und achteten nicht auf den Wunsch des Kaisers.
Da warf Maximilian kurz entschlossen den Mantel zurück, eilte etliche Schritte vor und hinter die Leiter selbst mit eigener Hand. Das gewahrte der Meister stieg herab und grüßte demutsvoll. Der Kaiser aber wandte sich an sein Gefolge. ,, Ihr eitlen Herren !” sagte er mit ernster Stimme, ,,Ihr seit allesamt von falschen Stolz geblendet und wisst wohl nicht, dass ich aus Albrecht Dürer jederzeit einen Edelmann , aber aus zehn von Euresgleichen nicht einen Dürer machen kann!”
Die Herren murrten unwillig über diesen Tadel, den sie eines Malers wegen erhalten hatten. Aber der Kaiser lächelte nur und legte dem Meister die Hand auf die Schulter. ,, Knie nieder!” sprach er gütig, und Dürer kniete vor Maximilian . Der Kaiser zog sein Schwert , schwang es über das Haupt des Malers und schlug in im Namen Gottes, der heiligen Jungfrau und des Ritters Sankt Georg auf die Schulter. ,, Leide diesen Schlag und fürder keinen mehr!” sprach er feierlich , ,,und nun steh auf als Ritter des heiligen Römischen Reiches!. Du sollst deinen Namen behalten ; denn du hast ihn selbst durch deine Kunst geadelt. Weil du aber der Heimat treu geblieben bist in allem , was du schufst, so trage dein Wappen auch künftig die Farbe der Treue . Blau wie der Himmel soll es sein und drei Silberschilde führe es zum Zeichen deines Fleißes , deiner Bescheidenheit und deiner großen Kunst!”.
Mit Tränen in den Augen erhob sich Albrecht Dürer . Der Kaiser schloss ihn in die Arme. Die Ritter aber standen entblößten Hauptes beschämt im Dunkel des Saales.


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