Das Glück dieser Erde...

    Es ist der Traum vieler Mädchen: Ein eigenes Pferd zu besitzen und es zu reiten in den Sonnenuntergang. Dennoch bleibt es oft beim Traum – in der Realität scheitert es an Geld, an Zeit, an Möglichkeiten oder Voraussetzungen oder allem davon.

Zum Glück gibt es Reitvereine, die es schon den kleinsten Kindern ermöglichen, ihren Lieblingstieren ganz nah zu sein. Und es ist noch mehr als nur die schlichte Nähe zu den großen, warmen, weichen Leibern, den großen braunen Augen, dem samtweichen Mäulern. Es ist auch der Respekt zu den Tieren, die naturgemäß ebenfalls Bedürfnisse haben, Gefühle und Charakter, auf den es einzugehen gilt.

Und das kann jeder lernen, ohne ein eigenes Pferd besitzen zu müssen. Es gibt Gestüte, die einerseits Reitställe mit eigenen (Schul-)Pferden und Unterstellmöglichkeiten für weitere Pferde haben. Die andererseits mit Sattelkammern, Futterkammern, Platz für Stroh und Mist, Waschplatz, Paddocks, Außenplatz und Reithalle ebenso ausgestattet sind, wie mit Menschen, die die Tiere lieben und pflegen, sie reiten und versorgen. Reitlehrer, Pferdewirt, Mitarbeiter und Besitzer – sie alle arbeiten Hand in Hand.

Und sie alle haben eines gemeinsam: Sie vermögen zu reiten, sie kennen sich aus mit Pferdehaltung und Pferdesport und können und wollen dieses vermitteln. Auch sie haben es einst gelernt und haben Reitprüfungen abgelegt. Und sie geben ihr Wissen weiter an den Nachwuchs. Und den gibt es zuhauf.

Im noch jungen Reit-, Fahr-, Voltegier- und Pferdezuchtverein Gemünden Ellersgrund e.V. (RFVPV) herrscht am Ostersamstag eine nervöse Atmosphäre. Viele Autos, zum Teil mit Anhänger, säumen die Feldwege, Duft von Gegrilltem und Waffeln liegt in der Luft und überall wuseln nervöse Reiterinnen und Helfer und Helferinnen herum. Selbst die Pferde scheinen sich ihrer Wichtigkeit an diesem Tag bewusst, denn mit ihnen haben die Mädchen gearbeitet und geübt, und für diesen Tag haben sie sich alle, Pferde und Reiterinnen herausgeputzt.

Übrigens mag man sich wundern, warum kein Junge unter den jungen Reitern ist. Aber es ist so. Es sind ein paar Brüder der Reiterinnen da, die scheinbar über den Dingen stehen und insgeheim – man weiß es nicht – vielleicht auch gerne könnten, was ihre aufgeregten Schwestern können.

In der Prüfungsordnung ist für die Reiterinnen in den Reitabzeichenprüfungen eine fachgerechte und den Sicherheitsanforderungen entsprechende Reitausrüstung vorgeschrieben, das heißt Reitkappe, Handschuhe, eng anliegende Oberbekleidung, Reitstiefel oder knöchelhohes Schuhwerk mit Absatz und Hose, alles ist eine Selbstverständlichkeit, und nicht nur heute.

Die Pferde müssen mindestens fünf Jahre alt und in ihrer eigenen Ausbildung so weit sein, dass sie den Prüfungsanforderungen genügen. Die äußerst ruhigen und ausgeglichenen Schulpferde sind gewöhnt an die jungen Reiterinnen und das Umfeld. Willig und ruhig parieren sie, keines scheint seine Reiterin enttäuschen zu wollen. Dankbar nehmen sie jede Streicheleinheit und jedes Lob an.

Seit 11 Uhr werden an diesem Ferien-Samstag vor Ostern Reitprüfungen abgenommen. In der Reithalle sitzen auf Bänken die Angehörigen der Prüflinge mit Kameras und mit heißen Getränken, denn auch wenn die Sonne durch die Dachfenster scheint – kalt ist es, und der Atem der inzwischen warmgerittenen Pferde wabert um ihre Nüstern.

Vierzehn Mädchen und junge Frauen haben sich mit Reitlehrerin Nicole Stachowicz monatelang und dann in der Kar-Woche intensiv auf die Anforderungen für die unterschiedlichen Prüfungen vorbereitet. Annette Conrad aus Bad Zwesten, Richterin der Landeskommission Hessen, ist bereits zum zweiten Mal am Gestüt, um mit geschultem Auge und gutem Urteilsvermögen Theoretisches und Praktisches abzuprüfen.

Die früher bekannten Abzeichen wie „Steckenpferdchen“, „Kleines Hufeisen“ und „Großes Hufeisen“ sind den etwas nüchterner benannten Reitabzeichen 10 bis 1 gewichen, die Anforderungen für die Fortgeschrittenen sind viel differenzierter und enthalten außer Dressur und Springen auch Stationsprüfungen, unter anderem zu den Themen Pferdepflege, -gesundheit und -haltung, Pferdeverhalten, Rassen, Farben, Abzeichen, Körperbau, Sitzformen, Hufschlagfiguren, Gangarten, ethische Grundsätze oder Sicherheitsvorschriften. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen jeden Alters stehen diese Prüfungen offen und können beliebig oft wiederholt werden.

Immer zu zweit legen die Mädchen ihre Teilprüfung „Dressur“ ab, die ältere und erfahrenere Reiterin reitet vorweg, die jüngere hinterher, damit sich die Reiterinnen sicherer fühlen und die Pferde einen Pferdefreund in der Halle sehen. Auch die Teilprüfung „Reiten“ im leichten Sitz und über Bodenricks wird immer zu zweit in der Bahn umgesetzt. Der ausbalancierte und losgelassene Sitz steht dabei im Vordergrund und die Umsetzung der Reiterhilfen (Schenkel, Gewicht und Zügel) sollen erkennbar sein. Bei den verschiedenen Reitabzeichen sind die Pferde völlig aus der Wertung ausgeschlossen, es geht ausschließlich um den Sitz der Reiterin. Und der ist perfekt. Auch in dem theoretischen Teil erweisen sich die Mädchen als topfit und des Abzeichens würdig.

Hier zeigt sich auch die Stärke von den Schulpferden Wischnu, Chicco, Chacco Girl und Baccira, und den Privatpferden Charly, Stuti, Carlos und Max: Egal, wen sie auf ihrem Rücken tragen, geduldig lassen sie es über sich ergehen, dass die Länge der Steigbügel verstellt werden muss, und dass eine andere Reiterin mit anderen Prüfungsinhalten das Kommando hat. Willig parieren sie im Arbeitstempo, Schritt, Trab, Galopp, mit oder ohne Steigbügel. Und wenn dann doch ein Fehler passiert, ist das nicht schlimm, auch wenn zur Nervosität kurzzeitig die Röte ins Gesicht schießt. Für Außenstehende ist es ein Erlebnis, der in einem Mikrokosmos stattfindet, in dem sich alles um das „Glück dieser Erde“ dreht.

Nach der absolvierten Prüfung und dem verdienten Applaus verschwindet das eine oder andere Gesicht der Mädchen für einen Moment dankbar und erschöpft in der Mähe des Pferdes. Diesen Moment auszukosten und abzuwarten, um dann der Tochter zu gratulieren, ist nur eine wichtige Aufgabe der Eltern, die den Kindern unzählige Reitstunden und die Fahrt dorthin ermöglichen und die diesen Sport unterstützen. Das große Ziel der Ausbildung: Die Teilnahme an Reit-Turnieren.

Und dieses Zeil rückt in greifbare Nähe: Alle Prüflinge haben bestanden und nehmen bei der Siegerehrung um 16 Uhr in der Reithalle stolz ihre Urkunden und Abzeichen entgegen. Dr. Dina Schweizer, Besitzerin des Gestüts, freut sich mit Reitlehrerin Nicole Stachowicz und Richterin Annette Conrad über die erfolgreichen Prüfungen.

Im Stall nebenan kehrt indes Ruhe ein, die Pferde sind versorgt, abgesattelt und ruhen unter Abschwitzdecken aus von diesem aufregenden Tag.

Die folgenden Prüfungen haben bestanden:
RA 10 (Früher Steckenpferdchen)
Alina u. Finja Kreis, Lara Weimer, Lisa Raabe, Franka Müller. Alter von 8-12
 
RA 9 (Früher kleines Hufeisen)
Emily Rühl, Lina Valas. Alter von 8-9
 
RA 7 (Früher großes Hufeisen)
Franziska Holzapfel, Lilly Kirschner. Alter von 10-11
 
RA 6
Angela u. Sarah Schneider, Silvia Bischof, Carolin u. Elena Reuter. Alter von 13-33
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2 Kommentare
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Katja Woidtke aus Langenhagen | 11.04.2015 | 19:43  
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Dorothea Wagener aus Frankenberg (Eder) | 11.04.2015 | 20:00  
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