Datenrettung - Ihre SD-Karte ist nicht mehr lesbar und alle Daten darauf sind verloren? Ein Erfahrungsbericht.

      Es ist der Albtraum eines jeden Fotografen: Die Hochzeitsfotos, die Urlaubsbilder, das Fotoshooting mit dem Neugeborenen, das letzte Portrait von der Tante, die zwei Wochen später verstorben ist – alles war auf dem Speicherchip der Kamera, und alle Daten sind weg. In dem Moment steigt der Blutdruck, und der Adrenalinspiegel im Kopf macht einen fast blind. Der Puls rast – was jetzt?

Ein Erfahrungsbericht

„Ich hatte gerade das Jugendsinfonieorchester und das Jugendorchester der Frankenberger Edertalschule fotografiert. Es war kurz vor ihrem Auftritt beim traditionellen Frühlingskonzert des Gymnasiums. Die jungen 140 Leute sahen so hübsch aus. Alle in Konzertkleidung, wunderschön frisiert, geschminkt, stolz, mit glänzenden Instrumenten und zum Teil vor Aufregung zart getönten Wangen. Jedes Jahr darf ich die jungen Leute fotografieren, das Bild kommt gerahmt ins Foyer der Kulturhalle“, erzählt Dorothea Wagener. Für die Abiturienten unter ihnen ist es das letzte Orchesterfoto. Für die Schule ist es ein Bild, das die aufwändige Arbeit jedes einzelnen Schülers und Lehrers widerspiegelt: Sie haben monatelang geübt und wieder und wieder geprobt, viele Stunden lang. Und nun sitzen sie da, die Hauptakteure, kurz vor Einlass der Gäste.

„Die Bilder waren im Kasten und sahen toll aus im Display. Ich mache immer viele Bilder, denn irgendwo hat immer einer die Augen zu. Die ersten Momente des Konzerts fotografierte ich auch noch“, so Wagener weiter.

Und dann geschieht es.

Die Kamera fordert die Fotografin plötzlich auf zu formatieren, der Datenträger sei defekt. „Die Speicherkarte war nicht mehr lesbar, ich konnte die Dateien nicht mehr ansehen. Mir wurde heiß. Ich zog die Karte raus, steckte sie wieder rein. Nichts tat sich. Das ist mir noch nie passiert. Ich steckte eine andere Speicherkarte in die Kamera und fotografierte kopflos weiter. In Gedanken spielte ich das Szenario durch. Karte kaputt, alle Bilder weg. So wichtige Bilder.“

Erste Rettungsversuche

In der Konzertpause rennt Wagener zum Auto und fährt schnell nach Hause, steckt die Karte in den Computer. Der erkennt die Karte nicht, meldet nur, dass da was im Kartenslot steckt, was nicht lesbar ist. Dann steckt sie die Karte ins Netbook. „Auch dort war die Karte nicht lesbar. Mir wurde richtig schlecht.“

Wagener fährt zum Konzert zurück, die Pause geht gerade zu Ende. Der Bericht erstattende Zeitungsredakteur des Abends bietet ihr Hilfe an, er habe Datenrettungs-Software zuhause, die könne er ja mal ausprobieren. „Ich konnte das Konzert gar nicht mehr genießen, mein Abend war bereits gelaufen. Meine Gedanken drehten sich um die Datenkarte, sie war nagelneu. Hätte ich die bloß nicht genommen. Hätte ich doch eine alte formatiert,“ überlegt Wagener.

In der Nacht noch versucht der Zeitungsredakteur die Datenrettung, doch erfolglos. Es scheint kein Softwarefehler zu sein, sondern ein Hardware-Problem. Zu deutsch: Kein Programm kann Daten retten, die auf einer nicht erkennbaren Karte sind. Ab da beginnt Wageners mühevolle Recherche im Internet mit dem Suchbegriff „Datenrettung“.

Mühevolle Recherche zum Thema "Datenrettung"

Das Internet liefert unzählige Firmenadressen, die sich auf Datenrettung spezialisiert haben. Auf den Homepages findet man umfangreiche Informationen, offenbar viele Referenzen von Schulen und Verlagen, kostenlose Service-Hotlines, 24-Stunden-Service und beruhigende Floskeln – die Firmen profitieren von Kunden, die wie Wagener verzweifelt nach einer Lösung für ihr Problem suchen. „Ihre Daten sind bei einer Nicht-Lesbarkeit des Chips physisch noch vorhanden und können von Spezialisten mit eigens entwickelter Software ausgelesen werden“, heißt es. Die Preislisten lassen einen bei Wiederherstellungskosten ab 49,- Euro beruhigt aufatmen. Kosten für die Erstanalyse würden mit den Wiederherstellungskosten verrechnet. Man wirbt mit einer Erfolgsquote von bis zu 99 Prozent unter Verwendung hochmoderner Technik in staubfreien Labors. Fotos von Arbeitern in Schutzanzügen mit Hightech-Geräten und deren angepriesene Erfahrung sollen das Gefühl vermitteln, man sei an der richtigen Adresse. Natürlich wird auf den Seiten auch erklärt, warum man die Finger von all den anderen Anbietern lassen soll, die einen glauben lassen, sie seinen die günstigsten Dienstleister. Statt beruhigt zu sein, fühlt Wagener sich nun vollends verunsichert.

Daten, die in einem zeitlich umfangreichem Maße von vielen Mitarbeitern entstanden sind, zum Beispiel in einer Bank oder einem wissenschaftlichen Institut, Forschungsergebnisse, Aufnahmen von Interviews oder Filmen, Dokumentationen, Doktorarbeiten oder Finanzberichte - sie sind von hohem Wert, weil sie mit großem zeitlichen, räumlichen oder finanziellen Aufwand erstellt worden sind. Nicht zu vernachlässigen ist der ideelle Wert: Da sind junge Menschen, Mädchen und Jungen, alle kurz vor einem Konzert, wunderschön, aufgeregt, strahlend. Jeder von ihnen in Erwartung eines tollen Konzertes, für das sie so lange gearbeitet haben. „Nur meine Augen haben dieses Bild gesehen und ich kann es nicht mehr mit der Öffentlichkeit teilen. Somit ist es von großem ideellen Wert, denn die Schülerinnen und Schüler kommen in der Besetzung nie wieder so zusammen. 35 der jungen Leute machen gerade Abitur und verlassen das Orchester nach diesem Schuljahr.“ Doch es hilft nichts. Die Bilder sind weg.

Datenrettung ist kein "Hexenwerk"

„Ein Blick auf eine Video-Plattform zeigte dann: Wenn eine SD-Karte oder ein USB-Stick nicht mehr lesbar sind, ist meistens der sogenannte Controller defekt. Die Daten sind zerstückelt auf dem ganzen Speicher abgelegt und nur der Controller hat Kenntnis, wie diese wieder zusammengesetzt werden können. Die SD-Karte wird daher geöffnet, und wenn sie nicht beschädigt ist, kann die Platine herausgelöst und mit einem sogenannten NAND-Flash-Reader verbunden und an einen Computer angeschlossen werden. Mit speziellen Computer-Programmen, die die Daten vieler Controller enthalten, können die Rohdaten wieder zusammen gesetzt und auf ein neues Speichermedium kopiert werden. Das kann ein paar Stunden dauern, ist aber kein Hexenwerk.“

Wagener spricht Bekannte und Freunde an, bekommt Empfehlungen und lieb gemeinte Hilfsangebote. Schließlich sucht sie eine Firma aus, die ihren Abholservice anpreist und mit Preisen ab 99 Euro wirbt. Die Analyse dauert 1 Woche und ergibt, dass tatsächlich der Controller defekt ist, die Daten aber noch gerettet werden können. Der Preis: Über 1200 Euro für den 24-Stunden-Service, über 900 Euro bei wenigen Werktagen, über 600 Euro bei 4 Wochen Wartezeit. Wagener schreibt einen herzerweichenden Brief mit Bitte um Preisminderung für eine Schule und ihren wertvollen Ausbildungsauftrag. Im Gegenzug dazu bietet sie an, für die Datenrettungsfirma positiv zu werben.

Datenrettungsfirmen profitieren von der Verzweiflung der Kunden

Im dann folgenden langen Telefonat erklärt ein Mitarbeiter, wie aufwändig die Datenrettung sei und wie zeitraubend und kompliziert. Alles würde manuell gemacht und die Daten müssten äußerst mühevoll wieder zusammengesetzt werden. „Mein Angebot, ihr Entgegenkommen und damit ihr soziales Engagement in einem Zeitungsbericht zu dokumentieren und zu loben und sogar ein Bild einzustellen, lehnte der Mitarbeiter sofort ab: Die Kollegen säßen den ganzen Tag im Labor und seien nicht tageslichttauglich. Aber er wolle mal mit den Kollegen sprechen.“ Wagener wird stutzig.

„Nachdem ich ein neues, angeblich stark reduziertes Angebot in Form eines subventionierten Economy Tarifes mit Rabattierung für Studenten und gemeinnützige Organisationen über 530 Euro mit 12 Wochen Wartezeit bekommen hatte, schrieb ich einen weiteren Brief in dem ich äußerte, dass 14 Prozent Rabatt und eine Verdreifachung der Wartezeit für einen dynamischen Betrieb wie eine Schule nicht akzeptabel sind. Bedauerlich auch, dass die Firma offensichtlich keine Publicity braucht und mein Angebot, positiv über sie zu berichten, ausschlug. Haben die was zu verbergen?, dachte ich. Mit meiner ehrenamtlichen Arbeit möchte ich die Schüler motivieren und die tolle Arbeit der Schule dokumentieren und dabei keine Kosten verursachen.“

Datenrettung zu teuer? In diesem Fall: Neues Foto machen!

Wagener storniert den Auftrag und bittet um Rücksendung des Speichermediums. Erneut kontaktiert die Firma Dorothea Wagener mit einem neuen Preisangebot in Höhe von jetzt noch 250 Euro brutto und der Bitte um eine hohe Spendenquittung des Fördervereins ohne wirkliche Spende quasi als Entgegenkommen. Wagener lehnt ab und wartet nun auf den geöffneten Datenträger und die Rechnung über 49 Euro für die Analyse plus 10 Euro für die Rücksendung. "Und selbst das klappte nicht: Auf den Preis schlug die Firma noch Umsatzsteuer auf, die ich gar nicht bezahlen muss. Nach einem weiteren Telefonat wurde das geändert."

„Letzte Woche habe ich beide Orchester nochmal in die Kulturhalle bestellt und Fotos gemacht. Auch wenn die Bilder nicht die Spannung und Euphorie vor einem Konzert widerspiegeln und einige Musiker fehlen, so zeigen sie doch junge hoch motivierte Menschen, die Musik machen; zwischen ihnen 35 Abiturienten, die – müde und nervös mitten im mündlichen Abitur steckend – dankbar sind für dieses eine letzte Foto. Und statt des verlorenen Konzertfotos wird dieses eine Bild auf dem Cover der CD mit der Konzertaufnahme sein.“

Hintergrund

Oberstes Gebot bei Datenverlust: Ruhe bewahren. Datenträger nicht selbständig öffnen. Gelöschte Daten sind physisch noch da und können wieder hergestellt werden, wenn sie nicht überschrieben wurden und der Datenträger unversehrt ist. Nicht lesbare Datenträger können oft geöffnet und die Daten ausgelesen werden. Selbst bei Bruch- oder Wasserschäden ist eine Rettung nicht unmöglich. Lassen Sie sich einen Datenretter empfehlen. Verhandeln Sie einen Preis. Der Verhandlungsspielraum ist scheinbar groß. Die auf den Seiten der Datenretter veröffentlichten Kundenmeinungen hören sich nicht immer glaubwürdig an.

"Dieses ist nur eine Erfahrung, sicherlich gibt es auch gute Erfahrungen mit seriösen Firmen, fairen Preisen und ehrlichem Service. Mir wurde sie leider nicht zuteil und ich hoffe, ich muss das nicht nochmal durchmachen. Ich spare jetzt für eine Kamera, die die gemachten Bilder zur Datensicherung gleich per Funk an den PC sendet."
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7 Kommentare
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Amadeus Degen aus Battenberg (Eder) | 04.06.2014 | 15:41  
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Karin Franzisky aus Bad Arolsen | 04.06.2014 | 17:03  
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Hartmut Stümpfel aus Sarstedt | 04.06.2014 | 17:14  
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Mike Zehrfeld aus Schwabmünchen | 04.06.2014 | 17:36  
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Katja Woidtke aus Langenhagen | 04.06.2014 | 18:00  
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Dorothea Wagener aus Frankenberg (Eder) | 04.06.2014 | 18:26  
13.230
Hartmut Stümpfel aus Sarstedt | 04.06.2014 | 19:55  
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