Das Landjahrlager in Viermünden

Gruppenbild Landjahrlager Guthofgebäude 1939 mit Gruppenführer Spor
 
Landjahrlager Gruppenbild 1939, links zu sehen ist der Wachraum, rechts die Duschräume und Toiletten, ganz rechts steht der Gruppenführer Hose
 
Landjahrlager 1939, Morgenappell vor dem Frühstück
 
Dorfstraße 1939, Höhe Oberhof - Mädchen aus Ederbringhausen (Landjahrlager für Mädchen war in Ederbringhausen) beim Schützenfest mit Lagerführerin

Frankenberg (Eder): Hauptstraße | In der Zeit von 1935 bis Mitte des zweiten Weltkrieges wurde in Viermünden im ehemaligen Gutshof das Landjahrlager durchgeführt. Das Landjahrlager war eine staatliche Erziehungseinrichtung während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland. Mit dem Erlass von 1934 (§1 des Preußischen Landjahrgesetzes vom 29. März 1934) sind alle Kinder, die die Schule nach Erfüllung der gesetzlichen Schulpflicht verlassen hatten, verpflichtet gewesen das Landjahr zu besuchen. Dem Landjahrlager wurden nur Jungen und Mädchen zugeteilt, welche sich in der Schule und Hitlerjugend charakterlich als besonders zuverlässig erwiesen hatten, eine gute geistige Auffassungsgabe besaßen und körperlich den Anforderungen des Lagerlebens gewachsen waren. Im Durchschnitt wurden 60 Jungen und Mädchen in einem Lager untergebracht, wobei das Lager sich in einem festen Gebäude befand, wie ehemaligen Gutshäusern und Bauernhöfen. Das Landjahrlager unterlag der Dienstaufsicht des jeweiligen Regierungspräsidenten [1], [2].

Ein Erziehungsplan für die Jungen und Mädchen umfasste unter anderem Leibeserziehung, Musische Erziehung und die praktische und vorberufliche Erziehung, wobei zwischen Jungen und Mädchen weiter unterschieden wird. Die Jungen genossen vorwiegend Leibeserziehung mit vormilitärischer Ertüchtigung, Leichtathletik, Schwimmen, Boxen usw., während die Mädchen bei der Leibeserziehung mit Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen, Spiel und Tanz, sowie Gesundheitsdienst erzogen wurden. Ebenfalls wurde bei der praktischen und vorberuflichen Erziehung unterschieden. Jungen erledigten vorwiegend Werkarbeiten, Arbeiten im Lager, Arbeiten im Garten und Arbeiten beim Bauern. Mädchen wurden für Küchenarbeiten, Hausarbeiten, Wäschepflege, Nähen und Flicken, Gartenarbeiten, Hilfe im Dorfkindergarten und Arbeiten beim Bauern eingesetzt. Weiterhin genossen Jungen und Mädchen gleichermaßen die musische Erziehung mit Singen, Musik, Volksspiel, Feiergestaltung, Werkarbeit und Nationalpolitischer Schulung. Die Grundlage dieser vielseitigen Erziehung war das jugendgemäße Gemeinschaftsleben im Lager [1].

Die Auslese bzw. Auswahl der Landjahrpflichtigen führte die Schule in Zusammenarbeit mit der HJ und dem Amtsarzt durch. Das Landjahr dauerte von April bis Dezember ohne Ferienunterbrechung. Die Landjahrpflichtigen erhielten ein tägliches Taschengeld von 0,05 Reichsmark. Kleidung und Ausrüstung hatte der Landjahrlagerteilnehmer weitgehend selbst mitzubringen [1].

Die notwendige Ausrüstung der Jungen war 1 HJ.-Sommerhose, 1 HJ-Hemd, mit Halstuch, Knoten und Armbinde, 1 HJ.-Koppel mit Koppelschloss und Schulterriemen, 1 Paar feste Wanderstiefel (Schnürstiefel), 1 Paar Schuhe oder Arbeitsstiefel (Ersatz), 3 Paar Strümpfe zur Uniform (möglichst graue), je 2 Unterhemden und kurze Unterhosen, 2 Nachthemden oder Schlafanzüge, 1 Wolljacke zum Unterziehen (oder Trainingsanzug), 1 Turnhose (möglichst schwarz), 1 Badehose (Dreieck, möglichst schwarz), ausreichend Taschentücher, 1 Paar feste Lederturnschuhe (am besten zum Schnüren), Schreibzeug (2 Kladden, 1 Oktavheft, 2 Bleistifte, Gummi, Federhalter mit Feder oder Füllfederhalter), Nähzeug (schwarzer und weißer Zwirn, Stopfgarn nach Strumpffarbe, braunes Nähgarn. Ersatzknöpfe für die Kleidungsstücke und Wasche, NU- und Stopfnadeln, Schere), Wasch-, Zahn-, Schuhputzzeug (1 Stück Seife, 1 Tube Zahnpaste, Zahnbürste, Nagelbürste und -reiniger, 1 Schachtel Schuhcreme, 1 Paar Ersatzschnürsenkel, Schuhputzbürsten, Kleiderbürste). Erwünscht war soweit vorhanden 1 HJ.-Winteruniform (dunkelblau), Trainingsanzug, Tornister, Brotbeutel, Feldflasche, Trinkbecher, Zeltbahn, Fußballstiefel, Rennschuhe, Fahrtenmesser, ein Musikinstrument (z. B. Geige, Fanfare, Blockflöte, Querpfeife, Trommel, Zieh. oder Mundharmonika) [1], [2].

Die notwendige Ausrüstung der Mädchen war 1 vorschriftsmäßige BDM.-Bluse, Gürtel, Tuch, Knoten, 2 Paar feste Schuhe (BDM.-Schuhe, hohe Stiefel oder Schnürhalbschuhe), 2 Paar lange Strümpfe, 3 Paar Söckchen davon möglichst 1 Paar weiße, 3 mal Leibwärmer (möglichst Hemd und Schlüpfer), 2 Unterröcke, 2 Nachthemden oder Schlafanzüge, 2 wärmere Schlüpfer, 2 Kleider (möglichst; waschbar), 1 Paar feste Lederturnschuhe am besten zum Schnüren, 1 schwarze Turnhose, 1 weißes Turnhemd (möglichst 2) mit HJ.-Rhombus, 2 Schürzen (derb und ausreichend groß), 1 Kopftuch, 2 Kleiderbügel, 1 Badeanzug und Bademütze, 1 Berchtesgadener Jacke oder eine vorhandene Strickjacke, 1 regenfester Mantel, 1 Paar warme Handschuhe, 1 Strumpfbandhalter, ausreichend Taschentücher, Schreibzeug (2 Kladden, 1 Oktavheft, 2 Bleistifte, Gummi, Federhalter ruft Feder Nähzeug (schwarzer und weißer Zwirn, Stopfgarn nach Strumpffarbe, Nähgarn. Ersatzknöpfe für Kleider und Wäsche, Gummiband, Wäscheband, Näh- und Stopfnadeln, Stocknadeln, Schere usw.), Wasch-, Zahn- und Schuhputzzeug (1 Stück Seife, 1 Tube Zahnpaste, Zahnbürste, Nagelbürste und -reiniger, 1 Schachtel Schuhcreme, 1 Paar Ersatzschnürsenkel Schuhputzbürste, Kleiderbürste). Erwünscht war soweit vorhanden Trainingsanzug, Jungmädel-Tracht, BDM.-Rock und -Kletterweste, Musikinstrument (Geige, Laute, Blockflöte, Ziehharmonika) [1], [2].

Seit dem Frühjahr 1935 beherbergte das Landjahrlager in Viermünden im umgebauten Gutshof 60 Jungen. Zunächst aus Berlin, in den folgenden Jahren auch andere Jungen. Das Landjahrlager der Mädchen befand sich im Nachbarort Ederbringhausen. In den ersten Kriegsjahren beherbergte Viermünden dann auch Mädchen. Um einen Eindruck vom Lagerleben in Viermünden zu erhalten, schilderte Adolf Kruppa (geboren am 15. Februar 1925 in Ruderswald Kreis Ratabor in Oberschlesien) als Teilnehmer des Landjahres in Viermünden 1939 das Lagerleben wie folgt:

Ich kam als Landjahrjunge im April 1939 nach Viermünden und verweilte bis zum November des Jahres im Landjahrlager. Eigentlich war es Pflicht 9 Monate im Landjahrlager zu verbringen, aber aufgrund des Kriegsaufbruches durften wir bereits früher wieder nach Hause. Als ich schließlich zu Hause angekommen war, hatten die Polen bereits die Grenzbrücke zu Polen in Ruderswald gesprengt und der Deutsche war bereits in Polen einmarschiert. Die Sprengung der Polen hatte die Deutschen nicht weiter aufgehalten.

Während des Landjahrlagers habe ich bei Eckhardts (heute Zulauf) geholfen. Im Sommer während der Heu- und Strohernte, im Herbst beim Kartoffelernten und bei vielen Arbeiten zwischendurch, die halt so gemacht werden mussten, wie unter anderem die Kühe hüten.

Im Landjahrlager war unser Lagerführer Herr Robert Roth ein sehr sportlicher Mann, er machte einen Salto in kompletter Ausrüstung, das habe ich einige male versucht, schaffte es aber nie so wieder aufzukommen, sodass ich einen festen Stand hatte. Herr Roth fiel während des Krieges als Oberleutnant oder Hauptmann.

Der Tagesablauf war sehr gut organisiert, nach dem aufstehen sehr früh am Tage, ging es direkt zum Laufen. Einmal Rund ums Dorf und im Sommer hielten wir noch an der Eder und schwammen.

Einmal fuhren wir sogar nach Marburg und machten dort den „Grundschein“ (Schwimmen, Tauchen, Schwimmen in Ausrüstung) in der Lahn. In Marburg, weil dort unter Aufsicht eines Bademeisters die Leistung abgenommen wurde.

Nach der Runde ging es anschließend zum Frühstück. War dieses beendet, ging es vor nach Tagesordnung. Diese umfasste Unterricht, Gymnastik, Freiübungen, Landarbeit, Küchendienst. Anschließend ging es zum Mittagessen mit der nachfolgenden Mittagsruhe. Danach folgten Übungen, Spiele und Sport. Sport wurde immer gemacht, wenn die Zeit es erlaubte. Fußball, Wettrennen, Boxen, Ringkampf, Geräteturnen und vieles mehr.

Nach dem Abendessen gab es dann noch ein wenig Freizeit oder Gesellschaftsabende, wo wir sangen, Bilder zeigten und tanzten. Ab und zu gingen wir auch nach Frankenberg, wenn dort eine Veranstaltung war.

Neben dem üblichen Tagesablauf gab es auch immer wieder Abwechslung. Beispielsweise haben wir mal einen 10km Marsch in Ausrüstung auf der Ederstraße gemacht, was damals noch machbar war.

Wir standen entlang der Ederstraße aufgereiht und jeder musste den Hang an der Ederstraße hinaufklettern. Wer Pech hatte, stand direkt bei der Ederbrücke, denn dort war es ganz und gar nicht leicht hinauf zu klettern. Ein Jahr zuvor hatte es dort auch einen Unfall gegeben. Ein Junge war hinabgestürzt.

Manchmal ging es den Hang bei der Ederbrücke hinauf zum Schießstand. Dort haben wir mit Kleinkaliber geschossen. Im Landjahrlager selbst haben wir mit Luftbüchsen Schießübungen gemacht.

Regelmäßig unternahmen wir auch Ausflüge. Diese gingen zum Beispiel an den Rhein, Burg Lichtenfels und zum Edersee. Einmal sind wir nach Kassel zum „Reichskriegertag“ marschiert, innerhalb eines Tag über Wald und Feldwege. Dort haben wir dann gezeltet und sind am nächsten Tag wieder nach Hause. Dies in kompletter Ausrüstung. In Kassel haben wir dann Spalier gestanden für den Führer Adolf Hitler. Zusammen mit der SS standen wir dort Hand in Hand.

Alle Fotos haben wir selbst gemacht. Entwickelt in der Dunkelkammer neben dem Holzschuppen auf dem Gutshof.

Adolf Kruppa kam am 5. September 1945 aus einem Gefangenenlager in Schleswig Holstein nach Viermünden zurück. Er gab Viermünden als Heimatanschrift an, da seine Eltern gestorben waren und er in Oberschlesien nichts mehr hatte. Eckhardts boten ihm an, falls er kein Zuhause mehr hat, ihn aufzunehmen. Er lebte bei Eckhardts von 1945 bis zu seiner Heirat mit Frieda Kruppa, geborene Wissemann [2].

[1] „Das Landjahr“ (Informationsbroschüre), Herausgegeben vom Reichsminist. für
Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Eberswalde

[2] Interview von Mike Schwarz mit Adolf Kruppa, Viermünden im Frühjahr 2007

Weiterveröffentlichungen:

Frankenberger Zeitung | Erschienen am 23.10.2009
Waldeckische Landeszeitung | Erschienen am 23.10.2009
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10 Kommentare zum Beitrag
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Joachim Hesse aus Frankenberg (Eder) am 13.10.2009 um 18:00 Uhr  
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Mike Schwarz aus Frankenberg (Eder) am 13.10.2009 um 18:35 Uhr  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen am 24.09.2010 um 14:31 Uhr  
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