Canadian Brass in Frankenberg

  „Wie sollen wir Musik zu einem Ballett spielen, wenn wir das Ballett gar nicht sehen? Musiker sitzen immer im Orchestergraben und sehen die Akteure nicht. Also hat uns eine Tänzerin gezeigt, wie man Ballett tanzt, und jetzt machen wir beides!“, so Chuck Daellenbach, Gründer von Canadian Brass aus Toronto, Canada, auf Deutsch mit herrlichem Akzent. Dann nahmen die sympathischen fünf Musiker, deren Markenzeichen es ist, statt in Konzertkleidung auch mal in weißen Turnschuhen aufzutreten, die fünf Ballettpositionen ein und spielten und tanzten ihr „Tribute to the Ballet“ mit Ausschnitten von Tschaikowskys „Romeo und Julia“, „Schwanensee“ oder dem Blumenwalzer aus dem „Nussknacker“.

Was sind das für Musiker, die mal eben in Gudensberg und in Frankenberg ein Konzert spielen, tags drauf in München konzertieren, um wiederum danach je einen Abend in Polen und Österreich zu spielen und schließlich wieder in Kanada und Japan auf der Bühne stehen? Und sich für keinen Schabernack zu schade sind?

Wer am Mittwoch (27.7.2016) zur Liebfrauenkirche nach Frankenberg kam, hörte sie schon von weitem: Musiker unter Bäumen, die sich locker einbliesen. Fünf nette, fast schüchtern wirkende junge Männer, die ihre Übungen abbrachen, wenn man sie ansprach. Dann wünschten sie uns einen schönen Abend und übten noch ein bisschen weiter.

Die trockene Ankündigung bei der Begrüßung durch den Veranstalter, Fotos nur in den ersten zehn Minuten machen zu dürfen, sind manche Konzertgänger schon gewöhnt. Und doch schien das die einzige trockene Bemerkung des Abends gewesen zu sein. Chuck Daellenbach in seiner Moderation: „Bitte, bitte macht viele Bilder und schickt sie uns! Immer machen alle Leute Bilder und keiner schickt uns welche. Wir kriegen weder Bilder noch Geschenke. Schickt uns alles!“

Und dann: „Beginnen wir mit der zweiten Zugabe und wir spielen eine andere Reihenfolge als auf dem Programm, oh, Sie haben kein Programm? Super!“ So lief das Konzert nicht nur herrlich unkompliziert ab, sondern die Musiker sagten ihre Stücke einfach selber an und spielten vieles auswendig. Das Publikum sah fröhliche und konzentrierte Musiker mit Trompeten (Caleb Hudson, Chris Coletti), Posaune (Achilles Liarmakopoulos), Horn (Bernhard Scully) und Tuba (Chuck Daellenbach), die scheinbar mühelos ihre Instrumente beherrschten, immer in Bewegung und so perfekt aufeinander abgestimmt waren, dass es keiner Leitung oder keines Zeichens bedurfte; sie spielten einfach und das grandios.

„Mir war das zuviel Klamauk, mir hätte die Musik völlig gereicht“, so ein Zuhörer. Doch das Gesamtkunstwerk traf den Nerv der Zeit. Keine steife Bläsermusik. Kein Dirigat, wo keines nötig ist. Trotz des Klamauks stets hundertprozentig genau. Warme weiche Töne, unglaublich, was den Instrumenten entlockt wurde. Nett auch der fröhliche Streit zwischen Trompete und Horn, die sich darauf einigten, dass die Piccolo-Trompete nur das zweitschwerste Instrument ist und das French Horn das allerschwerste. So machte Caleb Hudson bei „Penny Lane“ auch mit dem nur „zweitschwersten Instrument der Welt“ eine fantastische Figur. Selbst der Hummelflug frei nach Canadian Brass schien mühelos zu gelingen und so mancher Stargeiger wäre erblasst.

Atempause bei Robert Schumanns „Kinderszenen“. Gänsehaut bei „White Rose“, einem Arrangement von Caleb Hudson. Bachs kleine Fuge in g-moll. Es macht keinen Sinn über die gespielten Stücke zu referieren: Perfekt bis ins Detail wurden die Grenzen trockener Performances gesprengt und die tolle Akustik der Kirche ausgenutzt. Dazu wunderbarer Humor, serviert mit einem Augenzwinkern und einfallsreichem Körpereinsatz.

Nach dem Konzert gaben sich Canadian Brass volksnah: Jeder bekam ein Autogramm. Man konnte mit den Musikern plaudern, und zunächst standen sie etwas unbeholfen da, weil viele der Zuhörer nach Hause gingen. Wer wollte, konnte mit den Kanadiern aber noch ein Bier trinken. „Man sagte uns, die Deutschen trinken immer Bier, also sollten wir auch mal eins trinken.“

New York, Rio, Tokyo, Frankenberg - die Tourdaten lesen sich wunderbar und man wunderte sich, wieso die fünf nach Frankenberg kommen. Aber sie waren da und begeisterten die Zuhörer über alle Maßen.

Mit dem Motto des Konzerts „Perfect Landing“ im Rahmen des Kultursommers Nordhessen trafen Canadian Brass in Frankenberg eine perfekte Punktlandung in der Liebfrauenkirche. Unbedingter Tipp: Canadian Brass hat eine Homepage, ist bei Facebook, Youtube und Twitter zu finden. Ein Blick lohnt sich ebenso wie der Kauf einer CD!
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