Gewaltritt über 7429 km: 28 Stunden am Himmel – Skydiver holten neues Absetzflugzeug von Tansania nach Hause

„Selfie“ 3000 Meter über dem bürgerkriegsgeschüttelten Sudan: )v.l.) Chrissi Richter, Thomas Reinke und Flugkapitän Francis Driessen. (Foto: Skydive Westerwald)
 
Die Heimat rückt näher: Das neue Flaggschiff der Fallschirmsportler beim Zwischenstopp auf Heraklion/Kreta. Letzter Halt vor dem Sprung über den „Teich“. 20 Springer finden im Bauch der Cessna 208 „Grand Caravan“ Platz. (Foto: Skydive Westerwald)
 
Majestätisch und Pflichtziel für jeden Besucher in diesem Teil Afrikas: Den Kilimandscharo im Nordosten von Tansania ließen die Breitscheider auf ihrer Homecoming-Tour einfach links liegen. (Foto: Skydive Westerwald)
 
Normalerweise verlässt er nach Erreichen einer bestimmten Höhe fluchtartig das Flugzeug. In diesem Fall musste Chrissi Richter von den Breitscheider Skydivern aber an Bord bleiben – und ging Flugkapitän Driessen (vorne) etwas zur Hand. (Foto: Skydive Westerwald)
Noch steht der „Bomber“, seiner Verkleidung beraubt und die komplexen Innereien offenbarend, nackt in einem großen Werft-Hangar in Dunkeldeutschland. Daselbst, bei Finsterwalde unweit von Dresden, wird die stattliche, momentan einem gerupften Huhn aber nicht unähnliche Maschine aufgehübscht, aufgerüstet und ihrer künftigen Bestimmung entsprechend modifiziert. Läuft alles nach Plan, dürfte sie am vorletzten Aprilwochenende erstmals über dem Westerwald ihre Kreise ziehen.
Noch vor wenigen Tagen war die blau-weiße Ein-Mot auf dem vor Hitze flimmernden Asphalt des Mwalimu Julius K. Nyerere International Airport von Dar-es-Salam, der Hauptstadt Tansanias, herumgerollt. Sie galt dort als eine unter vielen. In Breitscheid, und auch in Deutschland, wird sie einzigartig sein. Mit dem Erwerb dieser Cessna 208 „ Grand Caravan“ haben sich die hiesigen Fallschirmsportler einen langgehegten Wunsch erfüllt und dessen reale Manifestation in einem viertägigen Gewaltritt nach Germanien überführt. Auf eigener Achse. Aber eigentlich sind es derer ja drei.
Nach 28 Stunden am Himmel und 7429 zurückgelegten Flugkilometern hat auch der schmerzfreieste Aerofreak erst einmal die Faxen dicke. So wie Chrissi Richter aus Heiligenborn, als er übermüdet und mit steifen Knochen auf dem jetzt zivil genutzten, ehemaligen sowjetischen Luftwaffenhorst in der Lausitz-aus der Kabine kletterte. Den beiden anderen Mitgliedern seiner Crew erging es ähnlich. Vier Tage vorher waren sie an der schwülen Ostküste Afrikas gestartet, um den „Vogel“ heim zu holen. Mit einer B 777 reist es sich sicherlich komfortabler. Ebenso mit einer Tripple-Seven von Emirates, mit der der Hinflug erfolgt war. Aber für ein solch ehrgeiziges Unterfangen muss „Mann“ halt auch mal gewisse Opfer bringen.

Flug über endlose, monotone Weiten

Die endlosen Weiten des schwarzen Kontinentes, hohen Gebirgsketten, trostlosen, ermüdend braune Steppen, Savannen und Wüsten, die ihr Erscheinungsbild auch nach Stunden nicht wesentlich verändern, Hitze, Anspannung, Ungewissheit - die Operation war schon eine fliegerische Herausforderung, auch in navigatorischer und logistischer Hinsicht. Ein Abenteuer. Auch mag es sicherlich Angenehmeres geben, als über dem bürgerkriegsgeschüttelten Sudan zu cruisen, wo sich die verfeindeten Parteien seit Jahren in einem blutigen Konflikt gegenseitig die Köpfe einschlagen. Weiß man denn, wie die Waffen starrenden Verrückten da unten auf der Erde drauf sind? Ob sie, des kleinen Punktes am Himmel ansichtig werdend, nicht vielleicht auf dumme Einfälle kommen? Lieber nicht dran denken!
In solchen Situationen ist und war es für die Breitscheider gut zu wissen, dass auf dem linken Sitz als „Pilot in Comand“ ein erfahrener Profi Platz genommen hatte. Der Niederländer Francis Driessen macht solche Ferryflüge nicht zum ersten Mal. Der Chefpiloteur der Fluggesellschaft „Tanzanair“, bei der die Hessischen Skydiver auf der Internet-gestützten Suche nach einem eigenen, geeigneten und finanzierbaren Absetzflugzeug fündig geworden waren, hatte sich spontan bereit erklärt, das gute Teil zu chauffieren. Die Maschine war in den vergangenen Jahren in Tansania für Touristenrundflüge und Passagiertransfers zu den Öl- und Gasfeldern eingesetzt worden
Komplettiert wurde die Besatzung durch Thomas Reinke von den Fallschirmfreunden in Mecklenburg-Vorpommern. Der hatte bei diesem komplizierten Unternehmen für seine Breitscheider Kameraden alle organisatorischen Weichen gestellt. Denn mal los! Kurs Nord mit 160 Knoten. Die Stewardess hatte, als es galt, allerdings gerade eine Freischicht eingelegt, weshalb der Kabinenservice nur in abgesteckter Form erfolgen konnte. Und die Bordverpflegung wäre wohl auch noch ausbaufähig gewesen. Zumindest vermochte sie in Gänze nicht mit der des großen arabischen Carriers aus Dubai mitzuhalten.

Dann lieber ein gesperrter SchlossbergtunneI

In diesem Teil Afrikas gehen die Uhren alle etwas anderes, nicht nur in Dar es Salam, der tropischen, stickigen und lauten Millionenmetropole am Indischen Ozean. Da geraten schnell alle Zeitpläne durcheinander. Und deshalb wollen wir nie mehr über die nervige deutsche Bürokratie lästern. Auf diesem Gebiet sind andere deutlich besser. Und wir fluchen auch nicht mehr über verstopfte Innenstädte und Ortsdurchfahrten, beispielsweise dann, wenn der Dillenburger Schlossbergtunnel mal wieder wegen Instandsetzungsarbeiten gesperrt ist. Für die 13 Kilometer vom südwestlich des Zentrums gelegenen Airport in die City der tansanischen Hauptstadt benötigt man beispielsweise zwei Stunden – wenn es gut läuft. Und das tut es meistens nicht. Das Bodenpersonal vor Ort vervollständigte der Manni Konet aus Herborn-Burg, der ob beruflicher Verpflichtungen aber früher wieder nach Hause jetten musste – mit einem richtigen Airliner.
Der Rückflug nach einigen kleineren vor Ort vorgenommenen Umbauten am Flugzeug sollte in sieben Etappen erfolgen, wobei deren Länge, reichweitenbedingt, durch die Tankfüllung diktiert wurden. Fliegen ist zwar die schönste (und normalerweise auch schnellste) Art zu reisen, aber auch das kann, zumal bei solchen Voraussetzungen und Distanzen, zur Ochsentour werden. Da man sich im kontrollierten Luftraum bewegte und nach Instrumentenflugregeln „verfuhr“, erfolgte die in diesem Fall von Lotsen auf dem Radar geführte Homecoming-Tour nach genau festgelegten, international verbindlichen Standards, wobei die Aufgabe eines detaillierten und gegebenenfalls unterwegs zu aktualisierenden Flugplanes natürlich zwingend ist. Man muss sich das ein klein wenig wie Autobahnfahren vorstellen. Die Strecke ist fix, die angesteuerten Flugplätze ersetzen die BAB-Raststätten. Gut etwas komplizierter und aufwändiger, als mit dem Shell-Atlas oder dem TomTom-Navi zu franzen, ist es schon. Von den einzuholenden Überfluggenehmigungen, Zoll- und anderen Verwaltungsformalitäten sowie den von Airport zu Airport unterschiedlichen Betankungsprozeduren ganz zu schweigen.

Weißes Hemd und goldene Streifen

Und die zu entrichtenden Gebühren unterscheiden sich von Land zu Land auch immens. So waren die Kenianer mit gerade mal 85 Dollar zufrieden, Spritkosten inklusive, während die Ägypter das Zwölffache kassierten. Damit hätten sich Präsident Abd al-Fattah as-Sisi und die Seinen selbst aus dem Castingverfahren für den nächsten Familienurlaub hinausgekickt. Raffgier darf nicht auch noch belohnt werden. Inzwischen kennen die wirtschaftlich und politisch gebeutelten Erben der Pharaonen sowieso jeden der wenigen Touristen mit Vornamen. So herrscht auch in Luxor, der oberägyptischen „Stadt der Paläste“, tote Hose. Waren sich hier in guten Zeiten die großen Ausflugspötte auf dem Nil noch gegenseitig ins Kielwasser geraten, liegen die imposanten Kähne heuer fest vertäut und vergeblich auf Passagiere wartend verwaist an den Kaimauern. Sie werden nicht mehr gebraucht.
Bakschisch kann, in solchen Gefilden operierende Luftfahrer wissen das, nie verkehrt sein. Braucht man eigentlich grundsätzlich. Dann läuft es zwar auch nicht wie geschmiert, aber deutlich besser. Deshalb nennt man das ja auch „Schmiergeld“. Auch ist das fliegende Personal gut beraten, in solchen Ländern der Dritten Welt ein weißes Pilotenhemd mit entsprechenden goldenen Streifen zu tragen. Nicht, um anzugeben oder der eigenen Eitelkeit zu huldigen, sondern, weil die, die drinstecken, dann für die Einheimischen und ihre Behörden auf den ersten Blick als Piloten erkennbar sind. Andernfalls nimmt man sie nicht ernst oder für voll.
Da die „Caravan“ über keine Druckkabine verfügt, war bei 3000 Metern Reiseflughöhe über Grund Ende der Fahnenstange. Das machte die Tour aber auch wesentlich wetterabhängiger, weil sich, wenn überhaupt, Winde, Sturm, Boen, Regen und Hagel ja meist in diesen Bereichen zu tummeln pflegen. Aber das deutsch-niederländische Joint-Venture hatte dahingehend das Glück auf seiner Seite.

Anlehnungsbedürftige Skorpione

Erste Station nach dem Start in Dar es Salam war Lokichoggio im Nordwesten Kenias gelegen. Der Kilimandscharo hatte beim Vorbeiflug einen majestätischen Anblick geboten und sich, schüchtern wie er nun mal ist, in weiße Wolken gehüllt. Das kenianische Hochgebirge war zum Greifen nah. „Loki“, zumindest der dortige Flughafen, ist ein Gott verlassener Flecken und der letzte kontrollierte Außenposten des Landes vor der 30 Kilometer entfernten Grenze zum Südsudan. Die Vereinten Nationen hatten von hier aus ihre Humanitärmissionen für das Nachbarland abgewickelt. Einige vor sich hin rostende, weißlackierte Großraumtransporter mit den großen schwarzen UN-Kürzeln auf dem Heckleitwerk erinnern noch vage an diese betriebssame Zeit. Heute ist das Airfield zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Dafür sind die Skorpione sehr anlehnungsbedürftig. Und in den maroden Übernachtungsbaracken herrschen erfrischende 40 Grad. Aber immerhin blieb man, Dank Satelliten-TV in der Flugplatz-Bar, stets über die aktuellen Spielstände in der Bundesliga auf dem Laufenden. Nairobi direkt unter sich lassend, markierte das 1329 Kilometer entfernte Khartum, die Hauptstadt des Nordsudan, für die Besatzung das erste Ziel des Folgetages. Aber nur zum Spritfassen. Luxor in Ägypten, Blick auf die Pyramiden inklusive, stand als eigentliche finale Destination auf dem Programm. Das waren noch mal 1147 Kilometer, oder, anders ausgedrückt, knapp 713 Meilen „on Air“.


Heimkehr mit dem letzten „Büchsenlicht“

Dagegen waren die 1386 Kilometer über Alexandria bis nach Kreta am nächsten Tag fast ein Katzensprung. Und die verbleibende Restdistanz von Heraklion über Split mit Tankstopp daselbst nach Schacksdorf hätten die Heimkehrer am nächsten Tag auch auf (fast) auf einer Backe abgerissen, wäre da nicht der heftigen Gegenwind über der Adria gewesen, der das Flugzeug doch arg ausbremste und den Groundspeed-zeiger ziemlich nach unten drückte. So wurde der Heimathafen gerade noch mit dem allerletzten Büchsenlicht erreicht. Ende gut, alles gut.
Für die Reise über den Teich hatte man, so ist es Vorschrift, Schlauchboote und Schwimmwesten an Bord, für den Fall, dass der Quirl unterwegs mal zicken sollte und sich ein Bad nicht würde vermeiden lassen. Doch die 675-PS-Turbine lief zuverlässig und wie geschmiert. Bewährungsprobe bestanden. Trotzdem wird sie ausgetauscht und durch eine noch stärkere ersetzt. 900 Pferdchen wiehern dann unter der Haube. In Kombination mit einem neu entwickelten 5-Blatt-Propeller dürfte die „Caravan“ dann die leiseste ihrer Art weltweit sein und nennt sich dann „Supervan“. Die Anrainer der „Hub“ wird es freuen. Ein weiterer entscheidender Vorteil: Das Fluggerät fasst mit 20 Springern doppelt so viele als die bisher genutzte Maschine, eine Pilatus Porter – bei gleichem Spritverbrauch. Das rechnet sich auf Dauer schon. Und ein Wunschkennzeichenhaben sich die Skydiver beim Luftfahrtbundesamt auch schon mal reservieren lassen: D-FSWW. Das Kürzel steht für Fallschirmsprung Westerwald. Blue Skies!
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