Zielscheibe oder Mitgeschöpf? Diskussion zeigte: Gräben zwischen Jägern und Tierschützern unüberbrückbar

Vor Beginn der Veranstaltung demonstrierten Tierschützer gegen „Mordsvergnügen“. Sie forderten die Abschaffung der Fallenjagd. Auch die Rufe nach einem Verbot, Haustiere abzuschießen, werden immer lauter. (Foto: Privat)
 
Misstöne im „emotionalen Wunschkonzert“: Mehrere hundert Waidmänner bekräftigten in Grünberg auf Einladung der Jägervereinigung Oberhessen ihr Recht auf Jagd. Die zahlenmäßig unterlegenen Tierschützer hielten dagegen. (Foto: Privat)
 
Feindbild: Meister Reineke hat kaum natürliche, aber viele zweibeinige Gegner, die ihm an den Pelkz wollen. Doch die Zahl seiner Sympathisanten wächst. (Foto: Siegbert Werner)
Die Stimmung? Na ja.. Zu behaupten, sie wäre freundschaftlich und einvernehmlich gewesen, hieße zu übertreiben. Aber was will man erwarten, wenn Tierschützer, Jagdgegner und Jäger aufeinandertreffen. So geschehen am Mittwoch dieser Woche im Hessischen Grünberg, in dem sich beide Lager ob ihrer gegensätzlichen Sichtweisen und Auffassungen auch nicht unbedingt grün waren. Apropos: Die prominenteste Grüne, die sich angesagt hatte, war, anders als von den Gastgebern angekündigt, denn doch nicht gekommen: Hessens Umweltministerin Priska Hinz. Vielleicht sogar aus Angst, zu sehr zwischen die Fronten zu geraten. Zumal ihrem Haus in der aktuellen Diskussion eine Schlüsselrolle zusteht.
Es geht um das Hessische Jagdgesetz, das zwar nicht als Ganzes in Frage gestellt wird, aber so doch in einigen Teilen auf dem Prüfstand steht. So scheint das Privileg der Waidmann- und –frauschaft, in Wald und Feld herumstreunende oder herumlaufende Hunde und Katzen abschießen zu dürfen, zu wackeln. Auch die Rufe nach einem Verbot der Fallenjagd werden immer unüberhörbarer. Dies vor allem deshalb, weil diese Form des Nachstellens für die Opfer mit erheblichen (Todes-)Qualen verbunden ist. Wildtiere, die sich beispielsweise in Schnapp- oder Schlagfallen verstricken, sind nicht immer sofort tot. Oft genug werden ihnen nur Gliedmaßen abgequetscht bzw. abgetrennt. Das bedeutet stundenlanger Schmerz, bis eine finale Kugel des kontrollierenden Fallenstellers sie von ihrem Elend erlöst. Und in bzw. bei Lebendfallen besteht die Gefahr, dass sich die in Panik geratenen Kreaturen selbst verletzten, an scharfen Kanten eventuell. Viele der zum Einsatz kommenden Geräte sind nicht zertifiziert, sondern stammen teils aus trüben, fernöstlichen Quellen. Oder die gefangenen Tiere verhungern schlicht, bis sie denn entdeckt werden…
Ein viel tausendfaches Leid, das aber nicht nur Wildtiere teilen. Neben der waidmännischen Hauptzielgruppe, zu der Füchse, Marder oder Waschbären gehören, geraten auch Hunde und Katzen in die Fangeisen. Zumal dann, wenn letztere auf Nachbars Grundstück aufgestellt sind, was nach dem Buchstaben des Gesetzes ohne Weiteres erlaubt ist. Gegen diese Praxis laufen die Tierfreunde und ihre Organisationen seit langem Sturm. Die Auseinandersetzung darüber nimmt an Intensität zu. Der Landestierschutzbeirat hat die Regierung bereits im Dezember vergangenen Jahres mit großer Mehrheit aufgefordert, die Fallenjagd zu untersagen. Er plädiert ferner für Schonzeiten für Füchse und Waschbären. Und darüber wird hinter den Kulissen in Wiesbaden sehr wohl verschärft nachgedacht. In Arbeit ist derzeit ein neuer Verordnungsentwurf zum Landesjagdgesetz.

Nimrode in höchster Alarmbereitschaft

Das wiederum hat die Nimrode in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Sie fühlen sich inzwischen eigenem Bekunde zufolge selbst als Gejagte und fürchten den Verlust weiterer Privilegien. Selbige aus eigener Sicht zu rechtfertigen bzw. zu begründen, war Sinn und Zweck einer Podiumsdiskussion, zu der die Oberhessische Jägervereinigung in die Grünberger Gallushalle eingeladen hatte. Thema: „Raubsäuger – Artenschutz – Fallenjagd“. Es sollte, so die Ankündigung, um Fakten gehen, nicht um ein „Wunschkonzert“. Ein solches, und zwar als „emotionales Musikstück“ daherkommendes, sehen die Grünröcke in den diesbezüglichen Forderungen der Tierschutzorganisationen und des Tierschutzbeirates. Und die gehen ja noch weiter und schließen ein Verbot der Jagdhundesausbildung am lebenden Tier sowie die Streichung von Waschbär und Fuchs von der Liste jagdbarer Wildtiere mit ein.
Im Vorfeld der Grünberger Veranstaltung hatten sich Tierfreunde vor dem Tagungslokal zu einer Demo formiert. Aufgerufen dazu hatten der Verein „TierfreundLich“ e.V. und der Verein IG Tierschutz in Mittelhessen e.V. Etwa 50 Aktivisten trotzten dem schlechten Wetter. Die Plakate und Transparente waren eindeutig: „Fallenjagd ist Folter“, „Mord(s)vergnügen“, oder „Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit“. (Letztere Behauptung war nicht auf dem eigenen Mist gewachsen, sondern ist ein vom ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss stammendes Originalzitat). Verständlich dass Jäger solches nicht gerne hören bzw. lesen. Sie waren drinnen im Saal deutlich in der Überzahl. Etwa 500 Besucher lauschten den Vorträgen, Statements und Diskussionsbeiträgen, wobei die Besetzung des Podiums die inhaltliche Zielausrichtung des Abends und seiner Veranstalter durchaus reflektierte. Aber immerhin sollten hier auch zwei Vertreter des zu Wort kommen, die bekanntermaßen andere Positionen vertreten als die traditionell ausgerichtete Schützengemeinschaft. Auch die Teilnehmer der Demonstration hatten Zutritt erhalten, mussten ihre als von den Gastgebern als provokativ empfundenen Plakate jedoch draußen lassen.

Keine wesentlichen neuen Erkenntnisse

Neue Erkenntnisse oder Einsichten zum Thema zeitigte die Veranstaltung indes nicht. War auch nicht zu erwarten. Es blieb beim Austausch der bekannten Positionen. Diese erfolgte auf dem Podium in zivilen wenn auch bestimmten Umgangston, während drunten im Saal hier und da schon mal die Mütchen kochten. Da liegen bei nicht wenigen inzwischen die Nerven blank.

Zwischen Artenschutz und Konkurrenzneid

Die Jäger rechtfertigen ihr Tun (auch) mit dem Artenschutz. Es bedürfe, euphemistisch formuliert, ihres regulativen Eingreifens, damit „Beutegreifer“ wie Fuchs und Waschbär sich nicht unkontrolliert ausbreiten könnten, um dann beispielsweise Bodenbrüter wie Rebhuhn, Kiebitz und Wachteln zu dezimieren. Zum Opferkreis der Waschbären zähle sogar die seltene Sumpfschildkröte (von der es in Deutschland gerade mal 200 Exemplare gibt), assistierte ihnen Stephan Wunderlich von Game Concervancy Deutschland, während Marcel Holy von der Natur- und Umweltschutzvereinigung Dümmer wörtlich forderte: „Man muss diese Räuber stoppen!“ Hinzu kommen Krankheiten wie Tollwut, Fuchsbandwurm und Räude, die es durch eine gezielte Bejagung der Reinekes, ob nun mit Kugel oder Falle, einzudämmen gelte. Und da seien da schließlich noch die Zigtausende Opfer, die auf das Konto wildernder Hunde und Katzen gingen. Über 3000 Rehe seien allein 2014 durch herumstreunende Bellos gerissen worden. Von den Hunderttausenden Singvögeln, die den Speisezettel mausender Stubentiger bereichern, ganz zu schweigen.

„Konstruiert, nicht wissenschaftlich fundiert“

Für die Gegenseite sind dies vorgeschobene, konstruierte Argumente. So sei kein einziger Fall belegbar, in dem streunende Katzen für das Aussterben einer Art verantwortlich gemacht werden könnten. Die Tollwut sei ausgerottet, die Erkrankungsrate mit Bandwurm läge im Promillebereich. Von der vom Fuchsbandwurm ausgelösten und meldepflichtigen Krankheit Echinokokkose gab es laut Robert-Koch-Institut 2013 in Deutschland gerade mal 36 Fälle. Letztendlich ginge es den Jägern doch nur darum, sich Beutekonkurrenten vom Leibe zu halten. Diese Motive durch fragwürdige Behauptungen zu verschleiern würde, weil zu offensichtlich und allzu durchschaubar, für sie aber zunehmend schwieriger. Wissenschaftlich fundierte und verifizierbare Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass ein erhöhter Jagddruck automatisch eine erhöhte Vermehrungsrate bei den betroffenen Tierpopulationen zur Folge hätte. Und das gelte nicht nur für Füchse, sondern u.a. auch für Waschbären. Insofern sei die Jagd, wenn man sie unter diesen Gesichtspunkten betrachte, völlig kontraproduktiv. Dag Frommhold hat dies anschaulich belegt. Siehe dazu auch: http://www.fuechse.info/index.php?navTarget=artike...

„Töten als Hobby kann kein Tierschutz sein“

Dr. Heidi Bernauer-Münz vom Hessischen Landestierschutzbeirat formulierte es so: „Wenn es Ihr Hobby ist, Tiere zu töten, dann bitte. Aber deklarieren Sie dies nicht auch noch als Tierschutz!“ Die Konfliktlinien zwischen Jägern und Tierschützern sind unüberbrückbar und werden bestehen bleiben. Letztlich geht es auch um prinzipielle Grundsatzfragen und -überzeugungen. Und die haben eine ethisch-moralische Komponente. Es kommt halt auf die Sicht der Dinge an. Entweder ist das Tier für mich nur ein Wesen oder ein Ding, über dessen Wohl und Wehe, Leben und Tod ich Kraft Amtes und Jagdschein entscheiden kann, oder ich sehe in ihm ein zu Gefühlen wie Trauer und Freude fähiges und Schmerz empfindendes Mitgeschöpf, das ebenfalls ein Recht auf Leben und Unversehrteit hat. Jetzt sind die Politiker am Zug. Und die Philosophen.
Das letzte Wort hat Armin Müller, Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes und Vorsitzender des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer in Hessen. „Die Jagd ist unabdingbarer Bestandteil des Eigentumsrechts. Wer daran tastet, greift ins Eigentumsrecht ein. Und das lassen wir uns nicht nehmen“. Nur damit das mal klar ist! Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Müller meinte das Eigentumsrecht, das man sich nicht nehmen lassen wolle. Vom Spaß hat er nicht gesprochen….
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5 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 07.03.2015 | 16:45  
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Johanna M. aus Stemwede | 07.03.2015 | 23:00  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 07.03.2015 | 23:11  
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Johanna M. aus Stemwede | 08.03.2015 | 00:33  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 08.03.2015 | 03:14  
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