Wo man den Wald vor lauter Vögeln nicht mehr sieht: Über eine Million Bergfinken schlagen Nachtlager bei Haiger auf

Die Äste der Bäume biegen sich unter der Last der kleinen Piepmätze. Und der Strom reißt nicht ab. (Foto: Helmut Weller)
 
Nein, kein Insektenschwarm. Alles Vögel, Bergfinken, Zig-Tausende, im Anflug auf ihr Nachtquartier. (Foto: Siegbert Werner)
 
Haltung bewahren, Fahrgestell ausgefahren: Fliegen heißt immer auch Landen. (Foto: Siegbert Werner)
 
In Reih und Glied. Aber da passen noch ein paar Mitschläfer dabei. (Foto: Uwe Schäfer)
Sie kommen aus dem Nichts. Plötzlich sind sie da. Pünktlich. Die Abenddämmerung ist nicht mehr weit. Es ist ein unglaubliches (Natur-)Schauspiel. Eines, das man in dieser geballten Intensität vermutlich so schnell nicht wieder zu sehen bekommt. Es sind Tausende, Zig-Tausende, Hunderttausende, ja eine Million und vermutlich noch mehr kleine Vögel, die den Himmel im Anflug verdunkeln. Ein schier endloses, wogendes Band aus lebenden Wesen. Wolken aus kleinen, fliegenden Leibern. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend. Wie bei einem heftigen Regen. Aber es regnet keine Wassertropfen, sondern Bergfinken.
Ein kleiner Vogel ganz groß. Groß? Na ja. Alles ist relativ. Die gefiederten Kerlchen bringen es gerade mal auf Sperlingsgröße. Aber bei ihnen macht’s auch die Masse. Bergfinken sind die nördlichen Verwandten unserer Buchfinken, von Hause aus Skandinavier oder Russen. Vor Beginn des Winters verlassen sie ihre angestammten Brutgebiete und versuchen, in südlicher gelegenen Gefilden über die Runden zu kommen. Bestimmte Regionen Deutschlands erleben derzeit eine Invasion von ihnen, wie sie in diesem Ausmaß noch nie beobachtet wurde. Im Südschwarzwald, aber auch im nördlichen Lahn-Dill-Kreis haben diese fidelen Piepmätze den Luftraum inzwischen zu bestimmten Zeiten komplett erobert.
Man kann die Uhr danach stellen. Tagsüber verlustigen sich die auch als Nordfinken bezeichneten Sperlingsvögel in der Region und verteilen sich weitläufig. Sie unternehmen, aufgeteilt in mehr oder weniger kleinere Pulks, von der Futtersuche diktierte Erkundungsflüge bis nach Gießen, ins Sieger- oder Hessische Hinterland. Und es ist auch nicht ungewöhnlich, dass sie in Dutzendstärke oder noch größeren Einheiten an vom Menschen eingerichteten Futterplätzen im Garten auftauchen, wo sie sich auch schon mal mit Sonnenblumenkernen Vorlieb nehmen. In erster Linie sind die flinken Fiederlinge aber auf Buchecker fixiert – ihre Leib- und Magenspeise während der Wintermonate. Und davon gibt es bei uns in dieser Saison mehr als reichlich. Im Sommer ernähren sie sich vorwiegend von Insekten und Wirbellosen.

Das ist wie eine Kette ohne Ende

Abends dann, wie abgesprochen, kehren die Verbände, rechtzeitig, bevor es dunkel wird, zu ihren windgeschützten Sammelschlafplätzen zurück. Je näher der Sonnenuntergang herangerückt, desto größer werden Schwärme. Es ist wie eine Kette ohne Ende. Der Zustrom will einfach nicht enden. Und das geht mindestens eine halbe Stunde so. Pausenlos tauchen neue Geschwader am Himmel auf. Der staunende Beobachter kann den Luftzug spüren, der von den wabernden Riesengebilden ausgeht. Ein solches Massennachtquartier befindet sich in dem Buchen- und Fichtenwald unweit des Haiger-Steinbacher Sportplatzes. Mag ja sein, dass man manchmal vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Aber hier sieht man dann vor lauter Vögeln den Wald nicht mehr. Mit ihnen als Dekoration sehen die winterkahlen Äste aus, als wären sie dicht belaubt. Die Zweige biegen sich unter dem Gewicht. Die kleinen Kerlchen (und Kerlchinnen) sitzen dicht an dicht, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur. Und plötzlich, abrupt, weicht die Kakophonie der Rufe einer Totenstille. Zapfenstreich. Zeit für die Heia. Beim ersten Büchsenlicht am nächsten Morgen wiederholt sich das Ganze dann in umgekehrter Abfolge.
Und es werden nicht weniger, sondern mehr. Experten schätzen, dass der temporäre Bestand bei Haiger inzwischen auf zwei Millionen Exemplare angewachsen ist. Es können auch noch mehr sein. Wie lange sie bleiben, ist ungewiss. Das ist auch wetterabhängig. Bei länger anhaltendem Schneefall dürften die Vögel das Feld räumen und weiter in Richtung Süden ziehen. Der Steinbacher Sportplatz ist inzwischen zu einem beliebten, stark frequentierten Ausflugsziel geworden. Naturfreunde und Schaulustige aus ganz Hessen pilgern zu Ort des Geschehens, um Zeugen dieses wirklich grandiosen Phänomens zu werden. Und sie kommen auf ihre Kosten und werden nicht enttäuscht.

Ornithologie-Tourismus: Ein Besuchermagnet

Zwischen 50 und 100 Besucher sind es locker, die sich hier, aus allen Teilen Hessens und dem benachbarten Nordrhein-Westfalen stammend, Abend für Abend die Beine in den Bauch stehen und der Dinge harren, die da kommen werden. Und sie kommen. Und wie! Das ist ganz großes Kino! Man muss es mit eigenen Augen gesehen haben. Worte, Bilder und Videos können diesem spektakulären Ereignis kaum gerecht werden. Es sind schier überwältigende Eindrücke, die auf die Beobachter einstürmen und sie in den Bann ziehen.
Entweder, die Vögel haben Adleraugen, oder ihre bordeigene Avionik, Nachtsichtgeräte, GPS und Radar inklusive, ist vom Allerfeinsten. Selbst im Stockdunklen finden die Tiere noch ihren Weg und bleiben auf Kurs. Man sieht sie dann längst nicht mehr, aber man hört sie noch. Es ist zappenduster, und noch immer sind Rückkehrer-Schwärme im Anflug. Und offenbar macht es den gefiederten Flugkünstlern auch Spaß, die Flutlichtlampen des Fußballplatzes zu umkreisen. Von Weitem sieht das aus, als würden Motten das Licht umschwirren. Zu diesem Zeitpunkt haben sich Bussarde, Sperber rund Falken, die hier jeden Abend auf leichte Beute hoffen, längst verzogen. Unter den Raubvögeln hat es sich nämlich längst herumgesprochen, dass es hier etwas zu holen gibt. Aber sie sind in den seltensten Fällen erfolgreich. Die Finken fliegen im Pulk viel zu eng beieinander und vor allem so tief und eng an den Bäumen entlang, als dass es der Feind einen Angriff riskieren mag. Allenfalls unbedachte Nachzügler, die den Anschluss verpasst haben, können sich plötzlich in der Rolle des Opfers wiederfinden.

Televisionäres Medienereignis mit spektakulären Bildern

Kein Mensch weiß, wie genau die Kommunikation innerhalb einer solchen Großformation funktioniert. Da ist oft von „Schwarmintelligenz“ die Rede, aber so richtig erklären kann dieses Phänomen niemand. Tatsache ist, und das lässt sich hier sehr schön beobachten, dass die Gruppen wie auf Kommando die Richtung und die Flughöhe wechseln oder die Geschwindigkeit variieren. Die Formation ist zwar nicht so exakt und präzise ausgelegt wie bei den Staren, aber ein Muster lässt sich sehr wohl erkennen.
Die Steinbacher Bergfinken sind längst zum Medienereignis geworden. TV-Teams der unterschiedlichsten Sendeanstalten geben sich hier Klinken und Kameras in die Hand. Nach den Hessenschauern und dem WDR war dieses einzigartige Spektakel auch SAT 1 eine kleine, aber feine Reportage wert. Bei dieser Gelegenheit begleiteten die Autoren auch den bekannten mittelhessischen Naturfotografen Siegbert Werner (Breitscheid-Medenbach) bei seinen Streifzügen durch Wald und Feld. Sie wollten erkunden, woher und woraus der Mann seine brillanten Aufnahmen schöpft. Der TV-Beitrag ist hier zu sehen: http://youtu.be/VxE0PHElapY
Im Dezember vergangenen Jahres waren die ersten Schwärme im LDK-Land beobachtet worden. „Nur“ einige tausend Vögel jeweils, aber dennoch bereits sehr eindrucksvoll. Die Anzahl macht’s da natürlich. Je mehr, desto größer der „Aha“-Effekt. Die heimischen Ornithologen wussten natürlich bzw. ahnten es, dass da irgendwo noch mehr Potential schlummern würde. Apropos schlummern: Ihr Ehrgeiz, den zentralen Übernachtungsplatz ausfindig zu machen, war geweckt. War zwar nicht ganz einfach, aber letztendlich von Erfolg gekrönt. Die (auch bei anderen Gelegenheiten bewährte) Strategie haben sich die Naturfotografen Uwe Schäfer (Eschenburg) und Siegbert Werner (Breitscheid) bei den Ballonfahrern abgeguckt. Die haben ja auch immer einen Straßen-gestützten, als Rückholer fungierenden Verfolger dabei. Dritter im Bunde war der Eibelshausener NABU-Vorsitzende Dieter Schmidt. Mit dem Auto fuhren die Drei den zurückkehrenden Schwärmen so gut es ging hinterher. Mehrmals verloren die Scouts verkehrsbedingt den Anschluss, aber auf diese Weise ließ sich das Ziel immer weiter eingrenzen. Bis selbiges dann erreicht war.

Keine Scheu vor den vielen Menschen


Aus Angst, die von den Südpfälzern „Böhämmer“ genannten Vögel könnten durch einen zu großen Publikumsverkehr in ihren Nachtquartieren gestört werden, behielten die Männer ihre schon vor einigen Wochen gemachte Entdeckung erst mal für sich. Aber die Einsicht, auch anderen einen Einblick in dieses Wunder der Natur zu ermöglichen, gewann schließlich die Oberhand. Und so verständigte man sich in Absprache mit Kollegen aus anderen NABU-Ortsgruppen darauf, den Schleier des Geheimnisses zu lüften. So lange sich die Zuschauer nur am Sportgelände aufhalten, von wo aus man den Einfall der Massen sehr gut beobachten kann, und nicht weiter in den Wald vordringen, ist alles in Ordnung. Davon abgesehen: Die vielen Menschen scheinen den anfliegenden Tieren sowieso relativ egal zu sein. Sie ziehen ihr Ding durch und fertig.
Bereits Ende vergangener Woche war ein Fernsehteam der Hessenschau vor Ort, um dieses spektakuläre Phänomen einzufangen. Der Beitrag ist hier zu sehen: http://youtu.be/CcvdhMaSwD8
Und da wollten die Kollegen vom WDR nicht nachstehen: http://www.youtube.com/watch?v=F8PbLcH57eQ&feature...
Bergfinken (Wissenschaftlicher Name: Fringilla montifringilla) sind vor allem in den skandinavischen Birkenwäldern beheimatet und von Norwegen bis zur russischen Halbinsel Kamtschatka verbreitet. In Europa findet man diesen Vogel bis an die südliche Grenze von Norwegen, Mittelschweden und Südfinnland sowie im nördlichen und mittleren Russland. Nur in Ausnahmefällen brüten Bergfinken auch in Mitteleuropa. Ihre Körperlänge beträgt im Mittel 15 Zentimeter. Charakteristisch sind die orangefarbene Brust und die ebenso gefärbten Schulterflecken. Am unteren Schwanz sowie am Bauch und an der Hinterbrust ist das Gefieder weiß. Die Weibchen sind deutlich schlichter gefärbt. Beim Menschen ist das ja meist umgekehrt…
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2 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 25.01.2015 | 18:30  
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Ali Kocaman aus Donauwörth | 25.01.2015 | 19:31  
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