Verfolgt, gehasst, gemeuchelt: Meister Reineke braucht dringend einen Imageberater - Ein Plädoyer für den Fuchs

Zum Knuddeln! Kaum zu glauben, dass Menschen es übers Herz bringen, solche Tiere bereits in diesem zarten Alter systematisch abzuknallen. (Foto: US)
 
Pssst! Da war doch was… Fuchs im Flegelalter. (Foto: Helmut Weller)
 
Klettermaxe: Von dieser Warte aus hat man natürlich einen besseren Überblick. (Foto: Siegbert Werner)
 
Dieser Blick entspricht in dem Bild, das wir uns vom Fuchs machen: Verschlagen und tückisch. Ob das Eis wohl hält? Für die Elster stellt sich diese Frage weniger. (Foto: Siegbert Werner)
Wenn es ein Tier gibt, das einen fähigen PR-und Image-Berater dringend nötig hätte, dann ist es der „Reineke“. Einen Namen, den das pfiffige Kerlchen seit dem Jahr 1150 weg hat. In einem auf Lateinisch erschienen Gedicht („Ysegrimus“ ) läuft selbiges dem geneigten Leser als „Reinardus“ über den Weg, und das gleich in einer Doppelrolle, als Schurke und Held. Heute wird der (Rot-)Fuchs fast nur noch auf den Part des (hinter-)listigen Bösewichtes reduziert. Sein Ruf ist grottenschlecht. Dabei ist er ein „Geniestreich der Evolution, der Schönheit und sprichwörtliche Schläue, unbändigen Überlebenswillen und eine einzigartige Anpassungsfähigkeit in sich vereint“. So jedenfalls formuliert es Dag Frommhold auf seiner wunderbaren, mit viel Liebe und Fachkenntnis gestalteten Webseite www.fuechse.info .
Nur wenige wissen (oder wollen es auch gar nicht wissen), dass diese roten Wildhunde „auch fürsorgevolle Eltern und zärtliche Liebhaber, verspielte Schelme und unersetzliche Gesundheitspolizisten sind“, nebenbei aber auch „exzellente Mäusejäger und listenreiche Überlebenskünstler in einer von Menschen beherrschten Welt“.
Apropos Eltern: Der Nachwuchs ist inzwischen da. Zwischen drei und vier Kleine kuscheln sich im Bau unter der Erde an die Mama, oft auch in den oberen Etagen einer unterirdischen Dachsbehausung. Denn selbst graben tun Füchse nur, wenn es sich ganz und gar nicht vermeiden lässt. Da neigen sie eher zur Bequemlichkeit und setzen sich lieber ins gemachte Nest. Die Fähe pflegt ihr Versteck in den ersten Wochen nach der Niederkunft nur selten zu verlassen und wird während dieser Zeit von ihrem „Menne“ mit Nahrung versorgt. Später helfen ältere Geschwister und/oder Verwandte bei der Aufzucht und Betreuung. Ein Beleg für das ausgeprägte Sozial- und Familienleben dieser faszinierenden Spezies.

Verfolgt, gequält, gemeuchelt

Doch deren Kindheit verläuft selten unbeschwert. Zu groß das Ausmaß der Verfolgung, zu hoch das Risiko, dass ein Elternteil (oder beide) unter die Räder kommen oder einem Nimrod vor die Flinte laufen. Jährlich fallen in Deutschland um die 600.000 dieser Tiere der Jagd zum Opfer. In Österreich etwa 60.000, in England 200.000. Und eine Kugel ist noch die humanste Art, diese verfolgte Kreatur zur Strecke zu bringen. Darzustellen, was es da für weitere perfide und sadistische Methoden gibt, ersparen wir uns lieber.
Aber es hat auch schon ein Umdenken eingesetzt. Im Mittelhessischen beispielsweise rücken die Waidleute den Roten weit weniger intensiv und aggressiv auf den Pelz als in anderen Teilen der Republik. Und geht es deshalb in unseren heimischen Revieren und Wäldern drunter und drüber? Sind die Fuchs- Bestände explodiert? Wurden andere Tiere dadurch an den Rand ihrer Existenz ge- oder gar verdrängt? Haben Seuchen und Krankheiten Überhand genommen? Wohl kaum! Die Natur ist sehr wohl in der Lage, ihre Rolle als Regulativ auszufüllen.
Davon mal abgesehen: Die Gefahr der Pauschalierung, des unterschiedlosen Jäger-Bashings, ist ja latent. Es gibt aber solche und solche, wie es überall schwarze Schafe gibt. Man muss sich schon hüten, alle Jagdausübende über einen Kamm zu scheren. Dass die Grünberockten andernorts freilich nach wie vor Massentötungen ohne gesellschaftliche Ächtung vornehmen können, liegt wiederum an der negativen Reputation der Tiere als Räuber, die die Bestände anderer Arten angeblich dezimieren.
Oder es ist ihrem Ruf als Krankheitsüberträger (Tollwut, Fuchsbandwurm) geschuldet. Was, mit Verlaub, Quatsch ist und nur als Vorwand dient. Die Tollwut ist durch großflächige Impfaktionen in Deutschland weitestgehend ausgerottet, am kleinen Fuchsbandwurm erkranken jährlich in der Republik des Deutschen Michels lediglich zwischen 10 und 25 Personen. Wer im Wald oder im Garten geerntete Früchte sorgfältig abwäscht, hat diesbezüglich auch nix zu befürchten.
Und mitnichten ist der pelzige Rotrock ein fleischfressendes Monster, das vorzugsweise in den privaten Geflügelbeständen der Menschen wütet. Gut, da bedient er sich, wenn sich die Gelegenheit bietet, schon mal gerne, vor allem dann, wenn er daheim Junge zu versorgen hat. Aber viele Federvieh-Halter machen es dem Räuber auch zu leicht. Schon mit geringem Aufwand lassen sich entsprechende Sicherheitsvorkehrungen treffen. Wer zu bequem dazu ist und dann morgens vor den kümmerlichen, nur noch aus ein paar lausigen Federn bestehenden Resten seines einst so stattlichen Bestandes steht, macht es sich zu einfach, den Täter zu dämonisieren. Der folgt ja nur seinen naturgegebenen Instinkten und seinem angeborenen Jagdtrieb.
„Zorro“, wie ihn die Spanier zu nennen pflegen, ernährt sich im Übrigen vorwiegend von Mäusen (in denen wir Menschen ja auch nur schädliches, lebensunwertes Kroppzeugs sehen), und ja, natürlich Regenwürmern. Früchte und Beeren stehen auf der Speisekarten ebenfalls ziemlich weit oben. Feldhasen, Kaninchen und Fasane verschmäht der Bursche auch nicht, aber mit deren Tempo kann er in der Regel nicht mithalten. Insofern begnügt er sich meistens mit deren Aas, aber auch, in seiner verstädterten Variante, mit Zivilisationsabfällen wie beispielsweise weggeworfenen Pizza-Resten. Er ist ein anspruchsvoller Allesfresser, ein Nahrungsopportunist sozusagen.

Vom heiligen Tier zum Allround-Schurken

Der Fuchs gehört zu den berühmtesten Symbolgestalten aller alten Kulturen vom Fernen Osten bis Südamerika. Und er fand eine ungeheure Verbreitung in Sage, Fabel, Epos und Sprichwörtern – die ihm aber meist nicht gerecht werden und ein Zerrbild zeichnen. Den Germanen war er heilig. Sie sahen in ihm auch den weisen Ratgeber der Tiere - keineswegs den verschlagenen Lügner späterer Zeit. Die berühmteste Fabel der Weltliteratur, in der der Rotschopf eine Rolle spielt, verdanken wir dem römischen Dichter Phaedrus: „Vom Fuchs und vom Raben“. Letzterer wird darin freilich als etwas beschränkt beschrieben. Dass ein „Huckebein“ ein einmal erbeutetes Stück Käse aus dem Schnabel fallen lässt, nur um seinem Gegenüber etwas vorzusingen, dürfte einem Vertreter dieser Gattung im wahren Leben nicht passieren. Dafür sind diese schwarzen Vögel ganz einfach zu clever. Phaedrus hat bei dieser Storyline vermutlich auch aus einer Vorlage des griechischen Dichters Asöp geschöpft, der 600 Jahre vor ihm lebte und als Begründer dieses Genres gilt. Allein 26 seiner Fabeln beschäftigten sich mit Mr. Reineke, der im Angloamerikanischen „Fox“ heißt. Ober dieser auch der Namensgeber für den „Foxtrott“ oder den „Slowfox“ war, ist nicht gesichert.

Dämon und Verführer

Im frühen China galt das Tier nicht nur als Symbol für Schlauheit und List, sondern auch für erotische Verführung und Dämonie. Aber er hat in keinem Bereich einen so zweifelhaften Ruf wie in Europa. In Märchen, Kinderbüchern und Liedern („Fuchs, Du hast die Gans gestohlen“) ist er immer der Schurke. In der christlichen Ikonografie dient der Fuchs zur Personifikation der Sünde. In der Bibel wird er zudem als Symbol für Wildnis und/oder oder auch für verwüstete, nur von ihm bewohnte Landschaften erwähnt. Im 13. Kapitel des Lukasevangeliums nennt Christus den König Herodes einen listigen Fuchs. Und da gibt es ja auch noch den übertrieben geizigen Pfennigfuchser. Da muss man sich nicht wundern, dass der Knabe so schlecht gelitten ist. Woran der olle Schiller ja auch nicht ganz unschuldig ist. „Doch wollt' ich, dass du dem Octavio, dem Fuchs, nicht so viel trautest“ ließ er Terzky einst zu Wallenstein sagen. Friedrichs Kumpel Johann-Wolfgang („Fuck ju Göthe“) wurde dem eigentlichen Wesen des ach so effizienten Beutegreifers auch nicht ganz gerecht, aber immerhin hat er ihm in seinem „Reineke Fuchs“-Epos ein unsterbliches literarisches Denkmal gesetzt.
Deshalb akzeptieren wir, oder zumindest die meisten von uns, auch widerspruchslos, dass diese Tiere in den meisten Bundesländern das ganze Jahr über abgeknallt werden dürfen, der Abschuss von Jungfüchsen am elterlichen Bau gängige Praxis ist und diese Tiere, ob klein, ob groß, in „Totschlagsfallen“, die meist minutenlange, qualvolle Todeskämpfe implizieren, gemeuchelt werden dürfen. Oder „man“ setzt sie halt in Lebendfallen fest. In diesem Fall obliegt es dem hegenden Jäger, den Drücker für den erlösenden, finalen Abschuss durchzuziehen.
Es ist an der Zeit, (nicht nur) unser Verhältnis zum „Vulpes vulpes“, so der wissenschaftlich Name, zu überdenken. Auch er kann im komplexen Naturhaushalt, den wir ja immer noch nicht in Gänze durchschauen, eine immens wichtige und nützliche Funktion für sich reklamieren. Der Fuchs hat innerhalb der Schöpfung durchaus seine Daseinsberechtigung und ist, nebenbei bemerkt, eben auch ein Mitgeschöpf. Dürfen wir, der Mensch, da richten und gar Todesurteile fällen? Ich glaube nicht!
Es gibt keine Schädlinge und es gibt auch kein Unkraut
Der Mensch pflegt ja alle Lebewesen und Dinge nach Wert, Kosten und Nutzen zu kategorisieren. Unter dieser Prämisse wäre der Homo Sapiens auf diesem Planeten aber die überflüssigste, schädlichste und am verzichtsbarste Existenzform. Davon abgesehen: Es gibt keine Schädlinge und es gibt auch kein Unkraut. Jede Existenzform hat ihre Daseinsberechtigung und erfüllt ihren Zweck. Selbst eine Nacktschnecke, die sich (nicht nur) an unseren Salatsetzlingen goutiert und alles kahl frisst, ist für irgendetwas gut. Für was, wissen wir nur (noch) nicht. Und die fatale Nummer mit dem vermeintlich „unwerten Leben“ haben gerade wir Deutsche ja schon in einer anderen, viel, viel schrecklicheren Dimension durch…
Philosophien, Moral, Ethik und Weltanschauungen mal bei Seite gelassen: Wer jemals die Gelegenheit (und das Vergnügen) hatte, verspielte und temperamentvolle junge Füchse in all ihrer Unschuld und in ihrer natürlichen Umgebung tollend zu beobachten, kann eigentlich nicht umhin kommen, sein diesbezügliches Feindbild zu überdenken. Er muss stattdessen zu der Einsicht gelangen, es hier mit einer seitens der Schöpfung hoch entwickelten, ausgeklügelten und mit vielen Extras ausgestatteten Lebensform zu tun zu haben, über die das Todesurteil zu sprechen wir kein Recht haben. Klar, kleine, junge Tiere sind immer niedlich und putzig, Menschen meistens auch. Aber dann. Trotzdem: Auch im Erwachsenenalter umgibt Füchse eine Aura faszinierender Anmut. Ein Friedensvertrag mit ihnen ist eigentlich längst überfällig.
Anmerkung: Die herrlichen Fotos, die diesen Bericht illustrieren, wurden mir freundlicherweise von heimischen Naturfotografen zur Verfügung gestellt. Die von mir vertretenen Meinung und Thesen decken sich nicht zwangsläufig mit den Ihren. Das gilt insbesondere für Bewertng der die Rolle der Jägerschaft und ihr Vorgehen bei der Verfolgung dieser Tiere.
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