"Most" wanted: Flüssiges Gold von der Streuobstwiese - Explosives Stöffchen von enormer Durchschlagskraft

Nicht gelackt, nicht poliert, kein „Gardemaß“ , nicht EU-Norm-konform: Die Apfelernte ist in vollem Gange. Etwas „Repressalien“ tun den Früchten auch ganz gut. Verflüssigt und gegoren schmecken sie besonders lecker…. (Foto: n.leipold/pixelio.de)
 
Morgendliche Impressionen von der Streuobstwiese. Äpfel im Gegenlicht. Das verspricht ein gutes „Stöffche“ zu werden (Foto: Helmut Weller)
 
„Most“ wanted: Die „Wiesel“ legen eine Erntepause ein. Mitglieder der Kinder- und Jugendgruppe des Naturschutzrings Ehringshausen freuen sich in jedem Jahr auf frisch gepressten Saft. (Foto: Helmut Weller)
Ob Rubinette, Lanes Prinz Albert, Jonagold, Roter Boskop, Prinzenapfel oder Weißer Winterlockenapfel, Pinova, Gloster 69, Kardinal Bea, Ingol, Bisterfelder Renette, Roter Berlepsch, Remo, Topaz, Florina oder Ingol, über den Daumen gepeilt dürfte es allein im Mittelhessischen über 200 verschiedene Apfelsorten geben. Landesweit sind es annähernd tausend, deutschlandweit etwa 2000, weltweit 30.000. Darunter knackige, süße, mehlige, saure, hartschalige, resistente, feste, lagerbeständige, rote, gelbe, grüne mit oder ohne Bäckchen. Doch die Vielfalt nutzt wenig, wenn die Bäume nicht oder kaum tragen. Man unterscheidet zwischen guten und schlechten Apfeljahren. Das aktuelle mag sich da nicht so richtig festlegen. Der Ertrag ist regional unterschiedlich, differiert von Ort zu Ort. Hier ächzen die Äste unter dem Gewicht des Kernobstes, ein paar Kilometer weiter herrscht gähnende Leere an den Zweigen. Da kann es passieren, dass einer der wenigen Äpfel zwischen den welker werden Blättern beginnt, vor Einsamkeit und Verzweiflung zu faulen...
Dennoch sprechen die Obstbauern von einer guten Ernte. Und die Gärfraktion sogar von einer "ausgesprochen guten", auch wenn nicht mit neuen Rekordzahlen zu rechnen sei. Das Gros der Ausbeute geht in die (Massen-)Produktion des Hessischen Nationalgetränkes, der des "Stöffchens" bzw. in die Saftherstellung. Und die "Äpfel gehören ins Glas"-Kampagne der großen Keltereien dürfte denn auch in erster Linie der Sorge um die Auslastung geschuldet sein, denn der um das Wohl der Streuobstwiesen als einzigartigem Naturlebensraum. Letzteren macht es nichts aus, wenn die Bäume mal nicht abgeerntet werden. Im Gegenteil. Und die tierischen Bewohner freuen sich über das zusätzliche, üppige Nahrungsangebot.
Die Kapazitäten für die Obstverarbeitung sind in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut worden und wollen entsprechend bedient werden. "Deshalb garantieren die Keltereien auch in relativ guten Erntejahren stabile Abnahmepreise", sagt der Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien. Die liegen aktuell bei ca. zehn Euro pro 100 kg. Was so viel auch wieder nicht ist. Gar nicht so lange her, da ließen sich dafür Preise zwischen 14 und sogar 20 EUR erzielen, je nach Qualität und Herkunft des Rohstoffs.
Enorme Durchschlagskraft: Wenn der Schuss nach hinten losgeht
Aber das ist nur die eine Seite des Marktes. Die andere beleben all die kleinen Jäger und Sammler, die für den Eigenbedarf produzieren. Denen geht es nicht ums Geld. Für sie ist entscheidend, und da sind sie sich mit dem Pfälzer Saumagen-Helmut einig, was am Ende hinten herauskommt. (Das ist teils durchaus wörtlich zunehmen. Bei manchen Zeitgenossen zeigt sich der Genuss von "Viez", wie er im moselfränkischen Sprachgebrauch heißt, von enormer verdauungsfördernder Durchschlagskraft).Neben der Mostmenge ist natürlich auch der Wohlgeschmack wichtig. Aus einem Zentner Äpfel lassen sich übrigens, je nach Sorte, zwischen 30 und 35 Liter herauspressen.

Tricks, Rezepturgeheimnisse und viel "PS"

Diese Hobby-Winzer stehen auch eher bei und vor den kleinen, meist privat oder von Gartenbauvereinen betriebenen Obstpressen Schlange. Denn: Most sowie Abbelwoi oder Ebbelwei (vielleicht kann man sich irgendwann einmal auf eine einheitliche Schreibweise einigen) aus eigener Herstellung, mitunter mit Speierling-, Mispel-, Birnen- und Quittenanteilen angereichert, toppt das Zeugs aus der Serienfertigung (nicht nur nach subjektivem Empfinden) um Längen, hat mehr Gehalt und Würze, und in ausgegorenem Zustand meist auch mehr "PS". Zumal jeder Freizeit-Produzent so seine eigenen Tricks und Rezepturgeheimnisse hat. Aber die wenigsten der Privat-Gärer verfügen über eigene Baumbestände. Also heißt es Klinkenputzen bei denjenigen, die dahingehend etwas besser aufgestellt sind, denen es aber, meist aus Bequemlichkeit und Überfluss, egal ist, was mit den Äpfeln geschieht. Aber gefragt werden wollen und müssen sie trotzdem.
Auch wenn der rechtmäßige Besitzer sich nicht drum schert, es ist fremdes Eigentum. Eine historisch begründete, aber nirgendwo rechtlich verankerte Gewohnheit besagt zwar, dass ab 1. November alles auf dem Boden liegende Obst aufgesammelt und mitgenommen werden kann, aber darauf sollte man sich lieber nicht verlassen. Wenn das eine Brücke über einen Hochwasser führenden Fluss ist, am besten nicht drüber gehen. Kommt es hart auf hart, kann man sich im schlimmsten Falle eine Strafanzeige einfangen, wegen Diebstahls, Mundraubes, Hausfriedensbruchs usw. Hintergrund der November-Regelung war oder ist zum einen, dass ab diesem Datum die Wiesen stellenweise als Winterweiden für die Schafe frei gegeben werden, und zum anderen, dass die weniger Bemittelten auch etwas von der Ernte abbekommen. Aber, bitteschön, selbst die Ärmsten unter den von Hartz-IV-Geknechteten werden sich kaum an diesen Orten schadlos halten. Es sind eher die kommerziellen Sammler, die auf dieser Welle reiten.

Die Sünden der Vergangenheit

Die hohe (theoretische) Zahl der Sorten ist ebenso irreführend wie die Supermarktregale Vielfalt vortäuschen. In den vergangenen 50 Jahren haben Äpfel dahingehend ziemlich eingebüßt. Lediglich 25 Sorten werden im Erwerbsobstbau kultiviert und nur sieben davon regelmäßig im Handel angeboten: Boskoop, Cox Orange, Golden Delicious, Elstar, Gloster, Jonagold und Granny Smith. Ausfluss einer Standardisierung, die vordergründig ökonomischen Zwängen folgte. In den 1970er Jahren förderten Bund und Europäische Gemeinschaft die Rodung der alten Bäume mit ihren Hochstämmen und den Anbau ertragsorientierter Plantagen mit kleinen Bäumen am Spalier. Die klassischen Tafelobstsorten wurden so gezüchtet, dass sie einheitlich große Früchte bringen, leicht zu ernten sind und immer gleich gut schmecken und gleich aussehen - egal aus welchem Land sie kamen. Die regulierungswütige EU-Bürokratie ging sogar soweit, die Beschaffenheit des Stils genau festzulegen. Der Apfel wurde zum Industrieprodukt.

Streuobstwiesen sind ein Paradies für Tiere

Inzwischen hat man eingesehen, dass das ein Fehler war. Die alten Streuobstwiesen erleben, nicht nur aus Ertragserwägungen heraus, eine Renaissance und steigende Wertschätzung. Bundesweit umfasst deren Bestand nach Schätzungen des Naturschutzbundes rund 400. 000. Hektar. Man hat erkannt, wie ungemein wertvoll diese Biotope sind. Zwischen 2000 und 5000 verschiedene Tierarten fühlen sich hier wohl und finden ein Auskommen. Käfer, Wespen, Hummeln und Bienen ebenso wie Spinnentiere, Tausendfüßer, Fledermäuse, Gartenschläfer Mauswiesel, Siebelschläfer, Igel, Feldmaus und Feldhase. Von den vielen Vögeln, darunter hochgradig gefährdete Arten wie Steinkauz, Neuntöter, Rotkopfwürger, Raubwürger, Wiedehopf, Ortolan, Wendehals oder Grün- und Grauspecht, ganz zu schweigen. Davon abgesehen, die säurehaltigeren älteren hochstämmigen Apfelsorten, die hier wachsen, sind für die Apfelweinherstellung sowieso besser geeignet und schmecken auch unverflüssigt kerniger, wenn sie auch nicht immer so gelackt und vordergründig so makellos aussehen wie ihre synthetischen Brüdern und Schwestern. Das Auge isst zwar meist mit, aber man kann ja auch mal eines (oder beide) zudrücken….
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1 Kommentar
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Johanna M. aus Stemwede | 08.10.2014 | 22:01  
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