Interessante Vögel, außergewöhnliche Rituale: Reiher müssen vor Betreten des eigenen Nestes Eintritt zahlen und kotzen nicht

Abendromantik: Schaulaufen im Glanz der untergehenden Sonne. (Foto: Siegbert Werner)
 
Attacke! Sieht jetzt nicht so aus, aus wolle der gefiederte Stuka seinem Artgenossen nur ein Küsschen geben… (Foto: Siegbert Werner)
 
Wie gewonnen, so zerronnen: Da schon sicher geglaubte Mittagsmahl konnte seinem Häscher in letzter Sekunde aus dem Schnabel hüpfen. (Foto: Siegbert Werner)
 
Solche Fotos schießt man nicht mal eben aus der Hüfte. Das Bild wurde aus einem Unterstand heraus gemacht, der zu Dreivierteln unter der Seeoberfläche liegt. Ein junger Seeadler beobachtet Silberreiher. (Foto: Siegbert Werner)
Was reimt sich auf Geier? Reiher! Trotzdem ist „man“ nicht miteinander verwandt. Letztere mit Kranichen aber schon. Beide gehören zur Familie der Schreitvögel. Und im Vergleich zu den Wappenvögeln der Lufthansa sind Graureiher auch ein klein wenig burschikoser, um nicht zu sagen aggressiver. Vor allem dann, wenn es um’s leibliche Wohl geht. Da ist mitunter heftiges Hauen und Stechen angesagt. Das fängt bereits im zarten Kindesalter vor dem Erstflug an. Kaum Flaum an den Backen, aber mächtig austeilen! Beim Zoff um den besten Happen bleibt schon mal ein Geschwisterteil auf der Strecke. Da wird bereits im Nest mit harten Bandagen gekämpft. „Man“ zankt sich wie die Kesselflicker. Und sanftmütiger und altersgelassener werden die imposanten Fiederlinge auch als Erwachsene nicht. Geht’s ums Futter oder das besten Material zum Nestbau, hört die Freundschaft auf. Sie fürchten weder Tod noch Teufel, hierzulande allenfalls den Fuchs, den Habicht und den Menschen, andernorts auch den Seeadler. Aber wenn es gilt, sich gegen artfremde Eindringlinge zur Wehr zu setzen, beispielsweise gegen Krähen, die es auf die Gelege abgesehen haben, dann halten diese Tiere plötzlich zusammen wie Pech und Schwefel.
Während wir die auch „Glücksvögel“ genannten Kraniche bei uns meist nur auf dem Durchzug beobachten können, hat sich eine überschaubare Anzahl ihrer etwas kleineren Vetter vom Lateinischen Stamme der „Ardea cinerea“ dauerhaft auch in Mittelhessen häuslich eingerichtet. Man findet Brutplätze in Goßfelden, am Gießener Schwanenteich, am Aartalsee sowie in den Wieseck- und Lahnauen. Aber auch entlang von Dill und Dietzhölze, beispielsweise in Dillenburg, bei Ehringshausen und bei Eibelshausen, gibt es inzwischen wieder kleinere Graureiher-Kolonien. Die größten Bestände landesweit trifft man im Naturschutzgebiet Lampertheimer Altrhein bei Heppenheim und im Europa-Reservat „Kühkopf-Knoblochsaue“ bei Groß-Gerau.

Enjoy the Koi!

Nachdem die Vögel Ende der 60er Jahre Deutschland weit als fast ausgestorben galten, hat sich ihr Bestand inzwischen deutlich nach oben korrigiert und stabilisiert. Er wird europaweit auf über 300. 000 Brutpaare geschätzt. In Hessen dürften heuer zwischen 800 und 1200 Paare heimisch sein. Im Lahn-Dill-Kreis sind es geschätzte 50. Das variiert von Jahr zu Jahr. Zur Populationssteigerung beigetragen haben mag vor allem die Tatsache, dass die Bejagung der Reiher in vielen Ländern verboten wurde und ist. Zum Leidwesen vieler Angel- und Zierteichbesitzer übrigens. Enjoy the Koi! Da kommt es mehr oder weniger regelmäßig zu Interessenskonflikten. Die ungebetenen Lunchgäste - sie heißen ja im Volksmund nicht von ungefähr Fischreiher - haben einen täglichen Bedarf zwischen 330 und 500 Gramm an tierischer Nahrung zu decken. Da kommen ihnen solch reichlich bestückte Tümpel-Tische natürlich gerade Recht. Neben den Geschuppten ergänzen Frösche, Molche, Mäuse und Wasserinsekten den Speiseplan.
Für den vogelkundlich vielleicht nur eher durchschnittlich bewanderten Otto-Normal-Verbraucher sehen beide Arten erst mal gleich aus. Doch können Kraniche deutlich (bis zu 30 Zentimeter) größer werden und bringen es auch auf eine bis zu 50 Zentimeter stattlichere Flügelspannweite. Sie erreichen eine Körperhöhe von bis 130 Zentimetern und bis 2,45 Meter Spannweite. Graureiher hingegen messen in der Höhe zwischen 90 und 100 Zentimeter. Ihre Schwingenbreite liegt zwischen 175 und 195 Zentimetern. Sehr schön werden die Unterschiede zwischen diesen Großvögeln im Flug sichtbar: Kraniche strecken ihre Köpfe weit nach vorne, Reiher ziehen sie zwischen den Schultern ein, wobei der Hals s-förmig gebogen ist.

Interessante Rituale, außergewöhnliche Strategien

Der Medenbacher Naturfotograf Siegbert Werner hat als passionierter Vogelkundler seit Jahren ein Auge auf diese Spezies geworfen. Verständlich, als Motiv geben sie auch allerhand her. Sofern man etwas mit den Eigenheiten dieser Feder-Fraktion vertraut ist und weiß, wie sie tickt und wo ihre Vertreter wann zu finden sind, glücken bestechende Treffer. Aber es braucht natürlich auch Geduld, viel Geduld. Die Verhaltensweisen der Kraniche, insbesondere deren Beutestrategien, seien höchst interessant, berichtet der Architekt. Sie harrten oft stundenlang in absoluter Bewegungslosigkeit im seichten Wasser oder auf einer Wiese aus, um dann blitzschnell zuzustoßen, wenn der ahnungslose Snack vorbeigeschwommen oder vorbeigehuscht kommt. Mitunter cleverer geben sich aber ihre Vettern, die Silberreiher, mit denen sie oft in Nachbarschaft wohnen und/oder jagen. Hat sich ein Grauer einen Beutefisch geangelt, fliegen die Weißen, dreist, wie sie sind, schon mal keck von hinten an, um die Gunst der Stunde und die des Überraschungsmomentes zu nutzen. Während der Attackierte seine Beute vor Schreck fallen lässt, schnappt sich der Mundräuber den Happen. Guten Appetit! Dieses Spielchen funktioniert allerdings auch umgekehrt.
Graureiher haben recht interessante Rituale entwickelt, auch auf zwischentierischer Ebene. „Sie“ hockt auf dem Nest, „Er“ zieht hinaus ins feindliche Leben und sorgt für den Unterhalt. Das ist ja beim Menschen – nicht bei allen, aber bei vielen – so ähnlich. Aber dann kommt‘s: Das Männchen darf nach der Rückkehr erst dann zurück ins Nest, wenn es Frauchen zuvor ein Geschenk überreicht hat – in Form eines Zweiges (für die Ausbesserung bzw. Verschönerung der Wohnung). Tut es das nicht, wird es, also das Männchen, als unerwünschter Eindringling behandelt Uff! Übertragen auf die menschliche Spezies müsste der treusorgende Gatte, wenn er sich Abends geschlaucht von der Arbeit nach Hause schleppt, auch erst Eintrittsgeld entrichten und seine Holde mit einer Schachtel Pralinen (oder ähnlichem) bestechen, um überhaupt in seine eigene Hütte gelassen zu werden. Man(n) kann es auch übertreiben! Der Vollständigkeit halber sei aber erwähnt, dass bei Reihers die Aufgaben und Lasten nicht einseitig verteilt sind. Wenn die Dame des Hauses Shopping geht und Nahrung sucht, hält ihr Menne die Stellung und hütet Haus, Eier bzw. Kinder. Auch er erhält, kehrt die Alte zurück, das obligatorische Präsent. Insofern herrscht hier schon so etwas wie Gleichberechtigung.

Wer reihert hier?


Diese Großvögel haben auch Einzug in zahlreichen Sprichwörtern, Bauernweisheiten und Aphorismen gehalten und dort ihre Spuren hinterlassen. So haben die alten Chinesen schon vor Tausend Jahren messerscharf erkannt: „Gäste und Reiher bieten den schönsten Anblick, wenn sie sich erheben!“ Wie wahr! Der Begriff „Reihern“ (für sich Übergeben) resultiert aus der Tatsache, dass diese Tiere ihre Jungen mir vorverdautem Nahrungsbrei füttern, den sie dazu aus dem (Vor-)Magen hervor würgen. Aber das tun andere Vogelarten auch. Die Redewendung „Kotzen wie ein Reiher“ hingegen soll einen anderen Hintergrund haben. Angeblich würden die Vögel im Falle eines Angriffs, um Ballast zu verlieren und um schneller flüchten/starten zu können, ihre letzte Mahlzeit wieder ausspeien. Aber diese abenteuerliche Erklärung gehört wohl doch eher ins Reich der Fabeln.

Zu Gast beim Champion

Für geplante oder auch zufällige Schnappschüsse sind die Jumbo-Piepmätze hierzulande allemal gut. Doch für die wirklich außergewöhnlichen Aufnahmen muss man schon ein paar Kilometer weiter reisen, 1200 Kilometer gen Südosten beispielsweise, ins südliche Ungarn. Dort, unweit der Stadt Szeged in einem abgelegenen Seitenarm des Tisza-Tals inmitten eines Naturschutzgebietes, hat sich Siebert Werners Freund und Kollege Mate Bence eingerichtet. Der junge Mann gilt als einer der besten Tierfotografen der Welt, wurde als solcher auch bereits 2010 von der Internationalen Naturfotografenvereinigung ausgezeichnet. Er ist Champion und Guru zugleich, zumindest für jene Kamera-Artisten, die sich auf Motive aus Flora und Fauna spezialisiert haben. Warum das so ist, offenbart die Google-Bildersuche nach Mate Bence. Was dieses ausgeschlafene Kerlchen Mutter Natur an einzigartigem Bildmaterial abringt, ist unglaublich! Der Bursche kennt alle Tricks und Schliche. Von ihm kann selbst der profilierteste Pixel-Künstler noch eine Menge lernen.
Werner war zusammen mit zwei weiteren Kollegen aus Belgien und Frankreich unlängst wieder eine Woche lang bei dem berühmten Fotografen zu Gast. Und der betreibt, damit er und seine Gäste zum „Schuss“ kommen, immensen logistischen Aufwand. Trotzdem war es strapaziöses, entbehrungsreiches Unterfangen abseits jedweder Zivilisation. Wellness sieht anders aus. Aber das wusste man/frau vorher. Genächtigt wurde, während draußen minus 7 Grad herrschten, in einem klitzekleinen, kargen Bretterverschlag, in dessen Boden eine Öffnung eingelassen war, von der ein zwölf Meter langer, nur gebückt zu bewältigender Tunnel zu einem speziellen, inmitten eines Sees gelegenen Verstecks führte. Der Beobachtungsposten lag zu einem Dreiviertel unter der Wasseroberfläche. Das ermöglicht Aufnahmen aus nächster Nähe in Wasserspiegelhöhe. Und die haben es in sich!

Und dann hat es „Klick“ gemacht – 24.000 mal

In diesem wenig komfortablen Ansitz harrten die Bilderjäger Tag für Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang aus. Um die Tiere nicht zu verjagen, durften sich die Lauernden, soweit das in der Enge überhaupt möglich war, nur langsam bewegen (am besten gar nicht) und sich allenfalls flüsternd unterhalten. Durchgehende schwarze Kleidung und Handschuhe waren Pflicht, um nicht entdeckt zu werden. Und dann hat es „Klick“ gemacht, ganz, ganz oft. Die von dem Medenbacher so bewunderten und geliebten Reiher, und nicht nur die, ließen sich nicht lumpen, zeigten Präsenz, warfen sich in Pose, stritten, tanzten, jagten, turtelten. Das natürlich nur, weil sie sich unbeobachtet und ungestört fühlten. 24.000 Mal hat Werner in dieser Zeit auf den Auslöser gedrückt. Mit der Sichtung und Bearbeitung seiner Beute wird er auf Monate hinaus beschäftigt sein. Für eine kleine, willkürliche Zufallsauswahl hat es aber schon gereicht. Und das ist, siehe oben, ja nur die Spitze des Eisbergs…
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