Gefrorene Poesie: Kalte Kunstwerke und bizarre Eiskristalle als visuelle Streicheleinheiten für die Seele

Kontrast: Welke Buchenblätter im Würgegriff der Dendriten. Die Eiskristalle wachsen noch, die Blätter kaum. (Foto: Helmut Weller)
 
Ausgeflogen: Die Bewohner dieser Nisthöhle haben sich in wärmer Gefilde verdrückt. (Foto: Siegbert Werner)
Die schönsten Kunstwerke schafft die Natur. Auch wenn deren Halbzeitwert etwas geringer ist als der jener Exponate in unseren Museen. Dafür ist der wiederkehrende schöpferische Gestaltungspielraum aber ungleich höher, um nicht zu sagen unermesslich. Das gilt auch für die verwendeten „Materialien“. Und was die anbelangt, ist Raureif in diesen Tagen als „Werkstoff“ unschlagbar und in seiner finalen, wenn auch temporären Umsetzung einzigartig. Die bizarren in ihrer auch optischen Vollkommenheit durch Menschenhand nicht reproduzierbaren Gebilde an Blättern, Ästen oder Halmen sind von traumhafter Schönheit und Brillanz – gefrorene Poesie.
Ihr ganzes ästhetisches, kreatives Potential kommt zwar in Gänze erst im Kontrast zu einem tiefblauen Himmel zur Geltung, doch selbst in einem neblig-trüben Umfeld wirken die aus nadelförmigen Eiskristallen (Dendriten) bestehenden Formen wie visuelle Streicheleinheiten, die an die Seele rühren.
Dabei ist es, physikalisch gesehen, doch nur Niederschlag, der sich aus unterkühlten Wassertropfen leichtem Nebels oder direkt aus dem in der Luft enthaltenen Wasserdampf gebildet hat. Für diesen Prozess ist eine sehr hohe relative Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent und eine Lufttemperatur von weniger als -8 Grad Celsius nötig. Und auf solche Werte sackt das Thermometer in diesen Nächten durchaus schon mal. Und am Morgen danach zeigt sich die Landschaft wie mit Zuckerguss garniert.
Bleiben die Voraussetzungen gegeben, wachsen die Kristalle auch, langsam zwar, aber immerhin. Und das tun sie stets gegen den Wind, weil die luvseitig ankommende Luft einen höheren Feuchtigkeitsgehalt aufweist als die in der dem Wind abgewandten Seite. Aber das klingt alles viel zu profan und nüchtern. Entscheidend ist doch, wie unsere Pfälzer „Birne“ stets zu sagen pflegte, was hinten heraus kommt, am Ende des Entstehungsverlaufes. Und das ist von virtuoser Perfektion.
Und letztlich bleibt es sich auch gehüpft wie gesprungen, ob es sich nun tatsächlich um Raureif, oder vielleicht doch nur um Reif oder Raueis handelt. Da wird ja auch noch mal unterschieden. Ja, und Eisblumen gibt es ja auch noch, eine Sonderform des Raureifs. Wie es zu solchen kommt, da hat sich unser Physiklehrer weiland den Mund drüber fusselig geredet, ohne dass sich das seinen mehr oder weniger aufmerksamen Schülern so richtig erschließen wollte. Irgendwie hängt das mit der Außentemperatur, der Luftfeuchtigkeit im Rauminneren, der Dicke des Fensterglases bzw. dessen geringen Dämmfähigkeit und dem Vorhandensein von Kristallisationskeimen oder –kernen (können auch Staub-Partikelchen sein) auf der Oberfläche zusammen.
Bei mehrfach verglasten Isolierfenstern, wie sie heuer gang und gäbe sind, findet sich dieses Phänomen nicht oder allenfalls in ganz rudimentärer Ausprägung, Ja, und dann gibt s ja auch noch Meereisblumen, wie sie im Frühling und Herbst in Arktis und Antarktis entstehen. Sie sollen aber in unseren Breiten eher seltener vorkommen… Dafür kann die Lahn-Dill-Region aber mit ganz anderen, vielfältigeren Motiven punkten. Die beiden heimischen Naturfotografen Helmut Weller und Siegbert Werner haben sich etwas umgesehen….
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