Flugkünstler, die nur einen Sommer tanzen: Libellen - Faszinierend schön, wendig und gefräßig, aber völlig ungefährlich

Zwei Binsenjungfern bei der Morgengymnastik. (Foto: Siegbert Werner)
 
Prachtlibellen bevorzugen das Umfeld von Flüssen und langsamen fließenden Bächen als Lebensraum. Für's Depilieren bleibt keine Zeit. Die mit spitzen Dornen ausgestatteten Beine dienen zum Festhalten der Beute. (Foto: Siegbert Werner)
 
Mosaikjungfern sind ausgesprochene Dämmerungsjäger und peilen ihre Beute aus bis zu 40 Metern Entfernung an. (Foto: Siegbert Werner)
 
Diesen Blick hatte Marty Feldmann auch drauf: Eine Becherjungfer lugt hinter einem Stengel hervor. (Foto: Siegbert Werner)
Der Heine-Heinrich und viele andere bedeutende Literaten haben sich überschlagen, ihre Anmut zu besingen. Dabei gebührt diesem Wesen nicht nur und zu Recht ein exponierter Platz in diversen Gedichtbänden, sondern eigentlich auch einer auf jedem Titel der Flug-Revue, des Aero-Kuriers und anderer aeronautischer Fachmagazine. Kaum oder so gut wie kein von Menschenhand konstruiertes Luftfahrtgerät kann es mit Odonatas Flugkünsten aufnehmen. Das ist der lateinische Name einer der ältesten, aber auch am stärksten bedrohten Insektengruppen unserer Hemisphäre: der der Libellen.
Der Medenbacher Naturfotograf Siegbert Werner hat sich eingehend mit dieser außergewöhnlichen Gattung beschäftigt. Seinen Beobachtungen zufolge scheint deren Gefährdungsgrad hierzulande noch nicht so dramatisch ausgeprägt zu sein wie andernorts. Es gibt zwischen Lahn, Dill und Westerwald noch eine relativ große Artenvielfalt. Man muss halt nur wissen, wo man zu suchen hat. Zu unterscheiden ist zwischen Klein- und Großlibellen. Die grüne oder blaugrüne Mosaikjungfer, wie sie auch im Mittelhessischen häufig vorkommt, zählt zur zweiten Kategorie. Ebenso Heidelibelle und Blattbauchlibelle. Die prächtige Königslibelle ist bei uns schon seltener. Überraschend groß ist der Artenreichtum bei den Kleinlibellen. Das fängt bei der Frühen Adonislibelle an und hört beim Granatauge noch lange nicht auf. Dazwischen gibt es die blaue Federlibelle und die Pechlibelle sowie die zahlreichen Jungfer-Unterarten (Becher-, Binsen-, Weiden-, Hufeisenazur-, Helmazur- und Fledermausazurjungfer). Vertreter dieser beiden "Lager" lassen sich, von ihrer unterschiedlichen Größe mal abgesehen, relativ leicht unterscheiden. Kleinlibellen haben eine Flügelspannweite von unter 40 Millimetern und einen ziemlich breiten Augenabstand. Bei ihren größeren Vettern stoßen die Augen in der Kopfmitte fast zusammen.

Faszinierende Hochzeitsnummer

In Westeuropa "düsen" fast 80 verschiedene "Typen" und "Baumuster" nach Sichtflugbedingungen durch den unkontrollierten Luftraum. Weltweit gibt es mehr als 5.800 Arten. Otto-Normal-Betrachter dürfte, sofern er nicht zu den Entomologen oder Odonatologen, was jetzt nix Perverses ist, zählt, Schwierigkeiten haben, sie auseinander zu halten. Ob groß, ob klein, allein der Anblick dieser meist opulent schillernden Spezies im Flug wäre jedes Eintrittsgeld am Naturtümpel wert. Mit so viel Grazie und abrupten Fintenreichtum bewegt sich kein zweites Insekt durch die Lüfte. Zu dessen faszinierendsten Nummern zählt der Hochzeits- oder Paarungsflug, wenn Männlein und Weiblein ineinander verschlungen rauschhaft als Tandemgespann herumtollen und die Gesetze der Schwerkraft auszuhebeln scheinen.

Wie "E.T auf Chrystal Met

Von ganz Nahem betrachtet ähnelt der markante, deutlich von den Brustsegmenten getrennte und dadurch extrem bewegliche Kopf dieser Vertreter wie dem von E.T. auf Crystal Met. Von der Physiognomie her gibt es allerdings beträchtliche Unterschiede. Die einzelnen Arten sind im "Gesicht" ganz unterschiedlich gezeichnet. Bei manchen Libellenarten ist der Mund derart geformt, dass sie wie lustige kleine Kobolde aussehen, die ständig zu grinsen scheinen.
Ihr Durch-, Weit und Überblick kann es mit dem Radar eines jeden supermodernen Kampfjets aufnehmen. Und darüber, dass vier Augen mehr sehen als zwei, mögen diese Tiere nur lachen. Ihre auffällig großen Facettenaugen bestehen bei einzelnen Arten aus bis zu 30.000 Einzelaugen, sogenannten Ommadtidien. So ausgestattet bräuchte auch meine "Omma" bei der Lektüre der Apotheken-Umschau keine Brille. Ja, und zwischen den Komplexaugen liegen auf der Kopfoberseite noch drei kleine Punktaugen (Stirnocellen), die als Gleichgewichtsorgan und zur Kontrolle schneller Flugbewegungen dienen. Werkseitig haben diese Meisterpiloten also schon die modernste Avionik mit an Bord.

Extrem wendig und bis zu 50 km/h schnell

Die extreme Wendigkeit der Libellen beruht auf dem Umstand, dass sie ihre beiden, mit filigranen, komplex gemusterten Längs- und Queradern durchsetzten Flügelpaare unabhängig voneinander bewegen können. Das ermöglicht abrupte Richtungswechsel und versetzt diese Insekten in die Lage, in der Luft stehen zu bleiben. Bei Hubschraubern nennt man das "Hoovern". Einige Arten können sogar rückwärts fliegen. Sie erreichen Maximalgeschwindigkeiten von 50 km/h, und das quasi aus dem Stand. Von Null auf ein halbes Hundert in fast Nullkommanix. Da die Frequenz des Flügelschlages mit etwa 30 Schlägen pro Sekunde relativ gering ist, vollzieht sich ihr Anflug nahezu geräuschlos. Plötzlich sind sie da. Ihr Herannahen ist kaum zu hören. Zum Vergleich: Mücken schlagen 200 mal pro Sekunde mit den Flügeln und nerven alleine schon durch ihr aufdringliches Sirren.
Die Flügelspannweite der in Europa heimischen Exemplare variiert zwischen 2,5 und 14 Zentimetern. Die Größe des schlanken Hinterleibs kann bis zu 8,5 Zentimeter betragen. Gut, früher waren die Dinger ein klein wenig größer. Ihre Vorfahren lebten bereits vor über 250 Millionen Jahren, wiesen eine Flügelspannweite von bis zu 75 cm auf und waren damit die größten jemals existierenden Insekten. Zur Zeit der Saurier vor 150 Millionen Jahren entsprachen Größe und Körperbau der Libellen bereits in etwa den der heutigen Arten. Saurier sind längst ausgestorben, Libellen nicht. Ein Beweis für den ungeheuren Erfolg ihrer Lebensstrategie.
In der germanischen Mythologie waren Libellen der Göttin Freya oder Frigg zugeordnet und somit heilig, wurden aber in Folge dämonisiert. Um alle sich seit Jahrhunderten ziemlich hartnäckig haltenden Vorurteile zu entkräften: Nein, diese Spezies, noch im Mittelalter als "Teufelsnadeln" oder "Augenstecher" diskriminiert, ist für den Menschen völlig ungefährlich und greift ihn auch nicht an. Nein, diese Tiere verfügen auch über keine Giftstachel, Stechrüssel oder ein ähnliches martialisches Instrumentarium. Nichts destotrotz ist beispielsweise in Luxemburg bis heute der Name "Siwestécher" (Siebenstecher) gebräuchlich. Er basiert auf der irrigen Annahme, sieben Libellenstiche könnten einen Menschen töten. Völliger Blödsinn!
Man könnte am Beispiel einer gefangenen Großlibelle die Probe aufs Exempel machen, sich eine solche auf die Hand setzen und warten, was passiert. Doch halt: Finger weg. Alle Libellenarten stehen in Deutschland unter besonderem Schutz (was im Übrigen auch für ihre Larven gilt). Deshalb sollte sich der Mensch lieber aus Distanz an ihrer Schönheit und Eleganz erfreuen. Außerdem wäre die Gefahr, diese Tiere bei einem solchen Selbstversuch zu verletzen, zu groß. Und das ist es nicht wert, zumal deren Harmlosigkeit gegenüber Menschen ja wissenschaftlich eindeutig belegt ist. Bei ihnen reicht es allenfalls zu einem kleinen Zwicken durch die kräftigen Mundwerkzeuge.

Es zählt das Gesetz des Stärkeren

Aber Libellen sind trotzdem Räuber und Jäger, für die ausschließlich das Gesetz des Stärkeren zählt. Da gibt es nichts zu beschönigen. Sie haben es aber zuallererst auf andere Insekten wie Fliegen, Bremsen und Mücken abgesehen. (Aber es dürfen durchaus auch Schmetterlinge sein) Und weil sie Unmengen davon vertilgen, sind sie aus menschlicher Sicht sehr nützlich. Vermutlich würde das ökologische Gleichgewicht immensen Schaden nehmen, sollten sie einmal von der Bildfläche verschwinden. Gewässerverschmutzung, Begradigung von Bach- und Flussläufen oder Trockenlegung von Feucht-, Sumpf und Moorgebieten sind vielerorts die Ursachen für Bestandsrückgänge. Man findet Libellen in der Regel in unmittelbarer Nähe von Gewässern, weil Ihre Larven auf Wasser als Lebensraum angewiesen sind.
Auf ihrem Speiseplan steht alles, was sich überwältigen lässt. Die Beute schlagen Libellen im Flug. Sie nutzen dabei ihre drei zu einem effektiven Fangapparat umgestalteten, nach vorne gerichteten und mit spitzen Dornen ausgestatteten Beinpaare, mit denen sie ihre Opfer packen. Den Rest besorgen die kräftig ausgeprägten und rasiermesserscharfen Mundwerkzeuge. Auffällig ist die unterschiedliche Jagdtaktik dieser Tiere. So gibt es Vertreter, die ihr Revier durch regelmäßige Patrouillen-Flüge überwachen, andere sitzen entspannt auf erhöhten Gewächshalmen um von dort aus, nähert sich das ahnungslose Opfer, einen Blitzstart hinzulegen und zuzuschlagen. Bis auf eine Entfernung von 40 Metern können diese Jäger ihre Beute ausmachen.

Fressen und gefressen werden

Einige Libellen wüten sogar unter Ihresgleichen, neigen also zum Kannibalismus. Auf der anderen Seite des Tisches sind es Frösche, Vögel und Fledermäuse, die, lockt ein saftigen Libellensteak, grundsätzlich nicht Nein sagen. Riskant kann es für Libellen in den frühen Morgenstunden oder an kühleren Tagen werden, wenn sie ihre "Betriebstemperatur" noch nicht erreicht haben und deshalb relativ unbeweglich und in ihrer Motorik eingeschränkt sind. Aber auch Wespen, Webspinnen und Ameisen können ihnen gefährlich werden, vor allem in der kritischen Phase während des Schlüpfens sowie kurz danach. Dieser Vorgang ist auch in anderer Hinsicht nicht ganz ohne. Wenn die Larvenhülle sich vom Stengel löst und die Flügel dann nicht ganz herausgezogen werden können, gibt es Flügelmissbildungen, die in ca. fünf bis zehn Prozent der Fälle zu Flugunfähigkeit und damit zu einem schnellen Lebensende führen.

Zwei Leben zu Wasser und in der Luft

Libellen tanzen meist nur einen Sommer. Dann ist Schluss mit lustig. Dafür führen sie aber quasi zwei Leben, eines als (räuberische) Larve unter Wasser und eines als fliegendes Insekt (Imago). Während das Erstere - je nach Art - bis zu einigen Jahren dauern kann, währt das Zweite nur wenige Wochen oder Monate. Eine Ausnahme bildet die Winterlibelle, bei der es gerade umgekehrt ist. Ihr Leben als fliegendes Insekt dauert wesentlich länger (ca. zehn Monate), während sie sich in nur drei Monaten vom Ei bis zur schlupfbereiten Larve entwickelt.
Erteilen wir das Schlusswort dem eingangs erwähnten Heinrich Heine. Der notierte 1854: „Es tanzt die schöne Libelle, wohl auf des Baches Welle; Sie tanzt daher, sie tanzt dahin, die schimmernde, flimmernde Gauklerin“. Und der Lyriker Wilhelm Jensen formulierte es noch ein klein wenig poetischer: „Hin über den Spiegel des Weihers schwebt, auf blitzenden Schwingen aus Duft gewebt, die Wassernymphe, die flatternde Sylphe. Sie gaukelt über dem wogenden Schilfe, vor meinen Augen hin und wieder hebt sie und senkt sie das blaue Gefieder, als webe zu schillerndem Sommerkleid sie die goldenen Fäden der Einsamkeit.
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1 Kommentar
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Elena Sabasch aus Hohenahr | 22.07.2014 | 19:15  
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