Da kommt kein internationaler Großflugtag mit: Wo Fotografen und Tierfreunde in Verzückung geraten - Der Zug der Kraniche bietet uns ein Naturschauspiel von beeindruckender Einzigartigkeit

Dafür hatte sich Medenbacher Naturfotograf Fotograf Siegbert Werner die halbe Nacht um die Ohren geschlagen: Massenstart im Morgengrauen. Vor der Kulisse des Campingplatzes an der Krombachtalsperre unternehmen Tausende Kraniche einen ersten Versuch, nach beendeter Nachtruhe ihre Reise gen Süden fortzusetzen. (Foto: Siegbert Werner)
 
Rückkehrer: Angelockt durch die Schreie ihrer am Boden gebliebener Artgenossen brechen die Vögel den Flug ab. Nebel und schlechte Sicht erschwerten ihnen die Orientierung. (Foto: Siegbert Werner)
 
Wie bei „Amy und die Wildgänse“. Der Ehringshäuser Fotograf war den Kranichen im Flug ganz nahe und begegnete ihnen auf Augenhöhe. (Foto: Helmut Weller)
DRIEDORF-MADEMÜHLEN - Da geraten die meisten Menschen, nicht nur passionierte Tierfotografen, ganz aus dem Häuschen und in helle Verzückung. Es ist ein Naturschauspiel von beeindruckender Einzigartigkeit, das derzeit (auch) über Mittelhessen zu beobachten ist: Der Zug der Kraniche. Etwa 150.000 bis 200.00 dieser prächtigen langbeinigen hellgrauen Schreitvögel mit der charakteristischen federlosen, roten Kopfplatte werden die Region bis Anfang November auf ihrem Flug in die südlichen Winterquartiere überquert haben. Also besteht sicher noch Gelegenheit genug, auf den Auslöser zu drücken. Aber so optimal wie am vergangenen Wochenende an der Krombachtalsperre bei Driedorf-Mademühlen war die Gunst der Stunde noch nie. Mehrere Tausend dieser schon von den ollen Griechen als „Glücksvögel“ verehrten und als Symbol der Klugheit und Wachsamkeit geltenden Tiere hatten auf dem Grund des abgelassenen Stausees ein Päuschen eingelegt, um hier die Nacht zu verbringen.
Schätzungen, um wie viele Exemplare es sich dabei handelte, sind schwierig. Die Deutsche Lufthansa, die den „Grus grus“ (lateinische Bezeichnung) ja als Wappentier führt, und ihre Partner-Airlines dürften zusammen auch nicht nur annähernd über einen derart imposanten Flottenbestand an Flugzeugen verfügen. Ganz davon abgesehen, dass sie den Formationsflug nicht nur ansatzweise so perfekt beherrschen wie diese majestätischen Fiederlinge. Es waren viele Tausend, die zum Touchdown angesetzt hatten.

Motive von berauschender Intensität

Die Motive, die sich bieten, wenn die bis zu 1,30 Meter großen Langhälse (Flügelspannweite bis zu 2,45 Meter) in Geschwaderstärke am Himmel aufkreuzen oder sich zu einer Zwischenlandung entschließen, sind von berauschender Intensität. Aber, um wirklich zu einem überdurchschnittlich guten Schuss bzw. mehreren davon zu kommen, muss man auch etwas dafür tun. Und gegebenenfalls früh aufstehen, sehr früh. So wie Siegbert Werner, der mit Kamera, sicherem Gespür und viel Geduld seit Jahren der schöpferische Vielfalt von Fauna und Flora digitale Denkmäler setzt. Er war nicht der einzige, der sich mit waffenschein-pflichtig großen Spezial-Objektiven an der Krombach auf die Lauer gelegt hatte. Viele Dutzende Fotografen und Zuschauer hatten sich rings um den See postiert.
Um 4.45 Uhr war für den Ortsteil-Breitscheider und seinen Fotofreund Dieter Mackel die Nacht zu Ende gewesen. Am Abend zuvor, als die Kranich-Invasion begonnen hatte, war das „Büchsenlicht“ kaum mehr der Rede wert gewesen. Jetzt galt es, den Start im Morgengrauen abzupassen. Die Ohren spitzen und lauschen, ob die von Reisefieber geplagten Gäste gegebenenfalls durch Rufe ihren Standort verraten. Denn: Zu sehen war ja nix. Dann mit Stirnlampe und 15-kg-Ausrüstung die Seeseite gewechselt und durch einen dunklen Wald zum Ufer vorgepirscht. Nahe genug, um noch fotografieren zu können, weit genug entfernt, um keine Unruhe unter den Vögeln zu verursachen. Eine nette, ortskundige junge Frau hatte den Pixeljägern den Weg gewiesen. Dann hieß es warten.

Mademühlen: Mehr Flugbewegungen als in London-Heathrow

Wer immer Dramaturg und Kapellmeister gewesen sein mag, er machte seine Sache gut. Selbst Gotthilf Fischer dürfte noch nie über einen zahlenmäßig derart imposanten Singkreis geboten haben. In jenem Moment, als die ersten Umrisse der Kraniche zu erahnen waren, vereinigten diese sich zu einem vieltausendstimmiger Chor, dessen trompetenartiger Sprechgesang zum Crescendo anstieg. Die Nackenhärchen standen in Hab-Acht-Stellung. Überwältigend, durchdringend, unter die Haut gehend. Und dann der „Take-Off“. Massenstart vor der Kulisse des schwach beleuchteten Campingplatzes. So viele Flugbewegung gibt es noch nicht mal über London-Heathrow. Und die Big-Birds brauchen weder Fluglotsen noch GPS. Das toppte jede noch so ausgeklügelte und rasante internationale Airshow!
Von der Hoffnung, die stolzen Vögel vor der Vollmond-Kulisse abbilden zu können, mussten sich die Fotografen schnell wieder verabschieden. Dunkle Wolken und Nebel waren aufgezogen und hatten die einsetzende, zarte Morgenröte verhüllt. Und das war wiederum ein Glücksfall – nicht unbedingt für die Kraniche. Denn: Die miesen Sichtbedingungen hatten diesen die Orientierung verhagelt. Deshalb kehrten die Schwärme bald zurück und kreisten so langen über der Talsperre, bis die Voraussetzungen besser schienen. Das bot tausendfache Gelegenheit, auf die Auslöser zu drücken. Zweiter Versuch: Formieren zum Abflug. Und wieder geschlossene Kehrtwende nach wenigen Minuten. Die Reisenden hatten es sich noch mal anders überlegt. Nach und nach schwebte die gesamte, imposante Armada wieder über dem Ausgangspunkt ein und setzte auf dem Krombach-Schlick zur Landung an. Warten auf besseres Wetter. Die hundertstimmigen Ahh- und Ohh-Rufe der menschlichen Beobachter waren längst stillem Bewundern gewichen. Nach ein paar Stunden Rast ging es dann endgültig Richtung Süd-Spanien.

Auf Augenhöhe mit den Big-Birds

Siegbert Werners Fotografenkollege und Freund Helmut Weller hatte sich dem Thema ganz anders genähert: an Bord eines Gyrocopters. Da muss man auch erst mal drauf kommen! Den Tragschrauberflug hatte Weller vor geraumer Zeit vom Piloten als Geburtstagsgeschenk erhalten, sich ihn aber wohlweislich für später aufgespart. Und jetzt, am vergangenen Samstag, war die Zeit gekommen. „Ready for Take off“ in Aßlar. Der Kamerakünstler begegnete seinen Motiven infolge somit auf Augenhöhe, allerdings in gebührendem vertikalen wie horizontalen Abstand, um sie nicht zu stören. „Es war erhebend und atemberaubend“, schwärmte der Ehringshäuser im Nachhinein. Erhebend im wahrsten wie im übertragenen Sinne dieses Wortes. Die Kranich-Staffel ließ sich durch das Motorengeräusch gar nicht aus der Ruhe bringen und folgte unverdrossen ihrem Kurs. Weller glückten trotz der schwierigen Arbeitsbedingungen(die teils auch durch die starke Vibration des Luftfahrtgerätes bedingt waren) Ait-to-Air-Aufnahmen von packender Eindringlichkeit. Ein bisschen erinnern diese Bilder an den grandiosen Film „Amy und die Wildgänse“.

Das Falsche geraucht? Bauern-Präsi fordert Abschussquote

Unter: www.naturparkwetter.de/kranichzug/ lässt sich die Reise der Vögel und der aktuelle Aufenthaltsort der einzelnen Großschwärme übrigens anschaulich verfolgen. Kraniche sind ja in diesen Tagen „Everybodys Darling“. Everybodys? Nicht ganz. Ein paar Agrarökonomen aus Dunkeldeutschland mögen diese stattlichen Piepmätze nämlich überhaupt nicht. Da hat Udo Folgart, der Präsident des Landesbauernverbandes Brandenburg, dieser Tage allen Ernstes eine Abschussquote für Kraniche, nach der EU-Vogelschutzrichtlinie eine streng geschützte Art, gefordert. Dies, um die Schäden, die diese Tiere der Landwirtschaft bereiteten, zu reduzieren. In diesem Zusammenhang wäre es sicherlich auch einmal interessant zu erfahren, was für einen Stoff dieser Mann, der nebenbei SPD-Landtagsabgeordneter ist, raucht oder woher er seine Pillen bezieht. Wenn überhaupt Schäden durch Kraniche auftreten, liegen diese nach Angaben des Deutschen Naturschutzbundes deutlich unter der Agrarförderung der EU. 300 Euro pro Hektar erhält jeder Landwirt nämlich allein dafür, dass er seine Flächen überhaupt bewirtschaftet. Auf ihrer Reise lunchen die Vögel auf den Brandenburger Feldern, um sich für ihren Zug in den Süden, der sie mitunter auch bis nach Nordafrika führt, Fettreserven anzufressen. Die Langstreckenflieger bevorzugen dabei energiereichen Mais, den sie auf den Stoppelfeldern finden. An stehendem Getreide vergreifen sie sich jedoch nicht. Auch die Schäden an Wintersaaten sind laut NABU vergleichsweise gering.

Mit zweierlei Maß

Wie dem auch sei, Kraniche nehmen die weite Reise nur deshalb auf sich, um ihre Nahrungsversorgung und somit ihr Überleben sicher zu stellen. Nichts anderes tun im Prinzip auch die Menschen, wenn auch in umgekehrter Richtung. Hunderte von Flüchtlingen, beispielsweise aus Afrika, machen sich Jahr für Jahr auf den langen, mitunter gefährlichen Weg zu uns, um dem Hunger daheim zu entkommen. Jetzt mal von den Brandenburgern abgesehen, werden die Vögel bei uns in der Regel meist bewundert und geliebt – die betreffenden Menschen jedoch nicht unbedingt. Da sollte man in einer stillen Stunde vielleicht auch mal drüber nachdenken.
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2 Kommentare
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Elena Sabasch aus Hohenahr | 24.10.2013 | 08:08  
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Bodo von Rühden aus Dautphetal | 24.10.2013 | 21:14  
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