Eine Legende spielt auf: Öli Müller und das Geheimnis des Tip(p)s - Seit 44 Jahren mit dem Blues verheiratet

Seit 44 Jahren mit dem Blues verheiratet: Öli Müller. Am 15. November tritt er mit seinen Freunden von „Secret Tip“ in der Alten Brauerei in Ewersbach auf. Und die „heilige“, von B.B. King signierte Gibson gehört natürlich zum Gepäck. (Foto: Ralf-Stefan Triesch)
 
Long time ago: “MM” hängt seit seinem 12. Lebensjahr an der Sechssaitigen. Dieses Foto entstand während eines Rockabends Mitte der 70-er-Jahre in der Hirzenhainer Segelflughalle. (Foto: Privat)
 
Die personellen Konstellationen wechselten, aber in einem ist sich Michael „Öli“ Müller immer treu geblieben: Nothing but the Blues! (Foto: Privat)
Dietzhölztal-Ewersbach (jh) –Die Ankündigung für seinen Auftritt in der Alten Brauerei in Ewersbach klang etwas verwirrend. Da war von einem Secret Tip (mit einem „P“) die Rede, doch von einem Geheim-Tipp kann ja bei diesem Burschen längst keine Rede (mehr) sein. Öli Müller ist schon so etwas wie eine regionale Legende, eine Blues-Legende. Der 56-Jährige hat sich und seine Musik über die Zeit gerettet und zieht seit 44 Jahren mit der Klampfe in der Hand über Land.
Im Dietzhölztal gibt der Mann am kommenden Freitag (15. November) eines seiner raren Konzerte – nicht zum ersten Mal übrigens. Der Wahl-Aubacher hat sich mit „Geheimnis umwitterten“ Freunden zusammen getan - und deren Band heißt „Secret Tip“ So wird dann auch ein Schuh draus!
Ab 21 Uhr stöpseln die fidelen 7 ihre Kabel in die Verstärker. Während der unverwüstliche Gitarrist aus dem Schelde-Delta seinen geliebten Blues zelebriert, ergänzen dessen Mitstreiter um Sängerin Sladi Stefanovska das Spektrum um Jazz-und Soul-Elemente. Eine spannende Mixtur.

Zwischen Mondlandung, Willy Brandt und Bahnhofsvorplatz

Mit Wein hat „MM“ (=Michael Müller) keinen Vertrag, aber mit ihm ist es dennoch wie mit einem edlen Tropfen: Je älter, desto besser. Diese These ist jetzt unter Connaisseuren nicht ganz unumstritten, dürfte aber in diesem personalisierten Fall stechen. Schließlich gibt es keinen Grund, eine gute Theorie aufzugeben, nur weil sie eventuell nicht stimmt. Doch zurück zum Thema: Seit seinem 12. Lebensjahr hängt der Mann an den Saiten. 1969 hatte sich der „Öli“ vom Taschengeld und mit etwas Investitionsbeihilfe von Mami und Papi sein erstes „Holz“ gekauft. Ein kleiner Schritt für den Menschen, ein riesiger Sprung für ihn selbst. 33 Millionen TV-Gucker hatten damals an den Fernsehgeräten Neil Armstrongs erste tapsige Gehversuche auf dem Mond verfolgt. Ganz so viel Publikum hatte der schlacksige WvO-Schüler zu dieser Zeit noch nicht, aber in den großen Pausen, nach Schulschluss auf der Wiese des Dillenburger Bahnhofsvorplatzes oder im nahegelegenen Hofgarten erspielte sich der Jüngling nach und nach eine wachsende Anhängerschar. Meist mit Gecovertem a la Johnny Cash, Bob Dylan, Led Zeppelin oder den „Schdons. Derweil stellte Willy Brandt die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn auf ein ganz neues Fundament.

Rap im Kartoffeltopf

Hier und da schlich sich zu dieser Zeit bereits Selbstgestricktes auf die Setlist, erdacht, ausgeknobelt oder modifiziert im schalldicht isolierten Übungsraum im Keller des elterlichen Hauses in Oberscheld. Schalldicht? Na ja. Während sich der Gymnasiast, dem Mathe ein Gräuel und der 12-Takter Erbauung war, daselbst mit gleichgesinnten Seelenverwandten oder halt auch alleine an den aktuellen Charts abarbeitete – einen Tonabnehmer für die Akustische und ein 50-Watt-Röhrenverstärker von Guyatone hatte er auf Pump im Musikhaus Emde erstanden - rappte auf dem Küchenherd im Stockwerk darüber der Kartoffeltopf.
Ja, und dann kamen – zwangsläufig – die Mädels. Wie und wo genau er an die „Schnalle“ aus jenem einsamen, abgelegenen Westerwälder Hochgebirgs-Kaffe geraten war, bekommt der „Öli“ heute gar nicht mehr sortiert. Doch die Wochenend-Techtelmechtel endeten in der Regel damit, dass er in der einzigen Kneipe des pulsierenden, weltoffenen Ortes die Yamaha auspackte und den meist traumatisierten, bier-seligen Thekenstehern und Feierabend -Rebellen was vom Pferd erzählte und vorsang. Das schlug übrigens auch die Geburtsstunde des legendären „Hoselatz-Boogies („ Momme lait im Bett, der Babbe owedruff….“), der in den Folgejahren noch bei vielen Konzerten zu hören sein sollte, und von dem zu hoffen ist, er möge auch in der Alten Brauerei in Ewersbach noch mal aus dem Archiv hervorgeholt werden. Die überwiegend agrar-okönomisch orientierte Zuhörerschaft in besagter Wäller-Location jedenfalls wusste das damals schon sehr wohl zu honorieren. Um eventuelle Rechnungen oder Bierdeckel-Striche musste sich der „exotische“ Gast aus dem Dillkreis keine Gedanken machen.
Um die Raten für’s Equipment abstottern zu können, gab der Oberschelder schon damals Gitarrenunterricht. Seine Eleven haben die Fingerfertigkeit und Virtuosität ihres Lehrers jedoch nie erreicht. Was jetzt nicht unbedingt an Defiziten in der Didaktik gelegen haben muss. Den Klang-Pädagogen gibt Müller übrigens auch heute noch. An der Volkshochschule biegt er angehenden Gitarreros das kleine Einmaleins auf der Sechsaitigen bei. Und da ist oft ein wirklich mühseliges Geschäft.

Die „Helden“ von damals haben den Absprung nie geschafft

„Straight“ nannte sich Mitte der 70-er Jahre „MM“‘s erste offizielle Band - und die Jungs, nomen est omen, rockten auch genauso. Ein für damalige Verhältnisse innovatives, richtungsweisendes Projekt – stilprägend für die hiesige Musikszene und in Folge oft und gerne gebucht. Von der IG Metall, von lokalen Kneipiers, Juso-Gruppierungen, Schülervertretungen oder auch Segelfliegerclubs, wie dem in Hirzenhain. Einige der „Helden“ von damals haben den Absprung nie geschafft und belegen auch heuer noch rast- und ruhelos die hiesigen Bühnen, die Kleinen wie die Großen. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.
Das Ganze zerbrach leider viel zu schnell, weil es, die musikalische Ausrichtung betreffend, unterschiedliche Ansatzpunkte gab. Die Gegensätze waren letztendlich unüberbrückbar. Die „Straight“-Mehrheit redete einer eher progressiv ausgerichteten, meist auf eigenem Material basierenden Orientierung das Wort, während der Purist mit der weißen Fender Stratocaster nicht von seinen Vorbildern aus dem Mississippi-Delta lassen wollte. Also trennte man sich in Frieden und als Freunde – die man bis heute geblieben ist. Jeder sollte fortan sein eigenes Ding machen und drehen.

Mach‘ uns den Frosch!

Öli Müller ist sich bis heute in den unterschiedlichsten personellen Konstellationen (selbst) treu geblieben: Nothing, but the Blues! Und er hat sich über alle Bedenken, dass dies stilistisch doch vielleicht etwas zu begrenzt und zu kurz gedacht sein könnte, hinweg gesetzt und diese unbeschadet ausgesessen. Seine ungebrochene Popularität gibt ihm Recht. Was beispielsweise wäre die jüngsten „Sozius live“ -Konzerte in Haiger ohne diesen herausragenden Künstler gewesen? Dabei war der Auchbacher kurzfristig nur als „Zweitbesetzung“ eingesprungen. Bei allem Respekt für die Leistungen der anderen „Headbanger“: Ohne Müller hätte wirklich etwas gefehlt! Und wenn der Bursche besonders gut drauf und mit sich und der Welt im Reinen ist, packt er seine „heilige“ Gibson aus. Für ihn ein Instrument von unschätzbarem Wert. Weil: Kein Geringerer als die legendäre Blues-Ikone B.B. King hat ihm dieses edle Teil im Vorfeld eines Konzertes in der Siegerlandhalle persönlich signiert und gewidmet. Das kommt einem Ritterschlag schon verdächtig nahe.
Und für den Fall, dass es möglich ist, für den am 15. November anstehenden Gig im Dietzhölztal Musikwünsche anzumelden: Bitte den Frosch! Nee, nicht den Kermit aus der Muppets-Show. Rorys (Gott hab‘ ihn selig!) Bullfrog-Blues. Und allerspätestes dann ist der Abend gerettet! That's where the music never ends! I’ve got the Blues!
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