Der „Horscht“ ist tot: Abschied von einem großen Macher - Herborn trauert um seinen Event-König

Der „Horscht“, so wie ihn seine Freunde, Bewunderer und Wegefährten in Erinnerung haben und behalten werden. Er starb vergangene Woche. Am 24. April wäre er 76 Jahre alt geworden. (Foto: Archiv)
 
Horst Freimüller (rechts) im Zenit seiner Karriere als Macher. Im Jahr 2000 hatte er Bryan Adams ins Reiterstadion geholt. Der Weltstar trug sich ins Goldene Buch ein. In der Mitte Bürgermeister Bernd Sonnhoff, Chef, Freund und Mentor des umtriebigen Burger Jungs. (Foto: Archiv)
 
Sein klassischer Ausspruch „Mir freue sich!“ wurde zum geflügelten Wort. 2001 zog Horst Freimüller alle Register, damit sich die 750-Jahr-Feier der Stadt ins Kollektivgedächtnis der Herborner einbrannte. (Foto: Archiv)
 
Ohne Horst Freimüller wird Herborn leerer sein, so wie der Marktplatz bei Nacht. In seinem kleinen Büro im ersten Stock des Rathauses links hat er in den Jahren zwischen 1977 und 2004 unzählige PR- und Imagekampagnen für die Stadt ausgeheckt. (Foto: Markus Novak)
Man hat ihm viele Namen und Titel angehängt, beispielsweise den des „städtischen Ministers für Jux und D(T)ollerei“.Aber das war nicht abwertend gemeint, sondern da schwang Respekt mit. Gebräuchlich war aber „Horscht“. Und da wusste gleich jeder, wer gemeint war. Es konnte nur einen geben. Und jetzt ist der Mann, der Mitte der 70er Jahre erfolgreich und vehement damit begonnen hatte, aus dem verschlafenen Herborn ein pulsierendes, aufregendes Städtchen zu schmieden, das in punkto Veranstaltungsangebot, kultureller und gesellschaftlicher Vielfalt nicht nur die Nachbarn, sondern auch deutlich größere Orte in der Region weit in den Schatten stellte, tot. Trauer um Horst Freimüller. In der Stadt und ringsum hat diese Nachricht immense Betroffenheit ausgelöst. Alle, die ihn kannten, sind schockiert, paralysiert.
Die Spuren, die er hinterlassen hat, werden nicht verwischen. Sie bleiben an vielen Stellen sichtbar, oder sind in ihren (Aus-)Wirkungen zu spüren. Auf dem kleinen Friedhof seines Heimatdorfes, ein Ort, den er, Herborn hin, Stadt her, immer über alles und am meisten geliebt hatte, fand Horst Freimüller die letzte Ruhe. Die Urnenbeisetzung am 20. März erfolgte im Rahmen einer sehr bewegenden Trauerzeremonie. Auch viele alte Weggefährten und Mitstreiter standen Spalier, dieser unvergessen bleibenden Persönlichkeit das letzte Geleit zu geben.
Der ehemalige Kulturamtsleiter, der, unvergessen, während seiner aktiven Dienstzeit zu den schillerndsten Figuren nicht nur im hiesigen Rathaus zählte, starb 75-jährig an einer Gehirnblutung. Die hatte den (Un-(Ruheständler ereilt, während er gemeinsam mit anderen darüber grübelte, wie sich sein geliebtes Herborn beim 2016 anstehenden Hessentag am besten und am vorteilhaftesten in Szene setzen ließe. Und es passierte ausgerechnet an jenem Ort, an dem er zeitlebens so gerne ein- und ausgegangen ist und wo ihm die besten und zündenden Ideen gekommen waren: im „Burger Hof, während einer Besprechung der örtlichen Hessenfestplaner.

Organisatorische Kabinettstückchen

Apropos Hessentag: Den ersten seiner Art in Herborn hatte der umtriebige Eventmanager 1986 weiland fast im Alleingang gestemmt – „with a little help from his friends“ natürlich. Die Organisation dieses Spektakels, dessen Fäden allesamt in seinem kleinen Büro im ersten Stock des mittelalterlichen Rathauses zusammenliefen, sollte nicht das einzige organisatorische Kabinettstückchen bleiben, das der Burger Jung’ inszenierte und choreografierte. Wobei sich in Folge immer aufs Neue zu bestätigen schien, dass der Mensch mit und an seinen Aufgaben wächst. Und Freimüller wuchs damit - und nicht selten über sich hinaus. Er hatte ein untrügliches Gespür für Timing, Trends und das, was die Menschen aktuell elektrisierte (oder elektrisieren könnte). Als 1993 die Bungee-Sprung-Bewegung in Deutschland noch ein zartes Adrenalin-Pflänzchen war, hatte er schon einen Riesenkran auf dem Marktplatz auffahren lassen. Viele Hunderte Wagemutige gaben sich den Kick am Gummiseil, Tausende sahen staunend zu.

Wenn er rief, kamen die (Welt-)Stars

Ob es der „Challenge Day“ 1997 war, das Open-Air mit Bryan Adams im Juli 2000, oder die 750-Jahr-Feier in 2001, all diese Ereignisse, über die man heute noch mit Begeisterung spricht, sind untrennbar mit seinem Namen verknüpft. Die mediale Dauerpräsenz Herborns im Fernsehen – sein Verdienst. Selbige beschränkte sich nicht nur auf den „Blauen Bock“ oder die televisionäre „Hessefassenacht“. Und der Circus Krone und/oder der Russische National-Circus, sonst nur in Großstädten präsent, schlugen an der Dill mehrmals und gerne ihre Zelte auf. Viele prominente Künstler, ja sogar Weltstars, gaben sich in Herborn die Klinke in die Hand, weil Horst Freimüller sie gerufen hatte. Und weil sie sicher sein konnten, hier gut bedient zu werden. Heino war nur einer von ihnen. Der blonde Barde, mit dem er bis zuletzt in freundschaftlichem Kontakt stand, hatte ihn einst sogar als Manager gewinnen wollen. Doch die heimatverbundene Bodenhaftung des Herborners war stärker.

Dream-Team im Herborner Rathaus

Den Ferienpass, mittlerweile in nahezu allen Städten und Gemeinden des Landes Standard, hat dieser Mann übrigens auch erfunden. Wie überhaupt vieles, was er anpackte und/oder erdachte, Nachahmer fand. „Ihm sei es egal, wer unter ihm Bürgermeister sei“, soll er einmal gesagt haben. Aber dieses Zitat ist nicht verifiziert. Tatsache ist, dass der agile Amtsleiter gemeinsam mit seinem Chef und Freund, Bürgermeister Bernd Sonhoff, ein nachgerade kongeniales Gespann bildete. Ein auf Erfolg abonniertes Dream-Team, das auf gleicher Wellenlänge tickte und funkte. Das Stadtoberhaupt ließ seinem Kulturamtsleiter freie Hand, und der nutzte das im Interesse Herborns, seiner Bewohner, seiner Vereine und der Geschäftswelt. In die von beiden gemeinsam gestaltete und geprägte Zeit fielen nicht von ungefähr die außergewöhnlichsten und spannendsten (Groß-)Ereignisse in der jüngeren Geschichte der Bärenstadt. Und dass die Stadtteile, ihre Vereine und Bewohner nach der Gebietsreform relativ schnell zusammenwuchsen und sich das oft bemühte Wir-Gefühl hier tatsächlich entwickelte, war auch Freimüllers unermüdlichem Wirken geschuldet.

Der, mit dem man Pferde stehlen konnte

Viele Anekdoten, ja auch Legenden, ranken sich um ihn. Der mit viel Humor, Lebensfreude und (nennen wir es )„Spielwitz“ ausgestattete Macher mit den graumelierten Haaren und der für ihn so charakteristischen Pilotensonnenbrille war ein hemdsärmeliger, extrovertierter Typ, einer, der auch mal über sich selbst lachen konnte, mit dem man sofort warm wurde und den man auf Anhieb mochte. Der andererseits aber auch seriös war, auf dessen Wort man bauen konnte, mit dem man aber auch Pferde stehlen konnte. So empfanden es eigentlich alle, die mit ihm zu tun hatten. Eins war er nicht: ein Selbstdarsteller. Die Sache stand für ihn immer im Vorder-, während er sich selbst dezent im Hintergrund hielt und es anderen überließ, sich im Scheinwerferlicht zu sonnen. Und war das aktuelle, profane Tagesgeschäft noch so mühsam, im Kopf gab’s stets noch Platz für neue Pläne, und mochten sie zunächst auch noch so verrückt erscheinen.

Immer mehrere Eisen im Feuer

Während die eine Sache noch ihrer Umsetzung harrte, parallel dazu eine zweite Gestalt annahm, hatte Freimüller immer schon ein weiteres Eisen im Feuer. Mindestens eins. Meist waren es aber mehrere. Die entsprechenden Ideen schienen ihm nie auszugehen. Und Angst vor großen Tieren oder etwa davor, sich mit einem ein paar Nummern zu groß dimensionierten Projekt verheben zu können, hatte er nie. Warum auch? Geht nicht, gab’s nicht. Und der Tag hatte eigentlich viel zu wenig Stunden. Nicht selten endete seine Schicht erst spät in der Nacht. Geschick, Gespür und ein Höchstmaß an Professionalität waren da die Pfunde, mit denen er wuchern konnte. Der Tausendsassa galt als unermüdlicher, nachgerade genialer Planer, Organisator und Strippenzieher, der sich selbst aber eher zurück nahm. Ihm ging es nicht um das eigene Ego, sondern um die Sache, um das Ergebnis. Und letzteres konnte sich immer sehen lassen. Aber hallo!
Zu einer Zeit, als Langeweile und Tristesse das (gar nicht mal so) platte Land dominierten und viele neidisch auf die Metropolen blickten, erhellte er, ganz Pyrotechniker, den dunklen, verhangenen Provinzhimmelmit einem farbenprächtigen, glitzernden Dauerfeuerwerk. Und da war so manche Rakete mit Mehrfachzünder darunter. In Herborn spielte die Musik, und zwar lauter und stilistisch facettenreicher als anderswo. Hier war immer irgendwo Show und Action und Remmidemmi.
Dass der Bursche, der, was die Wenigsten wussten, mit zweitem Vornamen Werner hieß, auch nur eine einzige Aktion vergeigt hätte, weil er sie vielleicht in ihrer Breitenwirkung über- bzw. deren Risiko unterschätzte, der Beweis dafür wäre noch zu erbringen. Sein im Vorfeld einer großen Fernseh-Veranstaltung optimistisch und hoffnungsvoll formuliertes „Mir freue sich!“ sollte zum geflügelten Wort werden. Daraus wurde nun leider ein „Mir sind traurig!“
Und der Spitzname „Freibiermüller“ gründete nicht darauf, dass er auf Gratisbier aus war, sondern rührte daher, stets darauf bedacht gewesen zu sein, dass es den vielen Helfern und Unterstützern seiner mannigfaltigen Operationen an nichts fehlte, schon gar nicht an Essen und Trinken.

Stiller Abschied ins Private

Als der Mann anno 2004 nach 27 Jahren PR-Einsatz für Herborn still und leise aus dem Amt schied, konnte er eine Bilanz vorweisen, an die seine Kollegen in vergleichbaren Positionen andernorts auch nicht nur annähernd heranreichten, und die diese Tatsache wohl auch neidlos anerkannten. Sie waren sich schon zu seinen aktiven Zeiten nie zu schade gewesen, ihn um Rat anzugehen. Und plötzlich hatte der „Horscht“ Zeit, viel Zeit, die er in die Pflege seines großen Gartens investierte, aber vor allem auch zu gemeinsamen Unternehmungen mit seiner Frau Wera nutzte. Die hatte in all den Jahren zuvor oft genug abends vergeblich auf ihren Mann warten müssen, wenn der gerade mal wieder irgendwo an der Umsetzung einer neuen großen, dicken Sache bastelte und darüber die Uhr vergessen hatte. Oft sah man beide in den letzten Jahren beim Spazierengehen rund um den Wiesensee.

Kein Weg zurück

Den Weg zurück ins Rathaus hatte Freimüller aber nach seiner Pensionierung hingegen nie, oder fast nie (mehr) gefunden. Er wollte sich nicht aufdrängen, nicht nerven, nicht hineinreden. Die Kollegen und Nachfolger sollten ihr eigenes Ding machen. Und die wünschen sich heute, der “Horscht“ wäre doch lieber öfter mal vorbeigekommen. Als man ihn bat, seine einschlägigen Erfahrungen in die aktuellen Hessentags-Planungen einzubringen, war er, vor Ideen sprühend, sofort dabei. Schließlich hatte er bis dato dahingehend noch nie jemand hängen gelassen. Und wenn dieser Veranstaltung im nächsten Jahr flutscht und ein Erfolg für Herborn wird, wäre das natürlich ganz in seinem Sinne. Seine Erben, Nachfolger und Weggenossen werden alles dafür tun, dass dem so sein wird. Das sind sie diesem großartigen Kerl einfach schuldig. In Memoriam!
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.