Verkaufspsychologische Raffinessen, Quengelware, Kippen und strullernde Hunde: Wo ist die versteckte Kamera?

Pure, Platz sparende Effizienz und der Versuch, die Bedürfnisse von Alt und Jung in ästhetischer Vollkommenheit auf engstem Raum zu befriedigen. Um an diese „Quengelware“ zu gelangen, muss selbst ein Kleinkind robben. (Foto: Peter Baier)
Das war keine Absicht. Das war Zu-, oder ein Unfall. Da bin ich mir ziemlich sicher: Die Statik hat nicht gestimmt, das Fundament hat nachgegeben. Der dicke, gewichtige Zigarettenautomat in seiner erdrückenden Dominanz hat den kleinen Untermieter ungespitzt in den Boden gerammt. Und in der finalen Summe kumuliert diese Installation in eine ziemlich plumpe, oder doch zumindest dilettantische Produktpräsentation. Das hat mit moderner Verkaufspsychologie, die sich ja oftmals noch viel perfider und ausgeklügelter manifestiert, nix zu tun. Andererseits ist es aber pure, Platz sparende Effizienz, der Versuch, die Bedürfnisse von Alt und Jung in ästhetischer Vollkommenheit auf engstem Raum zu befriedigen. Gesichtet und belichtet von Peter Baier in Gießen. Wo genau, wird nicht verraten. Oder doch: In der Schulstraße unweit der neuen Post. Diese prächtige Konsumprachtstraße ist in etwa vergleichbar mit der KÖ in Düsseldorf, der aufpeppten Frankurter Zeil oder dem Kudamm in "Balin".
Das hat was! Nun kennt man Ähnliches ja aus den Supermärkten. Da werden Süßigkeiten und andere Leckerlies im Kassenbereich auch gerne in Augenhöhe von Kindern positioniert. "Quengelware" nennt man so etwas. Die Kleinen nerven in der Schlange der Wartenden, Mami wird schwach und gibt dem Begehren nach. Das System ist genial - für's Geschäft. Einkaufsmärkte erwirtschaften bis zu fünf Prozent ihres Umsatzes in der Kassenzone, auf nur 1,5 Prozent der Ladenfläche.
Aber bei ihnen ist die Auslage meist auch konzeptionell durchdachter, freundlicher, sauberer und somit hygienischer als im Falles des inkriminierten Gießener Beispiels. Hier liegt der Fall jedoch anders, folgt offenbar anderen, kryptischen Gesetzmäßigkeiten und Zwängen des Marktes. Irgendwie hat sich der Automatenaufsteller hier auch bei der "Regalhöhe" vertan. Selbst Kleinstkinder kommen nicht umhin, einen ganz tiefen Bückling zu machen, um an die Warenausgabe zu gelangen. Was wiederum für vorbei flanierende krummbeinige Rauhaardackel oder andere Straßenköter der wuffenden Bonsai-Fraktion kein Problem ist. Einmal das Beinchen kurz gehoben, und der Strahl sitzt auf dem Punkt. Lecker! Da braucht man/kind sich nicht zu wundern, wenn das Bubble-Gum vielleicht etwas intensiv schmeckt, nach Cevapcici oder Ziege von unten. Gut, eine mittelprächtig gewachsene Deutsche Dogge könnte andererseits auch mühelos in den Warenschacht des darüber platzierten Glimmstengelspenders strullern….
Das weitere Szenario: Mami oder Papi haben, dem Wunsch des/der Kleinen folgend, eine Münze in den gierigen Schlitz dieses niederflurigen Konsumhydranten gesteckt und am Rad gedreht. Das Erfolgserlebnis, die Entnahme der Belohnung, bleibt dem Sprössling bzw. der Sprössline überlassen, der/die sich beim Wiederaufrichten prompt den Schwelles an vorstehenden Unterkante des darüber angebrachten Nikotinspenders stößt. Oh, Shit! Das Schmerzgeschrei verstummt erst, nachdem Vati/Muti noch mal nachgefasst und dem plärrenden Balg das Aua versüßt haben. Schließlich beherbergt der Automat noch drei weitere Warenschächte mit allerlei nützlichem Krimskrams. So was braucht man zwingend zum Überleben in der Lahnstadt. Und bei der Gelegenheit könne man sich ja auch gleich noch eine Schachtel Reval ziehen und in der nahegelegenen Kneipe ein Bierchen und eine Limo auf diese erfolgreiche Shoppingtour bechern. Der Automatenbestücker bezieht vom Wirt natürlich Provision - und umgekehrt. Die stecken alle unter einer Decke. So betrachtet, scheint das Konzept hier so uninspiriert doch nicht zu sein. Oder Guido Cantz lauert irgendwo in der Nähe mit der versteckten Kamera…
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1 Kommentar
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Johanna M. aus Stemwede | 22.11.2014 | 00:22  
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