Lokaljournalismus als verzweifeltes Pfeifen im dunklen Blätterwald: Ideenlos, gleichgeschaltet und völlig uninspiriert

Von Vielfalt kann keine Rede sein: Zumindest die sechs im nördlichen Dillkreis erscheinenden Zeitungstitel unterscheiden sich nur vom Namen her. Inhaltlich sind sie völlig gleichgeschaltet und identisch. (Foto: Verena_N/pixelio.de)
 
Bei Oma brennt noch Licht – noch: das Pressehaus in Dillenburg. Einst Stammsitz der 175 Jahre alten Dill-Zeitung, die es als solche de facto heute nicht mehr gibt. Sie ist auf- und untergegangen in einer fragwürdigen Melange mit den Blättern der Zeitungsgruppe Lahn-Dill.
 
Headlines, die vom Hocker reißen und zu Herzen gehen: Eine kleine, keineswegs vollständige Zusammenstellung aus einer Woche. Ob sich junge Leute mit solchen Inhalten als Abonnenten gewinnen lassen? Eher nicht.
 
Quo vadis: Gute Frage - nächste Frage. (Foto: Jetti Kuhlemann/pixelio.de/Geralt/pixabay)
 
Die Leserschaft der Tageszeitungen ist überaltert. Es sind in ihrer Mehrheit Senioren, die „ihren“ Heimatblättern die Treue halten – aus Tradition und Gewohnheit, nicht aus Überzeugung. (Foto: htraue/pixabay)
Der Niedergang des aus der Zeit gefallenen Mediums Lokalzeitung (siehe auch http://www.myheimat.de/eschenburg/gedanken/die-lok...) lässt sich exemplarisch am Beispiel des nördlichen Lahn-Dill-Kreises festmachen. Dort gab es einmal, lang lang ist’s her, zwei heftig miteinander bzw. gegeneinander konkurrierende Zeitungstitel bzw. Redaktionen. Die (der) Dill-Zeitung und die (der) Dill-Post. Letztere ein Kind von Wetzlar-Druck, heute Zeitungsgruppe Lahn-Dill/Mittelhessen-Presse, deren inhaltlich absolut identische Schwestern sich unter den Namen Herborner Tageblatt und Haigerer Zeitung zu etablieren suchten. Ein Trick und eine Form von Augenwischerei, der lokale Nähe, örtliche Einbindung und Basis-Kompetenz suggerieren sollte. Das hatte dem freundlichen Mitbewerber aus dem inzwischen 175 Jahre alten Dillenburger Verlagshaus so gefallen, dass er das Modell kopierte, was dann den Mogelpackungen Herborner Echo und Haigerer Kurier auf die Welt verhalf. Mittlerweile sind alle sechs Titel gleichgeschaltet. Von Zeitungsvielfalt kann keine Rede sein. Eine Bestandsaufnahme und Analyse.
Die schon relativ früh, Anfang der 80-er Jahre des vergangen Jahrhunderts, vereinbarte Zusammenarbeit zwischen den beiden Verlagen, dem Goliath aus Wetzlar und dem David aus Dillenburg, resultierte aus der Angst, ein Drittanbieter könnte im gemeinsamen Verbreitungsgebiet Fuß fassen und mit einer Sonntags-Zeitung punkten wollen. Ergebnis war genau eine solche, im wöchentlichen Wechsel von den beiden (damals noch getrennt operierenden) Redaktionen gefüllt und bestückt. Sie zählt im Ergebnis bis heute zu den publizistischen Dingen, die niemand wirklich braucht. Auch die „aktuelle“ Sonntags-Ausgabe vom 14. Dezember bietet im vierseitigen Lokalteil wieder spannenden Lesestoff: u.a. ein dreispaltiges „Schmuckbild“, das obligatorische „Wort zum Sonntag“, drei 90-jährige Geburtstagsjubilare und zwei große, über fünf bzw. sechs Spalten breitgetretene Weihnachtskonzerte. Die Straßenumfrage zum Thema „Deutsch sprechen zu Hause“ und eine investigative Geschichte über lebensgroße Krippenfiguren vor dem Haus nicht zu vergessen. Das war’s aber auch schon. Von dieser Informationsfülle wird der Leser ja förmlich erschlagen….
Dieses gemeinsame Wochenend-Projekt führte dazu, dass die Zeitungsausgaben beider am Sonntag und am Montag, von den nach wie vor unterschiedlichen Titeln mal abgesehen, inhaltlich absolut identisch ausfielen und es noch tun. Was sich dann meist auch noch in den Dienstags- und Mittwochsausgaben fortsetzte, in denen von den jeweils anderen bearbeitete Überhang-Berichte erschienen. In den Donnerstags-, Freitags- und (mit Abstrichen) Samstags-Ausgaben pflegte man dann noch vordergründig das alte, überlieferte Feindbild, um dann wieder in den Kooperations-Modus zu schalten. Die Verwirrung unter den Konsumenten war komplett. So richtig durch, mit wem genau sie es da denn jetzt wann zu tun hatten, blickte da bald niemand mehr.
Die wesentlich kleinere, aber nur unzureichend strukturierte Dill-Zeitung war ab den 80-er Jahren immer das innovativere, experimentierfreudigere und kreativere Medium, das sich wenig um starre, überlieferte Darstellungsformen scherte, meist aktueller und umfassender daher kam und auch, was Layout und Optik anbelangte, allen diesbezüglichen Lehrbüchern Hohn sprechend schon mal eine Eins gerade sein ließ. Genutzt hat es ob der schon damals zementierten Auflagen-Relation ja nichts. Die Macher konnten sich noch so ambitioniert und engagiert abstrampeln, es bekam ja außer der eigenen Klientel, der es zudem überwiegend an Vergleichsmöglichkeiten fehlte, niemand mit. Und so nahm der Niedergang, bedingt auch durch fatales Missmanagement nicht sonderlich fähiger Nachfolger in Verlags- und Redaktionsspitze, seinen Lauf. An einer offensiven Vertriebsstrategie hatte es in diesem ehrwürdigen Hause schon immer gefehlt. Und nach dem frühen Tod des damaligen Chefredakteurs, der das Tor ins digitale Zeitalter weit aufgestoßen hatte, nahm der Niedergang noch einmal gewaltig an Fahrt auf.

Es geht unaufhaltsam bergab

Die aktuelle IVV-Zahlen (IVV = Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern) sind selbstredend. Die Dill-Zeitung (nebst identischen Herborner und Haigerer Stadtausgaben) ist auf eine verkaufte Auflage von gerade mal 6.719 Exemplaren geschrumpft, was gegenüber den 70-er Jahren einer Halbierung gleichkommt. Dill-Post, Herborner Tageblatt und Haigerer Zeitung bringen es heute noch auf fast doppelt so viel: 12.602. Tendenz aber auf beiden Seiten weiter fallend. Der Leserstamm ist überaltert, und es wird immer schwerer, jüngere Leute für ein Abonnement zu gewinnen. Die sehen, nicht nur im „Land der Könige“, keine wesentlichen Vorteile im Bezug einer täglichen Lokalzeitung, deren Inhalte ihre wahren Interessen und Präferenzen kaum wider spiegelt. Und die älteren Bezieher halten, Macht der Gewohnheit, überwiegend nur aus Tradition an ihrem Blättchen fest, nicht aus Überzeugung.
Mit großem Werbe- und Platzaufwand inszenierte Aktionen wie „Schüler lesen Zeitung“, die in diesem Jahr mit dem Modernität suggerierenden Slogan „Klasse! garniert war, helfen da auch nicht weiter. Jeweils vier Wochen lang wurden ausgewählte Schulklassen der Jahrgangsstufen 8 und 9 täglich gratis mit dem Produkt beliefert, lasen es im Unterricht und diskutierten darüber. Für den federführenden Verlag war und ist das eine einzige große und verkappte Werbe- und Promotionkampagne, für die Jugendlichen eine willkommene Stundenplan-Abwechslung. Es darf aber bezweifelt werden, dass dies in späteren Jahren ihre Entscheidung, Zeitungsbezieher zu werden, positiv im Sinne der Verleger/des Verlegers beeinflusst. Der Zug ist eigentlich schon heute längst abgefahren. Und solche durchsichtigen Selbstbeweihräucherungs-Feldzüge wie der aktuell auf die 2014er Aktion aufbauende Fotowettbewerb „Zeitungen machen Leute“ der Mittelhessen-Presse dienen, wie nur allzu ersichtlich, auch nur der Selbstdarstellung. Da wurden Jugendliche angehalten, sich mit Zeitungsseiten zu kleiden. Die WNZ und Schwestertitel feierten sie und sich mit entsprechend großformatigen Fotos.
Mittlerweile sind auch alle sechs Zeitungstitel im Nordkreis gleichgeschaltet und werden von einer einzigen, personell verschmolzenen Redaktion bedient. Es gibt, vom Namen abgesehen, keine Unterschiede mehr, solche inhaltlicher Natur schon gar nicht. Das hat fatale Auswirkungen. Die Konkurrenzsituation von damals hatte beide Seiten immerhin dazu angehalten, es der anderen durch saftige, gute Geschichten und ein Höchstmaß an Aktualität zeigen zu wollen, um sich wohltuend von dieser abzuheben. Längst vorbei. Schnee von gestern. Heute ist das völlig egal. Der Leser hat ja keinen Vergleich mehr, muss damit Vorlieb nehmen, was ihm vorgesetzt wird. Motto: Komm‘ ich heut‘ nicht, komm‘ ich morgen.
Unter solchen Rahmenbedingungen haben es sich die Kollegen der WNZ inklusive ihrer Schwesterausgaben schon vor Jahrzehnten bequem gemacht – und agieren entsprechend. Das Fehlen jedweder Konkurrenz bewirkte hier, dass die entsprechenden Ausgaben journalistisch und inhaltlich noch viel schwächer, trister und phantasieloser ausfielen, als es jene im Norden waren. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Das dem zu Grunde liegende Denken hat sich in den Köpfen der Redakteure eingebrannt. In Sonntagsreden ist zwar gerne und oft von dem Bemühen um Nähe zum Leser die Rede, den man respektiere und dem man auf Augenhöhe begegnen wolle. Mit dem man in Dialog treten möchte, an dessen Meinung man interessiert sei. Aber das sind alles hohle Sprüche.

Hämmorrhoiden, Inkontinenz, Unkrautvertilgung

Und auch der Leseranwalt, der, wie der kämpfende WDR-Könnes, vorgeblich alles daran setzt, dem kleinen Mann mit viel Einsatz und Fachkompetenz zu seinem Recht zu verhelfen, hat nur Deckmäntelchen-Funktion. Das gilt mit Abstrichen auch für die mit immensem Aufwand propagierten Telefonaktionen, bei denen der Leser ausgewiesene Koryphäen an den heißen Draht bekommt, die er dann, so er bis zu den selbstlosen Experten durchdringt, über Hämmorrhoiden, Inkontinenz, Unkrautvertilgung oder Akne im Urlaub befragen kann. Ob die Antworten immer nutzwertig sind, sei dahin gestellt. Sie dienen aber vor allem jenen, die sie geben. Das ist unbezahlbare Eigenwerbung.
Reden wir nicht über die inhaltsschweren, Pulitzer-Preis-verdächtigen täglichen Kolumnen wie „Moment mal“ oder die wöchentlichen Ergüsse einer sich der profanen Lebenshilfe verpflichtet fühlenden Schreiberin, die uns teilhaben lässt an den Schicksalsschlägen ihrer Freundin und uns nebenbei darüber aufklärt, wie man/frau trotz gegensätzlicher Charaktere und Temperamente in Harmonie miteinander auskommen kann. Auch auf die Information, dass sich der aufstrebende Jungjournalist beim letzten Kaffeekränzchen am Tisch der Oma den Bauch mit amerikanischen Brownies vollgeschlagen hat, kann man eigentlich verzichten.
Dass Zu- und Einsendungen Externer, so sie denn überhaupt einer Veröffentlichung für würdig befunden werden, bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden, daran hat man sich gewöhnt. Das ist systemimmanent und kein WNZ-Alleinstellungsmerkmal. Schließlich muss der den Vorgang bearbeitende Redakteur ja unter Beweis stellen, warum er eben als solcher in diesem Haus beschäftigt ist. Dass dabei oftmals Murks fabriziert wird und in der „professionell-redaktionell-geschönten“ Version weder Fakten noch Namen stimmen, ist leider alltäglich. Bleibt aber ohne Konsequenzen. Da kann es schon mal, wie geschehen, passieren, dass ein Redakteur-Genius in einen Konzertbericht folgende Passage hineinredigiert: „Als (…) von Respekt gegenüber den Künstlern zeugend wurde es empfunden, dass während des Auftritts des Trios Zuhörer den Saal verließen, denen das Dargebotene offenbar nicht gefiel“. Gut, jeder hat mal einen schlechten Tag…. Gilt deshalb auch für die Energiesparbirnen unter den intellektuellen Redaktions-Leuchtern…

Schwarzbraune Haselnüsse und zu viele Brownies

Ja, und natürlich lassen WNZ und Co. „unsere Leser“ mitreden, so lange es in den Kram und ins eigene Weltbild passt und nicht am eigenen Image der Vollkommenheit kratzt. Entsprechende Leserzuschriften kann man ja inzwischen auch ganz bequem auf der Internet-Präsenz von mittelhessen.de verfassen und abschicken. Aber egal, ob nun auf diesem Wege, per email an die Redaktion oder per Post, das Drama nimmt seinen Lauf. Der Weg bis zur Veröffentlichung kann ein mühseliger und langer sein. Ich habe schon erlebt, dass eine entsprechende Zusendung dreimal zurückgegangen ist, weil deren Umfang nicht den Vorgaben entsprochen hätte. Zuletzt ging es um 21 Anschläge (ohne Wortzwischenräume), die über dem gesetzten Limit gelegen hätten. Aber Schwamm drüber.
Reden wir da mal von Zeitnähe. Am 5. November 2014 hatte die Katzenfurter Musical-Gruppe „K2“ mit ihrer neuen Produktion „Heart Rock Dinner“ in der Ehringshausener Volkshalle Premiere gefeiert. Der (bescheidene) WNZ-Bericht darüber erschien am 8. November – und strotzte vor inhaltlichen und faktischen Fehlern. Die Namen der Akteure stimmten nicht, was für die jungen Leute, die unzählige Stunden ihrer Freizeit in dieses Projekt gesteckt hatten, ja besonders ärgerlich ist. Davon abgesehen verhalf der Rezensent bei der Auflistung der Songtitel sogar noch einer völlig neue Band auf die Welt: den „Strayhearts“. Von denen stamme der Song „Green Day“. Mit Verlaub: Das ist in etwa so, als würde man den Gassenhauer „Heino“ einer Band namens „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ zuschreiben.
Ein diese Patzer thematisierender Leserbrief ging der WNZ-Redaktion am 16. November zu. Er ist, obwohl, wie (viermalige) Rückfragen ergaben, vom Chefredakteur großzügig genehmigt, bis heute nicht erschienen. Angeblich kein Platz. Und wenn er denn mal in ferner Zukunft veröffentlicht werden sollte, kann sich kein Mensch mehr an das Ereignis, auf das er sich bezieht, erinnern. Hätte man stattdessen die geschliffene Wortwahl und inhaltliche Brillanz des Berichtes gelobt, die Zuschrift wäre schon längst im „Blättchen“ gewesen. So ticken sie halt nun mal, die Damen und Herren in der Wetzlarer Elsa-Brandström-Straße. Wird ihnen mittelfristig aber auch nicht helfen… Nicht, dass dieses Beispiel den Lauf der Dinge und den der Welt beeinflussen würde bzw. sollte, aber es wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Denke, in der Leute, die mit dem Anspruch antreten, uns durch das tägliche Ereignis-Geschehen lotsen zu wollen, behaftet sind.

Vielfalt und Qualität blieben auf der Strecke

Aber mal 36 Kilometer auf der Autobahn in nordwestlicher Richtung zurück: Im Oktober 1989 hatte dort in Dillenburg die damals schon in Agonie schwelgende Dill-Zeitung ihr 150-jähriges Bestehen begehen können. Insofern wäre ja 2014 das 175-jährige Jubiläum fällig gewesen. Doch es fällt aus und verschämt unter den Tisch. Es gibt ja nix (mehr) zu feiern. Auch weil die Dill-Zeitung als solche de facto gar nicht mehr existiert. Hans-Wolfgang Pfeifer, der seinerzeitige Vorsitzende des Verbandes Hessischer Zeitungsverleger, hatte während des feierlichen Festaktes vor 25 Jahren in der Dillenburger Stadthalle reklamiert: „Die Qualität eines Gemeinwesens wird ganz wesentlich von den Zeitungen und von der Zeitungsvielfalt beeinflusst“. Wenn dem wirklich so sein sollte, sieht es ja inzwischen ziemlich mau bei uns aus. Von Vielfalt kann keine Rede mehr sein, von Qualität eigentlich auch nicht. Zumindest, wenn es um das (täglich) gedruckte Wort geht.
Pfeifer, der Erfinder des Pfeifens im dunklen Wald, sah damals in völliger Verkennung der Realität den Anfang einer noch lange währenden Zeitungsgeschichte voraus. Diese Prophezeiung entspricht, wie die weitere Entwicklung gezeigt hat, in ihrer Relevanz der Stichhaltigkeit der täglichen Wetterprognose. Und für die Aussage, beim 250. Jubiläum würden nachfolgende Generationen den heute Verantwortlichen und Machern dafür danken, ihre Zeitung immer besser und für sie unentbehrlich gemacht zu haben, würde er heute sicherlich den Deutschen Kabarettpreis bekommen.
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