Groteske Geschlechterdebatte: Wo die Witzboldin das Ampelfrauchen knutscht, wirft man(n) sich hinter die Zügin

Die aktuelle Diskussion um geschlechtergerechte Begriffe nimmt immer groteskere Züge an.
 
Grünes Licht fürs Ampelfrauchen. In zahleichen deutschen Städten hat es die Männchen schon verdrängt. Die sehen Rot. (Foto: Manfred Schimmel/pixelio.de)
 
Gender-korrekte PC-Tastatur. (Foto: Christine Jung)
Der Zug oder die Zügin? Der Cognac oder die Cognäcin? Die Debatte ist so überflüssig wie ein Kropf. Und doch schwelt und brodelt sie seit Jahren an der Oberfläche und gewinnt neuerdings wieder mächtig an Fahrt. Das „Generische (geschlechterübergreifende) Maskulinum“, das sprachliche Unterdrückungsinstrument einer Macho-dominierten Welt schlechthin, steht mal wieder zur Disposition und auf dem Prüfstand. Also all jene „vermännlichten“ Nomen oder Pronomen, die sich auf Personen Gruppen und Dinge mit unbekanntem Geschlecht beziehen, bei dem selbiges der Personen nicht relevant ist oder mit dem sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sein sollen/können. Das ist beim Lehrkörper der Fall, ebenso beim Mieterbund oder dem Kundenstamm. Da denkt man(n) sich doch zunächst einmal nichts (Schlechtes) bei. Nur jemand, der/die sich möglicherweise zu lange in der radikal-feministischen Stratosphäre aufgehalten hat, in der der Sauerstoffgehalt nachweislich gering ist, kann Anstoß daran nehmen. Reden wir erst gar nicht davon, dass es auch das zahlenmäßig unterlegene „Generische Femininum“ gibt: die Geisel, die Person, die Leute. Hat sich da jemals ein Kerl dran gestört?
Die ganze Aufregung ist nicht neu. Aufgepoppt ist das Ganze bereits vor vielen Jahren, als die Emanzipations- und Gleichstellungsdebatte noch ein zartes Diskurs-Pflänzchen war. Damit einher ging das In-Frage-Stellen traditioneller und überholter Geschlechterrollen, die (berechtigte) Forderung nach Chancengleichheit und in späterer Folge die nach Einführung von Frauen-Quoten. Das sind alles Punkte, deren legitime Notwendigkeiten durchaus begründet sind oder begründet werden können, bei denen Wunsch und Wirklichkeit aber nach wie vor erheblich auseinander klaffen. Zementierte gesellschaftliche und soziale Strukturen in einer traditionell patriarchalisch geprägten Gesellschaft wie der unseren aufzubrechen und zu verändern, ist ein langwieriger und mühsamer Prozess. Dass dieser aber durch grammatikalische und sprachliche Regulierungen beflügelt werden kann, darf zumindest bezweifelt werden. Aber genau darum geht es momentan. Jetzt soll mit Macht an Begriffen, Redewendungen und Formulierungen gedreht werden, durch die Frauen angeblich benachteiligt oder zurückgesetzt werden. Und das ist eine Abart des Feminismus, der weder der Sprache selbst, geschweige denn der Sache etwas bringt.

Die Alte Fritzin würde sich im Grab herumdrehen

Ein neues Kapitel in dieser mehr unsäglichen, denn fruchtbaren Gender-Diskussion haben jetzt, dem Beispiel ihrer Brüder und Schwestern in Leipzig folgend, die Mitglieder und Mitgliederinnen mit und ohne Glied des Potsdamer Universitäts-Senats aufgeschlagen. Dort gibt es künftig gemäß neuer Berufungsordnung nur noch „die Professorin“ als Sammelbegriff für Lehrende aus beiden geschlechtlichen Lagern. Damit ist dann also auch „Er“ gemeint, der „Herr Professorin“. Hallo??? Gleiches gilt dann natürlich auch für „den Studentin“. Uff! Das Zeug, das die rauchen, muss ziemlich stark sein. Aber in der früheren Residenzstadt der Alten Fritzin gibt es ja inzwischen auch das „Ampelfrauchen“, das das „Ampelmännchen“ sukzessive verdrängt. Auch in Kassel, Bremen, Sonthofen, Köln und anderen Städtern regelte die Dame den Verkehr. In Teltow nicht. Dort lehnte die SPD-Vorsitzende einen entsprechenden Antrag ab. Begründung: Eine Frau mit langen Zöpfen und wehendem Rock, wie sie auf der Signalanzeige leuchtet, vermittele kein zeitgemäßes Frauenbild. Tataaa!
Bislang waren auf dem Potsdamer Campus und flächendeckend im Rest der Republik geschlechtergerechte Begriffe wie „der Professor“/“die Professorin“ üblich und gebräuchlich. An dieses System, das recht unterschiedliche Schreibweisen hervorbrachte, haben wir uns auch in anderen Lebensbereichen und Anreden (fast) gewöhnt und die Kollegen/Kolleginnen, Schüler/Schülerinnen, Bürger/Bürgerinnen sowie Kunden und Kundinnen verinnerlicht und akzeptiert. Es darf durchaus auch die „Binnen-Versalie („BürgerInnen) sein, doch selbst daran nehmen die radikalen Buchstaben-Talibaninnen inzwischen Anstoß – weil sie in dem Langgestreckten „I“ ein Phallussymbol zu sehen glauben. (Wer hat denn jetzt hier eine schmutzige Phantasie?)
Fakt ist: Die Sprache bildet gesellschaftliche Verhältnisse ab. Ergo schlägt sich in ihrem Gebrauch auch die vielfach beklagte (historische) Dominanz des männlichen Geschlechts nieder – in besagten generischen Maskulina. Die darin enthaltenen Begriffe sind im Sprachgebrauch fest verankert – quasi in die Steinin gemeiselt.

Wo der Bläser zum/zur Blasenden wird

Wenn sich beispielsweise Gleichstellungsbeauftragt-innen mit dieser Thematik auseinander setzen, führt das mitunter zu kuriosen, unfreiwillig komischen und in der Konsequenz grotesken Resultaten. Da gibt es in einem ganz dem Gedanken der Gender’schen Correctness verpflichteten Duktus Formulierungshilfen, angesichts derer man wild entschlossen ist, seinem eigenen Logopäden die Vertrauensfrage zu stellen. Da laufen dann die emanzipierten LinguistikerInnen zu Höchstform auf. Statt „Der Verfasser des Werkes ist unbekannt“ möge man/frau sich doch bitteschön für „Es ist nicht bekannt, wer das Werk verfasst hat“ entscheiden, empfehlen sie. „Jeder macht mal einen Fehler“ ist auch nicht sauber. Es muss heißen „Alle machen mal einen Fehler“ – oder „Jeder und jede macht mal einen Fehler!“ Ja, und dass „manch einer diese Musik mag“, ist auch nicht in Ordnung. Muss lauten: „Manche mögen diese Musik“. Und aus der „Gesundheitsvorsorge für jedermann“ wird die „Gesundheitsvorsorge für alle“. Aus dem Läufer wird der Laufende, der Bläser mutiert zur Blasenden. Die sprachlichen Putzkolonnen schrubben aber auch im Bundesjustizministerium. Im „Handbuch der Rechtsförmlichkeit“ singen die EinpeitscherInnen das hohe Lied der Geschlechtsneutralität im Dreiviertel-Takt. So soll die Formulierung „Wer sein Haus nicht abschließt“ auf den Index ge- und durch „Wer das eigene Haus nicht abschließt“ ersetzt werden.

Aus Brüdern werden Geschwister

Aber das ist längst noch nicht das Ende der „Fahnenstang-in“. In einer Neufassung der Straßenverkehrsordnung wird der Fußgänger ausgemustert. An seine Stelle treten „Zu Fuß Gehende“. Der Wagenlenker war gestern und muss „dem/der Fahrzeugführenden“ weichen. Und der Fachhochschule Kiel ist selbst der olle Schiller nicht mehr sakrosankt. Aus „Alle Menschen werden Brüder“ (Ode „An die Freude“) soll „Alle Menschen werden Geschwister“ werden. Da ist es auch nicht mehr weit bis zur „Polizei, Deine Freundin und Helferin“. Meine liebe Frau Gesangverein!
Aber man hätte es kommen sehen müssen. Bereits vor zwei Jahrzehnten haben sich solche Verwerfungen in der Sprachbibel „Übung macht die Meisterin“ abgezeichnet. Da war, kein Witz, erstmals von einer „Witzboldin“ die Rede und von Madonna als „Starin des Abends“. Und da eröffnete „Frau Doktorin Müller“ schon mal eine neue Praxis. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn sich einige WortführerInnen dieser grotesken Diskussion dort mal untersuchen ließen….
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1 Kommentar
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 30.03.2014 | 01:46  
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