Schulformen – zum Wohle des Kindes?

Alle paar Wochen wird im Gandersheimer Kreisblatt, wie zum Beispiel am 13. November 2014, über die eine oder andere Schulform berichtet, die besonders gut, modern oder gefährdet sei.
Die Schulen gehören zum Kulturbereich und sind daher uneingeschränktes Hoheitsgebiet der Länder – und darum auch deren Spielwiese. Über die Schulformen in Niedersachsen hat unser Kultusministerium eine „Grundinformation“ ins Netz gestellt. Dort finden sich in einer Tabelle neun Schulformen dargestellt. Außerdem gäbe es in Hannover und Braunschweig-Wolfsburg „Internationale Schulen“ in der Form der „integrierten Gesamtschule“. Ferner gäbe es in neunzehn Orten „Freie Waldorfschulen“. Und zum Schluss wird auf eine nicht genannte Anzahl von „Abendgymnasien“, „Kollegs“ und „Berufliche Gymnasien“ verwiesen. - Schulformen – für wen? Die Eltern? Die Lehrer? Die Schulverwaltung? Die Politiker? Die Schüler?
Bleiben wir bei den in der Tabelle genannten neun Schulformen. Lassen wir die „Förderschule“ (1. bis 10./12. Schuljahr) als eine Spezialeinrichtung weg, bleiben immer noch acht.
Von diesen acht ist die „Grundschule“ die einzige, die die Klassen 1 bis 4 anbietet. (Allerdings, die „Internationalen Schulen“ tun dies auch, in Hannover sogar mit Kindergarten ab 3.) Hier gibt es keine Alternativen, also auch keine Diskussionen – auch keine Probleme?
Betrachten wir nun diese Gruppe: „Hauptschule“, „Realschule“ „Haupt- und Realschule“ „Oberschule“. Diese Schulformen setzen mit dem fünften Schuljahrgang ein und enden mit dem zehnten (Hauptschule alternativ auch dem 9.). Als mögliche Abschlüsse wird für alle dieser vier Schulformen angegeben: „alle Abschlüsse im >Sekundarbereich IErweiterter Sekundarabschluss I< als Zugangsberechtigung für die gymnasiale Oberstufe“. Für die Tabellenmerkmale „Lehrpläne“, „Stundentafel“, „Fremdsprachen“ und „Naturwissenschaften“ wird in der Spalte der „Haupt- und Realschule“ auf Hauptschule und Realschule verwiesen; damit ist deutlich erkennbar, dass die Hauptschule und die Realschule als eigenständige Schulform Auslaufmodelle sind, Relikte, die nur vergessen wurden, umzuwandeln. Für alle Eltern, die für ihr Kind die richtige Schulform suchen – und überhaupt eine Wahl haben – die Hauptschule und die Realschule nimm jedenfalls nicht.
Mit der Oberschule beginnt ein Mittelding. Sie ist einerseits die Nachfolge und Ablösung der Hauptschule und der Realschule (einschließlich der „Haupt- und Realschule“), aber sie kann zusätzlich manchmal einen Gymnasialzweig anbieten, allerdings, der Abschluss „Hochschulreife“ ist ihr verwehrt. Ist also auch die Schulform „Haupt- und Realschule“ nur eine Zwischenlösung, die von der Oberschule abgelöst wird? Wieder die Frage: Welche Schule sollen die Eltern für ihr Kind wählen – wenn man ihnen denn die Wahl lässt? Und wie viel Schüler nimmt eine Oberschule mit Gymnasialzweig dem Gymnasium weg? Die gebildeten Schulpolitiker werden es richten, die ungebildeten Eltern müssen es schlucken – und die Kinder werden nicht gefragt.
Die letzte Gruppe ist die, um die die Auseinandersetzungen toben, sie umfasst die „Integrierte Gesamtschule“, die „Kooperative Gesamtschule“ und das „Gymnasium“. Die Schuljahrgänge sind weitgehend gleich: Die „Integrierte Gesamtschule“ vom 5. bis 10./13. Schuljahr; die „Kooperative Gesamtschule“ vom 5. bis 10./12./13. Schuljahr und das Gymnasium vom 5. bis 12. Schuljahr. Im Lehrstoffangebot wird bei der „Kooperativen Gesamtschule“ nur auf die Einträge verwiesen: „siehe Hauptschule, Realschule, Gymnasium“. Für die „Integrierte Gesamtschule“ und das Gymnasium sind die Stichwortangaben zwar leicht unterschiedlich, um allerdings die Unterschiede wirklich zu finden, muss man in die Tiefen der weiteren, dann recht umfangreichen, Veröffentlichungen einsteigen. Die Angabe zu den möglichen Abschlüssen ist wieder wortgleich: „alle Abschlüsse im Sekundarbereich I; allgemeine Hochschulreife und schulischer Teil der Fachhochschulreife“.
Für welche der Schulen werden sich die Eltern entscheiden – wenn sie denn die Wahlfreiheit haben? „Ins Gymnasium gehören nur die besten Kinder – und meine!“ habe ich irgendwo gelesen. Und was fragen die Schüler? Vermutlich: „Wie komme ich mit dem wenigsten Aufwand zum Abschluss?“ Es liegt nun mal in der Natur des Menschen, auch des Gymnasiasten, „Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt!“ Und später, an der Uni, ist es auch nicht besser. „Wissen ist Macht!“ Richtig, nur Wissen allein macht weder glücklich noch gibt es Macht (sonst würden ja nicht so viele Dumme an den Hebeln der Macht sitzen). Das Gymnasium mit seinem Abschluss „Abitur“ ist etwas Besseres – nur von den dort Lehrenden Studienräten und Oberstudienräten könnte kein einziger jetzt aus dem Stand noch einmal eine Abiturprüfung bestehen. Hingegen könnte jeder Handwerksmeister die Gesellenprüfung jederzeit mit Bravour bestehen.
Ich habe es erlebt, dass den Studenten an der Uni Übungen im Rechnen der Prozentrechnung und Dreisatz angeboten wurden und darüber sogar eine Klausur geschrieben werden musste, nur mit dem entsprechenden Prüfungsschein konnte es weiter gehen – Hochschulreife? Könnte es sein, dass an unserem Schulsystem, ausgedrückt durch seine vielen Schulformen, etwas nicht stimmt? „Du lernst fürs Leben – nicht für den Lehrer!“ - wirklich? Ich habe zwei Abiturprüfungen hinter mir und zwei Abiturzeugnisse bekommen: eins im Osten, eins im Westen, denn hier erkannte man Ostzeugnisse nicht an. Im Osten hatten wir 12 Schuljahrgänge, im Westen 13 – also ein Schuljahr nachsitzen. Da wir vier Ostler in die Westklasse gesteckt wurden (später gab es eigene Ost-Klassen), war ein direkter Kenntnisvergleich möglich. Von den Ostlern wussten alle, wie eine elektrische Klingel und der Viertaktmotor funktioniert – von den Westlern kein einziger, die aber konnten dafür die Energie des Motors berechnen. Lernen – Was? Wofür? Ich kenne Oberstudienräte, kluge Lehrer ihres Faches, nur den Auszug ihres Bankkontos können sie nicht lesen.
Das Abitur, die Bescheinigung der Hochschulreife, ist nur der Schlüssel, um durch das Tor in die Universität zu kommen. Inzwischen gibt es auch einige kleine Hintertüren. So stellt sich eben die Frage: Könnte es sein, dass etwas an unserem Schulsystem nicht stimmt? Und ketzerisch gefragt: Muss es ein Gymnasium sein? Stellen wir uns einmal vor, Pfeiffer, der mit den drei „F“ aus der Feuerzangenbowle, hängt eines nachts über den Schriftzug „Gymnasium“ sein Schild „Integrierte Gesamtschule“ - was hätte sich geändert? Ist es eine Beleidigung für einen Oberstudienrat von einem Gymnasium an eine „Integrierte Gesamtschule“ versetzt zu werden? Würde er dort guten hier aber jetzt schlechten Unterricht machen? Der Streit um das Gymnasium, worum geht es wirklich? Um Lehrinhalte oder (auch) um Ansehen: „Ich unterrichte an einem Gymnasium, ich bin (daher) nämlich was Besseres!“?
Wird im Streit um die richtige Schulform, insbesondere das Gymnasium, um das Richtige gestritten? Ist die Frage an die Eltern: „Willst du Schulform A oder Schulform B?“ überhaupt die richtige Fragestellung? Müsste die Frage nicht lauten: „Wie viel Schüler sollen in einer Klasse sein (30, 25, 20, 15, 10)?“ Wie würden die Eltern antworten? Wie die Lehrer? Und vor allem, wie die Schüler? Und eine Klasse mit 10 Schülern ist für die Extremfälle: „besonders leistungsschwach“ und „besonders leistungsstark/hochbegabt“ noch viel zu groß. Die Klassenfrequenz ist eine Zahl, die sollte sogar ein Verwaltungsmensch oder ein Politiker begreifen.
In der Schule, beim Lernen, kommt es auf den Lehrer an. Der Lehrer soll so um die 24 Wochenstunden unterrichten, zu jeder dieser Stunden gehört mindestens noch einmal die gleiche Zeit für die Vorbereitung, denn beim Unterricht geht es nicht nur um die Frage: Was soll gelehrt werden? - dieses Sachwissen sollte der Lehrer in seiner Ausbildungszeit erworben haben – es geht viel mehr um die Frage: Wie bringe ich diesen Stoff in dieser Klasse bei diesen Schülern ein? Die Vorbereitung ist also auch und im Einzelfall sogar vorwiegend eine pädagogische Frage des Wie. Und wer nun hergeht und behauptet, die Lehrer haben doch so viel Ferien, die liegen nur auf der faulen Haut, der irrt, denn in den Ferien bereitet der gute Lehrer das nächste Schuljahr vor. Von der Fortbildung hat noch keiner gesprochen, denn in den vierzig Schuljahren eines Lehrers verändert sich das Wissen und damit eben auch der Lehrstoff. Die lästige Verwaltungsarbeit kostet in jeder Woche mehrere Stunden. Und dann ist der gute Lehrer für ganz individuelle Probleme der vertrauliche Ansprechpartner. Jeder gute Lehrer ist für die Schüler ein Geschenk Gottes – wir sollten ihm beim Schenken helfen.

07.12.2014
Hermann Müller
Bentierode
Bentieröder Bruch 8
D-37574 Einbeck
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 07.12.2014 | 18:53  
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