Schreib falsch!

Die deutsche Sprache ist eine lebende Sprache: sie fuegt neue Woerter, neue Begriffe ein, und verwirft, vergisst alte. Nur durch diese staendige Erneuerung lebt die Sprache. Die deutsche Sprache ist eine gesprochene Sprache, ausgedrueckt durch Toene, Schallwellen. Die deutsche Sprache ist eine geschriebene Sprache – und besonders ueber diesen Teil wacht der „Duden“.
Der Duden schreibt: „Die Schreibung des Deutschen beruht auf einer Buchstabenschrift. Jeder Buchstabe existiert als Kleinbuchstabe und als Grossbuchstabe (Ausnahme ß).“ Danach werden die Buchstaben fein saeuberlich aufgefuehrt, erst die kleinen darunter die grossen. Insgesamt sind das von „a“ bis „z“ 26 Buchstaben, dazu kommen die drei Umlaute „ae“, „oe“, „ue“ macht bereits 29 Buchstaben, die entsprechenden grossen Buchstaben dazu macht 58 Buchstaben; folgt noch das „ß“: Die deutsche Schriftsprache kennt also 59 Buchstaben.
Seit wir alles digitalisieren, wissen wir, dass wir jede Sprache der Welt, also auch die deutsche, einschliesslich aller Bilder, Toene und Zahlen mit zwei Buchstaben, geschrieben mit den Ziffern „0“ und „1“, darstellen koennen. Wir wissen seit einiger Zeit, dass das Leben auf der Erde seine lebenswichtige Erbinformation mit vier Buchstaben darstellt. - Aber die deutsche Sprache braucht 59 Buchstaben. Ob davon wohl einige ueberfluessig sind?
Die Einrede, andere Sprachen haetten auch so ihre Krikelkrakel (franzoesisch, die skandinavischen Laender, die osteuropaeischen Laender), ja diese Einrede ist richtig. Aber erstens gibt es ja wohl auch andere, die ohne diese Hilfsbuchstaben auskommen, und zum zweiten, wenn es andernorts ueblich ist, dass die Maenner ihre Frauen pruegeln, wollen wir das doch auch nicht bei uns einfuehren. - Zurueck zu den deutschen Buchstaben.
Das „ß“.
Beginnen wir mit dem „ß“. Der Duden (Ausgabe 1996) schreibt: „Fuer das scharfe (stimmlose) [s] nach einem Vokal oder Diphthong schreibt man ß, wenn im Wortstamm kein weiterer Konsonant folgt.“ In der Erklaerung weiter: „Steht der Buchstabe ß nicht zur Verfuegung, so schreibt man ss. In der Schweiz kann man immer ss schreiben. Bei Schreibung mit Großbuchstaben schreibt man SS.“ Zu dieser Zeit hatte die Rechtschreibreform bereits ihre Spuren hinterlassen: aus dem „daß“ war bereits „dass“ geworden.
Im Duden (Ausgabe 2013) findet man auf Seite 114 unter der sinnigen ueberschrift „Textverarbeitung und E-Mails“ diese Formulierung: „In der Schweiz wird das ß generell durch ss wiedergegeben. Diese Regelung darf sonst im deutschsprachigen Satz nur angewendet werden, wenn in einer Schrift oder einem Zeichensatz das ß nicht vorhanden ist. Manuskripte ohne ß muessen deshalb den Regeln entsprechend umgesetzt werden. Stoesst fuer ß verwendetes ss innerhalb eines Wortes mit s zusammen, dann werden drei s gesetzt. Will man nur Großbuchstaben verwenden, so wird das ß durch SS wiedergegeben.“ - Der Duden in seiner Ausgabe von 2006 war noch nicht so rechthaberisch. Die ultimative Forderung, Manuskripte umzusetzen, verstoesst eindeutig gegen das Urheberrecht.
Offensichtlich merkt sogar der Duden, dass er mit seiner Forderung nach dem deutschen Buchstaben „ß“ auf Dauer auf verlorenem Posten kaempft. Also weg mit dem „ß“! Das vom Duden selbst gegebene Beispiel: „Straße“ oder „Strasse“ zeigt deutlich, dass die Lesbarkeit nicht leidet. Auch nicht die Verstaendlichkeit. - „Sie trinkt in massen, er saeuft in Massen (abgeleitet von Maß und von Masse). Die deutsche Sprache kennt viele Woerter mit unterschiedlicher Bedeutung, die gleich gesprochen und/oder gleich geschrieben werden, Beispiel: Mutter (der Schraube, des Kindes).
Kleine boesartige Bemerkung noch dazu: Im Fernschreibverkehr sei es Vorschrift gewesen, dass das „ß“ durch „sz“ zu ersetzen ist. Ich habe solche Texte noch lesen muessen – das liest sich nicht nur schlecht, es liest sich echt falsch. Wie gut, Fernschreiber sind Vergangenheit und das „ß“ hoffentlich auch bald.
Die Umlaute.
Nun zu den Umlauten „ae“, „oe“, „ue“. Mein Deutschlehrer erzaehlte gelegentlich, dass diese Umlaute entstanden seien, als man noch auf teure und darum knappe Tierhaut schrieb. Um kostbaren Platz zu sparen, wurde da ueber die Buchstaben a, o, u ein kleines „e“ geschrieben und aus diesem kleinen ueber dem Buchstaben gesetzten „e“ wurden dann als Vereinfachung die kleinen Striche oder eben Punkte ueber dem Buchstaben. Der Duden erwaehnt diese Entstehungsgeschichte auch beilaeufig. Da wir heute genug Papier und Speicherplatz haben, koennen wir also wieder zu der offenbar frueheren Schreibweise zurueckkehren und die Umlaute ersetzen durch „ae“, „oe“, „ue“ - das uns so heilige Internet fordert es ja ohnehin schon heute.
Die Lesbarkeit wird durch meine Forderungen nicht erschwert, aber wir haben unsere Schriftsprache um 7 Buchstaben („ae“, „ae“, „oe“, „oe“, „ue“, „ue“, „ß“) vereinfacht!
Die Grossbuchstaben.
Und wie ist es mit den grossen Buchstaben? In den grossen Buchstaben steckt kein zusaetzlicher Informationsgehalt, also wenn es nur um die Lesbarkeit und Textverstaendlichkeit geht, werden die grossen Buchstaben nicht gebraucht.. Der liebe Herr Duden, Namensgeber des Rechtschreibbuches, wollte auch die grossen Buchstaben zwar nicht ganz abschaffen, aber doch in der Verwendung erheblich einschraenken. „Ich schloss das schloss in der haustuer meines schlosses zweimal rum und schloss so diesen Lebensabschnitt ab.“ Vielleicht etwas ungewohnt, aber auf jeden Fall eindeutig verstaendlich.
Aber jetzt: Polizeivernehmung, es gibt drei Verdaechtige A, B, C; C wird vernommen:
„Frage: Haben Sie den Mann erschossen?
Antwort: „Ja!“
In dieser Schreibweise hat C eben den Mord gestanden, denn das „Sie“ ist als Anrede grossgeschrieben. Haette der Protokollschreiber dieses „sie“ aber klein geschrieben, dann haette C den Mord seinen beiden Mitbeschuldigten angelastet. Gross oder klein ist hier ein Unterschied von Freispruch und lebenslaenglich! - Dieses Beispiel ist uebrigens nicht von mir ausgedacht, es stammt aus einem Vernehmungsprotokoll, aufgenommen von der Polizei Hameln im Jahr 1998, durchgelesen und ausgewertet von der Staatsanwaltschaft Hannover, die Akten waren Grundlage in zwei Mordprozessen vor dem Schwurgericht des Landgerichts Hannover, mit vier Angeklagten und einem halben Dutzend Rechtsanwaelten als Verteidigern – und keinen fiel die Problematik dieser zwei Zeilen im Vernehmungsprotokoll auf!
Zum Unsinn mit der Grossschreibung empfehle ich mal im Duden unter „mal“ und „Mal“ nachzusehen – und es geht hierbei nicht um das Teufelsmal, das nach Kirchenansicht den Hexen aufgepraegt wurde – vom Teufel, damit seine Hexen leichter gefunden werden konnten!
Verdopplung der Konsonanten und Vokale.
Der Duden sagt, wenn der Vokal kurz gesprochen wird, dann wird der folgende Konsonant verdoppelt. Und dann folgen die Besonderheiten und Ausnahmen. Der Duden fuehrt deren zwei Faelle auf: „zz“ → „tz“ und „kk“ → „ck“. Der Duden nennt selbst Beispiele: „Jazz“ und nicht „Jatz“; und „Katze“ aber nicht „Kazze“. Weil den Katzen dieses Kratzen mit den Tatzen und das Protzen kleiner Spatzen sehr missfiel, platzten sie und schrien. Nun, die Duden-Beispiele ueberzeugen mich nicht; bei der Katze spreche und hoere ich deutlich ein „t“ vor dem „z“ und ob es anhoerbarer Jazz oder uebler Jatz ist, haengt vielleicht auch vom Empfinden des individuellen Hoerens (der Musik) ab. Also wohl kaum eine Frage der Orthografie (und nicht mehr Orthographie).
Ganz anders bei „kk“ zu „ck“. „hacken“, Trennung jetzt: „ha-cken“. Das „ck“ wird nicht mehr getrennt. In aelteren Duden war das anders. Da galt: „hacken“; Trennung: „hak-ken“: da musste das „ck“ aufgeloest werden und das „c“ verwandelte sich zurueck zu einem „k“. - ueberlassen wir der Zukunft auch noch ein paar Korrekturen unserer Schriftsprache.
Total verrueckt wird es bei lang gesprochenem Vokal: die Grundregel ist, der Vokal wird verdoppelt – klare Regel. Und dann wird es albern: Nicht „ii“ sondern „ie“, und irgendwo erscheint ploetzlich ein „h“, das beruehmte „Dehnungs-H“. „Die Ahnen ahnten nichts und ahmten den Kuckuck nach.“ - Oder so: Die Aanen aanten nichts und aamten den Kukkukk nach.“?
Zusammen oder getrennt.
„Wir koennen alles zusammen schreiben aber nicht alles zusammenschreiben.“ Vorsichtig bei den Vorschlaegen der automatischen Korrekturen! Die Sinnaenderung erkennt keine!
Ach Mensch, schreib doch, wie du willst. Wenn genuegend viele genuegend viel falsch schreiben, dann bewegt sich sogar der dicke Duden und aendert seine diktatorische Meinung: aus „Photograph“ wird „Fotograf“. - Na also, es geht doch.
02.05.2016
Hermann Mueller
Bentierode
Bentieroeder Bruch 8
D-37574 Einbeck
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1 Kommentar
6.811
Mike Zehrfeld aus Schwabmünchen | 02.05.2016 | 09:14  
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