Eine Weihnachtsgeschichte aus schwerer Zeit....


In der Vorweihnachtszeit, insbesondere bei so nasskaltem und ungemütlichen Wetter, welches uns momentan doch lieber in den warmen Stuben hält, werden gern Geschichten erzählt. Erinnerungen werden ausgetauscht bei einer Tasse Tee und selbstgebackenen Keksen.
Ich möchte Euch heute einmal eine Geschichte aus schwerer Zeit erzählen, in welcher Geschenke und Materielles jeglicher Art völlig unwichtig waren....

Die Geschichte ist wahr und sie heißt:

Der Gefangenenchor

Es war Weihnachten 1946, für mich war es das zweite Christfest in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Ich lag, nachdem ich meine Diphterieerkrankung überstanden hatte, im Lazarett in Atkarsk, unweit von Saratow an der Wolga.

Seit einiger Zeit hatte ich immer wieder ein bisschen Stearin organisiert, mit dem meine gelähmten Beine behandelt wurden. Daraus machten wir Kerzen.
Es gelang uns sogar, für unsere Stube einen Weihnachtsbaum zu beschaffen, eine Art Krüppelfichte, die in der Steppe wuchs. Wir hatten mit unseren russischen Bewachern und Betreuern eine Vereinbarung getroffen.
Sie sollten uns den Baum besorgen und könnten ihn dafür sofort nach Weihnachten samt Kerzen und selbst gebasteltem Christbaumschmuck mitnehmen, um ihn daheim zu ihrem Weihnachtsfest aufzustellen. Denn das ist bei den Russen erst am 6. Januar.

Der Weihnachtsbaum war am Heiligen Abend schließlich angeputzt und erstrahlte im Schein von einem Dutzend selbstgemachter Kerzen. Ein jeder auf unserer Stube hatte eine eigene Kerze auf seiner Nachtschrankkiste stehen. Dadurch war eine so heimatliche, sentimentale Stimmung, dass wir vor Rührung kaum etwas sagten.

Ich hatte dazu außerdem, anstelle von Weihnachtskeksen, "Zwiebäcke" gemacht.
Gehamsterte Weißbrotscheiben wurden mit Sonnenblumenöl und Zucker bestrichen und auf den heißen Steinen unseres offenen Kaminfeuers geröstet. Das Weihnachtsgebäck schmeckte köstlich. Für unsere Verhältnisse war es ein Hochgenuss, fast wie im Schlaraffenland.

Am Heiligen Abend gegen 18 Uhr veranstalteten wir im Lazarett eine gemeinsame Weihnachtsfeier. Rund hundert Kriegsgefangene hatten sich eingefunden. Dazu kamen etwa ein Dutzend Russen, Ärzte und Schwestern, Bewacher, Soldaten und der unvermeidliche NKWD. Wir hatten unsere selbstgemachten Kerzen aus unserer Stube mitgebracht und überall im Raum verteilt. Es war eine warme friedliche Stimmung im Kerzenschein.

Dann wurde es mucksmäuschenstill. Das "Orchester" - unsere ungarischen Mitgefangenen hatten im Eigenbau Geigen hergestellt, auf denen einige Kriegsgefangene spielten - intonierte eine weihnachtliche Weise. Ein ehemaliger Laienprediger - einen Pfarrer hatten wir nicht unter uns - verkündete die heilige Botschaft. Im tiefen Russland erzählte er uns die biblische Weihnachtsgeschichte. Aus dem Gedächtnis zitierte er viele Passagen der Weihnachtsgeschichte des Neuen Testaments, Lukas 2.

Dann sangen wir mit Begleitung unseres Orchesters "Stille Nacht, Heilige Nacht". Wir sangen so ergreifend und inbrünstig, wie ich es in meinem ganzen Leben nie wieder erlebt habe. Ein Chor sang anschließend den Choral "Heil´ge Nacht, oh gieße Du Himmelstränen in mein Herz. Hell schon erglühn die Kerzen - himmelwärts"...

Wir alle waren zu Tränen gerührt. Als dann der Chor und Orchester gemeinsam den Gefangenenchor aus der Oper "Nabucco" von Verdi intonierten, "Teure Heimat, wann sehe ich dich wieder?", gab es kein Halten mehr.
Uns liefen die Tränen herunter, wir schämten uns ihrer nicht. Viele Männer, die unzählige Male den Tod vor Augen gehabt hatten und dadurch innerlich verhärtet und versteinert waren, heulten wie kleine Kinder.

Männer, die jahrelang nicht gebetet hatten, die von Gott und der Kirche nichts wissen wollten, knieten im stummen Gebet nieder:
"Mein Gott, gib uns die Kraft, dass wir durchhalten! Lass uns noch einmal die Heimat wiedersehen!" Andere nahmen sich an den Händen und versprachen sich ewige Kameradschaft.

Jeder dachte an die Lieben daheim. Die meisten von uns wussten nicht einmal, ob überhaupt noch jemand lebte, wie es ihnen daheim in Deutschland ergangen war. Es dauerte lange, bis sich die Seelen und Gemüter beruhigt hatten und unser Orchester mit "Oh du fröhliche, oh du selige gnadenbringende Weihnachtszeit" die gemeinsame Weihnachtsfeier beendete. Auch die Russen waren vor Rührung erstarrt.

An diesem Abend kam in unserer Stube kein Gespräch mehr zustande. Zu tief waren wir innerlich aufgewühlt. Zu sehr gingen die Gedanken an die Lieben daheim und in die Erinnerung zurück. Jeder war am liebsten für sich allein, lag gedankenverloren auf dem Bett und träumte vor sich hin.
Ich habe einen solchen Heiligen Abend in meinem Leben nie wieder erlebt.

Noch heute läuft mir ein Schauer über den Rücken und steigen mir die Tränen in die Augen, wenn ich die Melodie des Gefangenenchores aus "Nabucco" höre.
Ich muss dabei immer an jene Heilige Nacht in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft denken. Sie hat sich so tief in meine Seele eingebrannt, dass ich weinen könnte, wenn ich dabei an Weihnachten 1946 in der weiten, weiten Sowjetunion denke.
(Rolf Zick)


Die wahre Geschichte ist eine von vielen aus dem Buch "Weihnachtsgeschichten aus schwerer Zeit" erzählt von Freunden und Förderern des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und muss, so glaube ich, nicht weiter von mir kommentiert werden. Sie spricht für sich.....
Seien wir dankbar, dass wir andere Weihnachten feiern können....
https://www.youtube.com/watch?v=XttF0vg0MGo

Wer sich über die Arbeit des Volksbundes informieren möchte, der schaue doch bitte auf meine Homepage: http://www.elfie-haupt.de/

Foto: Elfie Haupt
Begleittext: Elfie Haupt
Geschichte: (mit freundlicher Genehmigung des Volksbundes)
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18 Kommentare
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gisela warmann aus Gelsenkirchen | 13.12.2014 | 20:34  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 13.12.2014 | 20:49  
6.122
Barbara Steffens aus Ebsdorfergrund | 13.12.2014 | 20:50  
59.497
Elfie Haupt aus Einbeck | 13.12.2014 | 20:59  
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Eberhard Weber aus Laatzen | 13.12.2014 | 22:59  
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Helmut Seifert aus Mönchengladbach | 13.12.2014 | 23:58  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 14.12.2014 | 12:01  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 14.12.2014 | 12:16  
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Helmut Seifert aus Mönchengladbach | 14.12.2014 | 12:20  
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Gabriele F.-Senger aus Langenhagen | 14.12.2014 | 13:36  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 14.12.2014 | 13:56  
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Gabriele F.-Senger aus Langenhagen | 14.12.2014 | 14:39  
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Karl-Heinz (Kalle) Wolter aus Neustadt am Rübenberge | 14.12.2014 | 14:43  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 14.12.2014 | 14:46  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 14.12.2014 | 14:49  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 14.12.2014 | 19:05  
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Gaby Floer aus Garbsen | 15.12.2014 | 07:06  
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Elfie Haupt aus Einbeck | 15.12.2014 | 11:41  
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